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Feuilleton


Berlin, 1. Juni - 16. Juli 2006

Sonambiente

festival für hören und sehen

klang kunst sound art.

Das Wort und sein Eingriff oder
warum Kunst ohne Gewalt nur denkbar bleibt

Nachbetrachtungen eines Blinden zu sonambiente 2006
Zu Werken von Klara Schilliger und Valerian Maly, Julian Rosefeldt, son:da, Lara Stanic, Oliver Bokan, Stefan Zintel, Denise Ritter und Ulrich Eller

Zerstreutes Getrippel zu einem Haufen geschoben, eine Holzfläche in seiner Bewegung vorgestellt bevor der Fleck auseinanderstiebt um für kurze Zeit sie ganz einzunehmen darin scheiternd: zu wenige Füße, zu groß die Kraft, die sie wieder zusammenzieht zum anfänglichen Haufen…
Das Trippeln zu Schritten verlangsamt und schließlich zu Schreiten, löchrig genug diese Bewegungen, um leises Knistern und Streifen dazwischen hörbar werden zu lassen – die Ent-wicklung einer Frau aus Ballen von Seide, einem Kokon, dessen sie, trotz unablässigen Mühens bis zum Ende nicht wird sich entledigen…
Worte bildlos ins Gehörte sich schiebend und Worte dies noch - ausgesprochen oder unausgesprochen - so körperlich verwebt, dass Anwesenheit in Figur unterstellbar: Mensch, Geschlecht, Bewegung… Erzählungen und wieder aus Bildern nur wie dem, dass da jetzt einer mit verbundenen Augen hereingeführt und dass der ein Mikrophon bei sich trägt wie ein Instrument, mittels dessen er sprachlos abgeschiedene Hörräume ausschneidet…
Was geschieht einem Körper, dessen Bild einer Haut gleich abgestreift? Was ist Hören, Tasten, Riechen Halt, wenn in keinem Bild mehr sie versichert? Stürzt alles Gegen-ständliche oder was von ihm wahrgenommen nicht immer und auf einmal in einen Körper ein, den kein Bild mehr zum Anwesenden in Entfernung bringt? So, oder so ähnlich könnten Fragen aus der Körpererfahrung eines Blinden an künstlerische Experimente am eigenen Leib – Auswürfen des „Theaterberserkers“ Artaud nachspürend – herangetragen werden, die mit Aufkommen von Performance als Kunstform oder deren Vorläufern in Fluxus und Wiener Aktionismus überhaupt erst stellbar wurden.
Im Folgenden soll, ausgehend von einem Performanceabend im Haus der Berliner Festspiele zu Beginn von sonambiente 2006 versucht werden, sich der Vielschichtigkeit aktueller Arbeiten im Bereich Klangkunst, Videoinstallation und Performance aus dem Hören eines Blinden heraus anzunähern, obige Fragestellungen dabei als subversives Raunen immer im Hintergrund. Denn Hören eines Blinden fasst sprachlich ja nicht allein den spezifischen Wahrnehmungsvorgang eines blinden Menschen, sondern auch das, was von ihm zu hören wenn er hört, was er von sich in seinen Bewegungen, die zum Hören notwendig, im Hören hört; im Bild freilich beides trennbar, vom Blinden als Wort wieder nur zu hören, so dass unser Ansatzpunkt, kaum dass wir ihn betreten, er sich sogleich entzieht, nicht allerdings ohne Spuren zu hinterlassen…Performance mit der ihr eigenen Hinterfragung der Beziehungen von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem, überhaupt von Subjekt und Objekt und Ver-gegeständlichung erscheint geeignet zu Beginn unseres Textes, diesen im leeren Raum verteilten Spuren nachzustellen, und vielleicht dabei sogar zu bemerken, dass wir sie selbst nachstellen, ohne dabei jedoch über ein Vor-bild zu verfügen.

Die Trennung des Hörens vom Sehen
Ein Wort Anwesenheit unterstellend, die dem Blinden zugesprochen, jetzt von einer, die von Handlungen auf einer Bühne berichtet, ihm dabei mitteilend, dass sie neben ihm sitzt, ohne das freilich zu tun; sitzen, das schon, greift hinüber, Teil ihres Körpers, ohne dass das freilich jemals mit Bestimmtheit zu sagen… Zurück aber zum Wort, zu Worten, die noch immer in Gehörtes eingreifen, es ausgesprochen verdecken, Worte aus Bildern, sie haltend und, wo zu sehen, wohl auch umgekehrt: immer aber vor Gehörtes gestellt. Vor-stellung einer Wirklichkeit, die für den Blinden nicht existiert, die aber, kaum ausgesprochen, sich sein Hören unterwirft, es in Räume und Figuren sperrt, aus denen nur mit Mühe es wieder herauszuholen; obschon es nichts mit all dem Gesehenen zu tun hat, obschon es eine eigene ganz abgeschlossene Welt hervorbringt und obschon bildlos dem Gesehenen nur geglaubt werden kann und vielleicht auch nur geglaubt wird im irrigen Wahn, alles Verschwinden und Verschwundene könne benannt werden und komme womöglich auf Zuruf zurück…


