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Kunst Extra

XII. Rohkunstbau „Kinderszenen – Child`s Play“

26. Juni bis 28. August 2005 – Wasserschloss Groß Leuthen/Spreewald unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse

Sergey Bratkov, aus der Serie „Bed Time Stories“, Moskau 1998:

„Der Gast der Pioniere blieb bis spät.
Im Kopfe des Besuchers steckt ein Nagel.
Der Gruppenführer hat ihn eingeschlagen,
damit der liebe Gast nicht geht.“




Kinder- und Jugendheim Groß Leuthen, Datum unbekannt


In Groß Leuthen jährt sich zum 12. Mal der Ausstellungszyklus unter dem Titel „Rohkunstbau“. Seit 1994 wird hier ortsbezogene Kunst gezeigt. Die Architektur des Schlosses, die Umgebung des Spreewaldes oder die Nähe zum See spielen dabei eine Rolle. Kunst soll interaktiv sein und auch die Bevölkerung des Landes Brandenburg miteinbeziehen.

I.Teil:
Ein ehemaliges Kinderheim als Inspirationsquelle 13 renommierter Künstler und Künstlerinnen


II. Teil:
Was wirklich geschah in der Zeit als Jugendwerkhofeinrichtung. Ein Zeitzeuge berichtet


I. Teil: die Ausstellung

Dieses Jahr ist der Schwerpunkt „Kinderszenen - Child`s play“.
Auch dieser Schwerpunkt hat seinen örtlichen Bezug im Schloß selbst:
Es war von 1946 bis 2004 ein Kinder –und Jugenheim, erst ein Waisenhaus, dann Kinderheim, in der DDR eine Einrichtung des berüchtigten Jugendwerkhofes für jugendliche Kriminelle, kurz JWH, oder auch Spezialkinderheim; nach der Wende wurde das Schloss zu einer Einrichtung mit Mädchenwohngruppen.


„Spuren“ Arwed Messmer, 2005


Treppenhaus in Groß Leuthen, 2005


Ein Holzknopf am Treppenlauf, abgewetzt, wie die Stufen der Holztreppe, über die Tausende von Kindern schlurften.
Ein Detail des Wasserschlosses Groß Leuthen, Ort und Inspiration für dreizehn renommierte Künstler und Künstlerinnen und gleichzeitig sein Fluch.

Der Holzknopf war womöglich die Notbremse gegen Aufmüpfigkeit. Man glaubt sie noch zu hören, die Erzieherin, wie sie rief:„das ist Gottes Strafe!“, nachdem einer der Bengel das Geländer als Rutsche mißbraucht hatte und sich auf dem Boden krümmte vor Schmerzen.

Schloss Groß Leuthen, Ort der Inspirationen?

Wie geht das, nachdem der Jugendwerkhof als reales Trauma einiger „schwer erziehbarer“ Kinder, die jetzt Großväter sein mögen und als die immerwiederkehrende Drohung für alle anderen, durch die Presse geisterte? - Kinderknast, Isolationszellen, Nächte knöcheltief im Wasser stehen, Selbstmordversuche…

Wie sieht es aus, wenn ein solcher Ort als gewollter Ort der Inspiration eine Ausstellung hervorbringt, die sich den Erinnerungen der Künstler und Künstlerinnen an ihre Kindheit, sowie der Kindheit an und für sich widmet?
Ganz einfach. Die Vergangenheit wird sich selbst überlassen.
Und man spürt es:
der Geist der Zerrüttung, der Einsamkeit und der Alpträume haftet an dieser Ausstellung. Möglicherweise hat die Intuition der beteiligten Künstler und Künstlerinnen den Pinsel der Vergangenheit geführt…


„Sleepwalkers“ von Laura Ford


Der Britin Laura Ford fiel beim Gespräch mit den Kuratoren über die Geschichte des Schlosses das Bild von palästinensischen Gefangenen mit verbundenen Augen ein, die von Soldaten geführt werden. Daraus entwickelte sie „Sleepwalkers“ – „fröhliche Spiele trotz drohenden Verderbens.“


