Thommie Bayer
Das Aquarium
Roman
336 Seiten
€ 19,90 (D)
ISBN 3-8218-0895-0
erschienen im
Eichborn Verlag
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Bekanntlich ändern viele Menschen ihre bisherigen Lebensgewohnheiten grundsätzlich, wenn sie den Tod vor Augen hatten, und wenn das Weiterleben so etwas wie die zweite Geburt darstellt. Barry darf weiterleben. Doch durch einen nicht selbst verschuldeten Unfall wird ihm die Frau genommen, in die er sich gerade mit Haut und Haar verliebt hatte. Nichts bleibt danach beim alten. Er läßt seine Wohnung neu gestalten, die er nur noch notgedrungen verläßt. Er wird zum Einzelgänger, Zaungast, Außenseiter und schließlich Voyeur. Ziel seiner Blicke ist das Aquarium, ein hauptsächlich aus Fenstern bestehender Bungalow, hoch über der Stadt gelegen. Zentrum seiner Begierde ist June, die junge, schöne Bewohnerin des Aquariums, die in ihrem Rollstuhl vor einem Laptop sitzt und schreibt. Sie braucht seine Blicke. Er ist ihr Zeuge. Als June ihre e-mail-Adresse an ihre Zimmerwand schreibt, entspinnt sich ein Dialog, der durch ein Chatprogramm ermöglicht wird. Barry und June: Jeder läßt den anderen an seiner Geschichte, seiner Leidenschaft, an seinen sexuellen Wünschen, Erlebnissen und Obsessionen teilhaben. Vergangene und gegenwärtige Begierden vermischen sich zunehmend, unsägliches Vertrauen steht neben absolutem Verrat. Es entspinnt sich eine amour fou der Moderne, durch Computer und Internet ermöglicht.
Wie bereits in seinen früheren Büchern spielt Thommie Bayer mit der Idee einer außergewöhnlichen Begegnung. Anders als bisher erzählt diese Geschichte jedoch sowohl von erotischen Phantasien als auch von Leid, Tod und Einsamkeit. Die gelebte Welt von Barry und June ist klein. Sie umfaßt hauptsächlich - abgesehen von einigen Ausflügen Barrys- die jeweiligen Wohnungen der beiden. Die Gedankenwelt schränkt sich ein auf die Geschichten, die die beiden in ihrem computergestützten Dialog erzählen. Es wird alles ausgesprochen, der Leser braucht nichts zu erahnen oder zu erschließen. Die Sprache ist nackt, teilweise banal und schnörkellos. Klischees - wie z.B. Frau und Mann sprechen nicht dieselbe Sprache oder älterer Mann wird zum Retter von junger Frau - sind im Buch zahlreich eingestreut. Der allmählich sich aufbauende Spannungsbogen wird durch die Ahnung einer möglichen Wendung am Ende des Buches erzeugt. Leider wird aus dieser erhofften Wendung eine laue Biegung, die vielleicht manchem Leser angenehm ist, aber der zuvor erzeugten Spannung nicht standhält. Und dennoch ist dieses Buch ein Schmöker, den man Sonntag mittags aufschlägt und Sonntag abends fertig gelesen hat. Es gelingt dem Autor eine Vertrautheit mit den Figuren seiner Geschichte aufzubauen, als hätte man selbst June und Barry schon beobachten können oder ihnen eine e-mail geschickt.
Wollte man die Geschichte interpretieren und analysieren, so könnten folgende Sätze entstehen:
Dieses Buch erzählt uns von einer Sinnlichkeit, die hauptsächlich die eigene Berührung sucht. Durch den voyeuristischen Blick des Gegenübers wird die eigene Lust gespiegelt und dadurch um ein Vielfaches gesteigert. Die entblößende vertraute Nähe scheint nur durch die gleichzeitige Distanz der beiden Protagonisten möglich....
Jeder mag seinen eigenen interpretativen Satz hinzufügen, doch es scheint mir, als sage die Geschichte genauso viel aus wie sie erzählt - und nicht mehr. Gute Literatur zum Konsumieren: Kaufen - Lesen - Spaß haben - Vergessen.
i.k. - red / 22. Oktober 2002
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