Julian Rosefeldt The Soundmaker/Trilogy of Failure 2004 Foto: Adel


Über Abdrücke von Gedächtnis und Gedachtem streifend, führen Worte dem Blinden Wirklichkeit auf und verändern zugleich Welt in dem Moment, in welchem sie allein ausgesprochen… How to do things with words umschrieb der Sprachphilosoph John Austin diesen performativen Vorgang: das Aussprechen von Wörtern als Worthandlung, die Welt hervorbringt und verändert, und die weder als Beschreibung noch als Feststellung fassbar. Ein Richter etwa verändert in seinem Urteilsspruch Leben und Welt des Verurteilten kraft ihm von einer herrschenden Klasse übertragenen Macht, gezeitigt allerdings solche Wortwirkmächtigkeit allein in einem hierfür ausgewiesenen Raum, dem Gerichtssaal. Auf die Performance übertragen, von der Teile zu Beginn in unseren Text bereits eingedrungen, wird dem Blinden weniger eine Handlung beschrieben, als dass die Worte der Sehenden in die Wirklichkeit seines Gehörten eingreifen, es vollkommen verändern und eine ganz andere Welt daraus hervorrufen. Das Wenigste also will er sich von Gesehenem im Folgenden erzählen lassen, allein das, was nötig um Gehörtes so weit zu stabilisieren, dass es nicht unter assoziationsgewaberten Phantasmagorien absäuft, dass es in die Lage versetzt aus seiner Eigenbewegung Rhythmus und Wucht weitestgehend akustischer Wirklichkeit zu gewinnen.
Nochmals also zu Seidenschrei, so der Titel der Performance von Klara Schilliger und Valerian Maly im Festspielhaus – ein Häuflein TänzerInnen/SpielerInnen Geschlecht unbedeutet, eine Fläche in ihrem Trippeln fleckweiß´ ausgespritzt… Linien im Schreiten einander zu, gerade auf einmal hörbar ausgetreten um leicht quietschend von träge widerstrebendem Gummi in Rundform gestreift… Diffus herumgesprengt oder ordentlich gepaart, eine Holzfläche von verschiedenen Stellen her immer anwesend gehalten und getrippelte Bewegungsreste punkthaft in ihr… Die Stimme dessen, der mit verbundenen Augen und einem Mikrophon in der Hand hereingeführt, nur durch Lautsprecher außerhalb der Szene hörbar, ganz wo anders sie und doch Rahmen der nicht verstärkten Geräusche, die zwischen ihnen ereignet, von der dezenten Lautsprecherstimme, die aus einem Handbuch zur Theaterkulissenproduktion zitiert, jedoch unverdeckt bleibend… Schweigen, Zerreißen von Stoff unverstärkt mittig und näher als andere Geräusche… Schritte, der Lautsprecherraum geleert für Geräusche von Streifen, von Entkleidung, spitz sie und kalt durch die Verstärkung aus dem Bühnengeschehen geschnitten, gleichsam verdoppelt dabei das, was zu Beginn des Stückes langsam aus Getrippel und Gehen von Füßen sich herausschob, räumlich getrennt, ja isoliert es vom Mikrophon des Blinden, der die Geräusche der Frau, die aus der Seide herauszukommen sucht, aufnimmt, sie ihr abnimmt und in seinen Raum schließt, der zugleich der Raum der Regieanweisung, der Wirklichkeitsproduktion: aus Unwirklichem nicht nur akustische Räume damit voneinander trennend, trennend dabei vor allem das Sehen und das Hören überhaupt.
Im Blick dem Hören Geräusche so zusammengefasst, dass von Handlungen sprechbar, wie der etwa, dass da einer mit verbundenen Augen mit einem Mikrophon vor einer sich aus Seide schälenden Frau steht, bringt dem Akustischen einen, vom Hörsinn niemals erfahrbaren Ursprung bei, lässt ihn diesen, indem von ihm gesprochen erfahren, aber vor allem erfahren, dass er diesen Ursprung niemals erfahren wird. In seiner Verdoppelung zieht das Akustische aus dem Sehen sich heraus, lässt zwar von der Art sich berichten, in welcher der Raum, in den es sich zurückgezogen, erstellt, ein hilfloses Bild des Begehrens dabei zurücklassend: ein Mikrophon an einem mit Seide verhüllten Frauenkörper, eine Grenze, die, so gesehen, überschritten nichts anderes vorfindet als diese Grenze, diesen Wirklichkeitsraum, getrennt von allen anderen Wirklichkeitsräumen, von denen das Sehen genauso wenig weiß wie das Hören von der Quelle des Gehörten.
Seidenschrei, ein Experiment zur Trennung der Sinne voneinander, öffnet eine Ahnung von absolut losgelösten Wirklichkeiten der Sinne, die nichts miteinander gemein, die absolut parallel und lose nebeneinander, sobald kein Bild mehr sie zu ihrer Domestizierung zusammenführt, in Richtung oder Zweck zusammenhält. Hören und Sehen, dergestalt voneinander gebrochen, vermag keine eine Wirklichkeit mehr sich als ihre Aspekte unterzuordnen und wo in solchem Bruche nicht mehr gestützt, stürzt spurlos sie in sich, nicht mehr fähig, den Sinnen die Notwendigkeit ihrer gegenseitigen Versicherung aufzuoktroyieren. In solchem Kunstexperiment am eigenen Leib greift Macht als Subsumierung von Körperteilen unter Einheit und Ganzes ins Leere. Kunst hörte da, wo solche Loslösung voneinander ihr gelänge, auf Wahrnehmung schlicht zu irritieren um irritierte Wahrnehmung – postmodern entspannt – umso produktiver in den Kapitalalltag zu reintegrieren. Kunst begänne an der Perforierung der Sinne ein subversives Potential zu entfalten, das in artaudscher Grausamkeit Leibhaftigkeit einforderte, die nicht mehr konsumierbar, die allerdings auch kein Sponsor mehr bezahlte.


