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Feuilleton


Street Art Hamburg

Jan P. Schildwächter und Britt Eggers

Junius Verlag
Hamburg 2007


von Inna Goudz

Als Street Art wird eine Kunstform bezeichnet, die ihren Platz im öffentlichen Raum der Großstädte findet. An Hauswänden, Straßenschildern, Bürgersteigen und Laternen finden sich kleine und lebensgroße Fabelwesen, menschliche und Comicfiguren, sowie Slogans, niedergeschriebene rhetorische Fragen, lustige Dialoge und Tags. Jan P. Schildwächter hat diese Werke im Hamburger Stadtbild in den letzten vier Jahren gesammelt und jetzt eine Auswahl als Buch im (Hamburger) Junius Verlag veröffentlicht. In den drei Kapiteln werden neben einigen Techniken vor allem Hamburger Street Art Künstler anhand ihrer Werke vorgestellt. Ähnlich dem Alice-im-Wunderland-Prinzip öffnet sich im gewohnten, alltäglichen Trott der Stadt eine neue Welt. Ist das Auge für die kleinen Aufkleber und Kacheln erst einmal geschärft, wird der Stadtbewohner zum Dauerbesucher einer sich immer wieder verändernden Ausstellung. Die Stadt wird zum Bildträger, mit dem die Werke fest verbunden, in ihn hineingearbeitet sind. „[...] jeder Gang zum Supermarkt [ist] ein Gang durch eine Galerie“ schreibt Jan P. Schildwächter im Vorwort des frisch erschienenen Buches „Street Art Hamburg“. Aber nicht nur das, dieser Spaziergang wird zu einer Momentaufnahme, da man genau weiß, dass die Werke nicht für einen festen Zeitrahmen an ihrem Ausstellungsort zu finden sein werden. Die ausgestellten Kunstwerke selbst sind nämlich nicht von Dauer. Eine kreative, dynamische Schaffenskraft wird durch eine banale und kompromisslose Einrichtung wie die Stadtreinigung zu Fall gebracht. Einwegkunst für eine Wegwerfgesellschaft sozusagen.




In den letzten zehn Jahren entstand eine regelrechte Szene der Street Art Künstler, die in vielen deutschen Städten aktiv ist. Dank des Internets sind sie auch weltweit mit einander verbunden. Die Künstler bedienen sich unterschiedlicher Methoden, die der Autor im ersten Kapitel vorstellt. Einige Techniken wie die Stencils – Schablonenkunst, bei der mit Hilfe einer Schablone und Sprühfarbe Bilder erzeugt werden - existieren bereits seit den 80er Jahren. Auch Graffiti zählen eher zu den älteren Varianten dieser Kunstrichtung. Hier kommen einige mehr hinzu. Die Werke werden oft in aufwendiger Arbeit vorbereitet und hergestellt und erst nachher auf dem vorgesehenen Bildträger angebracht. So entstehen z. B. die so genannten Cut Outs, die auf Papier gedruckte oder gezeichnete Figuren oder Sprüche tragen. Diese werden ausgeschnitten und an einem mehr oder minder beliebigen Ort im Stadtbild angebracht. Eine andere bemerkenswerte Methode ist die der Kacheln. Dabei handelt es sich um auf bunte Kacheln angebrachte Stencils, Cut Outs oder Sticker, die im öffentlichen Raum verteilt, auf Fassaden angebracht werden.




