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Rezension

Elisa Albert: "Was ist in dieser Nacht so anders?"

Erzählungen
dtv premium
ISBN 978-3-423-24749-8




Elisa Alberts Kurzgeschichten bevölkern skurrile Gestalten: Meist auf der Schwelle zu Hysterie oder Depression, manchmal sogar unsympathisch, immer aber strauchelnd. Es ist diese Tapsigkeit der gescheiterten Existenzen, die ihnen schlussendlich dann doch wieder ein paar Pluspunkte einbringt.

Quer durch das jüdische Festjahr und quer durch alle möglichen emotionalen Schräglagen hangeln sich die Figuren durch unwahrscheinliche Episoden, deren zugrundeliegende Alltäglichkeit einem trotzdem verblüffend vertraut erscheint. Da wäre zum Beispiel das Außenseitermädchen, das auf der Auschwitz-Exkursion um ihren Platz in der Gruppe und gleichzeitig um seine Gefühle ringt, und schließlich mit irritierendem Pragmatismus fragt: „Und was, wenn es mich nicht genug aufwühlt?“ Dann die junge Rachel mit Betonung auf –chel, in ihrer Adoleszenz so ganz und gar nicht sittsames Mädchen, das zum Entsetzen ihrer Freundin kurz vor der Hochzeit zum Urbanen Religiösen Eiferer mutiert. Oder die Pretty-in-Pink-Bat-Mitzwa, die eine beziehungsernüchterte Protagonistin in die Vergangenheit zurückwirft und damit in die Verzweiflung. In Alberts Welt liegt die Website mit den Torah-Wochenabschnitten nur einen Mausklick von der Pornoseite entfernt.

Der mit Cocktailschirmchen aufgemotzte Kidduschbecher auf dem Cover spricht Bände. Selten wurde so ungeniert der jungen Generation amerikanischer Juden auf den Zahn gefühlt, selten liest man solch federleichte und gleichsam bitterböse Geschichten über Menschen, deren Überdruss an der Jewishness mindestens ebenso groß ist wie ihre innige, uneingestandene Liebe zur eigenen Mischpoke. Die augenzwinkernde Unverblümtheit und der schnoddrige Ton tragen ihres dazu bei, dass es einen Heidenspaß macht, den Figuren durch ihre teils aberwitzigen, teils eher desolaten Geschichten und Stimmungen zu folgen. Nebenbei lernt man aus diesem frechen Erzählband, nach Das Buch Dahlia übrigens das zweite Prosawerk der Autorin, wahrscheinlich mehr über das Judentum und seine Bräuche als aus den meisten Standardwerken zum Thema. Wer liest, welche psychischen Extreme ein junger Vater bei der Beschneidung seines Sohnes durchmacht, der wird so schnell nicht wieder vergessen, was die Brit Mila ist.

Die Freude an den eigentlich sehr raffiniert gewebten Plots wird nur dadurch getrübt, dass Alberts Schreibstil gelegentlich etwas hektisch wirkt. Die unstete, zu Hyperbeln und Überfrachtung neigende Erzählweise lässt den Leser selbst in diesen kurzen Erzählungen hin und wieder den Faden verlieren; was allerdings ebenso gut an Schwachstellen in der Übersetzung liegen könnte. Auch für die vielen „Amerikanismen“, die für nichteingeweihte Deutsche teils schwer verständlich sind, konnte keine elegante Lösung gefunden werden. So beschleicht einen gelegentlich das vage Gefühl, hier über Leute aus einer Community zu lesen, an der man nie so richtig teilhaben können wird.

Trotz allem ist und bleibt Was ist in dieser Nacht so anders? ein lesenswertes, cleveres Buch. Die Antwort auf die Frage im Titel, die übrigens auf den Sederabend an Pessach anspielt, lässt sich vielleicht so beantworten: „Heute gibt‘s Caipirinha statt Manischewitz. Le’Chaim!“


Jaleh Ojan - red. 3. Juli 2010
ID 00000004705
Elisa Albert: "Was ist in dieser Nacht so anders?"
Erzählungen
dtv premium
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Deutsche Erstausgabe
220 Seite
ISBN 978-3-423-24749-8
14,90 [D] 15,40 [A] 24,90
1. Auflage, März 2010


Siehe auch:
http://www.dtv.de


Post an die Autorin: jaleh.ojan@kultura-extra.de



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