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Kultura-Spezial


Palimpsest
oder Fragmente einer Geschichte des Films


Text: Gerald Pirner
Bilder: Rosmarie Burger

I
schiebend
mit geringer kraft nur
fällt zurück und wieder nur die lippen
und die bewegung
doch wieder von ihnen von ihr an ihr der hand
die bewegung langsamer jetzt dann endend
nichts
auch keine luft
oder zumindest nichts was die feuchte innenseite der hand kühlte
wie das luft
hier atem
ja sonst tue stellte sie fest
oder das selbe zum stehen gebracht
stand da
auf den blättern vor ihr in gestalt
oder diese eben wie sie da lag auf den blättern vor ihr sie die nicht mehr sprechen sollte
nicht mehr könne
und die hier nur noch weg müsse
wohin überführt
aber wohin



Rosmarie Burger, Auf Seerosen. 1989


II
ausmischen ein effekt ihr fleisch
sie nur wem sonst
bezeichnung dessen zustoß daher sie scheide
und woher
schnitt
wiederholt
sie zugelassen wo doch ohne bild alles auslaufe
sie überschwemme erneut
schnitt
eine hand auf gefüllten textil rund weiß ansonsten
zwischen zwei metallbügeln drei finger abgerissen
KERN DER ERZÄHLUNG nicht erwähnt
übergibt sich kurz nur zwei sekunden in klammern
und da hinein von hinten gehalten
ja so selbe hand wieder nur eine
alle möglichen positionen aufgezeichnet
mit ihr sie durchgegangen durchgespielt
NEIN! SCHNELLER
soll nicht so genau zu sehen sein
die hand blätter also nichts bestimmtes ihrer bewegung nach es sei denn da stehe noch wer diese geschwindigkeit sprich rückschluss daraus gründe ihm keine ahnung starrt entsprechend weiter auf sie
eine stimme
gesicht großformat aus einer frau ausgeschnitten
oder wie rausgeplatzt
die lippen kurz zuckend den rest stillgehalten
vielleicht spricht sie
nur kurz dieser AUSSCHNITT
dann näher ran
gehen sie näher ran
keine AHNUNG
näher ran verdammt
hören sie nicht
schwer zu sagen stehen da nur
und sie
immer noch selbe POSITION
die stimme
wartet also auch bis verbessert es groß geschrieben und doppel s
über lippen zuckende rissigkeit zähne und so weiter
schnitt
davor nur sie noch in diesem zucken
und noch näher
in einer art dunkelblassem schimmer darin stehen lassen
zwei sekunden
rötlich fleischige zerspaltungen
trockene hautfetzen erkennbar und noch näher
in diese bewegungen hinein in dieses gezucke
ein befall gewimmel auf unter ihrem nagen zuckendem fleisch zähne wie gesagt
und dazwischen die spalte die sich langsam weiter öffnet
hält inne
ein gutturaler laut
hier halten in diesem ausschnitt
tut es
analog
schlecht ausgesteuert
eine frau hervorgewürgt nichts als ein röcheln diese worte
sagt sie
die da spricht eine stimme
die diesem riss dieser spalte diesem zucken nicht gehört
nicht gehören kann
etwas anderes gehört von dem sie nur spricht
aber nicht das was zu sehen diese stimme ausgemischt ein effekt ihr fleisch
wem sonst dessen zustoß
nach bild sprich haltlos auslaufen
von ihm her der horcht kein geräusch
außer sich gebrochen sogar zu einer gestalt hin unverfälscht beinahe ungestört gesagt oder gedacht wenigstens kurz davor
reiche ihm wörtlich doppelsinnigkeit doppeldeutigkeit deutlichkeit nachgedacht deren befall sie erneut anziehe vielleicht wie gesagt genauso jedoch abfalle
das gehörte also nur noch aufgenommen und darin sie wiederholt
diese stimme

