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Rezension

Francesco Madeo: Hymne auf ein liederliches Leben

Klöpfer und Meyer; Auflage: 1 (28. September 2006)
ISBN: 3937667806


In der Ich-Form erzählt uns der 20 jährige Francesco die Geschichte seiner Familie und seiner Kindheit. Hauptfigur ist zum einen der meist betrunkene Vatta, der Großvater Francescos, eine ekelerregende, cholerische überdimensionierte ‚Rübensau’, die die Familienmitglieder schikaniert. Zum anderen der junge Francesco, als moderner Kaspar Hauser, der die ersten 4 Jahre seines Lebens im Verborgenen verbringt, da unehelich geboren und somit eine Schande, und der von seinen Großeltern aufgezogen wird. Zwischen Vatta und Francesco entwickelt sich im Laufe der Jahre eine eigentümliche Beziehung, die aber vor allem auf Ritualen gegenseitigen Schikanierens beruht. Doch der kleine Francesco lernt schnell seine Vorteile gegenüber dem krückenschwingenden Alten zu nutzen, ein Motiv, dass sich zunächst dominant schließlich aber immer schwächer klingend durch die Geschichte zieht. In der ersten Hälfte beherrscht Vatta den Roman, doch mit zunehmendem Selbstvertrauen wendet sich das Bild. Mittelpunkt wird der Erzähler und sein sehnlichster Wunsch: seiner Jungfernschaft ein Ende zu setzen, was ihm schließlich auch nach einigen Irrwegen glückt. Die Geschichte beginnt mit einer sündhaften Engelsvision und endet als Märchen: der böse Großvater ist tot, aus Francesco dem kleinen dicklichen Muck wurde ein sensibler und aussichtsreicher Prinz, die Traumfrau ist erobert und wenn sie nicht gestorben sind, dann vögeln sie noch heute.

Wir, die in den 60er und 70er Jahren Geborenen, sind es jetzt, die Welten bauen. Doch sind wir selbst das Produkt von Stereotypen, von Idolen und Bauernsprüchen, die sich mit unserer Erinnerung vermischen und unsere Krücken sind bei der Rekonstruktion unserer eigenen Biografie. Kaum lässt sich unterscheiden, ob es die Wirklichkeit ist, an die wir uns erinnern oder dies einfach die Topoi unserer Generation sind. In diesem Wirrwarr aus Realität und Stilisierung findet aber eine Abrechnung statt, die überfällig ist. Denn wer kennt ihn nicht, den cholerischen Kriegsveteran, der despotisch und ordinär seine Familie dominiert, oder die dunklen, geheim gehaltenen Episoden unserer Familiengeschichte aus der Zeit der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Unsere Erziehung, die zwischen der Lieblosigkeit einer ausgepumpten Kriegsgeneration und der Egozentrik unserer Möchtegern-Flower-Power-Eltern pendelte. Es ist immer wieder ein Wunder: Kinder werden trotzdem groß.

Durch die Wahl der Erzählperspektive verschwimmen in dem Roman die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Durch die Wahl des im Titel vorgegebenen Genres, der (liederlichen) Hymne, verschwimmen aber auch die Grenzen zwischen Erzählung, Religion und Ethik. Berauschung und Ekstase bleiben prosaisch, verharren auf der Ebene der Narration und finden sich formal in der spielerischen und gelegentlich ordinären Sprache. Das Religiöse bleibt, fast denkt man an Nietzsche, in dionysischen Visionen verhaftet während das Lehrhafte als direkte Ansprache an den Leser erfolgt. Das Ergebnis ist eine märchenhafte in leichter und verführerischer Sprache geschriebene satirische Erzählung bespickt mit wohlbekannten Motiven, die vielleicht gerade deswegen irgendwie unter die Haut gehen und vor allem tatsächlich witzig sind.

Immer wieder die Ebenen wechselnd und auch absichtlich verwechselnd hebt Madeo mit seinem Roman den Zwang von Kategorisierungen auf, nicht nur in Bezug auf seinen Text oder in Bezug auf seinen Francesco. Denn die Geschichte setzt sich nicht fort, Francesco entwickelt seine eigene fast reine Ethik der Ausgewogenheit, die Vattas Liederlichkeit weder verurteilt noch komplett nachahmt. Mir erschient diese Entkategorisierung daher eher eine Notwendigkeit zu sein: die Klischees und Konventionen zu kennen, und die damit verbundenen Rollen und Fremdzuweisungen schlicht in den Arsch zu treten.
Madeo legt dabei Francesco eine Sprache in den Mund, die unserer Generation zu eigen ist: eine Mischung aus flapsiger Intellektualität und assigem Witz. Er spricht mir aus der Seele.

s.p. - red / 5. Dezember 2006
ID 00000002834


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