Alev Lytle Croutier
Palast der Tränen
erschienen im
dtv Premium
14 Euro
ISBN 3-423-24325-1
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Man könnte die Geschichte vielleicht auch so erzählen: Casimir, Weinbauer des Guts Grange du Souvenir, lebt von Kindheit an in Châteauneuf-du-Pape, ist verheiratet, hat drei Kinder und langweilt sich. Er sehnt sich nach dem Leben, sucht dieses in der Schickeria von Paris, hat eine Geliebte, spielt um Geld und versucht in Büchern und Zeitschriften all das lesend zu erleben, was er in seiner Kindheit versäumt hat. Schicksalshaft öffnet sich eine Tür in dieser Sackgasse der Sinnsuche, die man als midlife crisis bezeichnen könnte, als er sich beim Stöbern in einem orientalischen Laden in das Bildnis einer ‚Odaliske' verliebt. Er geht auf die Suche nach der unbekannten Schönen, deren Augen - eines blau, das andere bernsteinfarben - ihn nicht mehr loslassen. Viele Prüfungen hat er zu bestehen, bis er mit la Poupée den rêve à deux träumen kann. Klingt nach einer realen Begebenheit!?
Aber Alev Croutier hat ihre Geschichte nicht so erzählt. Die tatsächliche reale Begebenheit, die der Erzählung zugrunde liegt, und von der Großmutter der Autorin, die selbst noch in einem Harem aufgewachsen ist, überliefert wurde, ist durch die Einbettung in eine phantastische Welt und durch die Poetisierung dieser Welt verfremdet. Es ist ein orientalisches Märchen entstanden, das im Jahre 1868 spielt und die Verbindung und gleichzeitige Fremdheit von westlicher und östlicher Welt thematisiert. Anders ausgedrückt geht es um die Sehnsucht nach der Verschmelzung und den Reiz des Anderssein. So kann Casimirs schnell entbrannte Liebe durch das vollkommen Andere erklärt werden, was la Poupée symbolisiert. Die Sehnsucht der Verschmelzung spiegelt sich in dem gemeinsam geträumten Traum der Liebenden wider (rêve à deux), der mit dem höchsten Glück assoziiert wird.
Die sehr symbolhafte Erzählung ist durch eine verdichtete poetische Sprache gekennzeichnet. Eine differenzierte Charakterisierung der einzelnen Figuren ist nicht beabsichtigt. Die szenische Darstellung der Geschichte erinnert an Märchendramen, die den Opern wie z.B. der ‚Zauberflöte' oder der ‚Entführung aus dem Serail' von Mozart zugrunde gelegt sind. Der Leser wird informiert, wo er sich befindet, und was mit den einzelnen Personen geschieht. Er wird zum Zuschauen aufgefordert und nicht zur Identifikation oder dem einfühlsamen Mitleiden. Die Dinge passieren eben. Der scheinbare Zufall ist Bestimmung, Schicksal oder Kismet, d.h. durch den Menschen nicht beeinflußbar.
Sich der eigenen Bestimmung hinzugeben, als möglicher Schritt der weiteren Lebensgestaltung, ob dies die Moral dieses Märchens ist, sollte jeder Leser für sich entscheiden.
i.k. - red / 16. Oktober 2002
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