son:da (Metka Golec/Miha Horvat) Situation Nr_817 2006 Foto: Adel


Der Verlust des Erzählten in seiner Erzählung
Schlichte Gesten, keine ausholenden Inhaltsgewichte, einfache Handbewegungen, Aufforderungen zu sonst in Museen Verbotenem – etwa son:das handgeschriebener Zettel am Ende dutzender, im Allianzgebäude am Ostbahnhof ausgelegter Kabelmeter wo neben der Bildröhre eines Monitors zu lesen „Please touch“, gemeint zwei Klinkenstecker, die auf die Röhre zu pressen um sichtbare Wellen in hörbares Rauschen zu übersetzen…Die Verbindung von Hören und Sehen: ein Denk- und Willensakt um den gebeten werden muss, der aber auch unterlassen werden kann… Ein Rauschen an der Schmerzgrenze hervorgerufen in der Performance Composition Nr. 27-a von son:da im Festspielhaus, die ähnlich wie die Installation funktionierte, ein Rauschen Alltagsassoziationsverklebungen ausscheidend, bar alles Sinnengenusses, wohltuend sich auch von ihren Vorgängern, etwa dem legendären Noisesampler Music Should Hurt aus den 90er Jahren unterscheidend, dessen Intro den Hörer ins akustische Bild einer schwulen Sadomaso-Szene taucht, die, so nett sie auch klingen mag, Gewalt der Kunst erneut wieder nur in Bilder von Befriedigbarkeit stopft.
Ob es nun diese Einfachheit oder jenes, auch an diesem Abend nicht selten zu hörende „kenn ich schon“ gewesen, das selbst ja auch schon sehr alt – man denke nur an die Uraufführung von Handkes Publikumsbeschimpfungen vor 40 Jahren, die die Beziehungen zwischen Schauspielern und Publikum thematisierte und die obschon ein nicht gerade altes Thema anpackend einen Zuschauer unter eben diesen Worten die Aufführung verlassen ließ: die Infragestellung der Beziehungen von Werk, Künstler und Zuschauer in der Performance ist mit ihrer Geschichte keineswegs beendet, geschweige denn die Diskussion um die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft… Nachdem kein Beuys mehr bei einer Performance blutig gedroschen, wird wieder ästhetisches Raffinement eingefordert, ehemalige Avantgarde, so sie nicht konsumierbar, einfach vergessen und Skandälchen über vermeintliche Gewalt rund ums Berliner Theatertreffen auf Basis von Mouse-au-chocolat-Scheiße auf der Bühne, künstlich produziert.