Badesaal mit Arbeiten von Sergey Bratkov


aus der Serie „Bed Time Stories“ 1998 von Sergey Bratkov


Im ersten Stock des ehemaligen Kinderheimes ist der Badesaal. Ein Ort, den zu betreten, man nur wagen kann.
Der geeignete Ort für Sergey Bratkovs dokumentarisch inszenierte Horrorszenen. Er wurde 1969 in der Ukraine geboren und lebt jetzt in Moskau. Seine erste Ausstellung hieß „Kids“ und wurde in der „Regina Gallery“ in Moskau präsentiert.
Als Kind war er „verrückt nach den kurzen lustigen Gruselgeschichten“
Was Sergey Bratkov, geborener Ukrainer, in der Jungpionierzeit lernte, war: „ Besser ein Dreckskerl als ein Langweiler“.
In der Badewanne des Badesaals schwimmen unzählige Postkarten von Bratkovs Horrorszenen. Als wäre man an einem Ort, an dem man Leichen zählen kann.

Louise Bourgeois, 94 Jahre alt, ist seit nun mehr sechzig Jahren kunstschaffend. Sie schuf schon in den 30er Jahren surrealistische Werke, war eine wichtige Kraft während des Aufkommens des Amerikanischen Abstrakten Expressionismus in den 40er Jahren sowie während der Frauenbewegung in den 60er Jahren. In „The Trauma of Abandonment“, ihrer Arbeit für Rohkunstbau aus bedrucktem Stoff und Garn in 12 Teilen, stellt sie die scheinbar kindliche Angst vor dem Verlassen werden dar.
Ihre Arbeit erscheint auf den ersten Blick sehr einfach und zugänglich, was ihr auch schon in der Vergangenheit den Ruf eingebracht hatte, „Massenkunst“ im positiven Sinne zu schaffen. Hier eins der 12 Teile der 30 x 40 cm großen Arbeiten:


Louise Bourgeois „The Trauma of Abandonment“


Aber auch Werke, die angenehme Erinnerungen an die eigene Kindheit hervorrufen, finden in Groß Leuthen Raum:


Yann Delacour „playmobil“


Diese Installation des Franzosen Yann Delacour beruht auf einem Deal mit der Spielzeugfirma „playmobil“. Sie schenkt ihm Yankee-Soldaten für seine Arbeiten. Nach jeder Ausstellung, die ja auch werbewirksam ist, erhält er von „playmobil“ neue Yankee-Soldaten. Er selbst schreibt dazu: „ Ich habe „playmobil“ aus zwei Gründen ausgewählt. Erstens habe ich eine emotionale Beziehung zu dieser Firma, weil ich als Kind mit ihrem Spielzeug gespielt habe. (…)
Zweitens interessiere ich mich für die Schnittstelle zwischen meiner Fantasie und dem Wirtschaftssystem. In gewissem Sinne erweitere ich mein Verständnis von der Unternehmenskultur, in der diese Spielsachen hergestellt werden, gleichzeitig kehre ich aber auch zu meinen Kindheitsfantasien zurück“ Auszug aus: „Yann Delacour: plays playmobil“ von Daniel Rothbart. Yann Delacour wurde 1974 in Frankreich geboren und wurde von „Le Figaro“ als „Star von Morgen“ gefeiert. Seine Playmobil-Szenarien sind ursprünglich nur Foto-Dokumentationen. Für Rohkunstbau hat er sie erstmals als Installation erstellt.

Kindheitsträume werden auch bei Michael Kutschbach wach. Auch er ist ein junger Künstler. Das Verschmelzen verschiedener Welten ist typisch für seine Arbeiten.


“uschi and urvin make merry masquerades [sheeping sleep]”, Michael Kutschbach
Foto: Arwed Messmer


In seiner für Rohkunstbau geschaffen Installation schafft der Australier die Welt der Teletubbys neu:
kleine, weiße, scheinbar flauschige Kuschelbytes, gerade der Festplatte enthüpft, liegen auf weißem Filzboden. Als digitale Animation auf Leinwand sieht man die geklonten Geschwisterchen. Und doch ist die Atmosphäre heimelich und verunsichernd. Man würde es gerne mal ausprobieren und sich reinlegen wollen in diese Dimension des Eingelullt Werdens.
Und dennoch, der Traum zerbricht beim Berühren der weißen Kuschelteilchen. Sie sind hart, vermutlich Gips, verleimt.

