Publikationsskandale und "Service-Kunst"
Äpfel und Birnen
Was Künstler und Literaten
verbindet. Ein kleines Plädoyer zur Besinnung
|
Äpfel mit Birnen zu vergleichen, das lehrt schon das Sprichwort, ist
unmöglich. Oder besser: es ist schon möglich, denn auf der Ebene der äußerlichen
Ähnlichkeit haben beide etwas miteinander zu tun. Aber es ist nicht gerne gesehen.
Ob Literaten und solche, die darüber befinden, was Literatur sei, Kritiker also
und Feuilletonisten, ob sie alle erklärtermaßen etwas mit den bildenden Künsten
gemein haben wollen, mag offen bleiben. Beispiele für ein Crossover gibt es
jedenfalls genug, und es mag für die Systemik beider künstlerischer "Gattungen"
sprechen, daß die Künstler, die in der einen Profession etabliert sind, in der
anderen eher belächelt werden. Wer könnte schon den Erzähler Grass an seinen
Graphiken messen? Andererseits: was wäre die Kunst von Herta Müller, von der erst
kürzlich ein Essayband beim Carl Hanser Verlag erschienen ist (Der König verneigt
sich und tötet), ohne ihre Zeitungsschnipselcollagen?
Zwei Entwicklungen, die jüngst von aufmerksamen Beobachtern formuliert wurden,
fordern dazu heraus, doch einmal die über Jahrhunderte geronnene Spruchweisheit
der Generationen außer Kraft zu setzen und tatsächlich Äpfel mit Birnen zu
vergleichen - um am Ende zu bemerken, daß die beiden tatsächlich viel mehr
miteinander zu tun haben als allgemein angenommen. (Wobei es, nebenbei gesagt,
nicht darauf ankommt zu identifizieren, was hier Apfel ist und was Birne.)
Die eine Beobachtung stammt von Wolfgang Ullrich, Kunsthistoriker und Publizist
aus München, und steht in der ersten Februarausgabe der ZEIT (Nr. 7, 2004)
zu lesen. Ullrich stellt in seinem Artikel "Nur wer's nicht kann, kann's" eine
neue Beliebigkeit in der Kunst fest. Statt sich in künstlerischer Handfertigkeit
zu üben und sich Maßstäbe für eine charakterlich-qualitative Art des künstlerischen
Schaffens anzueignen, sieht er zeitgenössischen Künstlern dabei zu, wie sie die
Berufe des täglichen Lebens zur Kunst erheben. Ob sie sich nun als Ethnologen oder
Kunsttheoretiker betätigen, eine Bar betreiben oder Fußmassagen anbieten wie
Tobias Rehberger und Marie-Ange Guilleminot bereits 1997 in der Ausstellung
"Skulptur.Projekte in Münster" - um das "Prinzip des Readymade auszubauen", scheint
ihnen jedes Mittel recht.
Eine solche "Service-Kunst" ist nicht wirklich aufregend, ja noch nicht einmal
neu, und Ullrich gibt zurecht zu bedenken, daß das Moment der Überraschung, das
dem zum Kunstprinizp erhobenen Überschreiten der Grenze zum Alltäglichen innewohnt,
selbst noch keine künstlerische Originalität beinhaltet.
"Das Terrain der bildenden Künste hat sich insgesamt ... in eine privilegierte
Spielwiese moderner Hobbykultur verwandelt, wo die Akteure das Gefühl haben, an
keine Grenzen gebunden zu sein und die einzigen Universalisten innerhalb einer Welt
voller Spezialisten sein zu dürfen."
Und weiter heißt es: "In Wirklichkeit jedoch handelt es sich nur um einen
pauschalen Dilettantismus, sodass den Arbeiten, die entstehen, und den Auftritten,
die geboten werden, jene spezielle Form von Faszination oder gar Erotik abgeht,
die nur Professionelles ausstrahlt, das Standards gehorcht und sie gar überbietet."
Im Bereich der Literatur hat das jüngste Gerangel um das Buch "Endstufe" von Thor
Kunkel, das nach einigem Lavieren des Verlags nun nicht bei Rowohlt erscheinen
wird, ein Dilemma offenbart, das den Literaturbereich schon seit einiger Zeit
gefangen hält.
Zunächst: der publizistische Markt ist anders organisiert als der Kunstmarkt, er
gehorcht festeren Regeln, die von Verlagen, Buchhändlern und vor allem von den
Lesern aufgestellt werden. Ein belletristisches Buch braucht keinen besonderen
museal aufgeladenen Raum, um als literarisches Kunstwerk wirken zu können - wenn
diese Begriffe überhaupt noch am Platz sind -, es hat dazu einen Umschlag und
Einband, ein bestimmtes Druckbild und eben seinen Inhalt, den man sich erlesen muß.
