Peter Burke:
Augenzeugenschaft.
Bilder als historische Quellen.
Aus dem Englischen von Matthias Wolf.
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2003. Gebunden, 256 Seiten mit Abb., € 26,50.
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Augenzeugenschaft – Von den Tücken eines gut gemeinten Ansatzes
Peter Burke hat ein lesenswertes kleines Buch geschrieben – wider ein visuelles Analphabetentum, das allerdings für eine Leserschaft, die berufs- oder interessebedingt mit Bildern umzugehen weiß, nichts wirklich Neues bereithält.
Auch wenn es nach Aussage des Autors kein „praktischer Ratgeber“ (S. 214) sein will, richtete es sich in allererster Linie an Leser, die lernen wollen (oder sollen), wie mit Bildern als historischen Quellen richtig umzugehen ist: Es sind die Historiker, denen Burke, trotz einiger rühmlicher Ausnahmen, durchweg attestiert, dass visuelle Kompetenz ein Desiderat ihrer Disziplin sei. Und „Augenzeugenschaft“ sensibilisiert für alle Fragen einer Quellenkritik der Bilder, wenn diese als Material nutzbar gemacht werden sollen, um in anderen Quellen nicht enthaltene Informationen zu erschließen. Mit Aspekten wie Religion, Macht, materieller Kultur, gesellschaftlichen Entwicklungen, Politik und Krieg stellt Burke ein mögliches Spektrum an Gegenständen vor, über die durch die Analyse bildlicher Quellen entweder ganz neue oder aber noch einmal ergänzende Erkenntnisse gewonnen werden können. Das entsprechende Instrumentarium dafür wird ausführlich vorgestellt. Die ikonographische und ikonologische Methodik wird in ihren Vor- und Nachteilen besprochen und durch psychoanalytische, strukturalistische, rezeptionstheoretische und kulturgeschichtliche Ansätze ergänzt. Immer wieder wird auf die interpretatorischen Fallen verwiesen, die visuellen Darstellungen inhärent sind: nie wird Burke müde, der Idee einer 1:1-Abbildung entgegenzuarbeiten und zu berücksichtigende Faktoren wie den sozialen Status, das Geschlecht, die Kultur und Religion der Bildproduzenten und ihres Umfeldes, bildnerische Konventionen, gesellschaftliche Idealvorstellungen oder künstlerische Phantasie hervorzuheben.
Es sind diese Stellen, wo der Titel des Buches „Augenzeugenschaft“ – der englische Titel lautet „Eyewitnessing“ – plötzlich widersprüchlich scheint und die die Schwächen des Textes offen legen. Mag es sich dabei um einen griffigen Titel handeln, impliziert wird damit ein Wahrnehmungsprinzip, das für die angeführten Beispiele nur bedingt zutrifft. So ist es fraglich, ob einem Kinofilm, der sich mit einer historischen Episode auseinandersetzt, tatsächlich die Eigenschaft der Augenzeugenschaft zukommt, genauso mutet die Vorstellung, dieses Paradigma an religiöse Bilder anlegen zu wollen, seltsam an. Bei vielen der besprochenen Bilder handelt es sich zudem um in zeitlicher Distanz zum Geschehen im Atelier konzipierte und ausgeführte, was zu einem anderen Defizit der Studie führt. Diese beschäftigt sich, wie Burke schreibt, nicht mit „Kunst“, sondern mit „Bildern“ (S. 16). Ein solcher nivellierender Ansatz verstellt den Blick auf einen zentralen Aspekt der Quellenkritik, der hier außer Acht gelassen wird, nämlich die Bildgattung. Ob Gemälde, Münze, Relief, Stich, Fotografie oder Film – die gattungsspezifischen und das heißt die medialen Eigenschaften einer visuellen Darstellung dürfen nicht zugunsten ihres Inhaltes ausgeblendet werden. Denn dass über das grobe Korn einer Schwarzweißfotografie noch einmal ganz andere und nicht immer mit dem Bildinhalt korrespondierende Aussagen transportiert werden als über die feinen Valeurs eines Ölgemäldes ist wohl unstrittig. Dementsprechend wäre eine Differenzierung des Begriffs „Bild“ wünschenswert gewesen.
Dass Bilder als historische Quellen verwendet werden können, soll hier nicht in Abrede gestellt werden, im Gegenteil ist Burkes Buch wichtiger Impuls in einer bildgesättigten Zeit. Dennoch bleibt ein kleines Unbehagen. Empfohlen wird den Kritikern dieses Ansatzes vom Autor das Gehen eines „dritten Weges“: so solle es nicht darum gehen, ob Bilder zuverlässig oder unzuverlässig seien, sondern vielmehr um den „Grad bzw. die Art von Zuverlässigkeit“ (S. 212). Und so erweckt seine eigene Studie den Eindruck, dass es letztlich nur eine Frage der Methodik ist, um aus Bildern noch das letzte Quäntchen brauchbare Information herauszufiltern. Bleibt das Gefühl, dass ein Bild, welcher Art auch immer, doch noch etwas mehr ist als eine rational zu erschließende Quelle. Es ist nicht zuletzt ein ästhetischer Mehrwert als nicht berechenbare Größe, der unsere Faszination am Visuellen begründet – und der nicht unbedingt in Worten fassbar sein muss.
Agnes Matthias, März 2004
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