Einen ganz direkten Bezug zu dem Kinderheim Groß Leuthen wird durch die Künstlergruppe „fur“ hergestellt. Sie entdeckten in Groß Leuthen ein altes Kasperletheater - und die Idee war geboren:


fur, Kasperletheater
Foto: Arwed Messmer


Das Kasperletheater ist einerseits eine Möglichkeit für Kinder Grenzen spielerisch zu überschreiten und Konventionen zu brechen, andererseits ein Repräsentant für die Entwicklung des Spielzeugs.
In ihrer Arbeit hat „fur“ beiden Elementen Rechnung getragen. Es ist ein Prügelspiel, in dem Kasperle und ein Polizist sich einen Boxkampf liefern. Aktiv werden die Figuren, indem der Besucher eine der beiden „Pistolen“ betätigt, wie man sie von Flipperautomaten kennt.
Die Künstlergruppe „fur“ existiert seit 2001 und besteht aus zwei jungen deutschen Künstlern, deren Arbeiten auch schon in Tokyo und San Francisco präsentiert wurden.

Neben diesen Werken sind weitere spannende Arbeiten zu sehen, von Jake und Dinos Chapman, Marcel Dzama, Fang Lijun, Via Lewandowsky, Björn Melhus, Michael Sailstorfer und Cornelius Völker. Kuratiert wurde die Ausstellung des XII. Rohkunsbau von Mark Gisbourne, Max Schumacher und Arvid Boellert.

Schade, dass der Außenraum des Schlosses dieses Jahr so wenig genutzt wurde. Der Garten, die Terrasse, der direkte Blick zum See bieten fantastische Möglichkeiten.

Parallel zur Ausstellung fand ein Kinder- und Jugendkunstprojekt statt. Die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen sollten mit ihren Wünschen und Fantasien verbunden und so zur Basis kreativen Arbeitens werden. Leider war auf der Ausstellung von diesem Projekt nicht viel sichtbar.

Ein Festival unter anderem mit Landpartien, Lesungen und Kino begleitet die Ausstellung. Das Programm ist auf den Internetseiten von „Rohkunstbau“ zu finden.

silke parth - red / 3. Juli 2005
www.rohkunstbau.de
Infotelefon: 030 48620800
II. Teil:
Was wirklich geschah in der Zeit als Jugendwerkhofeinrichtung. Ein Zeitzeuge berichtet




Wir haben uns auf die Suche nach den Kindern des Heimes Groß Leuthen gemacht. Zwar ist die Vergangenheit des Schlosses durch das Gebäude an sich, die abgewetzten Treppenstufen, die Spuren von Holzwürmern in den Dielen und im Parkett, das Knarzen beim Betreten sehr präsent, wird allerdings nicht direkt thematisiert. Keine Fotografien, Bilder, Zeitzeugenberichte der Vergangenheit, auf die die Ausstellung doch so starken Bezug nimmt. Im Katalog zur Ausstellung wird das nachgeholt.
Als einzigem Zeitzeugen wird ein Beitrag von Andreas Wenderoth dem heutigen 67 Jahre alten Herbert Mende gewidmet, der als Sohn der Heimleiterin von 1946 bis 1951 dort lebte und dessen Kinderzeit den ersten Abschnitt des Kinderheimes als Waisenhaus und Heim für Flüchtlingskinder repräsentiert.

Wir wollten noch mehr erfahren und haben uns mit Peter Kurjahn getroffen, der als Fünfzehnjähriger im Jahre 1960 im Jugendwerkhof lebte und von dort nach Coswig strafverlegt wurde.
Ein Interview der besonderen Art in den Räumen des Schlosses - eine Wiederentdeckung nach mehreren Jahrzehnten.




Peter Kurjahn am Schloss Groß Leuthen 2005; Foto w.p. - red


Die Ehefrau

Seit 40 Jahren ist Peter Kurjahn mit seiner Frau verheiratet. „Mit allen Höhen und Tiefen“. Die Ehe stand oft auf der Kippe, einmal sogar haarscharf. Die Scheidung war schon beantragt. Aber die Kurjahns hatten sich noch mal zusammengerauft, es von neuem probiert. Eine Sache musste vor allem Peter Kurjahn dabei noch lernen, eine Sache, ohne die eine 40 jährige Ehe gar nicht möglich wäre. Vertrauen.

