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FEUILLETON

science + fiction – zwischen Nanowelt und Globaler Kultur:

Aufgebretzelte Wunderkammer oder ein neuer Zugang zu Kunst und Wissenschaft?

Eine ambitionierte "Wanderausstellung" mit dem Titel »science + fiction« macht zur Zeit Halt im ZKM|Karlsruhe. Sie soll - so die beiden Kuratoren Stefan Igelhaut und Thomas Spring - eine fruchtbare Begegnung künstlerischer und wissenschaftlicher Sichtweisen ermöglichen. Zumeist in die Zukunft richten sich die Blicke der in großer Zahl mitwirkenden Wissenschafter und Künstler, zugleich soll jedoch auch Gegenwärtiges und Historisches kritisch reflektiert werden. Die thematischen Felder der Ausstellung beziehen unterschiedliche wissenschaftliche Gebiete wie Hirnforschung, Nanowissenschaft, Globalisierung, Molekularbiologie ein und sind inhaltlich sehr eng mit Förderinitiativen der Volkswagenstiftung, die zusammen mit dem Sprengel Museum die Ausstellung initiiert hat, verbunden. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen und Prozesse werden in der Ausstellung pointiert inszeniert, vielfältig sind sie ausgefallen, zum Teil scheinbar objektiv begründbar, zum anderen aber auch höchst subjektiv empfunden. Was davon einmal Realität werden könnte, wagt letztendlich niemand der Beteiligten vorherzusagen. In dieser Hinsicht gibt es hinsichtlich der vagen Prognosesicherheit sogar große Übereinstimmung zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Positionen.


Die Ausstellung »science + fiction« im ZKM in der Übersicht.

Um diese unterschiedlichen Szenarien für den Besucher sinnlich erfahrbar zu machen, wählte man eine Inszenierungsform der Vergangenheit: Schubladen, Vitrinen und verdunkelte Schaukästen erinnern an das Prinzip der prämusealen Wunderkammer, die hier jedoch gründlich von dem Staub der Vergangenheit befreit wurde und in quietschgelben Farben und mit blankpolierten Plastikflächen fortschrittlich und modern ›daherkommt‹. Die ausgeklügelte Szenografie der beiden Berliner Kuratoren soll durch eine raffiniert räumliche Anordnung und das konsequent einheitlich gehaltene Design des Ausstellungsmobiliars, die beiden Pole Kunst und Wissenschaft, miteinander verzahnen. Eine Rahmeninstallation (das Framework), bestehend aus hohen Podesten (die Satelliten) vermittelt mittels Vitrinen und integrierter Schubladen unterschiedliche Einsichten auf wissenschaftliche Themen. Sehr häufig wirken die mit kurzen Erläuterungen und Grafiken/Fotos/Diagrammen versehenen Informationen, jedoch erstaunlich flach in ihrem Aussagegehalt und formal zu plakativ. Sachverhalte werden oft auf einen Aspekt verkürzt, die Grenze zur Willkürlichkeit und Plakativität rückt dabei gefährlich nahe. Hier hätte man sich doch mehr Tiefe erhofft, vor allem wenn man die ambitionierten Einführungstexte nahe des Eingangs gelesen hat.


Das menschliche Gehirn einmal scheibchenweise präsentiert: Anfassen ist hier ausdrücklich erwünscht!

Inmitten dieser einheitlich wirkenden Ausstellungsarchitektur, fallen die ›Statements‹ der Künstler schon äusserlich durch ihre formale Uneinheitlichkeit aus dem Rahmen.

Das Künstlerduo M+M »Gutes Morgen, Dr. Mad« zeigt ein in der Mitte geöffnete Videoinstallation, die von dem Besucher betreten und durchschritten werden kann. Er sieht sich mit zwei Projektionsflächen konfrontiert, zu der einen Seite der ›Mad Scientist‹, die Typologie des einsamen Wissenschaftlers in der Tradition von Victor Frankenstein und seinen unzähligen Nachfolgern verkörpernd, der mit seinem von ihm geschaffenen Geschöpf auf der zweiten Projektionsfläche innerhalb eines endlosen Loop im Dialog steht. Das Geschehen wird von einem tiefen, modulierenden Basston begleitet, der die Unwirklichkeit dieser Szenerie betont. Diese Arbeit von M+M macht es dem Besucher nicht gerade einfach; ohne das Wissen um die Zusammenhänge lässt sie sich nur schwer erschließen.


Das perfekte Wesen? Das Geschöpf des ›Mad Professor.‹.