Das Dilemma besteht nun auch darin, daß hier versucht wird, die eigene redaktionelle
Säumigkeit mit Zensurmaßnahmen zu kaschieren. Aber das wirkliche Skandalöse, das
Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 2004 ausgemacht
hat, ist, daß der Verlag erst so spät überhaupt bemerkt zu haben scheint, welche
Grenze hier überschritten wird: die zwischen Kunst und Leben nämlich, in diesem
speziellen Fall sogar die zwischen Kunst und historischer Wirklichkeit.
"Das hat Folgen", schreibt Steinfeld, "zuerst für die Literatur. Auf dem Feld, auf
dem Kunst und Leben nicht mehr auseinander zu halten sind, verwandelt sie sich in
ein Trüffelschwein, das den feuchten Boden nach den Knollen des Obszönen durchwühlt.
Mit der literarischen Form hat es nichts im Sinn, es ist ... fest davon überzeugt,
dass der schrillste Realismus die einzige Art des poetischen Ausdrucks und der
spektakuläre Stoff die erste und letzte literarische Kategorie seien."
Immerhin gesteht Steinfeld zu, daß Neugier für andere Bereiche und literarisches
Abenteurertum immer schon zur Schriftstellerei dazu gehört haben, ja man könnte
ergänzen, daß die Überschreitung immer schon eine Grundfunktion für Erneuerung
gewesen ist. Was Steinfeld jedoch bei Thor Kunkel, Maxim Biller und vielen anderen
"Verbotenen" kritisiert, ist die kalte Berechnung, mit der sie zu weit gehen, zu
sehr in ein Leben eintauchen, von dem wir gar nicht wissen wollen und wissen
müssen, wie es eigentlich gewesen ist.
Hier liegt auch der Anknüpfungspunkt für einen echten Äpfel-Birnen-Vergleich.
Dasselbe Verfahren, das in der bildenden Kunst das charakterlich-qualitativ gefaßte
Künstlerische in eine neue lebensweltliche Beliebigkeit drängt, schafft aus der
allgemeinen Langeweile eines gigantischen, stark aufgeblähten Literaturbetriebs
im verblassenden Sternzeichen der Popliteratur heraus das Bedürfnis, mit gutem
Gespür die Grenzen des bloß Literarischen zu sprengen. Dem hat Thor Kunkel im Interview mit der Welt vom 4.Febuar 2004 mit kämpferischem Charisma hinzugefügt:: "Und ich bin ein Autor, der, wenn er glaubt, ein Sachverhalt müsse
deutlich gemacht werden, das in klaren Worten tut."
Man kann an dieser Stelle einwerfen, daß das vom Feuilleton analysierte Problem
ein hausgemachtes Problem der Presse allgemein ist: erst redet man den Skandal
herbei, dann belächelt man altklug, wie die Hahnreie sich gegenseitig beharken,
und trotzdem hat man nur dem guten alten Gesetz gehorcht, daß eine Zeitung eben
nur deshalb erscheint, weil sie erscheint. Damit ist aber das Problem nicht
genannt, und das lautet: Der Kunst wird zu wenig zugetraut - das ist ganz
offensichtlich, wenn man, wie Steinfeld richtig anmerkt, bei den "Skandalbüchern"
der letzten Wochen immer nur mit dem Finger auf den Rowohlt (resp. Suhrkamp resp.
Kiepenheuer & Witsch) Verlag zeigt. Es zeugt eher von mangelnder Bodenhaftung,
wenn der Verlag sozusagen auf den letzten Drücker vor der Macht des Konsumenten
(und der Rechtsanwälte) den Schwanz einzieht.
Aber auch andersherum gewendet, im besten Sinne reflexiv, geht die Rechnung auf:
die Kunst traut sich selbst zu wenig zu, denn sonst käme Ullrich nicht zu einem
solchen Befund. Das Prinzip des Readymade war zu einer Zeit revolutionär, als
Marcel Duchamp mit einem Schlag nicht nur dem historistisch-bourgeoisen Kunstbetrieb
eins auswischen wollte, sondern ein Signum der Moderne, das massengefertigte
Gebrauchsgut, in den auratischen Bereich der Kunst einbezog. Nach dem Ende der
moralischen Herrschaft der Nachkriegsliteratur ist im Zuge der Wende in Europa
der monströs gewordenen Normalität der Moderne der Bereich der sorglosen
Befindlichkeiten entgegengesetzt worden. Das war eine wichtige und verständliche
Reaktion. Aber umso wichtiger ist es nun, nicht nur bei dieser lebensnahen
Beliebigkeit zu verharren, sondern wieder zu experimentieren, sich in ästhetische
Experimente regelrecht zu versteigen, sich selbst künstlerisch ernst zu nehmen,
ohne den Leser, den Betrachter, den vielbemühten Konsumenten und Rezipienten zu
vergessen.
Mögen Äpfel Äpfel und Birnen Birnen bleiben - hauptsache, es macht wieder Spaß,
sie zu essen.
Patrick Wilden, 6. Februar 2004
|
|