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Rezension

Von Cal und Callie

Jeffrey Eugenides' Roman Middlesex

816 Seiten
Preis: EUR 24,95 (D, EUR 25,60 (A), SFr 42,-
ISBN 3-498-01670-9
Erschienen im Rowohlt Verlag, übersetzt von Eike Schönfeld
2. Auflage, April 2003

Nein, er sei kein Hermaphrodit, antwortet der spitzbärtige Jeffrey Eugenides auf eine zwar zögernde, aber doch eindeutige Frage aus dem Publikum, nachdem er soeben ein Kapitel aus seinem neuesten Buch Middlesex im Tübinger Zentrum Zoo vorgelesen hat. Auch Cal Stephanides, Protagonist und Erzähler der griechisch-amerikanischen Familiensaga, die sich in Eugenides' Roman um ein mutiertes Gen auf dem fünften Chromosom herum entwickelt, trägt einen kleinen Ziegenbart. Allerdings nur als diejenige Person, die irgendwann zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Botschaftsangehöriger in Berlin beschließt, zu Papier zu bringen, was sein Leben maßgeblich geprägt hat.

Denn Cal ist zunächst ein niedliches kleines Mädchen, das zwar als Baby bei seiner Taufe auf den Namen Calliope Helen mit einem beeindruckenden Strahl den Priester naßmacht, dessen Anatomie jedoch nicht weiter examiniert wird, weil seine exquisiten Gesichtszüge bald vor allem die männlichen Blicke auf sich ziehen. Irgendwann ist Callie dann nicht mehr ganz so niedlich, muß sich den vermeintlichen Damenbart entfernen lassen, wartet auf das Wachsen von Brüsten und ist unsterblich in ein sommersprossiges Mädchen verliebt. Sie findet schließlich heraus, daß sie ist, was Ovid in seiner Geschichte von der Nymphe Salmacis, dem Knaben Hermaphroditus und der Verschmelzung ihrer beider Körper im liber quartus seiner Metamorphosen entstehen läßt, und beschließt, als der Junge weiterzuleben, der sie ihrem Hormonhaushalt nach ist.
Als Cal seiner Großmutter Desdemona später von der Verwandlung berichtet, hat sich für die alte Frau etwas erfüllt. Im Jahr 1922 während der Vertreibung der Griechen aus Kleinasien zusammen mit ihrem Bruder auf ein Schiff in Richtung Amerika gestiegen, beginnen die beiden Geschwister nach ihrer Ankunft in Detroit als Ehepaar ein neues Leben. Nachdem sie zufällig über die möglichen Folgen von Inzest gehört hat, plagt Desdemona die Furcht vor einer göttlichen Strafe. Ihrem Enkelkind, dessen Körper nicht nur von der Geschwister-, später auch der Cousin- und Cousinenliebe seiner Eltern, sondern auch dem dadurch unwissentlich über Generationen weitergegebenen, mutierten Gen geformt wurde, kann sie nun endlich erzählen, was Cal später aufschreiben wird.
Middlesex Boulevard heißt eine Straße in einem wohlhabenden Viertel am Rande Detroits, Middlesex ist der Name des Hauses, in dem die Familie Stephanides nach ihrem sozialen Emporklettern lebt. Middlesex ist vor allen Dingen aber ein zu lebender Körper, den Callie selbst und später ihre Umgebung nicht einzuordnen wissen. "Middlegender" wäre für jene Episode der passende Titel, in der Callie von einem New Yorker Spezialisten untersucht wird, der durch eine kosmetische Operation ihr biologisch zweideutiges Geschlecht ihrer Sozialisation als Mädchen anpassen will.
Dieser vor allem vom Vater gewünschten und vom Arzt als Heilung beschriebenen Eindeutigkeit widersetzt sich Eugenides in der Beschreibung seiner Hauptfigur. Es ist interessant zu beobachten, wie beim Nachdenken über diese Figur feste Kategorien ins Wanken geraten, Cal als sie und Callie als er gedacht werden können, ohne daß die beiden in Widerspruch zueinander geraten oder die Persönlichkeit auseinanderfällt.

Schön ist, wenn der erwachsene Cal davon berichtet, wie die kleine Callie in bestimmten Bewegungen immer noch in ihm steckt, und wie ihm über seine eigene Geschichte ein Wissen vom Menschen eigen ist, das anderen fehlt. Leider gehen Eugenides über der Einbettung dieser Geschichte in den größeren Kontext von Emigration und Assimilation einer griechischen Familie in den USA einige Motive, die er zu Beginn des Buches anlegt, wieder verloren, bleiben Personen in ihrer Entwicklung blaß, was im Falle der Großmutter sogar erklärt wird, aber dennoch schade ist.
Daß Cal schließlich von einer Frau, der er in Berlins U-Bahn-Netz begegnet, so geliebt wird, wie er ist, wäre nicht unbedingt nötig gewesen, erfreut das LeserInnenherz nach üppigen 529 Seiten in der englischen Ausgabe aber trotzdem.


A.M., 1. Juli 2003

Die englische Originalausgabe erschien 2002 bei Bloomsbury in London.
Preis: EUR 19,- (unverb. Preisempfehlung)
ISBN 0-7475-6092-7 (Paperback)

 
siehe auch / Literatur:
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© 2003 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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