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David Albahari
Götz und Meyer
Roman154 Seiten Preis:
EUR 18,90 (D), EUR 19,50 (A), sFr 34,- ISBN 3-8218-0685-0
Erschienen im Eichborn
Verlag März 2003
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann |
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Es gibt nicht mehr viele von den großen alten Männern, den Imre Kertészs
oder Jorge Semprúns, die als Autoren von Weltruhm ihr ganz spezifisches
Schreiben dem Umstand zu verdanken haben, daß sie Hitlers
Tötungsmaschinerie entkamen. Einer dieser alten Männer, der Jugoslawe
Aleksandar Tišma aus Novi Sad, in dessen Person sich serbische,
ungarische, deutsche und vor allem jüdische Traditionen bündeln, ist
kürzlich gestorben. Auch er einer von weltweiter Bedeutung für die
Literatur, hinterläßt sein Tod doch eine gewisse Ratlosigkeit. Man
könnte sagen: Tišma ist tot, Jugoslawien am Ende - was bleibt von der
Literaturlandschaft im Herzen des Balkan noch übrig?
Nun, die serbische Literatur ist keinesfalls tot, wie Jovica Lukovic
gezeigt hat (siehe seinen Essay "Die
Jahre, die die Grashüpfer fressen"), sie ist nur mit sich selbst
befaßt. Darin bildet auch David Albahari in seinem Roman Götz und
Meyer keine Ausnahme, der kürzlich im Frankfurter Eichborn Verlag
auf Deutsch erschienen ist. Zwar entzog sich 1994 dem literarischen
Burgfrieden seines zerbrechenden Heimatlandes durch den Gang ins
kanadische Exil in Calgary, sein Schreiben bleibt aber auf sein
Herkunftsland Serbien bezogen. Und es ist diese Thematik der Herkunft
aus einem Land, dessen jüdische Bewohner während der deutschen
Besetzung im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden, die Albahari, Jude
und Nachkriegskind, in der Geschichte von den beiden SS-Männern Götz
und Meyer ad absurdum führt.
Erzählt wird die Geschichte von den etwa 5000 Belgrader Juden, die
im April und Mai des Jahres 1942 nach und nach mit einem Gaslastwagen
vom Lager auf dem Belgrader Messegelände in den sicheren Tod gefahren
wurden. Frauen, Kinder und Greise - sämtliche jüdischen Männer waren
bereits im Jahr zuvor von der Wehrmacht umgebracht worden - stiegen
vor allem deswegen in den klobigen grauen Saurer-LKW, weil sie hofften,
das fensterlose Vehikel in einem anderen, paradiesischen Land
verlassen zu können. Stattdessen warteten "fünf, oder sieben
serbische Gefangene" im nahegelegenen Jajinci, die die am Kohlenmonoxid
der umgelenkten Auspuffgase im Fahrgastraum erstickten Leiber ausladen
und verscharren mußten. Die Fahrer dieses Wagens hießen Wilhelm Götz
und Erwin Meyer.
Sie sind die Bezugspersonen für den Erzähler der Geschichte,
einen namenlosen Belgrader Lehrer der serbokroatischen Literatur,
dessen Verwandte sich unter den 5000 toten Frauen, Kindern und Greisen
befanden. Um kompensieren zu können, daß mit seinen Verwandten auch
seine eigene Vergangenheit im Gaslastwagen starb, beginnt er Dokumente
und Informationen herbeizuschaffen, die die Geschehnisse des Jahres
1942 minutiös nachzeichnen. Und wenn auch, wie der Autor im Nachwort
vermerkt, nicht alles ganz genau den Fakten entspricht, so ist die
Ausweglosigkeit und Perfidie, die "kristallklare und messerscharfe
Logik", die dahintersteckt, doch unhintergehbar.