Der Vater

Der Vater hat ihn damals als Fünfzehnjährigen in den Jugendwerkhof Groß Leuthen gebracht. Das erfuhr Peter Kurjahn erst Jahre später. Der Vater selbst hatte es ihm gesagt:“ Wenn ich dich in den Jugendwerkhof hineinbringen konnte, dann kann ich dich auch wieder da rausholen.“ Sein Vater wollte ihn umerziehen lassen, er sollte das Arbeiten lernen. Peter Kurjahn hatte dafür keinen Sinn. Er wollte raus, raus aus der DDR. Rausgeholt aus dem Jugendwerkhof hat der Vater ihn nie.

Die junge Liebe

Inge war ein Flirt, eine kurze Liebe im Jugendwerkhof in Groß Leuthen. Zu ihr, in den Mädchentrakt ging er rüber, wenn es keiner merkte. Sie liebte er im Gemüsegarten. Und Inge war einer der Gründe, warum Peter Kurjahn nach Coswig strafverlegt wurde.
Inge sieht er heute nicht mehr. „Wir hatten uns nach der Zeit im Jugendwerkhof noch ein paar Mal getroffen, dann lernten wir beide neue Partner kennen und gingen getrennte Wege“.
Inge ist aus seinem Leben verschwunden, was bleibt ist eine Tätowierung, die ihren Namen trägt.

Die Erzieherin

Die Möbius; „das Mannsweib, die Emanze, wenn es nur Frauen wie die Möbius gegeben hätte, dann wäre ich schwul geworden“. Möbius war um die 1,60 groß, kurze Haare, „geschnitten wie bei einem Mann“. Wenn die männlichen Erzieher auch manchmal vor den 50 Jungs gezittert haben, die Möbius nie. Sie hielt das Regiment, die Heimleitung. „Die konnte die Fische im Wasser erschrecken.“ Eine Frau, die mit Demütigungen und Essensentzug versuchte Jugendliche zu erziehen. „Da waren wir natürlich auf kontern aus“.


"Da, wo das Fenster offen ist, da hat die Olle immer rausgekräht"; Foto w.p. - red


Der Erzieher

„Wir haben immer gesagt: Wenn die Möbius bei den Bullen gelernt hat, hat der Kretschmer bei den Nazis gelernt.“ Der Erzieher Kretschmer hat schon auch mal zugeschlagen. Der hatte Fleischerhände.

Der Jugendwerkhof Groß Leuthen


Eingangsportal des Schlosses, 2005; Foto von Peter Kurjahn mit freundlicher Genehmigung


In Groß Leuthen gibt es nicht viel. Es ist ein kleines, unscheinbares Dorf. Wenn es nicht das schöne aus der Renaissance stammende, später mit barocken Elementen versehene, idyllisch am See gelegene Schloss gäbe. Heute ist das Schloss eine touristische Attraktion. Damals war es ein Albtraum in „mausgrau. Ein Furcht einflößendes Horrormärchen, ein Hungerschloss“.

1958 wurde aus dem Kinderheim Groß Leuthen ein Jugendwerkhof. Über 100 vermeintlich kriminelle Jugendliche, Jungs und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren lebten und arbeiteten dort.
1965 wurde Groß Leuthen als Spezialkinderheim aufgelöst. Das Heim an sich blieb aber noch mit Mädchenwohngruppen „zur Förderung des sozialen Umgangs“ und später als Waisenhaus bestehen bis es im Jahre 2004 aufgelöst wurde.

„Kriminell“ waren allerdings die wenigsten. Einige wollten nicht am Aufbau des Sozialismus teilnehmen, in den Westen, da wollten sie hin und das war „kriminell“.
Andere hatten keine Lust zu arbeiten. Das wurde in der DDR ebenso kriminalisiert, wie auch die Prostitution. Mädchen unter achtzehn, die der Prostitution bezichtigt wurden, fanden sich im Jugendwerkhof wieder.