Julian Rosefeldt The Soundmaker/Trilogy of Failure 2004 Foto: Adel


Aufräumen… Platzmachen im Sinne Walter Benjamins? Wenn das noch möglich wäre… In seiner Videoinstallation The Soundmaker/Trilogy of Failure bei der er selbst auf drei Leinwänden zu sehen, geht Julian Rosefeldt die Entleerung eines Wohnraumes dergestalt an, dass er dessen Inhalt, wie auf der mittleren Leinwand zu beobachten, zur Wand vor der Wand aufschichtet um in der zweiten Hälfte der Installation in entgegengesetzter Richtung den Raum wieder vollzustellen, während auf den beiden äußeren Leinwänden aus zwei verschiedenen Kameraperspektiven zu sehen, wie die selbe Person die Geräusche des Räumens herstellt: eine nur scheinbar absurde Szenerie… Die vom Katalog behauptete Nähe der Arbeit zum Existenzialismus unter Verweis auf den Sisyphos- Mythos äußerst irreführend, zumal das Absurde in Albert Camus Arbeit zum Mythos des Sisyphos gerade nicht die untergründig strukturalen Züge mit ihrer Infragestellung der Wirklichkeit trägt, die die Installation Rosefeldts durchziehen. Das Absurde gerät dem französischen Philosophen zur Wesenheit. Tatsächlich in jedem Falle und dem Menschen immer entgegengestellt, versichert es ihn andererseits seines (menschlichen) Wesens mit dem er existenziell, den Ruch von Selbstverwirklichung einschleppend, letztlich wenn auch leidlich immer ganz gut bedient bleibt, zumal versehen bereits damals mit dem notorischen Freiheitsgedusel, das, verlogener denn je, heute in keinem Werbespot fehlt.
Rosefeldts Unentrinnbarkeit ist eine andere. Eingerahmt auch hier wie in Seidenschrei die Handlung von ihrem Außen: drei Projektionsflächen blind zu ertasten, den beiden äußeren Tonspuren identischen Geräuschmaterials zu-gehört, die mittlere stumm, die Verdoppelung der Sichtbarkeit aus solchem Bruch heraus tastbar… Unversicherter Denkakt, in Beschriebenem weiter aufgerissen, denn was zu sehen, ist nicht allein eine Handlung, zurückgeführt auf das was Handlung ist: eine Zusammenfassung von Bewegungen in erzähltem Bild, ganz bloß hier und abgeschnitten keine anderen Sinne domestizierend… Zu sehen ist, wie Sehen von einem anderen Sinn dem Hören sichtbar hervorgebracht wird, so als gäbe es da zunächst nur Geräusche, die sich ein Bild in ihrer Mitte suchten, was aber auch anders herum zu sehen möglich… Denn auch dem sichtbar gemachten Hören gelingt es nicht die Herrschaft über den anderen Sinn zu gewinnen: die Verdoppelung des Sichtbaren trennt das Sehen hier von sich selbst. In der mittleren Leinwand räumt einer also ein, auf oder aus, in den beiden äußeren produziert derselbe für diese Handlung die Geräusche. Die beiden Außenprojektionen mit Ton- und Bildspur gleichsam „vollständige“ Filme, alles aber gleichzeitig und somit unentschieden welche Handlung der anderen Zuträgerin, welche Handlung in ihrer Verdoppelung tatsächlich vollzogen, Handlung an sich aber darin verunmöglicht, da sie nicht mehr gleichzeitig optisch, akustisch beobachtbar erscheint, die Sinne getrennt voneinander… Nicht der Handlung folgt der Hörende und auch nicht der Sehende, sondern der Produktion der Handlung… Die Handlung selbst verliert ihre Zweck- und Zielgerichtetheit, ist nur noch Handlung zur Herstellung ihrer selbst und nichts besteht mehr außerhalb von ihr als ihre Produktion. Hierin liegt Rosefeldts Arbeit dem Kern der Performance, wie er oben angedacht sehr nahe, geht doch auch bei ihm Wirklichkeit über die Beschreibung ihrer Erstellung hinaus, die „sinnlichen Wahrnehmungsaspekte“ haben sich verselbstständigt zu eigenen Wirklichkeiten, die gleichzeitig zwar, aber doch absolut getrennt von einander: das Sehen, das Hören, das Tasten… Handeln, Handelnder und Behandeltes nur noch Material, vollkommen austauschbar, so dass der Akt des Zeigens oder der Be-deutung seine Richtung verliert: ist sein Außen doch wieder nichts denn er selbst, das da auf ihn zeigt, eine Selbstreflexivität, eine Verspieglung, die um zu bedeuten, sich immer näher kommen muss, bis sie schließlich vollkommen in sich zusammenstürzt und verschwindet in einer Art schwarzem Loch des Zeichens.
Das Sehen gleichsam vom Bild getrennt, in dessen Verdoppelung, die kein Blick im Schauen verfugt, so dass der Betrachter in keinem Geschehen mehr Halt findet und das stumme Bild unversichert, hilflos nach seiner Erzählung ruft… Während die Verdoppelung des Sichtbaren Handlung im eigentlichen Sinne verschwinden lässt, da nicht mehr zu erkennen, welche Handlung die andere hervorbringt, ihre Gleichzeitigkeit aber den Menschen in gewisser Weise zerreist, fällt die Beobachtung in Beobachtung ihrer selbst zurück, da alles Beobachtete sich seiner Feststellung entzieht, der Beobachtende seine eigene Beobachtung nur noch beobachtet, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Der Blinde allein verbleibt wie ein unschuldiger Idiot, zählt Geräusche auf und ab, verdoppelt oder verschichtet sie zu Kompositionen – Bewegungen einer Parallelwelt, die spätestens an der stummen Leinwand zerbrechen, selbstversonnene Innerlichkeit nicht mehr haltbar, die Linearität der Tonspuren in ihre Bestandteile zerfallend, ohne Zu-spruch vom Blinden nicht zu verräumen. Andererseits vermag das Sichtbare nicht mehr sich Handlung unterzuordnen und der Erzählung entgeht immer das gleichzeitig Andere, das obendrein das Selbe ist und beides letztlich vom anderen her Simulation. Denn was da „hergestellt“, sind ja nicht die Geräusche des Verräumens, diese existieren nicht: es sind Geräusche die in solcher Ähnlichkeit produziert, dass sie mit denen, die dem Aufräumen zudenkbar, austauschbar, verwechselbar und immer an ihrer Statt stehend. Den Schein produzieren und das ganz sichtbar - nicht dass er, dergestalt aufgeklärt, verschwände, stellt die Produktion einer Handlung die Handlung doch immer in gewisser Weise in Frage… Gerade aber wo der Schein verdoppelt und bloßgelegt beginnt er erst so recht zu wuchern, so dass Schein und Sein nichts mehr trennt. Wo der Schein aber verschwindet, verschwindet das Sein gleich mit.

