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Rezension

Was von der Buchmesse blieb: Kiran Nagarkar – Gottes kleiner Krieger

ein Roman über das Wesen des religiösen Fanatismus
A1 Verlag, 2006
ISBN 3-927743-88-7


Die Frankfurter Buchmesse ist zwar vorüber, doch es gibt immer wieder Werke, die einem länger im Kopf herum spuken, nicht zuletzt, weil sie sich der Probleme unserer Gegenwart annehmen. „Indien“ war heuer zum zweiten Mal Gastland in Frankfurt, und ein großes Thema der in Frankfurt vorgestellten Literatur der globale Terrorismus. Auch der indische Autor Kiran Nagarkar trifft diesen schmerzenden Nerv unserer Zeit mit seinem Roman „Gottes kleiner Krieger“.

Eine Reise durch 3 Weltreligionen
Nagarkars 700seitiger Roman führt seine LeserInnen kreuz und quer über den Globus und in seine verschiedenen kulturellen Welten - von Bombay geht es nach Cambridge, von Kalifornien nach Afghanistan, von schmutzigen Straßen zurück in mondäne Villen und umgekehrt. Kaum ein religiöser, sozialer oder politischer Brennpunkt bleiben in diesem Buch unerwähnt.
Geleitet wird man von einem unnahbaren Protagonisten, der drei Weltreligionen durchlebt und dabei jedesmal seinen Namen ändert: aus dem moslemischen Zia Khan wird erst der christliche Bruder Lucens und später der hinduistische Tejas Nirantar.

Der Protagonist des Werkes ist ein Charakter, mit dem viele LeserInnen Identifikationsschwierigkeiten haben werden. Sogar der Autor selbst meinte, dass er sich mit dem selbstgerechten Wesen Zias schwer tat. Der Grund seiner religiösen Hingabe scheint nicht Liebe sondern vielmehr fanatischer Ehrgeiz zu sein. Die lange Entstehungszeit des Buches (7 Jahre hat Nagarkar daran gearbeitet) erklärt sich für den Autor nicht zuletzt aus einem tiefen Widerwillen gegenüber seiner Hauptfigur.

Und es ist tatsächlich schwer, Zia Khan sympathisch zu finden. Er wächst in einer aufgeschlossenen, schiitischen Mittelklasse-Familie in Bombay auf, der Vater mondäner Architekt, die Mutter leichtlebig und fröhlich. Nur seine Tante ist strenggläubige Muslime und Zia entscheidet sich aus freien Stücken, dies mit ihr zu teilen und der Weltoffenheit seiner Eltern zu entsagen. Ein Kind, das freiwillig und heimlich erbricht um zu fasten, ist nicht nur ungewöhnlich sondern auch unheimlich unsympathisch. Schlimmer noch, wenn sich ein Pubertierender während seiner Internatszeit nachts wegschleicht, an einer Murharram-Geißelung teilnimmt und sich dabei fast tötet. Doch wer glaubt, Zia sei ein schlichtes Gemüt aus dem sich ein naiver, aufopfernder Glaube erklären lassen würde, der irrt. Sein Wesen ist vielmehr in vielerlei Hinsicht komplex: Zia ist ein mathematisches Genie, das seinen Weg an die Universität Cambridge findet und sich Dank der liberalen Einstellung seiner Eltern auch in der westlichen Gesellschaft sicher bewegen kann. So geht er bei seiner katholischen Tante, die ihn liebt, ein und aus, während ihn heimlich nichts anderes zu beschäftigen scheint, als bei nächster Gelegenheit Salman Rushdie zu töten...


Zias Reise durch die Religionen führt in jedesmal erneut in rechtliche Grenzgebiete: Als er zum christlichen Bruder Lucens wird, hat er nicht nur die Finanzgeschäfte seines Klosters fest in der Hand, sondern führt am Gipfel seiner Karriere der Nächstenliebe die „Children of God“ an, eine Anti-Abtreibungsgesellschaft, die er – man glaubt es kaum - durch Waffenhandel finanziert. Der Meister der Zahlen irrt sich in den Auf und Ab´s des Welthandels nie und so kann er als hinduistischer Tejas unbehelligt seinen sonstigen dubiosen Geschäften nachgehen. Als ihn jedoch ein alter Mitstreiter aus seiner Zeit als Mudschahid um eine nukleare Waffe bittet, scheint es aber, als würde sich Zia zum ersten Mal verspekulieren...

Der religiöse Fanatismus bekommt ein Gesicht
Nagarkar reißt den Schrecken des Terrors, der oft in verzerrter Form durch die Tageszeitungen geistert, aus seiner Anonymität und gibt ihm ein menschliches Gesicht. Durch eine Erzählweise, die dicht an der Hauptfigur bleibt, wird der Schrecken plötzlich greifbar.
„Gottes kleiner Krieger“ ist ein Roman unserer Zeit, der die Gründe des religiösen Fanatismus nicht in der Theorie sucht, sondern bei den verantwortlichen Menschen selbst.


friederike schwabel - berl. red. / 23. okt. 2006
ID 00000002749


Siehe auch:
http//www.a1-verlag.de







 

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