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Rezension
Ricardo Piglia

Falscher Name

Hommage an Roberto Arlt. Ein kurzer Roman
Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg

Berlin 2003,
Verlag Klaus Wagenbach

102 Seiten,
EUR 15,50 [D]

ISBN 3-8031-3184-7

Erst einen guten Monat alt ist der Streit um das jüngste Skandalbuch im deutschen Literaturraum - und schon redet keiner mehr von Thor Kunkel. Die Diskussion darum, ob ein Buch über die NS-Pornoindustrie geschmacklos, schlecht geschrieben oder einfach nur miserabel lektoriert ist, mobilisierte zwar die Mahner aus allen Feuilletons, aber sie verdeckt das, was die ureigene Aufgabe einer Literaturbesprechung ist: eine Empfehlung oder eben keine Empfehlung abzugeben.
Statt um Literatur geht es mittlerweile mit juristischen Mitteln um die alte und recht eigentlich unlösbare Frage, in welchem Verhältnis Literatur zur Wirklichkeit steht. Um sich dieser Frage zu stellen, braucht es verlegerisches Selbstvertrauen - und das hat der Berliner Verlag Klaus Wagenbach mit der Publikation des Kurzromans "Falscher Name" des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia bewiesen.
Es ist ein Buch, das auf seinen rund 100 Seiten an Vielschichtigkeit schwer zu überbieten ist.
Ein Editionsexperte, der zufälligerweise denselben Namen trägt wie der Autor, gerät auf die Spur einer unveröffentlichten Erzählung des argentinischen Schriftstellers Roberto Arlt. Wie ein Detektiv erforscht er in diversen Bibliotheken die Faszikel ungedruckter Schriften und stellt fest, daß eine späte Schrift mit dem Titel "Luba" existieren muß, die in den Akten jedoch fehlt. Über Umwege gelangt der Protagonist an eine triste Existenz namens Kostia, der ihm im Suff die fehlende Erzählung präsentiert. Der Piglia der Erzählung schlägt sofort zu, aber der Alkoholiker ist schneller: aus Reue über seine Brod'sche Freveltat publiziert er die Erzählung unter seinem Namen, noch bevor sie in die Arlt-Edition aufgenommen werden kann.
Damit noch nicht genug wird dem geneigten Leser aus editorischem Trotz im "Anhang" eben jene Erzählung nachgeschoben: die Parabel eines verfolgten Anarchisten, der Luba, ein gefallenes Mädchen, aus ihrem Jammertal hinaus in die eigene Vogelfreiheit führt. Und am Ende läßt Luba uns wissen, daß dies gar nicht ihr richtiger Name sei, sondern daß sie eigentlich Beatriz Sánchez heiße.

Ganz eigentlich ein Roman

Zunächst - was macht einen so kurzen Text zu einem Roman? Als säuberlich gegliederten "Bericht", ja als "Zusammenfassung" deklariert der Ich-Erzähler nüchtern das, was er zu sagen hat, als eine "Hommage" will es der Autor verstanden wissen. Es ist die kunstvolle Mischung aus Bericht und Dokumentation, kurzen szenischen Erzählungen und fußnotenunterfütterten literarischen Erörterungen einschließlich der in Klammern gesetzten Kommentare, die den Vielklang der Gattung erzeugt, ohne die ihr eigentümliche Ausführlichkeit zu benötigen. Ein Bericht, in dem sich der Protagonist maßlos darüber ärgert, von einem "verdammten Mistkerl", wie Kostia sich selbst bezeichnet, ausgetrickst zu werden, ist ja schließlich kaum denkbar - eine hübsche Volte, die den ironischen Modus, das Hintersinnige und Doppeldeutige von "Falscher Name" recht gut demonstriert.
Denn schließlich: Roberto Arlt hat zwar tasächlich gelebt, als Zeitgenosse von Jorge Luis Borges. Aber eine Erzählung mit dem Titel "Luba" von Roberto Arlt gibt es nicht. Doch Piglia, der Autor, führt uns mit feinem Gespür für sein Vorbild so geschickt an der Hand, daß wir ihm alles abzunehmen geneigt sind. Der Text, der im "Anhang" erscheint, ist in Stilistik und Thematik die eigentliche Hommage des Literaten Piglia. Es hieße allerdings, die Absichten des Autors mißverstehen, wenn man das vorangehende Arltsche Gefeilsche und Zetern der Schriftstellerexistenzen um Geld und den kleinen Ruhm inmitten von Schmutz und Trunksucht nur als Replik auf Borges lesen würde. Daher stellt sich auch die Frage, ob ein - im übrigen sehr informatives - Nachwort wie das von Leopold Federmair der Geschichte, Piglias ausgeklügeltem Spiel mit den Modi des Erzählens, nicht ein allzu enges Halsband anlegt. Sollte man nicht gerade einen Roman, auch wenn er noch so "kurz" ist, auch als ein "sozial determiniertes", ja "sozial unterminiertes" Gewebe lesen können, wie es Hanns Zischler in seinem wortgewaltigen Vorwort nahelegt - oder am besten gar einfach so?
Ricardo Piglia nimmt in "Falscher Name" die Motive und Figuren eines bescheidenen Boëdo-Schreibers aus der Unterschicht von Buenos Aires auf. Es sind Prototypen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man sie fotografisch etwa bei Brassaï oder August Sander festgehalten findet: der verfolgte Anarchist, das Freudenmädchen als Verkörperung der gescheiterten Liebe (russisch "ljuba"), schließlich der windige Schmierenliterat, der sich an sich und der Welt zu Tode leidet. Piglia flicht sie ein in die Gepflogenheiten und Skurrilitäten seiner eigenen Profession, des Literaturbetriebs nämlich, den er damit zugleich in den Raum des Erzählens hereinholt. Die alte Frage, was echt und was unecht sei, die Lessing im Nathan so eindrücklich formuliert hat, wird ganz bewußt nicht beantwortet (leider spielt der Verlag in seinem Klappentext das Spiel nicht ganz mit), die arrangierte Wahrscheinlichkeit, die eigentlich Fiktion zu Grunde liegt, wird aufgelöst in ein Mosaik von Textarten, in dem man sich nicht mehr zurechtfindet.

Authentische Fälschungen

"Das ist das Beste, was Arlt in seinem ganzen Leben geschrieben hat", läßt Piglia Kostia über Arlts Werk Der gescheiterte Schriftsteller sagen. "Die Geschichte von einem Typen, der nichts Originelles schreiben kann, der klaut, ohne es zu merken, so sind alle Schriftsteller in diesem Land, so ist die Literatur hier. Alles nachgemacht, Fälschungen von Fälschungen."
Vielleicht hat Ricardo Piglias kurzer Roman deshalb ein so geringes Medienecho in Deutschland gefunden, weil das Buch ganz bewußt die verkaufsträchtige Maxime der Zeit, die Authentizität, in Frage stellt. Obwohl die Erstausgabe bereits 1975 in Mexiko erschien, ist das Spiel mit Roberto Arlts Pseudo-Erzählung vor dem Hintergrund der Diskussion um allzu "reale" (und damit provokante) Fiktionen in Deutschland von fast erschreckender Aktualität. Wer das leidige Feuilleton-Gefeilsche um den jüngsten sogenannten Literaturskandal satt hat und sich mit Humor und kompositorischer Raffinesse hinters Licht führen lassen will, ist mit "Falscher Name" mehr als gut bedient - ob das Licht nun echt ist oder nicht.

p.w. - red. / 8. März 2004

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