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Rezension

1968. Kurzer Sommer - lange Wirkung

Ein literarisches Lesebuch
dtv, Mai 2008
384 Seiten, Euro 9,90


Von 1968 bis zur Gegenwart: „Wie ein Pfahl im Fleische der Gesellschaft“

1968. Kaum ein Verlag, der darauf verzichtet, Bücher und Bildbände in diesem Jubiläumsjahr herauszubringen. Das Jahr 1968 scheint endgültig im Mainstream der Literaturproduktion angekommen. Einen Überblick über vierzig Jahre literarische Aufarbeitung dieses Jahres bietet das Lesebuch „1968. Kurzer Sommer - lange Wirkung“ (dtv), das eine repräsentative Auswahl an Texten aus unterschiedlichster Perspektive versammelt: der des involvierten Zeitzeugen, des distanzierten Beobachters als auch der nachfolgenden Generation. Dies ist umso erwähnenswerter, wo doch in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild einer einheitlichen Front rebellierender Studenten vorherrscht - trotz des politisch motivierten Protests um den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit Rudi Dutschke einerseits, der Happeningbewegung um die situationistische Kommune 1 andererseits. Gemeinsame Wurzeln haben sie in den anti-autoritären Grundüberzeugungen und in ihren symbolischen Aktionsformen.

Das Lesebuch versammelt Auszüge aus Texten von Uwe Timm, Heinrich Böll, Uwe Johnson, Wolf Wondratschek, Benjamin von Stuckrad-Barre, Helmut Heißenbüttel, Bernd Vesper, Judith Kuckart, Karin Struck und vielen anderen. Ihre Lektüre verdeutlicht dem Leser, wie sich die Gesellschaft in jenem „heißen“ Sommer verändert, aber auch wie sich der Blick auf 1968 im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat. 1968 in der Literatur - das war zunächst ein Sturmlauf gegen überkommene literarische Genres, deren Mittel des Erzählens der Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität nicht mehr gerecht zu werden schien. So legte beispielsweise Bernd Vesper mit seinem Romanfragment „Die Reise“ (1977) eine polytoxisch bewusstseinserweiterte Halluzination vor, die vom verbalen Ringen mit seinem Vater, dem nationalsozialistischen Dichter Will Vesper, durchzogen ist.„Wo die Nachkriegsgesellschaft nicht sehen, hören und sprechen will, da inszeniert die Avantgarde der Kulturrevolution ein neues Sprechen und zieht mit dem Megaphon gegen das Schweigen ins Feld“, so die beiden Herausgeber des Buches, Andreas Pflitsch und Manuel Gogos, in ihrem Nachwort.

Heute, vierzig Jahre danach, sitzt 1968 noch immer „wie ein Pfahl im Fleische der Gesellschaft“, wie es der Soziologe Oskar Negt, - auf die Hass- und Verachtungsreaktionen Bezug nehmend -, vor kurzem formulierte. Wenn eine neue Autorengeneration, die allenfalls die Schmauchspuren der Revolution erlebt hat, über diese Zeit schreibt, kann das auf Seiten der sich langsam zur Ruhe setzenden 68er-Generation nicht ohne Schmerzen abgehen. Gerade, wenn diese durch Überzeichnungen als „ewig Gestrige“ vorgeführt werden. Die meist unfreiwillige Komik einstiger „Weltverbesserungsenthusiasten“ tritt zum Beispiel bei Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre („Live-Album“, 1999) oder Sophie Dannenberg („Das bleiche Herz der Revolution“, 2004) hervor.

Es ist gerade das Besondere an diesem Lesebuch, dass es durch die abwechslungsreiche Auswahl an Textauszügen die Ambivalenzen des „heißen“ Sommers von 1968 abzubilden vermag. Ein Bild, das allen gefallen wird, kann es wohl nicht geben. Jedes Urteil über diese Zeit wird anfechtbar sein.


Katja Klüßendorf, red./ 21. Mai 2008
ID 00000003843
Das Buch begleitet die Ausstellung „Die 68er. Kurzer Sommer, lange Wirkung“, die vom 1. Mai bis 31. August 2008 im Historischen Museum in Frankfurt/ Main zu sehen ist, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Hessischen Kulturstiftung.



Siehe auch:
http://www.die-68er.de/





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