Die Haut die Frau und das verweigerte Bild
Trocken pergamenten geknickt, Geräusch vor seinem Begriff – Arm hier und Textil so steif gestärkt, dass er wie an Knochen lang fährt, wenn´s nicht gar die eigenen, wohltuend sogleich das Geräusch anorganisch verdeckt vom schrillen Gepfeif einander rückkoppelnder Lautsprechermembranen mit denen das Kleidungsstück behängt, das wie eine abgezogene Haut über die geworfen, die in ihr sich regt… Elektronische Metapher von Aufnehmen und Abgeben… Der Schmerz in hohen Frequenzen lauernd, leise genug gehalten zwar immer aber gefährdet diese Haut und noch von der leichtesten Berührung… Lara Stanics Performance Speaking Flute in die sie im Lauf der Arbeit zu flüchten sich sucht… Ungesichertes Entkommen in wellenhaft elastisch gehaltenen Klängen die nicht tragen, das gespielte Werk - hier Johann Sebastian Bach – erst in seiner elektronischen Verschichtung so dicht geknüpft, dass die Spielerin wie in einer zweiten künstlichen Haut in Sicherheit sich wähnen darf, eine künstliche Haut, da die erste ihr doch abgezogen… Vielleicht ganz zufällig die Erinnerung an den Mythos des Marsyas dem von Apoll bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, nachdem er den Gott und dessen Leier zum Musikwettstreit herausgefordert. Schnitt und Schmerz als romantische Kunsturszene bis hin zu Nietzsche und weit hinein in den Symbolismus… Ein Klaffen, Bilder anziehend um mit ihnen sich zu schließen zu verstopfen, sich selbst loszuwerden und erneutes Aufbrechen, weiter das Klaffen denn je, nicht endende Bewegung, nicht enden könnende Verwucherung… Inschrift immer schon verlorenen Ursprungs, Gedächtnis des Verlustes, Verlust des Gedächtnisses, der Anfang eine Narbe einzig von der aus wiederholt und in Gedenken und Ritual vorstellungsdichter Handlungsraum behausbar ausgeschachtet…
Wie anders denn als Befreiung sollte die Hinwendung zur Bild-Schirm-Fläche empfunden werden, hin zu einem Bild das schirmt, das abhält in höchstmöglicher Bild-Auflösung: paradox nur dass auch dem Blinden ohne Bild nichts weiter bleibt denn eine Fläche, die aber nennt sich Haut. Und selbst wenn die letzten Pixel vom Monitor verschwunden, Spuren ihrer Bilder bleiben in die Haut eingeschrieben, auch in die Haut der Sehenden, in denen sie sich verkörpern. Nichts aber davon ist da mehr virtuell.


Oliver Bokan Gespräch unter vier Augen 2005/2006 Foto: Adel


Betreten des Raumes… Atmen geschlitzt aus einem dumpfen Aufschlag… Sein Ort bestimmbar insofern sich ihm zu nähern, er tut es die Hand nach vorne ausgestreckt bis eine Stahlstütze in ihrem Griff… Lauerndes Keuchen vorm Sprung von hinten gehört, der Betrachtung des Geschehens ein Raum darin gegönnt, zweiseitig es, da erst sein Echo gehört… Eine weitere Stahlstütze, Lautsprecherchassis dazwischen und er lässt sich von dieser Art Regal um es herumführen ins Frontale dreidimensionaler Schläge, Schrei und Zertrümmerungen… Holz in seine Resonanzräume splitternd Einstürze stumpf und in Rieseln dahinter etwas zusammensackend und wie zur Antwort schillernd zu Splitterhaufen zerspringendes Anderswo, immer aber streckendurchlaufendem Keuchen oder Atmen folgend, das es vorbereitet, aus dem Wucht ihre Zerstörungskraft schöpft… Laute nur ausgestoßen, vorsprachliches Gezisch und Gewürg, ein Schrei wäre fast Befreiung aus ganz körperlichen Handlungsauswürfen… Die Kehle einzig verbliebenes Organ dabei aber immer deutlichst einem Geschlecht zugeordnet: eine Frau ist es die da kämpft, eine Frau ist es die sich da wehrt gegen etwas, das gegen sie vorgeht: eine Frau ist es, die, gleichsam verdoppelt gegen eine andere Frau vorgeht, ohne dass beide in den von ihnen hervorgestoßenen Kampf-, Wut- und Schmerzesäußerungen voneinander unterscheidbar.
Aber Hören verfügt im Gegensatz zu Sehen nicht über die Selbstsicherheit, die die Voraussetzung, dass ein Sinn getäuscht werden kann. Der Schein gehört dem Auge. Das Ohr hingegen behaust etwas Unsicheres, worin zwischen Sein und Schein nicht zu trennen. Mit solcher Unbestimmtheit spielt Oliver Bokan in seiner Arbeit Gespräch unter vier Augen: ein Stahlregal, Lautsprecher aus denen Wellen in auf ihnen liegende Hände pulsieren - Übersetzung von Geräuschen in nicht mehr übersetzbare Körperlichkeit, dem Gehörten selbst darin nahe, eine nicht mehr zur Artikulation kommende Stimme einer Frau, die keine Sprache mehr aus der Gewalt herauszieht, kein Bild und sei es noch so grausam, entlastet hier mehr von Gehörtem, legt sich über Gewalttätigkeit… Bokans Installation ist gehörte Bildverweigerung zumal das Klangmaterial den Kill Bill Filmen von Quentin Tarantino entnommen und auf deren Gewaltszenen zurückgestutzt, entrissen allem Erzählkontext, aller gründenden Bedeutung: kein Bild garantiert mehr mit seinem Rahmen eine Verkettung von Zeichen zu Worten oder zum Sprechen. Was hier spricht ist Sprache gewordene Gewalt über die kein Wort hinausführt und auch nicht hinein. Einzig ein Geschlecht ist feststellbar in einer Raserei, die seit Euripides´s Bachen ein beliebter Topos sich in Bedrohung fabulierender Männerphantasien… Dann Stille… Wie Erlösung, wohltuend kühl das Stahlregal, die glatten Lautsprecher… Überfallartig erneut plötzlich von ihren Wellen durchstoßen, die das Ohr als Fortsetzung der Gewalt übersetzt… Getastete Wellen in die Haut gepresst, kein Bild hilft aus, trennt den Leib von Geschehen, oder projiziert Geschehenes auf andere… Auch der Sehenden ergeht es nicht anders. Was sie sieht ist die perfekte digitale Produktion akustischer Wirklichkeit, die allerdings keinen in Inhalt oder Geschichte eingebetteten Sinn bereitstellt: denn wer hier warum und womit und wo auf wen einschlägt bleibt in diesem akustischen Kondensat ungegründet und sinnlos, kann weder ein Ende finden noch einen Anfang haben.
Film-Schnitt in höchster Konsequenz: vom Bewegungsbild abgeschnittenes Tonmaterial, aus der Tonspur geschnittenes Geräuschaggregat… Zugleich aber die Selektion unserer Wahrnehmung selbst darstellend, die letztlich, zumal als Gedächtnis, der Tisch eines Cutters an dem immer ein anderer sitzt nur nicht wir und nicht ich: Feststellung immer Verstümmelung… Wahrnehmung zeichenzerstückt und im Eingriff des Wortes nochmals selektiert… Wo dem Wort im Gehörten kein Halt, fällt es über sich selbst her, bis das Denken Verlaufen und Taumel…