Es gab in Groß Leuthen ein Mädchen, die sei öfters „geflitzt“, versuchte wegzulaufen, wollte nach Chemnitz, Karl-Marx-Stadt. Sie hatte große Brüste und trug immer einen BH. Als Bestrafung wurde ihr das verboten. So war das Risiko geringer, dass sie wieder abhauen würde. Ihr Schamgefühl würde es ihr verbieten.

Die Mädchen arbeiteten in der Gärtnerei und in der Wäscherei. Die Jungs wurden zum Aufbau des Kraftwerks Lübbenau hauptsächlich zu Gleisbauarbeiten eingesetzt, dort, wo sonst keiner arbeiten wollte, harte, körperliche Arbeit für Fünfzehnjährige. In Teer getünchte Bahnschwellen schleppen, Zement und Kalk entladen und transportieren. Nach der Arbeit um 16 Uhr waren die Jungs und Mädchen kaputt, nur noch fähig zu schlafen.
Heute hat Peter Kurjahn Probleme mit der Wirbelsäule. Das kostete ihn seinen Beruf als Lastkraftfahrer.
Der größte Teil des Lohnes für die Arbeit im Kraftwerk Lübbenau floss wieder in den Jugendwerkhof. In einem halben Jahr verdienten die Jungs auf diese Weise 250 Ostmark. Das sind ungefähr 40 Ostmark im Monat. Über das Geld durften die Jugendlichen nicht frei verfügen. Es wurde vom Heim verwaltet. Jeder, der etwas kaufen wollte, musste vorher Rechenschaft ablegen.
Manchmal, am Wochenende, gab es Tanzveranstaltungen, ohne Alkohol und Zigaretten versteht sich.
Im See konnte man baden, Jungs und Mädchen getrennt.
Wirklich entspannend war das alles nicht.

Der junge Peter Kurjahn

Als Peter Kurjahn am 7. Mai 1960 das erste Mal das Schloss sah, lief es ihm kalt über den Rücken und er hatte nur den einen Gedanken: „Wie lange bleibst du hier drin.“ Er versuchte von dort zu fliehen, wie viele andere auch, und schaffte es. Sein Vater allerdings brachte ihn dazu, wieder nach Groß Leuthen zurückzukehren.
Kaum vorstellbar. Aber Peter Kurjahn war damals noch jung, fünfzehn, und glaubte seinem Vater. Es war das Jahr, in dem er ein Magengeschwür bekam.
„Wochenlang lag ich da im Krankenhaus“. Ein Magengeschwür mit fünfzehn. Das Nichtausgesprochene macht einem zu schaffen.
Im Dezember 1960 wurde Peter Kurjahn nach Coswig verlegt, weil er versucht hatte abzuhauen und „zu den Mädchen rübergegangen ist“. Das war letztendlich sein Glück. Denn im Jugendwerkhof Coswig/Anhalt ging es viel “lockerer“ zu. Man lebte in einer Baracke unmittelbar neben dem Werk, in dem man arbeitete. Man fühlte sich „wie auf Montage“.


Peter Kurjahn 2005

Möglicherweise konnte man ihm die nötige Disziplin zum Arbeiten beibringen, aber die Liebe zum Sozialismus sicherlich nicht.
Heute ist er Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS).
Er „hasst die Kommunisten“, zehn Monate saß er im Gefängnis weil er 1962 mal wieder in den Westen wollte. Es wurde bei dem Fluchtversuch, den er mit einem Freund unternahm, auch von Soldaten geschossen. Er hasst die Kommunisten, nicht minder nachdem ein Nachbar, einer der zu DDR-Zeiten für das Ministerium des Inneren gearbeitet hatte, ihm den Opel Senator geschrottet hat. Sein Traumauto.

Peter Kurjahn ist ein Mann von Beständigkeit. Brechen konnte man ihn nie, zu Ostzeiten genau so wenig, wie zu Westzeiten. Er ist geradeheraus, hat seine Meinungen und seine Vorurteile. Man weiß, wo man dran ist. Er ist sehr greifbar und versteckt sich nicht, auch ein Akt der Höflichkeit.

