Ungelesene Nobelpreisträgerin (?) � über Kritik, (Un)lesbarkeit und Sprachkunst in der Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks Werken
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Die Sprache (...) mein einziger Schutz kehrt sich also gegen mich. Vielleicht habe ich ihn überhaupt nur, damit er, indem er vorgibt, mich zu schützen, sich auf mich stürzt. Weil ich im Schreiben Schutz gesucht habe, kehrt sich dieses Unterwegssein, die Sprache, die in der Bewegung, im Sprechen mir ein sicherer Unterstand zu sein schien, gegen mich. Kein Wunder. Ich habe ihr doch sofort mißtraut. Was ist das für eine Tarnung, die dazu da ist, dass man nicht unsichtbar wird, sondern immer deutlicher?�
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Kaum jemand kennt scheinbar ihre Texte, viele kennen nun ihren Namen: �Immer deutlicher� sei sie geworden, obwohl ihr die Sprache doch Tarnung hätte sein sollen, meinte jüngst die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die den Literaturnobelpreis 2004 verliehen bekam, in ihrer Nobelvorlesung mit dem bezeichnenden Titel �Im Abseits�. Gilt die Autorin zwar einerseits als eine der prominentesten literarischen Stimmen der deutschsprachigen Literatur, kam es für die 1946 in Mürzzuschlag, Österreich geborene Autorin insbesondere in ihrem Heimatland immer wieder zu Anlässen, die ein �Abseits� erzeugten: literarisch, gesellschaftlich und politisch.
Vieldiskutiert war die österreichische Autorin von Beginn ihrer schriftstellerischen Biographie an. Bereits 1967, während ihrer Studienzeit, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband (�Lisas Schatten�). Frühe Romane wie �Die Liebhaberinnen� (1975) und Theaterstücke wie �Clara S.�(1982) oder �Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte� (1980) zeigten bereits das gesellschaftskritische Potenzial, das in ihren Texten steckt, wobei hier die Kritik an patriarchalischen und kleinbürgerlichen Strukturen sowie eine generelle Österreichkritik gleichermaßen genannt werden können. Romane wie �Die Ausgesperrten� (1980), �Lust� (1989) und �Gier� (2000) folgten dieser Haltung. Die Kritik innerhalb ihrer Texte brachte ihr wiederum Kritik von Außen ein - die öffentliche Diskussion über ihre Werke sowie über ihre Person ist sicher ein bezeichnendes Merkmal des literarischen Werdegangs der Autorin.
Reagiert hat in Österreich nämlich oft eine Öffentlichkeit, die anscheinend weitgehend den Text nicht kennt und stattdessen eben die Autorin als Privatperson angriff: Neben dem lautstarken Feminismus und Bloßlegung von Pornographie war �Österreichhass� ein Schlagwort, das insbesondere rechtsorientierte Politiker und Teile der populistischen Presse immer wieder ins Feld führten, wenn es um �das Thema Jelinek� ging. Die in der österreichischen Literatur eigentlich traditionsreiche Kritik am und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Land (man denke an Thomas Bernhard) brachte der Autorin von Teilen der Presse und Politik bald den Beinamen �Nestbeschmutzerin� ein; wiederum eine Parallele zu Bernhard, dem das österreichkritische Potenzial in seinen Texten den selben zweifelhaften Beinamen eintrug.
Mit Beschimpfungen von kritischen AutorInnen auf deren Literatur zu reagieren, scheint in Österreich demnach genauso Tradition zu haben, wie das kritische Potenzial dieser Literatur selbst. Thomas Bernhard, dem Autor, der schon früher gesellschaftliche und politische Mißstände in Österreich in seinen Texten behandelte, um nicht zu sagen aufdeckte, verbot zuletzt auf Grund der Reaktion von Teilen der Öffentlichkeit, seine Stücke in Österreich aufzuführen. Bernhard handelte sich nicht nur einen zweifelhaften Ruf in der österreichischen Boulevardpresse ein, sondern er eröffnete auf anderer Ebene einen literaturinternen sowie literaturwissenschaftlichen Diskurs und beeinflusste nachfolgende österreichische SchriftstellerInnen. Man muss jedoch hinzufügen, dass dieser Diskurs, trotz seiner Brisanz für Österreich, über die Grenzen hinaus kaum Relevanz hatte; vielmehr war dieses �Österreichspezifikum� in den Texten mit ein Grund, warum die zeitgenössische österreichische Literatur � natürlich über den Daumen gepeilt - von außerhalb oft als �Regionalliteratur� klassifiziert wurde.