Fünf Metallspinde links, Hintergrund eine weißgekalkte Wand an die ein etwa drei Meter langes Brett geschraubt, zu hoch allerdings um darauf auch noch sitzen zu können
Vier Kleiderstapel, drei in exakt gleichem Abstand von einander, zu einander wenn man so will, der vierte mit Lücke für einen fehlenden von ihnen getrennt
Sie von rechts, ohne dass zu sehen woher oder wo durch, wo hindurch genauer, kommt herein sprich ins Bild Standbild in gewisser Weise, als warte da etwas auf sie als wartete es auf sie, entsprechend zwei Minuten nur dieses Bild ohne sie, kommt also herein, zieht sich aus bis auf die Unterhose - Hose Shirt Schuhe - schiebt die Kleider in die verbliebene Lücke auf dem Brett zusammen so dass zwischen dem dritten Stapel und dem ihrigen, also dem vierten, und dem vierten und dem fünften der selbe Abstand, geht zu den Spinden und öffnet den vierten von vorne - sprich vom Betrachter aus - entnimmt ihm einen weißen Arbeitskittel und zieht ihn an danach eine weiße Haube, zieht auch diese an, schließlich weiße Schuhe, zieht sie an, sich angezogen, sich ausgezogen und angezogen
Geht nach links und öffnet eine bis dahin nicht sichtbare Schiebetüre, die vielleicht auch jetzt nicht zu sehen, also nur zu hören, dass da etwas aufgeschoben wird, Maschinenlärm, Geräusche von Rollcontainern über gerippten Fliesen, das klackende Schlagen eines Bandes, nicht übertrieben laut einzuspielen, das Geräusch einer Schiebetür, die geschlossen wird, was vor allem am Verschwinden der Geräusche zu hören, Stille, das Bild zwei Minuten gehalten, dann alles schwarz



Rosmarie Burger, Keine Ahnung. 1992


III
man folge ihr zu hören als wünsche sie solange sie spreche diese stimme von ihren schritten oder genauso indirekt befehle zu gehen als davor auf der hut nicht minder sie gehört diese schritte oder in ihnen ihrer stimme nach nichts weiter als dass sie da seien so als folge sie ihr diese stimme aufgenommen dass sie das wünsche sagt sie horcht jetzt nichts mehr als ihr atem und ihre schritte auf sie zu könne man sagen dann nichts mehr stille das heißt kein ton mehr von ihr einzig das bild und darin sprich tonlos noch greller erscheinend

Die gleißend ausgeleuchtete Ecke eines Raumes, Boden, zwei Wände auf den ersten Blick nur dies oder diese fünf Sekunden
(Erscheinen zu lang nochmals zu sichten – jetzt aber erst einmal stehen lassen – fünf Sekunden wie gesagt)

dann näher kommen sie herangezogen genauer diese ecke worin jetzt und erst jetzt sagt sie die konturen einer gestalt zu erkennen kauernd mit dem rücken zum betrachter zur betrachterin genauer eine frau sagt sie aber woran das denn zu erkennen sein solle so von hinten

Jetzt nicht, sagt sie, bitte! Sie stehe dann auf, und dann von vorne (und nochmals fünf Sekunden) viel zu lang, ihre Stimme sagten wir bereits

jetzt eingeblendet diese stimme von ihr jetzt zu hören während sie da noch kauert oder genauer das bild dieser kauernden gestalt vor ihr sie betrachtend und ihre stimme oder zumindest die einer frau eingeblendet wie gesagt zählt gegenstände auf lautsprecher zu hören und anderes was für die produktion von nöten

Durch den Lautsprecher, kurze Liste, wenige Gegenstände, und, wenn aufgezählt die ganze Liste von neuem, weshalb die Liste so kurz wie möglich zu halten sei, dass nämlich sofort erfasst werden könne, dass sie wiederholt werde

langsam ein begriff nach dem anderen ein wenig abgesetzt der eine vom andern und so weiter während der weiterhin genähert die da kauert oder sie herangezogen mitsamt der ecke deutlicher zu sehen jetzt sagt sie die gestalt von hinten sie darin nach wie vor in dieser ecke geschlecht

