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Rezensionen

Nachlese: "Keine Experimente"?
Der Berliner Open-Mike ging in die 10. Runde - ein kleiner Pressespiegel

Seit 1993 lobt die Berliner LiteraturWerkstatt den inzwischen renommiertesten deutsch(sprachig)en Nachwuchswettbewerb für junge LiteratInnen aus. Auch im 10. Jahr war die Resonanz erwartungsgemäß sehr groß, ebenso das Interesse von Lektoren, Verlagen und Agenten, am Wochenende 9./10. November neue Talente zu entdecken.
Im Unterschied zu den vergangenen Jahren war die Zahl der ausgewählten Einsendungen von 24 auf 18 reduziert worden. Jeder der Ausgewählten hatte 15 Minuten Zeit, sich mit seinem Text dem Publikum und der Jury zu stellen. Die Preisrichter waren in diesem Jahr der Krimi-Autor Josef Haslinger, Birgit Kempker und Ulrike Draesner. Neu war der Austragungsort, die Kulturbrauerei im Herzen des Prenzlauer Bergs.
Wie allerdings kaum in den Jahren zuvor kam es zu Polarisierungen, vor allem das Finale mit den Preisverleihungen rief im Publikum hörbares Erstaunen bis Unwillen hervor. Die Presse reagierte teilweise mit Kritik und Unverständnis: "Offenbar waren die Juroren wild entschlossen, Literatur zu prämieren, die niemandem wehtut. Keine Experimente, so lautet die entmutigende Botschaft." (Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau vom 12.11.)
Auch Richard Kämmerlings meinte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.11.), andere Autoren "hätten viel eher Preise verdient gehabt". Die drei Siegertexte seien "ziemlich risikolos erzählte", "banale Geschichtchen, handwerklich ordentlich gebaut, doch ohne einen wirklich doppelten Boden" (Ingo Arend in "Freitag 47 - Die Ostwest-Wochenzeitung", 15.11.), "gut geschriebene Texte mit etwas zu hohem Kuschelfaktor" (Jörg Plath im Berliner Tagesspiegel vom 12.11.).
Kritik und Renomme des Wettbewerbs scheinen sich gegenseitig hochzuschaukeln. Denn man darf es heute schon als "Durchbruch" interpretieren, wenn eine Einsendung aus über 700 Texten ausgewählt worden ist - schon allein die Einladung zum Open-Mike gilt mittlerweile als Auszeichnung. Schriftstellerinnen wie Kathrin Röggla, Karen Duve, Julia Franck, Zsusza Bank oder Terezia Mora haben hier ihren Anfang gemacht. Vielfach warnte die Presse berechtigt vor zu hohen Erwartungen, dem verbrauchenden Hype und schnellem Erfolg ohne Reife. In Zukunft soll den Wettbewerb ein Workshop begleiten, der die angehenden SchriftstellerInnen in die Tücken des Betriebs einweisen wird - mit Sicherheit eine weise Entscheidung.
Die 18 TeilnehmerInnen-Texte waren kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, auch wenn Ingo Arend anmerkte, die "Jungautoren [hätten] vor allem sich selbst gelesen": Die Ich-Erzählung dominierte, wenn auch formal oder stilistisch gebrochen und reflektiert. Globalisierung, die "Wende" und die New Economy wurden als Problemfelder vermisst. Stattdessen der "Furor der Pubertät" (Arend), der die Nabelschau zum Nabel der Welt aufblase.
Die Gewinnertexte waren nicht unumstritten, wenngleich "Qualität" und Gefallen durchaus nicht ganz objektive Kriterien sind - die Publikumsfavoriten gingen jedoch vielfach leer aus. Kai Weyands Onkelmord-Fantasie "Am Dienstag stürzen die Neubauten ein", die den ersten Platz belegte, fand jedoch auch beim Publikum großen Zuspruch. Auch die Presse würdigte: "Weyand überzeugte mit einem kunstvoll verschachtelten Monolog, dessen Erzähler seine Mordlust am Ende ebenso dementiert wie das gesamte auftretende Personal" (Oliver Heilwagen in der Berliner Zeitung vom 12.11.). Den zweiten Platz machte der Journalist Christian Schünemann, der den Beginn eines Friseur-Krimis vorstellte. Ariane Grundies' Erzählung "Götterspeise", die auf den dritten Platz kam, verstand mancher Kritiker als "Nachhall der verblühten Pop-Literatur": "Ihre Klage über falsche Ohrringe als existenzielles Problem klang ziemlich gestrig." (Heilwagen) a.s. - red / 5. Dezember 2002

 
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© 2002 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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