Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 4

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Kurzportrait - Interview
Ein Netz Orangen | Kurzporträt | Interview mit Steff Rosenberger-Ochs und Frank Bayh
„Ein Netz Orangen“ - Beitrag von Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs auf dem Stuttgarter Fotosommer 2005

Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs gewannen den diesjährigen „Kodak Fotosommer Award“ mit ihrer Fotoserie „Ein Netz Orangen“.
Außergewöhnlich an dieser Arbeit des Duos sind vor allem zwei Dinge:
Erstens, dass sie als Team arbeiten. Der oft beschworenen einsamen Tätigkeit des Fotografen setzen die beiden einen auf Gemeinsamkeit bauenden Prozess entgegen, in dem das Konzept ebenso ausgehandelt wird, wie der Aufbau des Sets und schließlich die Auswahl und Zusammenstellung der Bilder. Die Frage, wer jetzt nun tatsächlich das jeweilige Bild geschossen hat, ist „doch nur ein Kult um den Fotografen“ (Frank Bayh). Die Zusammenarbeit klappt dabei ausgezeichnet, eine „wunderbare Symbiose“ – so Stefanie Rosenberger-Ochs – „weil wir einfach den selben Geschmack haben“.

Neben dieser wie bewiesen erfolgreichen Arbeitsweise ist das andere außergewöhnliche die Fotoserie selbst. „Ein Netz Orangen“ handelt von einer Frau, die ihren Freund vor die Tür gesetzt hat und sich nun – endlich allein zu hause – mit Lust und Frust Zigaretten, Rotwein und Häppchen hingeben kann, ohne dumme Kommentare. Die einzige Hinterlassenschaft des einstigen Liebhabers scheint ein altes Netz Orangen. Und dennoch geben die Trotzhandlungen der Frau selbst und die kühle Atmosphäre der Bilder der Abwesenheit des anderen eine ganz neue Präsenz. Jean Baudrillard schreibt über die Tätigkeit des Fotografierens: „Alles liegt in der Kunst des Verschwindens. Nur das, was durch Verschwinden zustande kommt, ist wirklich anders. Und das Verschwinden muss Spuren hinterlassen, es muss der Ort sein, wo das (und der) Andere, die Welt, das Objekt, in Erscheinung tritt.“ Die Serie “Ein Netz Orangen” ist präzise inszenierte Fotografie, deren Plot ironisch mit dieser Ebene des Entstehungsprozesses zu spielen scheint. Durch das gleichzeitig Performative der Inszenierung entstehen Brüche in der Präzision, „bleibt die Geschichte lebendig“ (Frank Bayh), eine Lebendigkeit, der die digitale Aufnahmetechnik entgegenkommt.

Der Serie ist die professionelle Tätigkeit der beiden jungen Fotografen ablesbar. Aber eben dadurch führen Sie die Fotografie auf ihre Weise aus der Vereinnahmung durch ein allzu verengendes Kunstverständnis heraus und konzentrieren sich auf die Eigenschaften ihres Mediums. Und vielleicht ist es gerade diese spannende Mischung, die die Jury des „Kodak Fotosommer Award“ dazu veranlasste das Duo mit dem ersten Preis auszuzeichnen: die künstlerische Intervention bei der Planung der Inszenierung, der performative Akt beim Shooting, die Präzision und der Formalismus bei der Kameraführung und schließlich die Zusammenstellung der Bilder bei der Konstruktion der Geschichte. Denn dies zeichnet auch das Spezifische der zeitgenössischen Fotografie und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit aus.
Die Fotoserie „Ein Netz Orangen“ ist im Rahmen des Fotosommers Stuttgart vom 1. Juli bis zum 7. August zu sehen.

Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Ein Netz Orangen , 35 x 50 cm

Frank Bayh, geboren 1971, ist Autodidakt und arbeitet seit Jahren als freier Fotograf. Stefanie Rosenberger-Ochs, geboren 1970, studierte zunächst Fotodesign in Esslingen, später ein paar Semester an der Freien Kunstschule Stuttgart und ist ebenfalls als Fotografin tätig. Gemeinsam arbeiten sie seit einem Jahr an „freien Serien voller Witz und Ironie“ (Frankfurter Rundschau). Eine Auswahl daraus ist auf der Website www.bayh.de zu sehen.
Siehe auch:
Weitere Informationen zum Fotosommer

www.fotosommer-stuttgart.de


Interview mit Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs

Kultura-Extra: Wie seht ihr eure Tätigkeit als Fotografen und Künstler?
Steff: Mmmm das Wort darf ich gar nicht so aussprechen.... Frank mag das nicht so. Also das Wort Kunst. Wir machen Fotografie und sehen uns als Fotografen.
Wir planen ja die Inszenierung vorher. Das ist dann vielleicht schon so, als würde man ein Bild malen, also etwas bauen. Fotografie fängt ja nur Ausschnitte und Augenblicke der Welt ein. Kunst versucht vielleicht eher das ‚Große und Ganze’ wiederzugeben. Wir machen Fotografie.
Frank: Unsere Fotografie ist nicht Realität, sondern etwas, was vorher im Kopf geschieht. Das ist dann das, was man selbst geschaffen hat. Vielleicht könnte man sagen, das ist angewandte Kunst.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Ein Netz Orangen


Kultura-Extra: Wie seht ihr euer Verhältnis von der Idee zur Umsetzung? Also wie geht ihr vor?
Steff: Alle unsere Fotografien sind inszeniert. Wir gehen nicht raus und fotografieren Landschaften. Naja, wir machen das schon mal, aber das ist eigentlich nicht unsere Arbeit. Gerade in dieser Präzision unterscheiden wir uns schon vom Laien. Wir lassen uns nicht ‚verführen’ vom Gegenstand. Wir arbeiten daher auch vorwiegend im Atelier..
Frank: Die Idee ist vorher da, auch bei „ein Netz Orangen“. Wir hatten eine Vorstellung vom Model und vom Set usw. Aber aus welchen Bildern sich genau die Geschichte zusammensetzen wird, das hat sich erst danach ergeben. Fotografie hört ja nicht mit dem Drücken des Auslöseknopfes auf.
Stefanie: Wir arbeiten ja gemeinsam, das ist ja schon etwas besonderes. D.h. auch, dass wir uns vorher über die Idee verständigen müssen, dann gemeinsam die Accessoirs besorgen, das Model bestellen usw. Und auch beim Shooting stehen wir neben einander und besprechen, was gerade passiert. Richten das Augenmerk auf bestimmte Dinge und weisen den anderen dabei auch mal an. Es ist schon ein Prozess, der aber an sich vorher genau geplant ist.
Also Frank und ich haben eine wunderbare Symbiose. Und den gleichen Geschmack. Es geht nicht, wenn man nicht den gleichen Geschmack hat. Wir entwickeln die Idee gemeinsam und es ist auch so, dass wir das gleiche wollen.
Frank: Wenn wir zum Beispiel – wie „Teppichritt“ – gemeinsam den Teppich im Hausverwertungshof einkaufen gehen, dann ist das nicht so, dass hinterher irgendeiner denkt, na ja als Klügerer gebe ich nach, sondern wir sind dann beide mit der Wahl zufrieden.
Steff: Auch beim Fotografieren machen wir das gemeinsam. Das Set wird gemeinsam gestaltet und einer achtet mal mehr darauf, ob die Details richtig sitzen und der andere drückt mal ab.
Frank: Es ist nur ein Kult, wer schließlich das Foto geschossen hat. Ich könnte bei den Bildern nicht einmal mehr sagen, wer jetzt nun tatsächlich den Auslöser gedrückt hat.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Teppichritt


