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Rezension


Kathrin Aehnlich:
ALLE STERBEN, AUCH DIE LÖFFELSTÖRE

2007 Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg

Roman

Große einfältige Kinderaugen

Hallo Kathrin,

kennst mich noch? Ihr (Ziemer, Jackisch, Köhler, du) wart die, um deren Gruppensinn ich euch so sehr beneidete - ich (rechts von dir und zwischen Grit und Roza eingeklemmt) war Sonderling des hufeisigen Kreises, der dem's vor der Gruppe graute, der sich vor den Vielen fürchtete: der Außenseiter schlechterdings. Ich wusste nie, wie ihr über mich denkt. Ich war die Zeit so sehr mit mir und meinem Coming Out - mehr einem Coming In - beschäftigt, dass ich es nicht mitbekommen hätte; alles kam so spät mit mir, ich war und bin ein Spätentwickler; und ich dachte damals, als dann Schernikau noch zu uns stieß, dem könnte ich mich anvertrauen, dem mein damaliges Leid erklären; er ist auch schon tot (wie Jackisch), erst paar Monate nach unserm dreijährigen Studium ließ ich mich mit ihm mal ein, und es war reine Neugier, und ich wollte einmal mit ihm schlafen, einmal wenigstens, und tat's. Ich habe seine Haut in der Erinnerung.
Nein, du, ich wollte gar nicht drüber reden, und es kam mir das auch unterschwellig ins Bewusstsein, fiel mir alles halt so ein; es hat ja auch rein nix mit dir und mir zu tun, ich wollte mir bloß über diese Zeit 'ne sinnliche Gewissheit rückbeschaffen; es gelingt zwar, aber es gelingt doch schwer.

Zwei Schreib- und Lesestile aus dem damaligen Hufeisen - wir warn ein Dutzend oder so - prägten sich mir dann ein: Gudula Ziemer's (schreibt sie noch? schreibt sie vielleicht jetzt unterm Pseudonym??) - und deiner. Bei der einen wars die schonungslose Radikalität ihrer Geschichten, die mich bis ins Mark erschütterte und meine eigne Stoff- und Themenwahl bis heute unverstecklichst prägen sollte - und bei dir war es die inhärent gefühlte/nachgefühlte Leichtsinnskomponente, die deinen Geschichten allzu eigen war und ist: sehr tiefhumorig und enttrauerlicht.
Jetzt stürze ich, per Zufall, über 'nen Roman von dir; ich arbeite ja "nebenbei" als Buchhändler. Und wie ich letzten Samstag etwas Ordnung auf den Tischen mit den Novitäten bringen will - ich schau schon lange nicht mehr auf die Titel; es liegt so viel Schrott und Müll zum Kaufen aus, dass man sich, wenn man nicht das allgemeine Kotzen kriegen will, einfach mit blindheitlicher Ignoranz dagegen wappnen muss - springt mir dein Name auf dem lustigbunten Cover mitten ins Gesicht:

Das Buch hat Arche (eine gute Wahl für dich!) herausgebracht, es fühlt sich leicht und handlich an, der Klappentext macht zwar was fade neugierig auf das was drinnen stehen könnte, doch das Foto hinten - ja! sofort dann gleich erkannt!! genau, das ist sie: Kathrin Aehnlich !!! - war für mich der ausschlaggebende Moment; ich fing deinen Roman noch in der S-Bahn an zu lesen, und soeben, Sonntagmittag, habe ich's geschafft, bin also durch mit ihm:
ALLE STERBEN, AUCH DIE LÖFFELSTÖRE - wunderbar! Wie bist du nur auf dieses Titelchen gekommen? (In der forschen Grapschehektik las ich erst statt Löffelstöre - "Löffelstörche", und ich suchte mich zuvor kaputt im Lexikon...)

In deinem Buch geht es um nichts Banaleres als die verheiternden als wie verheerenden Beschreibungen von Leben / Tod. (Rothbauer - du erinnerst dich - hatte mir mal gesagt, dass alles Literarische an diesem einen und wohl einzigen Thema gemessen werden müsste; und wer dieses Wechselbad nicht packt, wäre dann auch kein "echter" Literat.) Du hast's gepackt. Ja und es hatte mich auch gar nicht überrascht:

Skarlet & Paul sind deine beiden Hauptgestalten. Sie (natürlich du) und er (am Anfang dachte ich, es wäre Jackisch - doch ich kenne die Zusammenhänge nicht; jetzt lass mich also trotzdem in dem Glauben) kennen sich seit ihren Kindergartentagen. Eine Art von DDR-Traumpaar. Dabei, nichts Sexuelles mit im Spiel. Halt Freunde, lebenslange Freunde... bis der eine von den beiden, Paul, an Krebs verstirbt; er schreibt der Freundin zu Beginn deiner Geschichte einen Brief, in dem er sie um eine schöne Grabrede für sich ersucht. Das macht sie freilich dann am Schluss. Und zwischen Seite 7 und Seite 249 ist die ganze DDR auf eine beiläufige unverkrampfte Weise dargestellt, dass sich der Rezipient in Ost wie West nur wundern wird, wie unerklärlich-unbeschwert und dreistenst komisch dieses durchgelebte Leben dann in diesem heimatlichen Staat gewesen war; so habe ich es nie zuvor gelesen, und so wird es keine Wiederholung geben.
Kannst nur du so.

Lachen, Weinen... Weinen, Lachen: Das sind wohl die nässigenden Randerscheinungen, worauf sich Leser dieser sonnenblumigen Geschichte - es ist eine Liebesgeschichte, und was für eine!! - einzustellen haben werden.

Und ein Buch, das man im Nu verschlingt. Es macht sehr froh.

Sobald du in Berlin sein wirst, um aus den LÖFFELSTÖREN vorzulesen, gib mir bitte rechtzeitig Bescheid. Ich will, dass du mir in mein Exemplar was Schönes rein schreibst,

herzlich grüßt!


Andre


7. Mai 2007
ID 3191
www.andre-sokolowski.de



Kathrin Aehnlich, geb. 1957 in Leipzig, studierte Bauwesen und von 1985-88 am Institut für Literatur "Johannes R. Becher" in Leipzig. Seit 1992 feste freie Mitarbeiterin in der Feature-Redaktion von MDR FIGARO.
Erzählungen, Hörspiele, Hörfunkfeatures und Dokumentarfilme. Lebt in Markkleeberg bei Leipzig. - Foto (C) Christiane Eisler





Kathrin Aehnlich:
Alle sterben, auch die Löffelstöre
Roman
256 Seiten. Gebunden
(C) 2007 Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg
19 EURO
ISBN 978-3-7160-2366-2

Weitere Infos siehe auch: http://www.arche-verlag.com





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