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Rezension

Alan Pauls - "Die Vergangenheit"

Roman
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-93705-3



Wiederholungen der Liebe



Wenn die Liebe, wie Marcel Proust einmal sagte, eher magischen als rationalen Gesetzen folgt, dann bedeutet das nicht, dass sie deshalb schon unvernünftig ist. Für Proust war sie insofern „magisch“, als sie sich zu jener intensiveren Zeitlichkeit verdickt, die er reine Dauer nannte. Proust hätte an dem Roman „Die Vergangenheit“ des Argentiniers Alan Pauls vermutlich seine wahre Freude gehabt. Denn auch Pauls deutet Liebe als reines Zeitempfinden. Dabei erforscht er mit Akribie die Verwerfungen, die unser Liebesleben eines Tages zerstören werden: “Die Risse waren nie groß genug, oder die Membran, die sie schützte, war zu widerstandsfähig, oder – unerhörter Skandal – die Zeit, der klassische Feind aller Dauer in der Liebe, meinte es außergewöhnlich gut mit ihnen, so sehr, dass ihre berühmten Gifte – Erosion, Routine, einschläfernde Vertrautheit ohne Doppelbödigkeit – in Kontakt mit ihnen das Vorzeichen änderten und zu Elixieren wurden, zu seltsamen Zaubergetränken, die, indem sie sich mit der Liebe mischten, sie beharrlich, beständig, unverletzlich machten. Sie hatten die Dauer auf ihrer Seite. Das war das Geheimnis.”

Pauls Protagonist Rimini ist wie Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit, indem er die Vergangenheit seiner Liebe zu konservieren sucht und die kleinen Nachrichten Sofias sammelt, die sie in den Jahren ihres gemeinsamen Lebens in der Wohnung herumliegen ließ: “Mit der Zeit verfügte Rimini über eine beachtliche Sammlung solcher Nachrichten. Er hütete sie an geheimen, regelmäßig wechselnden Orten, aus Furcht, Sofia könne sie entdecken. Nie las er sie zweimal: Ihm genügte es, sie zu besitzen; aber kaum etwas machte ihm größeres Vergnügen, insbesondere wenn er spürte, dass Sofia sich näherte, als in einem alten Schuhkarton, einem Buch oder der Tasche eines selten getragenen Sakkos zu stöbern, um seiner Sammlung ein weiteres Exemplar hinzuzufügen.”

Rimini und Sofia trennen sich nach zwölf Jahren Ehe. Rimini lernt die jüngere Vera kennen, doch Sofia - das lässt sich leicht erahnen - wird er auch über dieser neuen Leidenschaft nicht los. Rimini sehnt sich nach Veränderung und weiß doch um seine bleibende Liebe zu Sofia. Er fühlt sich Veras Versuchungen ausgesetzt, die er nur dadurch rechtfertigen kann, dass er sich durch Vera eine Vereinigung mit Sofia verspricht. Diese irritierende Vorstellung einer magischen Wiedervereinigung mit der geliebten Seele in einem anderen Körper durchzieht diesen Roman von der ersten bis zu letzen Seite. Hoch anzurechnen ist dabei dem Autor, wie leichthändig er seinem Leser diese absonderliche Idee schmackhaft macht. Keinen Augenblick lang zweifelt man, dass ein Teil Sofias tatsächlich in Vera gegenwärtig wird.

Man möchte Alan Pauls immer wieder zitieren, diesen langrhythmischen Atem, der sich über weitverzweigte Mäander von Satzperioden erstreckt und den Leser mit einer Gefühlsdialektik vertraut macht, die selten geworden ist in den Zeiten nüchternen Erzählens. Dabei verfügt Pauls über eine außergewöhnliche sprachliche Sensibilität, die es ihm ermöglicht, mit seinem Roman eine Phänomenologie des Liebens vorzulegen, die immer wieder neue Nuancen und unerwartete Zusammenhänge über das menschliche Liebesleben aufzeigt: “Er bewahrte die kleinen Nachrichten auf wie andere Leute Fotos, Haarsträhnen, Bierdeckel, Theaterkarten, Bordkarten oder Postkarten aus fernen Ländern, Reliquien, in die Liebende sich von Zeit zu Zeit vergraben, um sich die historische Dimension einer alltäglichen Leidenschaft in Erinnerung zu rufen oder sie wiederzubeleben, ihr Feuer anzufachen, wenn sie in stiller Stagnation erlahmte und mit dem Horizont bloßer Wiederholungen zu verschmelzen drohte.”

Diese furchtbaren Wiederholungen der Liebe bilden für Pauls wie für Proust zuletzt jedoch im Gegenteil das höchste Glück. Denn indem sich Liebe in ihren Wiederholungen immer neue Formen schafft, versöhnt sie gleichzeitig mit der Routine und gewährt Augenblicke reiner Zeiterfahrungen. Proust drückte dies einst im Bild der wiedergefundenen Zeit aus: „Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt bleib, hatte mich durchströmt. Es hatte mir mit einem Schlag, wie die Liebe, die Wechselfälle des Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz, oder vielmehr war sie nicht in mir, ich war sie selbst.“

Alan Pauls variiert in seinem Roman das Motiv der reinen Dauer und so wird die Lektüre zu einer „Education Sentimental“, einer Gefühlsbildung, die als epikureischer Lustgewinn zu verstehen ist.

Jo Balle - 24. Oktober 2010
ID 00000004896
Alan Pauls - "Die Vergangenheit" (Roman)
Aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: El Pasado)
Verlag Klett-Cotta
2. Aufl. 2009
Gebunden mit Schutzumschlag
559 S.
ISBN: 978-3-608-93705-3



Siehe auch:
http://www.klett-cotta.de


E-Mail an Dr. Johannes Balle



 

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