Kultura-Extra: Ihr inszeniert eure Fotografien: ihr achtet auf narrative Elemente, sorgt für eine szenische Ausstattung und inszeniert performativ. Welche Rolle spielt der Zufall in eurer Arbeit?
Steff: Der Zufall spielt eigentlich keine Rolle. Mir ist Präzision sehr wichtig. Wenn etwas nicht richtig sitzt, macht es mich ganz irre. Wir arrangieren die Brüche regelrecht. Im besten Fall kann man sagen, das sind dann gezielte Brüche, in dem Sinne, das man nach dem Zufall sucht. Auch bei der Bildauswahl danach, welches Bild in die Serie kommt, achten wir auf alle Details.
Frank: Beim Medium Film zum Beispiel fehlt diese Präzision des Einzelbildes. Manchmal ist es so, als würde durch die Handlungsstränge Mankos des Bildes vertuscht. Wir sind mehr Bildmenschen. Aber es ist auch so. Bei einer schmuddeligen Espressomaschine setzen wir nicht jeden Blubber mit der Pipette. Vieles entsteht tatsächlich auch bei der Auswahl danach. Man kann sich ein Bild nie 100%ig vornehmen.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: dancing twin


Kultura-Extra: Ihr setzt oft professionelle Models ein. Wie sehr bestimmt diese Person eure Arbeit – z.B. bei „Ein Netz Orangen“? Wie genau sucht ihr euch eure Modele aus und wie verändert sich euer tun durch dieses ‚Objekt’?
Steff: Eigentlich nicht sehr, da wir vorher schon sehr genau wissen was wir wollen. Manchmal haben die Models auch eigene Ideen, ich könnte mich doch so oder so hinstellen. Wenn das dann passt ist das natürlich in Ordnung.
Frank: Manchmal wollen die Models z.B. aber auch unbedingt noch ein Bild mit einem Golfschläger in der Hand. Also wir geben uns dann auch Mühe und machen das. Gerade, wenn das Model gratis zu einem Test zur Verfügung steht, ihr, im Sinne von Geben und Nehmen, noch Bilder zu machen, die für die Modelmappe dienlich sind. Soll heißen, dass man z.B. noch ein extra Portrait macht, wenn das Make-up eh schon passt. Aber das kommt dann eben nicht in unsere Serie mit rein, sondern das bekommt dann das Model.
Steff: Es ist auch immer sehr abhängig vom Model und ihrer Ausstrahlung. Es gibt Models, die sind einfach nur schön. Aber mehr eben nicht. Und dann kann die Idee gut sein, aber es funktioniert nicht. Da fehlt dann was. In dieser Weise ist das Model im Bild sogar sehr präsent und bestimmt es auf seine Weise mit.
Frank: Ja, bei z.B. „Ein Netz Orangen“ hatten wir richtig Glück.
Steff: Eigentlich wollten wir dafür ursprünglich ein richtig vollbusiges blondgefärbtes Model.
Frank: Es geht darum, dass man während der Vorbereitung zum Shooting auch bezüglich des Models konkrete Vorstellungen und Bilder im Kopf hat, aber kaum eine Chance besteht diese Vorstellungen tatsächlich 100%ig zu erfüllen. Man findet dann jemand anderes, der den Plot bzw. das Ergebnis etwas verändert, aber dennoch perfekt passt.
Steff: Ja, und bei „Ein Netz Orangen“ hat das aber super geklappt. Das hat richtig Spaß gemacht und das wirkt sicher auch auf das Ergebnis aus.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Mund auf Augen zu