Stefan Zintel Raum-Antworteny 2006 Foto: Adel


Die Geräusche im Raum zu ihrem Echo gebrochen und Brüche vervielfacht… Durch diesen Raum hindurch müssen ohne sich, wie Odysseus, die Ohren verstopfen zu können gibt es bildlos doch sonst keinen Weg mehr hinaus. Und der andere Raum…? Nur von einer Decke getrennt das Geschrei, das Gekeuch, aber Stille zumindest für einen Moment… Leere gehört und Weite bis ein Schuss oder Peitschenschlag diesen neuen Raum so dicht füllt, dass er in den Körper einplatzt… Dann auch hier Stille zur Installation Raum-Antworten von Stefan Zinte gehörend… Dialektischer Wahnsinn, Wahnsinn der Dialektik ohne in einer Synthese aufgehoben zu sein… Erneuter Schuss kaum dass der vorherige mit seinem Hall der Haut entwichen und der ganze Raum stülpt sich in das was in ihm sich befindet, schiebt es hinaus: kein Platz mehr in dieser Geräuschwucht auch nicht für Hörende – der Raum braucht sie nicht mehr, ist so voll, dass er sich selbst genügt…
Während uns in der Performance zu Beginn diese Textes das Wort als wirklichkeitsmächtig vorgestellt, erfahren wir es in der Installation von Oliver Bokan in verunsichernder Machtlosigkeit, da das Gesehene, vom dem her es spricht und von dem her es beglaubigt in seinem Beitrag zum Gehörten nichts wiedergibt, was nicht auch hörbar. Wie gewissen Geräusche in Julian Rosefeldts Installation nur hervorgebracht werden können, indem die jeweils spezifische Handlung gleichzeitig vollzogen – das Geräusch von Zigarettendrehen wird vom Soundmaker durch das Drehen von Zigaretten hervorgebracht, durch das Eingießen von einer Flüssigkeit in einem Behälter produziert er als Geräusch das Eingießen einer Flüssigkeit in einem Behälter – ist das Ohr in der Lage die Lautsprecher getrennt wahrzunehmen und zu bestimmen, in welchen Abständen voneinander sie angebracht. Die Getrenntheit des Optischen vom Akustischen wird – geradezu banalisierend – vorausgesetzt, ohne allerdings beide Wahrnehmungsregister erneut einer Wirklichkeit zu unterwerfen, von der das Wort dann nur noch zu sagen hätte, das ist sie!
Weit über Seidenschrei hinausgehend wird da ein akustischer Raum vorgestellt, dessen Verdoppelung ihn gleichsam in sich zurücknimmt, in linearen Wiederholungen alle Innerlichkeit austreibt: da ist keine schöne blinde Welt von Bemächtigung und Verfügbarkeit und schon gar nicht in üblicher Rollenverteilung - Handelnder (männlich) Behandelte/Einverleibte (weiblich). Die Wiedergabemaschinerie stellt sich in ihrem digital perfekten Produkt selbst aus, trennt sichtbar von einem durch keine Geschichte behausbar gemachten Raum, dem, selbst in Perversion genähert, in seinen durch Schnitte der Stille getrennten Wiederholungen keine Befriedung abgerungen werden kann. Schiere Gewalt, in akustischen Zeichen dargestellt… Absolut ohnmächtig sich zu entkommen: in der x-ten Wiederholung des Loop nichts zerstört, nichts vernichtet… Zeichen im Aufstand gegen Bezeichnetes von dem sie sich trennen, es verhöhnen, alle Handlung verhöhnen und zu allererst die Gewalt der Handlung, ihre Wirkmächtigkeit… Zugleich aber kolportiert das Zeichen auch seine Zeichenfunktion, lässt dem Wort als einer seiner Ausformungen nur noch die Möglichkeit etwas aufzuzählen, nichts sagend bleibt es stehen: Stahlregal… Lautsprecher… CD-Player… Raum… Tonspurteile… Tarantino… Bokan…
Allein die Hand bleibt zurück, die Hand und die akustischen Wellen, die und als Erinnerung eingeschrieben immer auch davon sprechen, dass sie jeder Zeit an Intensität zu gewinnen vermögen, alles Körperliche bedrohend, ja zerstörend, und das Wort und sein Bild kämen zu spät…

