Der Typus des 20. Jahrhunderts
Ein Besuch der Ausstellung "August Sander.
Menschen des 20. Jahrhunderts. Das große Portraitwerk und Arbeiten
seiner Künstlerfreunde". 10. Oktober 2003 bis 11. Januar 2004 im
Berliner Martin-Gropius-Bau
Am 11. Januar 2004 endete die Ausstellung "August Sander. Menschen des
20. Jahrhunderts" im Berliner Martin-Gropius-Bau. Es war die bisher wohl umfassendste
Werkschau des deutschen Fotografen August Sander (1876-1964), der mit seinen
Portraitaufnahmen aus den Jahren zwischen 1910 und 1950 als einer der Begründer
des Dokumentarismus in der deutschen Fotografie gelten muß und von daher in einem
Atemzug mit Albert Renger-Patzsch und Bernd und Hilla Becher, aber auch mit Eugène
Atget und Walker Evans zu nennen ist.
Sander, aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie im Siegerland gebürtig, kam als
Autodidakt zur Fotografie und wandte sich bereits, als er im Jahr 1904 ein Fotostudio
im österreichischen Linz eröffnete, gegen den überbordenden Kitsch in den
Fotoportraits der Zeit. Mit der Serie über die Westerwälder Bauern seiner Heimat,
die das 45teilige Mappenwerk "Menschen der 20. Jahrhunderts" als Stammappe
begründete, schuf Sander einen fotografischen Stil, der der beginnenden Neuen
Sachlichkeit parallel zu bildender Kunst, Architektur und Typographie auch in der
Fotografie in Deutschland zum Durchbruch verhalf.
Das Antlitz der Zeit abbilden
Aber Sander wollte mehr. Bereits als er sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Köln
niederließ, schwebte ihm eine fotografische Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft
nach einzelnen Typen vor - eine Herkulesarbeit, wenn man bedenkt, welchen gigantischen
Veränderungsprozessen das Deutsche Reich vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg
unterworfen war.
Sanders erste umfassende Publikation, der diese von seinen
dokumentarischen Arbeiten als Portraitfotograf getragene Konzeption zugrundeliegt,
ist der Bildband Antlitz der Zeit, der 1929 in Kurt Wolffs Transmare Verlag
erschien (Neuauflage bei Schirmer/Mosel, München 2003; 6,95 Euro). Viele der
Personen auf den Bildern, die in erster Linie Berufsstände verkörpern sollen, die
"Jungbauern" aus dem Westerwald, der teigknetende "Konditormeister" oder der keck
mit Schulterlast posierende "Handlanger", sind mittlerweile in das visuelle Gedächtnis
eingegangen und haben unser Bild von der damaligen Zeit nachhaltig geprägt.
Doch vergleicht man diesen ersten repräsentativen Bildband mit der Masse der nach
sieben Gruppen und 45 Untergruppen sortierten Berliner Bilderflut, so wird man
feststellen, daß Sander für "Antlitz der Zeit" nur einige zwar charakteristische,
aber in gewisser Hinsicht auch bereinigte Ansichten des modernen Deutschland ausgewählt
hatte. Manche der Fotos zeigen nämlich ihre Figuren - und das bedeutet ja zugleich:
die Repräsentanten ihrer Rolle, ihres Berufes, ihres Platzes in der Gesellschaft -
herausgelöst aus der Atelierpose in ihrer natürlichen Umgebung, etwa die
"Proletarierfrau", die mit Kind auf dem Arm im Eingang eines urbanen Wohnquartiers
steht, oder Bauern bei der Heuernte.
Viele der Bilder stellen die Personen mit typischen Attributen dar, etwa die Dame
der besseren Gesellschaft, die ihr Reitpferd am Zügel führt, oder - besonders
prägnant - die Beamten in Uniform, mit ihren Mützen und breiten Schnurrbärten.
Wo Intellektuelle oder Angehörige der Oberschicht im Spiel sind, etwa bei den
Fabrikanten oder den Künstlern, denen Sander eine eigene Sektion widmet, wird man
nur hingegen nur Männer (und einige Frauen) in Anzügen sehen, darunter
beispielsweise Richard Strauss und der junge Paul Hindemith, sämtlich frontal oder
im Dreiviertelportrait aufgenommene Atelierbilder.
Neben den Gruppen der Bauern, Handwerker, Künstler und den "Ständen" sind auch die
Bilder erhellend, die Sander der "Frau" gewidmet hat. Hier wie auch in den Mappen,
die unter "Die Großstadt" firmieren, wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen,
eben das Typische des frühen 20. Jahrhunderts, wohl am augenscheinlichsten. Hat
man noch die alten und jüngeren Bauersfrauen im Blick, die mit ihren Familien oder
als "Die Weise" und "Die Philosophin" im Sonntagsstaat auf den frühen Fotos Modell
saßen, so zeigen Sanders Frauenportraits nun neben bürgerlichen Ehefrauen auch junge
Künstlerinnen oder eine Rundfunksekretärin, in Rock und Bluse, mit Bubikopf und
einer Zigarette in der Hand, die erahnen lassen, daß die neuen Bruchlinien vor
allem zwischen den Geschlechtern und Generationen, zwischen Stadt und Land verliefen.