Der Diskurs soll jedoch nicht von der hier besprochenen Autorin wegführen, sondern zu ihr hin: Elfriede Jelinek gelang es nämlich, die engen Grenzen dieser Regionalliteratur zu überwinden und sich auch international zu etablieren. Ihr wohl bekanntester Roman �Die Klavierspielerin� (1983) der auf einem (eventuell) autobiografischen, symbiotischen Mutter-Tochter-Verhältnis basiert, wurde 2001 von Michael Haneke eindrucksvoll verfilmt und verhalf der Autorin wohl maßgeblich zu internationaler Anerkennung.
Doch was ist es, was man � mit dem Versuch, die Beschränkung auf die Auseinandersetzung mit Österreich in ihren Texten zu erweitern - international von der Autorin wahrnimmt? Oder, grob ausgedrückt: Wer liest denn nun eigentlich ihre Texte? Sind es wirklich nur feministisch orientierte Akademikerinnen (in den Vereinigten Staaten wurden zum Beispiel schon mehr als zehn Dissertationen zu Texten von Elfriede Jelinek veröffentlicht, die sich auf Basis feministischer Theorien mit diesen auseinandersetzen) und LiteraturkritikerInnen, die Jelineks Literatur tatsächlich lesen? Oder gibt es eine breite Leseschicht für ihre Texte?
Ein Problem bei dieser Fragestellung ist jedoch vorweg, dass viele Texte der Autorin tatsächlich schwer zugänglich und verständlich, und demnach auch schwer zu übersetzen sind. Sprachexperimente (denen oft auch Ironie und Witz innewohnt), Dekonstruktionen von gewohnten Sprachstrukturen, intertextuelle Bezüge und fehlende Handlungsstränge sind oft Gründe, die genannt werden, wenn es um die (Un)lesbarkeit von Jelineks Texten geht. Ein Musterbeispiel für die genannten Besonderheiten der Literatur von Elfriede Jelinek ist ihr Werk �Die Kinder der Toten� (1995), einem dichten Romangewebe, in dem Österreich, nach Ansicht des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler, als eine Art �postfaschistischer Totenacker�* dargestellt wird. Das Werk wird von einer großen Anzahl von Inhalten, Motiven und Figuren bestimmt, die jedoch keinem Handlungsstrang mehr folgen, sondern sich ständig auflösen und neu verdichten. �Die Kinder der Toten�, von der Autorin selbst als ihr �opus magnum� bezeichnet, blieb nahezu unbeachtet von der populären Presse (österreichweit wie international), fand aber sehr wohl Aufmerksamkeit innerhalb der Literaturwissenschaft. Wendelin Schmidt-Dengler nannte das Werk als Beispiel für die Entwicklungen zeitgenössischer österreichischer Literatur in den Neunziger Jahren � was wiederum die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher und populärer Aufnahme ihrer Werke aufzeigt.
Die Besonderheiten ihrer Sprache, bedingen sie auch noch so sehr Probleme bezüglich einer breiten, also neben der akademischen auch populären Aufnahme ihrer Werke, waren ausschlaggebend dafür, Elfriede Jelinek zur Literaturnobelpreisträgerin zu machen. Wie das Nobel-Komitee mitteilte, bekomme Jelinek den Preis für "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen". Der Jury ging es nicht nur um Inhalte, sondern vorrangig um die ästhetische Komponente in ihren Werken ging - es ist Jelineks Sprachkunst, die ausgezeichnet wird. Bleibt nur zu hoffen, dass es in Zukunft auch vermehrt diese Sprachkunst ist, die Elfriede Jelinek zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen macht. Fußen muss diese Hoffnung auf einer größeren Verbreitung ihrer Texte und hierfür sprechen die Zahlen, die beispielsweise Rowohlt, Verleger von 13 Werken der Autorin in Taschenbuchformat, darunter �Lust�, �Gier� und �Die Klavierspielerin�, angibt. Unmittelbar nach der Auszeichnung gab Rowohlt den Auftrag, sämtliche Taschenbücher nachzudrucken und hat nach einigen Angaben von den 300.000 neu gedruckten Büchern schon 200.000 verkauft.
*Schmidt-Dengler, Wendelin: Literatur in Österreich nach 1990. VO, Universität Wien, WS 2000.
Friederike Schwabel - red /
Januar 2005
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