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Rezension

„Stars reading Stars“ oder Sternchen trifft auf Kometen (?): H. P. Baxxter (Scooter) liest Erzählungen von Thomas Bernhard

CD, Hörbuch
readInc, Zürich 2004
ISBN 3905687003


Man hält die CD in Händen und will es trotzdem kaum glauben: H. P. Baxxter, Frontman der Techno-Band „Scooter“ soll Thomas Bernhard lesen? Nicht nur die Fans von H. P. Baxxter (wie im Booklet zur CD von den Produzenten bereits vorausgesehen) werden sich verwundert fragen: Wie kann ein solches Projekt bloß zu Stande kommen?

Für alle, die „Scooter“ nicht kennen, vorab eine kleine Einführung: Die aus der Avantgarde-Synthie-Popband „Celebrate the Nun“ entstandene und 1993 in Hamburg gegründete Technoband kam 1994 mit der Single "„Hyper, hyper“ auf Platz zwei der deutschen Charts, mit „Move your ass“ konnte sich die Band auch international etablieren. Weitere Liedtitel wie „How much is the fish“ (I want you back so clean up the dish/By the way, how much is the fish!?/How much is the fish!?/Yeeeaaaah!!! Sunshine in the air!!! – Auszug aus den lyrics), „Fuck the Millenium“ oder „Faster, Harder, Scooter“, die Frontman H. P. Baxxter in seinem markanten „Shoutstil“ in die Menge schreit, lassen bereits ahnen, dass es dieser Musik – im weitesten Sinne – an künstlerischem Tiefgang mangelt. Kennt man die vielschichtige Literatur von Thomas Bernhard, weiß man, dass dies im Gegenzug auf seine Texte bestimmt nicht zutrifft. Trotzdem wollen die Produzenten der hier vorgestellten CD eine Verbindung zwischen H. P. Baxxter und Thomas Bernhard gefunden haben:

„Der Autor Thomas Bernhard ist ein Star, ein Mythos, genial, verrückt und zumeist in seiner textlichen Radikalität unbezwingbar...Man liebt seine Lyrik, seine Prosa, die Stücke oder man hasst ihn. Konsequente Zuneigung oder Ablehnung – ja oder nein! Der Vorleser ist auch ein Star, auf seine Art ebenso radikal wie konsequent, so verrufen wie erfolgreich und auch gewiss nicht von jedermann – oder Frau ins Herzu geschlossen. Man übertreibt keineswegs, wenn man feststellt, dass H. P. Baxxter (fast) genauso geliebt oder gehasst wird – ja oder nein? (Zitat Booklet)

Eine Verbindung zwischen zwei öffentlichen Personen auf ihrem Beliebtheitsgrad fußen zu lassen, mag, insbesondere in diesem Rahmen, seltsam anmuten. Noch dazu, wenn man im Weiteren erfährt, dass einer der Produzenten selbst eine Magisterarbeit über Theaterstücke von Thomas Bernhard geschrieben hat, also Literaturwissenschaftler ist. Die abschließende Fragestellung (s. Zitat oben) lässt hoffen, dass sich die Produzenten mit ihren Schlussfolgerungen selbst auch nicht so sicher waren...

Das Hörbuch selbst bietet eine kurze biographische Einführung des Autors und erläutert die Auswahlkriterien der Texte. Dies ist ja schön und gut, leider nur ist diese Einführung, sowie übrigens auch die „Überleitungen“ mit sphärisch-elekronischen Klängen unterlegt, die vielleicht dazu dienen soll, die behaupteten Parallelen zwischen Thomas Bernhard und H. P. Baxxter auch auf der künstlerischen Ebene zu unterstreichen.
Gelesen wird großteils eine exemplarische Auswahl von frühen Arbeiten des Autors, vorrangig aus den „Ereignissen“. Dies ist ein durchaus interessanter Aspekt, da sich nicht nur wissenschaftliche Arbeiten oft mit späteren Werken, Romanen wie „Frost“, „Holzfällen“ oder „Alte Meister“, sowie den Theaterstücken auseinandersetzen, sondern diese auch sonst weiter verbreitet sind; hier im Gegenzug jedoch nicht so bekanntes und zu oft „durchgekautes“ Material vorgestellt wird.

Der vermutliche Grundgedanke der Produzenten, eine literarische Größe auf diesem Weg einem vielleicht gänzlich neuen Leserkreis – hier wohl vorrangig der Fangemeinde von „Scooter“ - zu öffnen, ist ja an sich eine gute Überlegung. Dieser „Bildungsauftrag“ beginnt jedoch anscheinend beim Vortragenden selbst. Obwohl die Stimme nicht unangenehm, wird hier oft zu unsicher, zu schwerfällig vorgetragen und „vom Blatt gelesen“, um ernst genommen zu werden oder den Zuhörer gar in die Texte „eintauchen“ zu lassen. Auftretende österreichische Dialektformen konnte ich, obwohl selbst aus diesem Land, zum Teil nicht verstehen. Wie vermessen es ist, von einer wie auch immer gearteten Verbindung zwischen Autor und Vorleser zu sprechen, wird also leider auch durch den Vortrag unterstrichen.
Neben Scooter-Fans besteht ein weiteres Zielpublikum wahrscheinlich aber auch gerade aus Leuten wie mir, die sich, nachdem sie lange genug über die Skurrilität einer solchen CD geschmunzelt haben, fragen, wer wohl einen längerfristigen kulturellen Gewinn aus einem solchen Projekt ziehen kann. Wird es manchen jugendlichen Technofan zur Literatur bekehren? Und wenn es nur einer ist, ist es sicher gut so! Andererseits, zum Vergleich: Sabrina Setlur mag doch – trotz ihrer möglichen anderen Qualitäten – auch niemand Franz Kafka lesen hören. Oder etwa doch?


friederike schwabel, 19. Februar 2005
ID 00000001645


Siehe auch:
http://www.read-inc.com/




 

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