Die modernen und die letzten Menschen
Die Aufnahmen, die Sander in den 20er bis 40er Jahren vom fahrenden Volk und den
Deklassierten der Großstadt machte, von Bettlern, die an seine Wohnungstür kamen,
und von Juden, die in den 30er Jahren ihre Ausreisepapiere vorbereiteten, sind
die wohl ergreifendsten der ganzen Ausstellung. Zu diesen Charakterportraits, die
an Siegfried Kracauers Großstadtminiaturen denken lassen, gehört auch das
schrundige, zerzauste Leidensgesicht eines türkischen Mausfallenverkäufers, man
sieht Stahlhelmangehörige paradieren und Reichspräsident Hindenburg mit dem Kölner
Oberbürgermeister Adenauer anläßlich der Feier zum Abzug der Franzosen aus dem
Rheinland 1926 im offenen Wagen vorüberfahren.
Sander, dessen Bilder nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geächtet
wurden - die Druckstöcke zu Antlitz der Zeit wurden sogar zerstört -, blieb nach
1933 zwar in Deutschland, verlegte sich jedoch auf unpolitische Landschaftsbilder.
Da die Familie linken Parteien nahestand - unter der Rubrik "Politiker" finden
sich Aufnahmen mehrerer SAP-Füher -, hatte sie unter dem neuen Regime zu leiden.
Im Jahr 1934 wurde Sanders ältester Sohn Erich verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus
verurteilt. Er starb kurz vor der Verbüßung der Strafe 1944 an einem unbehandelten
Blinddarmdurchbruch.
Durch die Bombenangriffe auf Köln wurden Teile der
Negativsammlung vernichtet, die meisten seiner Bilder konnte Sander jedoch 1943
in sein Haus im Westerwald transportieren, wo er auch seine letzten Lebensjahre
verbrachte. Während des Krieges hatte Erich es noch vermocht, eigene Aufnahmen
von Mitgefangen aus dem Gefängnis zu schmuggeln, die Sander an die Familien
weiterleitete. Reproduktionen davon finden sich in der Ausstellung ebenso wie die
Fotografie von Erichs Totenmaske, mit der die Sektion "Die letzten Menschen" das
immense Werk beschließt.
"Menschen des 20. Jahrhunderts" ist als umfassendes Bildarchiv einer Gesellschaft
im Umbruch zugleich ein wichtiges Stück Zeitgeschichte und eine epochale künstlerische
Leistung, an der sich typische Tendenzen ablesen lassen. Sanders Blick auf seine
Umwelt hat der Zeit Gesichter gegeben, die mal freundlich, mal grämlich, meist
jedoch mit eindringlicher Ausdruckslosigkeit den heutigen Betrachter ansehen.
Vom Scheitern der Vorsilbe "Ur"
Bei alledem sollte jedoch nicht der widersprüchliche Charakter der Bilder übersehen
werden. Den Gegensätzlichkeiten der Moderne, ihrem Tempo, ihrer in Fluß geratenen
Wertestruktur, ihrem mörderischen Potential der Ausgrenzung und Vernichtung hat
Sander letztlich nichts als Oberflächenstudien entgegenzusetzen, die versuchen
sollen, das Neue und Fließende festzuhalten.
Die Motive dafür fand Sander in seiner persönlichen Umgebung, deren Repräsentativität
zumindest fraglich ist. Denn auch wenn der Fotograf Bilder mit "Der Herr Lehrer",
"Der Rektor" oder "Der Student" betitelte, verbargen sich oft genug dahinter
eigene Volkschullehrer oder auch der eigene Sohn. Inwieweit die abgebildeten
Personen tatsächlich die ihnen zugeschriebenen Archetype verkörpern können, bleibt
denn auch weitgehend der Wertung des Besuchers überlassen. Das in Sanders Bildern
durchschimmernde essentialistische und berufsständische Denken, das trotz seiner
Zeittypik nicht weniger eine höchst problematische Konzeption darstellt, läßt den
Fotografen am Ende als Menschen des 19. Jahrhunderts erscheinen, der eben - und
von dieser Meinung ist er schließlich nie abgerückt - den Bauern als Urtypus ansah.
Nichtsdestoweniger ermöglicht es die jüngst zu Ende gegangene Berliner Ausstellung
der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur Köln, die Susanne Lange,
Gabriele Conrath-Scholl und Gerd Sander in zehnjähriger Forschung zusammengestellt
haben, den rund 250 Originalabzügen gegenüberzutreten und so ganz nahe an das
Dargestellte heranzukommen. Die rund 200 Exponate von Künstlern wie Jankel Adler,
Franz Wilhelm Seiwert oder Gerd Arntz aus dem rheinischen Freundeskreis August Sanders,
die in zwei separaten Räumen gezeigt wurden, ließen zusätzlich ein plastisches
Bild der Zeit wiedererstehen.
Eine wunderschöne Ausstellung, die hoffentlich in der Phantasie ihrer Beschauer
noch lange fortlebt.
p.w. - red. / 11. Januar 2004
Publikationen zur Ausstellung:
August Sander: Menschen des 20. Jahrhunderts, Studienband, Hrsg. Die
Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, Konzeption Susanne Lange und
Gabriele Conrath-Scholl, München: Schirmer/Mosel, 2001 (24,80 Euro)
August Sander: Menschen des 20. Jahrhunderts, Werkausgabe in 7 Bänden,
Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, bearbeitet von Susanne
Lange, Gabriele Conrath-Scholl und Gerd Sander, München: Schirmer/Mosel, 2002
(228,- Euro)
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