Zunächst zwei äußerliche Besonderheiten. Das ganze Buch ist, bis
auf zwei Ausnahmen, ohne einen Absatz verfaßt. Man fühlt sich ein
wenig an Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe erinnert. Doch
anders als bei den pausenlosen Tiraden von Bernhards Ich-Erzähler
basiert Götz und Meyer auf einer unendlichen, um die beiden SS-Männer
kreisenden Reflexion, die Ansprache, Selbstvergewisserung, irrwitzige
Kontaktaufnahme zu zwei geschichtslosen Wesen ist, die den Erzähler
immer häufiger in seinen Träumen und Vorstellungen heimsuchen, von
denen er aber kaum mehr weiß als ihre Namen. Am Ende stehen sogar drei
Schnapsgläser bereit, um die SS-Männer zu bewirten.
Die zweite Besonderheit: Der Roman kommt fast ohne Anführungszeichen
aus. Sie finden sich nur dort, wo die schnöde Mechanik des Todes mit
der Sprache zugedeckt werden soll. Worte wie "Verlegung" und "Bearbeitung"
hatten im Neusprech der Nazi-Bürokratie eine ganz bestimmte Bedeutung,
sie stehen für das Andere, über das man nicht spricht. Götz' und
Meyers tägliches Ziel ist daher auch nicht Jajinci, sondern eben "dieser
Ort" - es ist die authentische Furcht vor dem Ausmaß des angerichteten
menschlichen Unheils, die Albahari in Anführungen setzt.
Doch scheint die Wahrheit natürlich durch. Im LKW sind die beiden
SS-Männer nur durch eine dünne Wand von Giftgas und Tod getrennt.
Das Geschrei der Erstickenden können sie hören, sie ertragen es am
Ende durch routinierte Gelassenheit. Insofern symbolisiert die dünne
Wand des Saurer-LKWs die saubere Trennung zwischen den Welten der
Täter und der Opfer genauso wie die Anführungszeichen.
Der Erzähler, der aus seiner Verzweiflung darüber, daß er beide
Perspektiven kennt und aushalten muß, keinen Hehl macht, lebt ebenfalls
in parallelen Welten. Aus seinem von Beruf und Alltag bestimmten
Leben erfahren wir manche Details über die Schule und die labile
Gesundheit des Fünfzigjährigen. Er schlüpft in die Rollen seiner toten
Verwandten, über die er emsig Namen, Lebensdaten und Archivmaterial
zusammenträgt, um am Ende vor einem "Stammbaum ohne Krone" zu stehen.
Nicht zuletzt lebt der namenlose Belgrader Lehrer in der
"zweiköpfigen" Welt von Götz und Meyer. "Bei solchen Paaren", so
heißt es gleich zu Beginn, "ist gewöhnlich der eine groß und der
andere klein". Da sie als SS-Männer aber eine bestimmte Normgröße
haben mußten, werden vor allem unterschiedliche Charaktere gezeichnet.
Dem prinzipientreuen Einzelgänger steht der romantisch veranlagte
Familienvater zur Seite, der auch den Lagerkindern Bonbons schenkt.
Sie sind jedoch austauschbar: "Götz, oder Meyer", "Meyer, oder
vielleicht Götz" - es ist diese wahnhafte Beliebigkeit, die der
Erzählung einen Teil ihrer Kraft verleiht.
In einem Roman von gerade mal 154 Druckseiten ist erstaunlich
oft von "Geschichte" und "Historie" die Rede. Es ist Albaharis großes
Thema - der Konflikt des Individuums mit den Geschichtsgewalten.
"In der Historie kann niemand niemandem helfen", sagt eine Frau im
jüdischen Museum zu unserem Erzähler. Und dieser rennt gegen die
schlichte Wahrheit immer wieder an. Selbst Adam, eine Figur, die der
Lehrer für seine Schüler erfindet, um ihnen das Schicksal der
Belgrader Juden vor Augen zu führen, entkommt der lakonischen
Sinnlosigkeit des Geschichtsverlaufs nicht: die Gasmaske, die ihn
vor den Auspuffgasen rettet, schützt ihn nicht vor der anschließenden
Erschießung.