Der "Expedition-Bus" von Christoph Keller thematisiert den ethnografischen Blick des Forschers auf für ihn fremde Kulturen. Der zum Teil in Australien aufgewachsene Künstler, hat hier sicher auch eigene Erfahrungen verarbeitet. Denn fast nirgendwo anders prallen die Kontraste, zwischen einem hochtechnisierten Volk und einem ›uralten‹, wie dem Volk der Aborigines, so stark aufeinander.
Der außen chromverspiegelte VW-Bus wird bei Keller zum Symbol der Grenzenlosigkeit des westlichen, ethnografischen Forschers, der die technischen Möglichkeiten besitzt in jeden noch so fernen Winkel der Welt einzudringen, um zu ›seinem‹ Forschungsobjekt zu gelangen. Die auf die Innenseite der Frontscheibe projizierten, dokumentarischen Filme über die Rituale fremder Kulturen können bequem von der Rücksitzbank des Busses betrachtet werden. Sehr deutlich wird hier das Verhaftetsein des Forschers in seiner Welt angesprochen. Er kann zwar vieles verfolgen, was außerhalb seines Busses geschieht, aber Scheiben und Blechwände trennen ihn räumlich vom Forschungsobjekt. Hier wird im übertragenen Sinne die Distanz zwischen Forscher und Beforschten deutlich, die kaum Raum für menschliche Kontaktmöglichkeiten eröffnet, aber nach heutiger Ansicht unerlässlich für ein ethnologische Forschung ist. Kann aber auf diese Weise ein ›echter kultureller Austausch‹ zwischen den Kulturen entstehen?


Der »Expedition-Bus« von Christoph Keller.

Ein erstaunlich vielschichtige und lebendige Arbeit ist dem in Berlin lebenden Künstlerpaar Dellbrügge & De Moll gelungen.Besucher können mit einem überdimensionalen Kartenspiel, das Inzenierungs- und Archivierungsform zugleich ist, ihre persönlicheSicht der Zukunft kombinieren. Die "Wild Cards" stehen dabei für die unvorhersehbaren Ereignisse, die dem Lauf der Geschichte eine neue Richtung geben. Zehn der insgesamt 32 Karten haben Wissenschaftler beigesteuert, weitere zehn wurden von Künstlern gestaltet. Zu unterschiedlichen Topics, so die Aufgabe von Dellbrügge & De Moll sollten sie sich Gedanken machen. Herausgekommen dabei ist ein buntes Kaleidoskop über die mögliche Welt von morgen.


Die »Wildcards« von Dellbrügge & De Moll.

Zwei weiter größere Arbeiten, eine von der Konzeption her gelungene, aber technisch noch nicht ganz ausgereifte Arbeit von Christa Sommerer & Laurent Mignonneaus und dem Hirnpavillon von Joep van Lieshout, der uns tiefe Einsichten in sein Innenleben gibt, sind auf dieser Ausstellung zu sehen. Daneben werden noch kleinere Arbeiten von Ingo Günther, Ken Lum, Max Bill und Peter Kogler vorgestellt.


Das Nano-Scape von Sommerer & Mignonneau. Die Skulptur des 21. Jahrhunderts?

Ein Fazit zu dieser Ausstellung zu ziehen, ist nicht einfach. Zu unterschiedlich und inheterogen sind die Eindrücke, die man gewonnen hat. Die anfangs von mir geäußerten Kritikpunkte lassen sich nicht einfach unter den "Tisch kehren", jedoch halten sie sich mit den positive Aspekten die Waage: Die Vielfalt der Ansätze, das breite Themenspektrum, welches über den Tellerrand der "Kunst" hinausgeht, die ungewöhnliche Szenografie sind die eindeutigen Pluspunkte dieser Ausstellung.
Ein Besuch im ZKM|Karlsruhe lohnt sich also durchaus. Zudem läuft eine zweite, diesmal vom ZKM|Karlsruhe selbst kuratierte Ausstellung mit dem Titel "Bankett - Metabolismus und Kommunikation" parallel dazu.

k.s. red. / 30. Juni 2003


ZKM|Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
Öffnungszeiten: Mi 10-20 Uhr; Do-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr.

Führungen: Sa 15 Uhr und So 13 + 16 Uhr.

Sonderführungen und Schulklassen:
Tel. + 49(0)721 81 00 19 90
fuehrungen@zkm.de

www.scienceandfiction.de
www.volkswagenstiftung.de

Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Foren, Filmen und Vorträgen begleitet die Ausstellung:

Besonders interessant erscheint mir dabei:

11. Juli 16-21 Uhr:
Dialogforum »Jugend(kultur) zwischen Entertainment und Gewalt« mit anschließendem Rap Jam ab 22 Uhr: Teilnehmer: Prof. Peter Weibel, Prof. Dr. Eva Kimminich, Dr. Jannis Androutsopoulos, Prof. Dr. Roland Eckert, Dr. Albert Scharenberg, Omzo (Dakar), Yann Gilg (Les Sons D'la Rue, Strasbourg), K-Fear (La Brigade, Paris), Kool Savas mit Eko Fresh & DJ Nicon (Berlin), Tefla &
Jaleel (Chemnitz), Falk aka Hawkeye (VIVA, Köln/Mixery Raw Deluxe).

Danach ist die Ausstellung vom 30. August 2003 bis 4. Januar 2004 im »caesar, center for advanced european studies and research«, Bonn
zu sehen und vom 21. Januar 2004 bis 18. April 2004 im »Deutschen Hygiene Museum Dresden« zu sehen.


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© 2003 Kultura-Extra (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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