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Rezension

David Safier - „Plötzlich Shakespeare“

Roman
Kindler Verlag Berlin, 2010
ISBN 978 3 463 40553 7


Rosa hasst es total, ein Klischee zu sein. Sie ist Single, mit sich selbst höchst unzufrieden, die biologische Uhr tickt und der einzige, der ihr geblieben ist, ist ihr schwuler Freund Holgi, ein wahrer Schatz, was sie ihm aber nicht oft genug sagt. Ihr Job als Grundschullehrerin liegt ihr nicht, sie wäre viel lieber Autorin und sie findet sich selbst höchst unattraktiv. Als ihr Ex Jan seine bevorstehende Hochzeit mit Olivia bekannt gibt, schwimmen Rosa alle Felle davon. Ein letzter Versuch, Jan für sich zurückzugewinnen, endet im Fiasko. Der übermäßige Genuss eines gewissen italienischen Kräuterlikörs hatte zum Erfolg der Mission nicht gerade beigetragen. Der „Kummer-Ramazzotti“ kann keine Dauerlösung sein.

Zur Ablenkung besucht Rosa eine Zirkusvorstellung. Da weiß sie noch nicht, dass sie nicht mehr lange ein Klischee sein und sich vielleicht sogar nach ihrem alten Leben zurücksehnen wird. Nach der Vorstellung lernt sie den Hypnotiseur Prospero kennen, der Rückführungen in frühere Leben macht. Bevor sie sich versieht, gerät sie in Hypnose und findet sich in einem anderen Körper wieder. Der schwitzt und riecht und ist ein Männerkörper – und er duelliert sich gerade mit dem englischen Admiral Francis Drake. Wenn Sir Francis Walsingham nicht dazwischen gegangen wäre, hätte das ein sehr kurzes früheres Leben werden können. Irgend etwas muss bei der Rückführung schief gegangen sein, denn sie ist nicht nur mental an den Geschehnissen beteiligt, sie kontrolliert den Körper ihres früheren Selbst’. Sehr zum Ärgernis von dessen eigentlichem Bewohner, William Shakespeare.

Shakespeare kann eine Frau, die seinen Körper kontrolliert, zur Zeit gar nicht gebrauchen, allein schon wegen seiner amourösen Eskapaden. Außerdem hat er eine Schreibblockade. Irgendwie will es mit der Komödie „Hamlet“ nicht voran gehen und jetzt muss er noch einen Überflieger von Liebes-Sonnett dichten, mit dem der Graf von Essex seine geliebte Maria dazu bringen will, ihn zu erhören. Gelingt das nicht, könnte das Shakespeare seinen Dichterhals kosten. Nicht gerade günstige Voraussetzungen für das größte Liebesgedicht aller Zeiten.

Rosa und Shakespeare kommen nicht gut miteinander aus und suchen nach einer Lösung. Von einem Alchimisten erfahren sie, dass Rosa nur in ihren eigenen Körper zurückkehren kann, nachdem sie ihre karmische Aufgabe erfüllt hat. Klingt gut, ist aber schwierig. Rosa muss herausfinden, was die wahre Liebe ist.

So sind beide sehr beschäftigt: Shakespeare muss dichten, um zu überleben, Rosa will zurück in ihren eigenen Körper. Notgedrungen versuchen sie sich gegenseitig zu helfen. So bringt Rosa ganz brauchbare Vorschläge für das Sonnett ein. Als Frau weiß sie natürlich, was frau hören will. Der Leser erlebt die Entstehung des Sonnetts „Soll ich dich mit einem Sommertag vergleichen?“ sozusagen live mit. Und Hamlet als Komödie geht gar nicht, findet Rosa.

Mit seinem dritten Roman hat der 1966 in Bremen geborene Autor David Safier auch seinen dritten Bestseller in Folge geschrieben. Wie in den beiden ersten Romanen „Mieses Karma“ und „Jesus liebt mich“ sind Frauen die Protagonisten und leiden an einem ähnlich schwachen Selbstbild wie Rosa. Safier hat sich auch als Drehbuchautor auf Frauenfiguren spezialisiert, wie „Nicola“ und „Mein Leben und ich“. Für „Berlin Berlin“ erhielt er den deutschen Grimme-Preis und den amerikanischen Fernsehpreis Emmy.

In allen drei Roman werden die Protagonistinnen außergewöhnlichen Situationen ausgesetzt, die sie zwingen, sich selbst und ihr Leben in Frage zu stellen. In „Mieses Karma“ verunglückt Kim sogar tödlich und wird als Ameise wiedergeboren. Sie hat ihre große Liebe und ihre Tochter zurücklassen müssen und versucht nun durch Ansammlung von gutem Karma, die Reinkarnationsleiter soweit hinaufzusteigen, dass sie als Mensch wiedergeboren wird. In „Jesus liebt mich“ verliebt sich Marie in einen sonderbaren Typen. Der liebt sie und nimmt sie so an, wie sie ist. Sie muss aber feststellen, dass der das bei jedem tut, der ihm begegnet.

In „Plötzlich Shakespeare“ wird die Esoterikszene liebevoll verballhornt, indem Safier die Rückführung ad absurdum führt. Auch hier ist der Selbstfindungsprozess einer unzufriedenen, nicht mehr ganz jungen Frau in eine Abenteuergeschichte unter Aufbietung historischer VIPs verpackt und das bei höchstem Spaßfaktor. Wer in der Bahn oder anderswo einen Lesenden laut auflachen hört, könnte in dessen Händen ein orange-gelbes Büchlein vorfinden: Dann ist es eins von Safier.

Eingefleischte Shakespeare-Spezialisten sollten wissen, dass „Plötzlich Shakespeare“ historisch betont unkorrekt ist und keinen Spiegel der Elisabethanischen Zeit abgeben will. Ein paar kleine Schmankerln sind aber auch für Shakespeare-Kenner dabei. – Und unsere Heldin wird die wahre Liebe wohl erkennen, wo sie früher doch mal so ein helles Köpfchen wie der unsterbliche Barde war...


Helga Fitzner - red. / 4. Juni 2010
ID 00000004657
David Safier:
PLÖTZLICH SHAKESPEARE
Kindler
Hardcover, 320 S.
Erschienen: 12.03.2010
Preis: 17,95 €
ISBN: 978-3-463-40553-7

Siehe auch:
http://www.kindler-verlag.de





 

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