Street Art ist eine stark lebendige Subkultur, die sich als kunstschaffend versteht und demnach stets immer mehr ausgefeilte Techniken und neue Beschäftigungsfelder entwickelt. Eher selten sind die Aussagen politischer oder explizit sozialkritischer Natur. Das Ziel der Street Art ist es, den Betrachter auf seine Umwelt aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Nicht zuletzt durch die Aufforderung des Betrachters nach den jeweiligen Bildchen und Tags Ausschau zu halten. Der Betrachter erkennt darin die Dynamik der Stadt. Wir müssen ständig Ausschau halten, mal nach den Schnäppchen in dem besagten Supermarkt, mal nach Menschen, die wir kennen, mal nach dem Taxi und der gesuchten Straße. Die Dynamik findet sich außerdem in der Darstellungsweise selbst. Die Figuren und Gegenstände sind plastisch und bewegt, oft in direkter Aktion gezeigt. Eine direkte Aktion erfordern auch die Päckchen-Aufkleber. Die in jeder Postfiliale ausliegenden Aufkleber für den Päckchenversand liefern hier die nötige Darstellungsfläche und Klebeseite, um das perfekte Street Art Utensil zu sein. Auf diese Weise lassen sich Tags und Stencils leicht anfertigen und an jeder beliebigen Oberfläche befestigen.
Das zweite Kapitel des Buches stellt einige Hamburger Künstler vor. Einen sehr kreativen Umgang mit alltäglichen Gegenständen des öffentlichen Raums beweist „Chimäre“. Durch ausgeschnittene Augen, Nasen und Münder, bekommen Rohre, Baumstümpfe und Geländer menschliche Gesichter. Andere setzen verstärkt auf einen Weidererkennungswert. „Los Piratos“ bedienen sich unterschiedlicher Techniken, um Fotos, Zeichnungen und Stencils mit Piratenmotiven in der Stadt zu verteilen. „Funk25“ greift die Dynamik der Stadt auf, indem er die Verbindung zwischen Mensch und Technologie beleuchtet. Sein Motiv ist der Mensch und sein Fahrrad. Fahrräder unterschiedlichster Art, die dazugehörigen Besitzer sowie zwischendurch eine gewisse sozialistische Plakatästhetik propagieren „Mouvement“. Auf eine biographische Darstellung wird aus mehreren Gründen verzichtet. In erster Linie sind die Künstler auf eine Anonymität angewiesen, da Street Art in vielen Fällen als Sachbeschädigung und damit als Straftat angesehen wird, und die Künstler strafrechtlich verfolgt werden können. Vom künstlerischen Blickwinkel aus gesehen viel wichtiger ist jedoch, dass der Autor damit dem Gedanken des autonomen Kunstwerks gerecht wird. Das Werk gehört sich selbst und hat eine eigene Aussage, mit der der Betrachter sich auseinandersetzt. Der Künstler als Person tritt in diesem Zusammenhang in den Hintergrund. Damit wird die Stadt selbst zur Künstlerin – zumindest zur Mittäterin -, die sich der Fähigkeiten der jeweiligen Künstler bedient. Das erklärt die fehlende Angst der Künstler vor der Vergänglichkeit ihrer Werke. Trotz offensichtlichem Aufwand und bei einigen Techniken der damit verbundenen finanziellen Belastung entlassen sie ihre Bilder in die Welt, ohne jemals damit Geld verdienen zu können, eher im Gegenteil. Diese Einstellung widerspricht einem der Grundsätze der Kunst, das daran festklammert, ein Kunstwerk sei ein Unikat, das angemessenen Umgang erfordert. Dazu gehören ein würdiger Ausstellungsort und strikte Unantastbarkeit, die nicht zuletzt den Preis des Werkes mitbestimmen. Street Art ist damit antikommerziell. Erst wenn die Werke den öffentlichen Raum verlassen und auf konventionelle, mobile Bildträger wie Lein- oder Papierwände umsteigen, kann ein Künstler mit ihnen Gewinn machen. Aber ohne die Stadt als „Trägerin“ verlieren die Werke an Ausdruckskraft und müssen stark an Aussage und Innovation einbüßen. Abgesehen davon, dass die Künstler sich in die lange Schlange der „Mainstream-Künstler“ einreihen müssen.




Das letzte Kapitel stellt ein Sammelsurium an Fotos der Kunstwerke, ohne diese bestimmten Künstlern zuzuordnen, dar. Darin wird nochmals die unermessliche Vielfalt der Techniken, Motive und Aussagen vor Augen geführt.
Mit „Street Art Hamburg“ ist Jan P. Schildwächter und Britt Eggers ein Ausstellungskatalog gelungen, der auf Erläuterungen und Beschreibungen gekonnt verzichtet. Wer mehr über die einzelnen Techniken und Künstler erfahren möchte, ist hier falsch. Wer die Kunst als solche kennen lernen und genießen, einen Blick auf die damit zusammenhängende Erhabenheit einer Stadtkultur riskieren und vor allem neue Sicht- und Denkweisen – zumindest auf das Stadtbild - erlangen möchte, sollte mit dieser Zusammenstellung beginnen. Denn mit dem Text eines Päckchen-Aufklebers gesprochen „Blinde Passagiere können sehen!“.


Inna Goudz - red / 22. Oktober 2007
ID 00000003492
Streetart Hamburg
Eggers, Britt
Schildwächter, Jan Peter

176 Seiten
15 x 22,5 cm,

19.90 €
ISBN 978-3-88506-582-1
Junius Verlag
Hamburg 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.streetarthamburg.de





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