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Kunst-Feuilleton: Mailand

Mailand | Milano: Richard Long – Jivya S. Mashe. Un incontro in India. 18. März Bis 6. Juni 2004 | PAC – Padiglione d’Arte contemporanea di Milano

Eine Begegnung in Indien

Richard Long – Jivya Soma Mashe
Jivya Soma Mashe und Richard Long, Kalambipada 2003; Foto: Hervé Perdriolle

Diese Ausstellung ist eine Begegnung. Eine Begegnung zweier Menschen, die keine gemeinsame Sprache sprechen und sich trotzdem verstehen. Eine Begegnung zweier Künstler, deren kulturelle Herkunft so gegensätzlich scheint und die trotzdem so viel gemeinsam haben. Und als konkretes Symbol, als Frucht dieser Begegung, steht das gigantische Affresco von Richard Long gleich zu Beginn der Ausstellung. An der monumentalen Wand des ersten Museumssaales wurde das Werk „Meeting“ (Begegnung) eigens für diese Ausstellung geschaffen. Zwei mäandrische Wege, die sich in einem Punkt kreuzen, um sich hernach wieder in gegensätzlichen Richtungen zu verlieren, versinnbildlichen diese Begegnung des Land Art Künstlers Richard Long mit Jivya Soma Mashe, Angehöriger des Warli Stammes, der in der Thane Region - etwa 150 km von Mumbai (ex Bombay) - beheimatet ist.

Richard Long, Warli Land, Maharashtra, India, 2003; Collezione Hervé Perdriolle, Foto: Hervé Perdriolle

Richard Long, 1945 in Bristol (England) geboren, gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Land Art, die sich in den späten 60’er Jahren in den Vereinigten Staaten herausbildete. Mit seinem ersten Steinkreis, den er 1966 verwirklichte, gehört er auch zu den Begründern dieser Kunstrichtung, deren Grundidee in einer Wechselwirkung mit der Natur besteht.
Die Eingriffe in die Landschaft, die Long vornimmt, sind gewollt minimal. Die entlegensten Gebiete dieser Erde, wo der Natur noch keine Spuren menschlicher Zivilisation aufgezwungen worden sind, sucht sich der Künstler für seine Installationen aus. Er trampelt Pfade, Kreise, Spiralen, eine fast unmerkliche Spur in der Einöde, verloren in Raum und Zeit, eine Spur, vom Künstler selbst oft nur einen Augenblick lang betrachtet und dann zurückgelassen, verloren in der unendlichen Einförmigkeit der Landschaft. Wie Long selbst sagt: „something happens in the middle of nothing“(1). Warum also diese Skulpturen, die nie ein menschliches Auge erblicken wird (bis auf die wenigen, die vom Künstler durch Fotografien dokumentiert werden)? Warum diese Steinhaufen in einer Steinwüste – „stones among stones“(2) , gewollt unzugänglich, gewollt vergänglich?
Es ist dies seine Homage an eine Landschaft, die durch ihre Rauheit den Menschen mit sich selbst konfrontiert, die ihn durch ihre Übermächtigkeit zu extremer Einfachheit zurückführt: „walking –sleeping – walking – sleeping“(3) . Das Wandern selbst wird für Long zur Skulptur, und es ist dieses Wandern, das seine Kreativität freisetzt und ihn zum Künstler werden lässt. Sich der Natur auszusetzen ist daher ein bewusster Akt, um sich von der Zivilisation – Long lebt und arbeitet in Bristol – abzusetzen.

Jivya Soma Mashe, Acrilico e sterco su tela, 120 x 150 cm, 1998; Collezione Hervé Perdriolle, Foto: Michèle Gottstein, Ècole des Beaux-Arts de Caen

Ganz gegensätzlich dazu lebt der Künstler Jivya Soma Mashe mitten in seiner Zivilisation und Tradition, aus der heraus er seine Werke schafft. Der Warli-Stamm ist schon seit langem wegen seiner Wandmalereien berühmt. Zu besonderen Anlässen wurde und wird von den Frauen des Dorfes eine Paste aus Reis, Wasser und Harz auf die Lehmwände ihrer Hütten aufgetragen, um alltägliche Szenen, aber auch übernatürliche Vorkommnisse darzustellen. Jivya Soma Mashe hat diese Darstellungen zwar auf die Leinwand übertragen, den charakteristischen Bichromatismus jedoch beibehalten: auf mit Dung präparierte Leinwände zeichnet er mit weisser Acrylfarbe Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen und Gegenstände, die zwar nicht mehr einem präzisen Ritual dienen, jedoch immer noch stark der ursprünglichen Tradition verpflichtet sind. Mashe behält die einfache Formensprache seiner Ahnen bei. Kreis, Dreieck und Quadrat kehren immer wieder: sie sind Sonne, Mond, Berg, Baum, Zaun, aber auch Tier und Mensch, wo zwei sich an den Spitzen berührende aufeinandergestellte Dreiecke das subtile Gleichgewicht des Universums symbolisieren. Erstaunlich ist an den Bildern Mashes, dass es ihm durch die immer wiederkehrende Wiederholung weniger grundlegender geometrischer Elemente gelingt, solch überwältigende Vielfalt in seinen Bildern zu erreichen. Es ist eine Welt, die noch in ihrer Ganzheit darstellbar ist; eine Welt, die immer wieder anders und dennoch immer wieder gleich ist. Die Tätigkeiten der Menschen und die Legenden der Götter fließen ineinander, im rituellen Tanz sind die einzelnen winzigen Figuren in eine umfassende Ordnung eingefügt, in eine riesige Spirale, die den ganzen Kosmos erfasst.
Richard Long und Jivya Soma Mashe verbindet somit nicht nur eine ähnliche Formensprache, bestehend aus Linien, Kreisen, Spiralen, nicht nur die Verwendung erdverbundener Materialien wie Dung, Lehm, Reis, Wasser, Asche, sondern vor allem eine ähnliche Geisteshaltung, die sich in einer ausgeprägten Sensibilität und einem tiefen Respekt gegenüber der Natur und der Landschaft ausdrückt.
Hervé Perdroille, Schriftsteller und Kunstkritiker, hat diese Affinität im Werk der beiden Künstler erkannt. Er hat ihr Zusammentreffen in Indien im Februar 2003 organisiert und somit den Grundstein zu dieser beeindruckenden Ausstellung gelegt.

Dr. Sylvia Schiechtl / Mai 2004
1 Etwas, das im Zentrum des Nichts passiert.
2 Steine unter Steinen
3 Wandern – schlafen – wandern - schlafen



Richard Long – Jivya S. Mashe. Un incontro in India. Bis 6. Juni, 9.30 – 19.00 täglich, Do 9.30 – 22.00. PAC – Padiglione d’Arte contemporanea di Milano, via Palestro 14, Mailand.

siehe auch: http://www.pac-milano.org




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