Kultura-Extra: Eure Models sind ja meistens Frauen. Wirkt sich euer Geschlechterunterschied da irgendwie aus? Also du Frank als Mann und Steff als Frau?
Steff: Der einzige Unterschied ist, dass ich hinlangen darf.
Frank: Das ist auch einer der großen Segen der Teamarbeit, das man es hier manchmal einfacher hat und Dinge gemeinsam hinbekommt, die alleine vielleicht etwas schwieriger wären.
Steff: Als ich angefangen habe als Fotografin, hab ich da schon deutliche Unterschiede gemerkt. Das mich die Models nicht als Fotografin anerkannt haben. Eine hat mich mal Brezeln holen geschickt und meine ‚süßen’ Assistenten als Boss wahrgenommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Frauen lieber mit Männern vor der Kamera flirten.
Kultura-Extra: Ihr hattet ja auch mal einen Mann als Model.
Frank: Der zählt nicht. Das war ein Freund. Wir haben eigentlich bisher nur weibliche Models gehabt. Wir machen für Agenturen auch Model-Tests für Newcomer.
Steff: Wir ziehen schon Frauen vor. Liegt vielleicht aber auch daran, dass Männer nicht so schön sind.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Ein Netz Orangen


Kultura-Extra: Was macht eure Fotografie aus? Was sind eure ‚künstlerischen’ Vorbilder?
Steff: Wir haben eigentlich keine Vorbilder, in dem Sinne, dass wir versuchen würden, ihre Arbeit von irgendjemandem nachzumachen.
Frank: Und ich seh mir schon die Bilder andere sehr genau an. Auch aus der Werbefotografie, aber mehr als Beispiel.
Steff: Ja und wir verständigen uns dann über solche Bilder, also, z.B. so hier der Hintergrund so ähnlich stell ich es mit vor.
Frank: Also mehr, um die eigene Idee besser veranschaulichen zu können.



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Teppichritt


Kultura-Extra: Einige eurer Arbeiten sind sehr formalistisch. Z.B. bei Teppichritt. Wie entsteht so ein Motiv? Oder auch auf Eben versucht ihr ‚Witz’ oder ‚Humor’ in eure Bilder zu bringen?
Steff: So etwas entsteht zunächst auch auf sehr spielerisch Ebene. Ein schwarzer Körper passt z.B. gut auf einen dunklen Teppich.
Frank: uns war schon klar, dass wir das Model auf einem Teppich räkeln lassen wollten.
Steff: Ja und der Rest entstand dann bei der Inszenierung. Als wir dann die Perücke arrangierten und die Kleider.
Frank: Ja auch bei der Arbeit „Mund auf Augen zu“ war vorher nicht geplant ein Insekt in Bilder zu montieren. Eigentlich wollten wir Blumen nehmen. Und dann kam Stefanie mit diesem Buch an. Und es war klar, dass das so besser funktioniert und wir haben dann angefangen die Insekten zu digitalisieren und zu bearbeiten und so ist das dann entstanden..



Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs, o.T. aus der Serie: Mund auf Augen zu


Kultura-Extra: Ihr arbeitet auch mit digitaler Nachbearbeitung, z.B. bei der Serie "Mund auf Augen zu"? Wie sehr beeinflusst das wissen der Möglichkeit einer digitalen Nachbearbeitung eure Arbeit?
Frank: Wir arbeiten vorwiegend mit digitaler Fotografie. Das hat eine Menge Vorteile.
Steff: Ja, da kann man es richtig krachen lassen.
Frank: Ja und es hält die Geschichte lebendig. Wenn man, wie früher bei der Analogen Fotografie alles bis ins Detail und den Gesichtsausdruck planen müsste – auch im Hinblick auf Materialkosten – kann man jetzt auch mehr über die Auswahl hinterher machen, bedeutet aber natürlich einen erheblicher Mehraufwand durch Datenhandling. Aber im Grunde ist es dann egal, wenn mal die Augen beim Model geschlossen sind. Digitale Fotografie ist weniger statisch. Man ist freier beim Fotografieren – auch das Model.

Das Interview führte Susanne Parth - red. / 5. Juli 2005

Weitere Infos unter:
http://www.bayh.de


  Anzeigen:






KUNST Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

FEUILLETON
Ausstellungsberichte u. a.

INTERVIEWS

KULTURSPAZIERGANG

KUNSTMESSEN

MUSEEN IM CHECK

PORTRÄTS
Galerien | Künstler



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de