Fabrik und Gewalt
Beim ersten Unfall dem Vater den Mittelfinger abgerissen, ein andermal ein anderer versteift… Dem Nachbarn am Stapelplatz zwischen zwei ausschwingenden Stahlblöcken den Kopf zerquetscht, der blieb da irgendwie hängen, so dass der Körper, getrennt von ihm, einfach abfiel…


Denise Ritter Flöz Tauentzien 2006 Foto: Adel


Ein Zug, Ostbahnhofnähe, der ganze Raum stahlprofilausgetaktet, ob aus den Lautsprechern vom Boden oder von draußen schwer zu sagen… Deutlich dann Maschinenmotoren, Bearbeitungsgeräusche zu von einander getrennten Sequenzen verschichtet… Schrill ein Pfiff ein Schrei ein Signal vielleicht gehört oder nicht… Einen Zettel Schriftliches vorgelesen bekommen, der hängt draußen:„Aufnahme Walzwerk… Hochofen… Konverter“… Worteingestelltes Gedächtnis unentrinnbar sein Klaffen aufgerissen und auf einmal: Lkw-Transport glühender Schlacke im Akkord über die Rampe hinaus, als man den Fahrer aus dem Führerhaus barg war sein Körper zur Größe einer Katze geschmort. Das steht da freilich an Denise Ritters Arbeit Flöz Tauentzien nicht zu lesen; zu hören aber ist es um so deutlicher für einen, der das schon einmal gehört hat… Eine andere Hütte, ein anderes Walzwerk (Dillingen/Saar) mit Sicherheit aber derselbe Schlachthausfortschritt, dessen akustische Virtualität in Ritters Arbeit Geschichte und Gedächtnis als Willensakt einfordert.
Takt aus Schienen oder von Stanzen Ausgehämmertes, Struktur des Schnittes solchem Ablauf entlehnt und gegen ihn gekehrt… Eine wie aus Metallgehäusen pulsierende Einheit nach der anderen, Lautsprecher Bandstationen gleich ablaufend oder von diesen als Geräuschmontagen einander zugeworfen, kein Fluss und schon gar keiner in Zeit: Vertikalschnitte durch Geräuschpartikel, in die sie zusammengepresst, so dass Zeit nicht mehr in der Lage zu vergehen, ständig und stoßweise wiederkehrend, sich in metallenen Klangtürmen ausstürzend - und dass das doch endlich vorbei sei der Wunsch derer, deren Stimmen zwischendurch zu hören, auch nicht mehr denn Verwertungsschlacke, in Hütte und Bergwerk ausgeschachteter Körper bis die schwarzen Lungen, die Verstümmelungen, die Leichen von Arbeitsunfällen in China oder in Brasilien produziert werden… Stählern hohldrehende Maschinenkontraktionen durch die Lautsprecherreihen getrieben, Aggregat aus rotierendem Kreischen dumpf sich entfernender Stöße wiederholt, zu Gussbottichen tranceartig ausgekreiselt bis es erstickt in Rauschen… Flex- und Bohrgeräusche, die vom Durchtrennten nicht mehr scheidbar, Geschabe darüber, etwas knallt runter, die Tonspur wiederholt es, Aufheulen einer Beschleunigung im Rasen stumpfer Bolzeneinschläge akustisch vergittert zerhackt, gleichbleibend, fast Ruhe…
Geräuschabfälle, kein Weiter hörbar als bleibe Materie, solcher Art verdichtet bei sich, das Gehört von seinem Ursprung abgelöst, reproduzierbar es selbst, wie vormals nur sein verloren gegangener Ursprung: die Reproduktion von Arbeitsabläufen… In Ritters Arbeit bleibt die Zeit bei sich, Geräusche, derer sie sich für ihren Ablauf bedient, vertikal getürmt, wiederholen sich im Loop als immer schon vergangen und zugleich nicht vergehbar… Zeit als endloser Schwebezustand, aus elektronisch reproduzierter Materialität ausgetreten, überlässt worin in Geschichte und Geschichten sie sich einschrieb freizügiger Bemächtigung in dessen Inszenierung… Eine monolitische Macht scheint übrig geblieben, Gewalt allein von ihr ausgehend und dergestalt ins Aufbegehren gegen sie noch eingeschrieben, dass was aufsteht sich nur noch selbst bekämpft. Gewalt wie Michel Foucault sie beschrieben als gleichsam buchstäbliche Inschrift in Körper, muss gelesen werden, subversiv und gewalttätig gelesen werden, nicht aber als ideologisches Nein das seine Utopie ja immer schon vorher gefunden hat, sondern als Ja eines Alles und Alles auf einmal! Der Kunst die Militanz zurückgeben ohne dem Militarismus zu huldigen, wie es der Futurismus getan… Die Wirklichkeit ist zu Ende, dahinter kann keine Ethik, auch keine revolutionäre mehr zurücktreten, ohne konservativ zu werden… Erinnerung die Assoziation verriete… Erinnerung als Überfall von etwas, das so niemals stattgefunden hat, weder unter diesen Geräuschen noch am Ort an dem sie aufgenommen… Hervorgerufen eine Gewalt, die sogleich sucht sich in einen konkreten Mantel zu stecken, in Gestalt zu erscheinen… Aber liegt in diesen Geräuschen nicht einfach nur ein Schnitt unverschließbar der Zeit bei sich fast verzweifelt als Geschehen zu halten trachtet, ohne dass ihm dies freilich in dieser elektronisch produzierten Geräuschmenge gelänge… Die Wirklichkeit fällt von ihr genauso ab wie der Körper andererseits in seinem Gedächtnis Wirklichkeit wiederholt… Die elektronische Produktion und Reproduzierbarkeit ist Darstellung dieses Unfassbar gewordenen, ohne es freilich darstellen zu können. Was bleibt ist der Schmerz ist der Schrei ist etwas, das niemals befriedigbar.
Vielleicht meint Walter Benjamin dies, wenn er in seinen Geschichtsthesen von einem „Begriff einer Gegenwart“ spricht, „die nicht Übergang ist sondern in der die Zeit einsteht und zum Stillstand gekommen ist.“ Die Aufforderung zu einem Hier und Jetzt in sich tragend, das ganz praktisch die Spuren im Körper aufgreift, die Abdrücke in ihm liest und sie im Zorn liest, auf dass die Bilder die sich einstellen Viren werden. Sich aller Konkretion und Geschichte entziehend bleibt das „virtuelle Geräusch“ nichts denn ein Aufprall solcher Art, dass in seiner körperlichen Wahrnehmung einerseits Assoziationsfluchtwege versperrt werden, andererseits ein strukturelles Nachdenken von ihm eingefordert wird und drittens aber, dass es noch in diesem „im Nachhinein“ eine Spur hinterlässt, die an das geschichtslose Gedächtnis des Menschen in seiner Versehrtheit erinnert… Erinnert aber auch an die Gewalttätigkeit der Geschichte und der Macht und gerade da wo letztere sich der Kunst bedient, um hinter Ästhetizismen und Mäzenatentum alte wie neue Formen seiner Ausbeutung zu kaschieren. Fast als Zynismus müssen da die Worte von Joachim Sartorius gelten, mit denen der Leiter der Berliner Festspiele sonambiente 2006 eröffnete, indem er von Klangkunst als „gewaltlose Irritation“ sprach. Bemerkenswert auch, dass eine öffentliche Diskussionsrunde in deren Verlauf über „Akte des Vandalismus gegen Kunst“ – so geschehen bei sonambiente 2006 im Allianzgebäude – nachgedacht wurde, nicht über das Eingeständnis von „Vermittlungsproblemen“ als Ursache hinauskam, wo doch jeder wusste, dass der Versicherungskonzern als Hauptsponsor des Festivals einige Tage vorher angekündigt hatte, 7500 Beschäftigte auf die Straße zu setzen, nachdem sie die Profite erwirtschaftet hatten, die es der Allianz erlaubten sich als großzügiger Kunstsponsor feiern zu lassen.