Nein wirklich schwer zu sagen, aber jetzt – Moment ….
etwas schneller … eine Art von Karierung, Fließen, Kacheln oder dergleichen, noch schneller und ganz deutlich jetzt, ja, alles kariert, nach wie vor grell alles ausgeleuchtet, keine Veränderungen an Intensität - taucht diese Karierung auf lässt sie auftauchen, an Nähe dabei wohl gedacht (wie man so sagt) nein ein anderes Wort (jetzt nicht lässt es stehn) fünf Sekunden das was da aufgetaucht

ganz deutlich zu sehen überall das heißt nicht perspektivisch das hieße das zwar zunächst nicht aber hier gemeint wo sie auf wänden dem boden der gestalt gleichermaßen eben überall wörtlich also nur von rechtem winkel hier zu sprechen winkeln aber immer der gleiche der selbe verbessert mehrfach also doch nur gleich weiter jetzt fünf sekunden was sie betrifft diese karierung als sei sie draufgelegt auf sie gestalt wände boden und so weiter keinerlei abweichung allerdings auch kein mosaik und gemalt

Nein, sieht nicht so aus, eine Tiefe fast wie ein Spiegel, ja erinnert an einen Spiegel, obgleich es allerdings äußerst unwahrscheinlich erscheinen müsse, dass es sich hierbei um einen Spiegel handle, zumal die Quelle dieses gleißenden Lichtes, das nach wie vor alles ausleuchtet, und, wie gesagt immer noch in selber Intensität

nicht zu erkennen und noch nicht einmal ein schimmer auf dem was da zu sehen den wänden der haut ja mehr eigentlich sowieso nicht zu sehen als wände und haut nein da spiegle sich nichts

Ob es ein Boden sei, dieses Gewebe von Kacheln, von Fließen… Nein könne nicht behauptet werden, könnte auch eine Wand sein, in jedem Falle aber nur zweidimensional, der rechte Winkel – woran hier erinnert sein soll …. Tatsächlich, nein nirgendwo hier eine Tiefe, kein Raum also, und, bedenke man die Fugen, habe man sich auch nicht sonderlich bemüht, die Illusion eines solchen hervorzurufen
dann Dunkel

auf einmal nur noch die stimme aus dem lautsprecher die liste der gegenstände wiederholend wiederholt sie noch zweimal dann auch sie verschwunden und Stille

Schritte und unter ihren Geräuschen - selber Takt zumindest - das Bild der Wand auf die Wand gegenüber zu bewegt, was es allerdings selbst, dies Bild einer Wand und in Bewegung auf sie zu, dies Bild von ihr, Bild der Wand, Bild von ihm dem Bild freilich auch dasselbe - gekachelt siehe oben, verbessert gekalkt müsse hier schon genau sein - und in gewisser Weise Bild ihrer Annäherung, eher seiner also, dabei nach oben gleitend, ein schwarzer Lautsprecher schrittweise ins Bild, geht auf ihn zu, geht, wie gesagt nicht geglitten sprich die Schritte zu sehen ohne freilich das zu sehen, was sie trägt, sie verursacht - insofern davon so gesprochen wo Erstellung und Darstellung in diesem Falle in Eins, ein abstrakter Begriff dabei sichtbar und beides nicht zu trennen - geht also auf ihn zu der Lautsprecher, immer noch der Lautsprecher, Atmen nicht aufdringlich, hörbar aber den Lautsprecher im Bild, keine Bewegung mehr wenn er es ausfüllt mehrere Minuten lang ob es sich um ein Standbild handle oder um eine Photographie die hier abgefilmt, nachdem ihr genähert, nachdem man sich ihr genähert, keine Ahnung, bricht hier jedenfalls ab


Rosmarie Burger, Kimmlai. 1995


IV
einzelne zettel
lose verstreut sie
überall vorgefunden
er aufgestöbert sie
in einer ecke da liegend nur dies bild von ihr
hier zitiert ihre stimme
lautsprecher zu sehen
darunter der körper auf diesen zetteln
fetzen blättern
als gestalt vor ihr angedeutet die kauernd immer noch zu sehen
von hinten eine frau
veränderte haltung allerdings kein kopf mehr und der oberkörper fast vollständig verdeckt vom den betrachter hier der betrachterin zugewandten hinterteil
neben ihm liegend die füße
grell ausgeleuchtet wie vorhin
die haut heller als die wände und der boden
scheint der lichtquelle näher als diese
oder auf das material zurückzuführen das da beschienen
das wie hier die haut das licht in qualitativ vielleicht auch quantitativ anderer weise reflektiere
oder rezipiere
rezeption überlegt
bei lichtrezeptoren warum nicht


Gerald Pirner / 16. November 2006
ID 2801

Weitere Infos siehe auch:





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