Es dauerte einige Zeit, bis er ins Schloss hineinging. Als es dann soweit war, hatte man das Gefühl, er wolle sofort wieder raus. Aber er blieb und zeigte mir jeden einzelnen Raum, während das Parkett unter unseren Schuhen knarrte, Geräusche aus der Vergangenheit.
Zugänglich waren allerdings lediglich die Räume der Ausstellung. Das waren der Essenssaal im Erdgeschoss und die Mädchenschlafsäle im ersten Stock mit Blick auf den See.
Der Jungentrakt auf der anderen Seite des Schlosses war wegen Sanierungsarbeiten abgeriegelt. Wir bewegten uns schnell durch die Säle. Peter Kurjahn schien die Luft zum Atmen zu fehlen.
Als er das Knarren der alten Holzstufen hörte, sagte er „wie vor vierzig Jahren“, das verfluchte Knarren, die sicherste und einfachste Alarmanlage der Welt.


Foto von Peter Kurjahn, mit freundlicher Genehmigung


Nachdem die Verantwortlichen von „Rohkunstbau“ freundlicherweise den ehemalige Jungentrakt für uns geöffnet hattten, erkannte Peter Kurjahn die Räume vor allem am Geruch wieder: ein feucht-modriger Gestank, der sich in die Betten hineinfraß und nie wieder aus dem Köpfen verschwinden sollte. Er sah den Raum, in dem er mit den anderen Jungs geschlafen hatte. Er bewegte jede Türklinke, die er zu fassen bekam, als würde er immerfort etwas suchen.
Nur an einen Ort, da wollte er nicht hin, auch wenn es ihm von der Verantwortlichen der Ausstellung angeboten wurde.
Peter Kurjahn wollte nicht in den Keller. Er erzählte die Geschichte vom geschlachteten Schwein, was in den Keller geschliffen wurde. Er hat keine guten Erinnerungen an diesen Ort.
Es reicht, was er bisher gesehen hat.
Ich habe nicht weiter nachgefragt, was dort unten geschehen ist. Aus Achtung vor ihm und seinem Schmerz, aus Respekt vor seinem Mut und seiner Deutlichkeit, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden war.
Peter Kurjahn ist einer derjenigen, die übrig geblieben sind. Er hat sich nicht tot gesoffen, wie viele seiner Freunde von damals. Er leugnet auch seine Vergangenheit nicht. Er steht dazu und bietet ihr die Stirn.
Von hier aus sei ihm noch mal für seinen Mut zu dieser Begegnung und sein Vertrauen gedankt.

Peter Kurjahn und seine Frau, mit der er drei Kinder großgezogen hat, leben heute im Ostteil Berlins.

Es gab wohl noch nie ein Moment, in dem Kunst so weit weg vom Betrachter war wie in diesen Augenblicken, in denen Peter Kurjahn durch die Räume ging. In keiner Sekunde unseres Irrweges durch das Schloss haben die ausgestellten Werke eine Bedeutung gehabt. Einzig das Gemälde von Fang Lijun, Öl auf einer 400 x 528 großen Leinwand, weckte Peter Kurjahns Interesse. Es verdeckte den Raum dahinter. Und wenn es möglich gewesen wäre, hätte er es abgehängt.
„Ein Kulturbanause“, so Peter Kurjahn über sich selbst.
Dennoch: Unser Gang durch die alten Säle hat auf eine so banale Weise gezeigt, wie weit die Kunst von den Menschen entfernt ist, den sie am ehesten betrifft. Es ist leicht das Gebäude als Waisenhaus, als Kinder- und Jugendheim zum Thema zu machen. Es ist leicht die Geschichte des Ortes mit einzubeziehen in die formale und inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung, aber wie viel schwerer ist es, die Menschen mit einzubeziehen, die diese Orte lebendig gemacht haben, die Zeugen ihrer Zeit.

Der Jugendwerkhof ist nur ein kleiner Teil der Geschichte des Schlosses. Was passierte zum Beispiel 1990/91, als dort eine Mädchenwohngruppe eingerichtet wurde zur „Förderung des sozialen Umgangs“? Ob die Erinnerungen der Frauen an diese Zeit um so vieles besser sind, als die von Peter Kurjahn?
Vermutlich nicht, aber wer weiß es schon, denn auch diese Geschichte ist noch nicht erzählt.

Silke Parth - red. / 16. Juli 2005





 
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