Es ist müßig, über die autobiographischen Züge eines Romans zu
spekulieren, der seinen Helden - einen Generationsgenossen des 1948
geborenen Autors - eine Gradwanderung unternehmen läßt zwischen
historischen Tatsachen und freier Erzählkunst. Iris Radisch hat erst
kürzlich in der ZEIT an Albaharis Erzählstil zu zeigen versucht,
was den Unterschied ausmacht zwischen der europäischen Tradition, das
Unsagbare zu sagen, und der nordamerikanischen Fabulierkunst eines
Jonathan Safran Foer, der in Alles ist erleuchtet mit seinem
eigenen jüdischen Erbe nach höchst unterhaltsamem Gusto verfährt.
Wenn es so etwas wie autobiographische Fiktion gibt, ist David
Albahari sicherlich einer ihrer Hauptvertreter. Darin steht der Autor
auch dem Franzosen Georges Perec wesentlich näher als seinem Landsmann
Tišma. Perec, Sohn polnisch-jüdischer Immigranten, unternahm in W
oder die Kindheitserinnerung den Versuch, sich anhand von alten
Fotografien seine frühe Kindheit in Erinnerung zu rufen, die er im
besetzten Frankreich im Versteck vor der Verfolgung durch die Nazis
verlebte. Auch Albaharis Erzähler konnte im übrigen nur überleben, weil sich
seine Mutter mit ihm während der Besatzung in einem Bergdorf
versteckt hielt.
Das Wort "Fiktion" klingt aber deshalb unangemessen, weil es in
Götz und Meyer eben um Selbstfindung geht. "Ich wollte dahinterkommen,
wer und was ich bin und woher ich komme, aber je mehr ich mich näherte,
desto ferner war ich." Der Ich-Erzähler findet im letzten Drittel des
Romans nur dadurch mit Mühe aus seinem selbstgestrickten
Erinnerungswirrwarr heraus, daß er bei einem Schulausflug zum
Messegelände die Schüler dazu zwingt, in die Rollen seiner toten
Verwandten zu schlüpfen. Das nervenzehrende Rollenspiel treibt ihm
Tränen der Rührung in die Augen: "Wo auch immer, ich befand mich unter
meinen Verwandten."
Nicht alles an Albaharis Roman ist geglückt. Daß der Erzähler
unbedingt Lehrer sein muß und den verlorenen Ort seiner familiären
Erinnerung erst durch seine Schüler wiederfindet, wirkt auf den ersten
Blick allzu schematisch. Andererseits: welcher Beruf ist besser dazu
geeignet, mühsam rekonstruierte Erinnerung in den nachrückenden
Generationen wachzuhalten? "Eine Seele, die sich erinnert, kann nicht
verlorengehen", lautet das Kredo des Lehrers.
Albaharis großes Verdienst in Götz und Meyer ist es,
Vergangenheit und Phantasie in einer Parabel von grausam schöner
Schlichtheit versöhnt zu haben. Es ist eben nicht nur ein weiteres
Bändchen im Regal der Holocaust-Literatur. Die talmudisch kreisenden
Bekenntnisse des Belgrader Lehrers lenken auch zurück zu einem alten,
heute eher verkannten Grundprinzip mündlichen Erzählens: seinen
Zuhörern unangenehme Wahrheiten sprachlich wohlverpackt mit auf den
Weg zu geben.
Im Sinne Jovica Lukovics bleibt daher zu hoffen, daß sich auch
Albaharis Schriftstellerkollegen nach der nationalen Nabelschau wieder
auf den überwachsenen Weg universal
gültigen Schreibens begeben, den der Autor von Götz und Meyer
der serbischen Literatur so virtuos geebnet hat.
p.w./red., 4. Juli 2003
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