Ulrich Eller Resonanzbehälter2006 Foto: Adel


Ein schaler Geschmack daher zunächst auch beim Erleben der wunderbaren Arbeit Resonanzbehälter von Ulrich Eller im Atrium der Allianz, die doch durchaus sarkastisch zu verstehen und für den Autor einen Beitrag der Reflektion von Kunst über Macht. Wellenartig von Stößen durchzuckte Stahlspinde, die Hand dran ein Zittern… Raue Stahlstifte, Reste von Betongussmatten in Lüftungsschlitzen lose scheppernd schlackernd… Produktionsmittel mit Beginn und Ende der Produktion verschweißt: kein Umkleiden mehr, kein Außen der Fabrik… Alles andere unablässig unter Motoren wie unter Gewürg geschüttelt, um aus ihrem Inneren die Werkmittel auszukotzen, sich zu entleeren, die Arbeit loszuwerden… Geräusche der Gewalt, Geräusche mit Gewalt gegen Gewalt vorzugehen… Machtimmanenz oder doch Außen… Leben verschrankt und noch in den Gewaltspuren seines Gedächtnisses, in den Gewaltspuren seines Aufstehens…
Kunstraum als Körperlaboratorium… Gedächtniseinsturz auf einmal… Räume so leer, dass schwerlich zum Alltag zurückzukehren… Schritte dorthin: Versuche der Sprachwerdung des Hörens, des Tastens, des Schmeckens, des Riechens, losgelöst von Bildbürgschaften, blickloses Sehen…


Gerald Pirner - red. / 5. August 2006
ID 00000002585
Berlin, 1. Juni - 16. Juli 2006
Sonambiente
festival für hören und sehen
klang kunst sound art

Weitere Infos siehe auch: http://www.sonambiente.net






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