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Feuilleton


Reinhard Kiefer

„Café Moka“ / „Marokkanische Geschichten“



Buchcover zu Reinhard Kiefers im August 2010 bei Rimbaud erscheinenden MAROKKANISCHEN GESCHICHTEN

Der Maghreb als Inspiration für deutsche Prosaliteratur entdeckt



Eine marokkanische Stadt wird aus deutscher Perspektive prosaisch abgebildet


Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der Maghreb allgemein und Marokko im Besonderen ein beliebtes Reiseziel deutscher Künstler und Literaten, dessen Kultur und Lebenswelt sie in ihren Werken die Aufmerksamkeit widmeten. Die zeitweile Kolonialisierung durch Frankreich und die nachfolgend anhaltende politisch-ökonomische Bindung an den französischen Sprachraum ließ das fortbestehende Interesse deutschsprachiger Künstler und Intellektueller an der Region lange Zeit in den Hintergrund treten. Die mangelhaften Kenntnisse der deutschen Sprache in der maghrebinischen Kulturszene trugen zudem dazu bei, dass die Maghrebiner selbst ihre wenigen literarischen Beobachter aus Deutschland kaum wahrnahmen. Mittlerweile gerät die Region jedoch bei deutschen Poeten und Prosaikern wieder verstärkt in den Blickpunkt und ihre literarisch verarbeiteten Eindrücke werden mittels Übersetzung marokkanischen Lesern zunehmend zugänglich.

Besonders die südmarokkanische Hafenstadt Agadir, die in der wilhelminischen Ära bereits zum bevorzugten deutschen politökonomischen Interessensgebiet zählte, wird aus dichterischer Perspektive – diesmal ohne koloniale Absichten – von Deutschen wieder neu entdeckt. Der 1956 geborene, in Aachen beheimatete christliche Theologe, Germanist und Schriftsteller Reinhard Kiefer hat in Agadir seinen „zweites Domizil“ gefunden. Er hält sich alljährlich zeitweise dort auf, beobachtet das gesellschaftliche Leben und hält es aus seiner deutsch-christlich geprägten Sichtweise heraus literarisch fest. Zugleich stellt er seine Erlebnisse dem aus den modernen Medien ebenso wie den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht vom Orient bestimmten westlichen Maghrebbild gegenüber. Er entdeckt viele „Außergewöhnlichkeiten“, die den Einheimischen, als „Alltäglichkeiten“ aufgefasst, kaum ins Bewusstsein dringen und erst durch die Feder eines Außenstehenden reflektiert werden können.

In seinem 2003 erschienen Prosawerk „Café Moka“ präsentiert er in 114 Fragmenten ebenso seine Erfahrungen mit der Realität in Agadir wie seine nostalgischen Imaginationen aus der Welt der orientalischen Mythen und der Religion. Die große Resonanz, die er bei seinem deutschsprachigen Publikum fand, wurde mittlerweile als Anlass erkannt, den Roman ins Arabische zu übersetzen, um der von ihm beschriebenen Gesellschaft ebenso zu ermöglichen, daran teilzuhaben, sowie sich selbst den Spiegel vorzuhalten und zu erfahren, welche Eindrücke ihre Stadt und ihre islamisch geprägte maghrebinische Kultur beim deutschen schriftstellerischen Beobachter hinterlassen. Auf diese Weise kann es gelingen, eine literarische Brücke zwischen dem Maghreb und dem deutschen Sprachraum zu errichten. Die Beziehung zwischen beiden Sprach- und Kulturräumen braucht sich nun nicht mehr auf Politik und Ökonomie zu beschränken, sondern schließt die philosophisch-sinnliche Ebene ein.






Westliche Maghreb-Klischees halten dem Facettenreichtum erlebter Wirklichkeit nicht stand


So sehr sich die westliche Massenmedienwelt heutzutage dem islamischen Orient und speziell dem Maghreb zugewandt hat, Kenntnisse von Marokko und eine angemessene Wertschätzung für die marokkanische Kultur vermögen Hollywood-Serien und Kindersendungen nur selten zu vermitteln. Dafür erweist sich diese als zu heterogen und umfasst so zahlreiche Facetten, dass die darin zum Ausdruck gebrachten und permanent wiederholten Klischees nicht einmal einen Bruchteil der Realität erfassen können. Darüber hinausreichende Perspektiven bieten sich hingegen einem philosophisch-theologisch empfindenden Poeten, der im „Café Moka“ sitzt und den Alltag Agadirs aus kürzester Distanz mit allen Sinnen aufnimmt. Er zeigt sich in der Lage, seinen Lesern immer neue Geheimnisse dieser „fremden Welt“ zu lüften und hinter die Kulissen zu schauen. Es bietet sich ihm unendlicher Stoff für seine in kurzen Fragmenten gefasste Prosa und Inspiration für immer wieder neue Erzählungen von und über Marokko.

Indem er das Geschehen vor und hinter ihm in entspannter Atmosphäre auf sich einwirken lässt, gewinnt er den Respekt vor der ihn umgebenden Gesellschaft mit ihren religiösen wie kulturellen Empfindungen und Eigenheiten. Den Islam assoziiert er nicht wie einige Prominente seiner europäisch-christlich geprägten Zeitgenossen mit Rückständigkeit und präaufklärerischem Denken, sondern erkennt die Tiefe islamischer Weisheiten, die der mittlerweile auch in Agadir teilweise zu beobachtenden, ursprünglich allerdings vom Westen ausgehenden Besessenheit auf materiellen Konsum um Meilensteine voraus ist.

Die zeitweilige Konfrontation mit einer heranwachsenden marokkanischen Jugend, die nach vermeintlichem europäischem Vorbild mit zweifelhaften Methoden ihr Taschengeld für ein einmaliges Diskoerlebnis ansammelt, erhält Kiefer das Bewusstsein für die Vergänglichkeit des Seins und die Welt der Transzendenz. Diese bringt er mit der Variabilität und Veränderlichkeit seines erlebten marokkanischen Alltags zusammen zum Ausdruck. Die in Kürze ebenso wie bereits „Café Moka“ beim Aachener Rimbaud Verlag erscheinenden „Marokkanischen Geschichten“ können die Fülle seiner in der Medina von Agadir aufgenommenen und literarisch verarbeiteten Gedanken erahnen lassen.

Über Kiefers Prosa erschließt sich die Ferne und zugleich Nähe der Maghrebiner zum europäischen Wertefundament. Er hält nicht nur das beiderseitige Interesse an der kulturellen und literarischen Begegnung aufrecht, sondern trägt darüber hinaus das Verborgene und hinter hohen Gartenzäunen Versteckte ans Tageslicht. Damit reiht er sich ein in eine neue Generation deutschsprachiger Literaten und Künstler, welche die Einzigartigkeit und zugleich Weltläufigkeit der marokkanisch-maghrebinischen Stadtkultur kritisch, aber dennoch mit Hochachtung und ohne imperialistisch wirkende Überheblichkeit nachzuzeichnen versteht.



Mohammed Khallouk - red. 3. August 2010
ID 4746
Reinhard Kiefer: "Marokkanische Geschichten"
Broschiert
Rimbaud Verlag
1. Auflage (August 2010)
15,00 €
ISBN 978-3890864891


Weitere Infos siehe auch: http://www.rimbaud.de/


Post an den Autor: mohammed.khallouk@kultura-extra.de



 

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