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FEUILLETON
Bauhaus | Weimar

Südseeträume eines Obstbaumes

Eine wissenschaftlich-philosophische Auseinandersetzung mit Natur und Kunst im künstlerischen Projekt "green.space"

An verschiedenen Stationen in der Stadt Weimar können dem aufmerksamen Spaziergänger seit dem 25. Juli transparente Fahnen mit einem mysteriösen, blauen Kreuz begegnen. Diese stehen nicht für die örtliche Blutspende, sondern sind Symbolträger für die derzeit laufende Ausstellung "green.space2_licht/schatten".

Das blaue Plus-Zeichen steht dabei für die enge Zusammenarbeit der Bauhaus-Universität Weimar mit dem japanischen Partner, der Tokyo National University of Fine Arts and Music. Mit ihr gelang es nun schon zum zweiten Mal, eine Ausstellung zu konzipieren, die die Verbindung zwischen Kunst und Natur thematisiert. So entstanden an verschiedenen Orten die ganz persönlichen "grünen Räume" der 39 japanisch-deutschen Teilnehmer. Unterstützt wurden sie dabei von den Ausstellungsmachern Prof. Barbara Nemitz (freie Kunst) und Dipl.-Ing. Heike Hanada (Architektur), beide Bauhaus-Universität Weimar, und Prof. Yoshiaki Watanabe (Inter Media Art) von der japanischen Partnerhochschule.

Sprechende Pflanzen, ölige Hände und abfahrende Züge im Hauptgebäude

Betritt man das Hauptgebäude, so wirkt der Raum durch die verhängten Fensterscheiben im Treppenaufgang anders als gewohnt. Bei näherem Hinsehen werden Texte in Blindenschrift auf den halbtransparenten Papierrollen erkennbar: "blind_" heißt dementsprechend die Arbeit. Durch die Berührung mit eingeölten Händen wird der Raum hinter den Papierfahnen wieder sichtbar. Auf diese Weise will Friederike Lorenz das Dahinter erlebbar machen.
Im zweiten Obergeschoss "vermauert" Martin Flemmings Installation von über 80 gebrauchten Schubläden das große Fenster des Oberlichtsaals. Sie verführen zum beliebigen Herausziehen. Umgekehrt als sonst strömt nun das Sonnenlicht aus der Schublade und erhellt den halbdunklen Raum mit Licht. So wie dieses Kunstwerk das Tageslicht braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten, so benötigt die gegenüberliegende Arbeit von Mareike Maage die Dunkelheit. "subway" betitelt, fahren Spielzeugzüge umher und projizieren durch ihre Scheinwerfer Zeichen der Angst an die Wand. Die Bilder verändern sich durch die Bewegung und verlöschen blitzlichtartig. Takahumi Tsuchiya wiederum macht die Polarität von Vergänglichkeit und Beständigkeit zum Thema seiner Arbeit: eine ornamentale "Wandtapete" aus Blättern, die mit einem aufgemalten Punkt, in exakt dem selben Farbton der frischen Blätter, versehen ist. Die Blätter verwelken langsam - der Punkt aber bleibt. Ob Pflanzen sprechen können, ist wissenschaftlich noch nicht wirklich geklärt, für den Künstler Yuji Dogane steht aber zweifelsfrei fest, dass sie sich äußern können. Er begann schon 1991 mit seinem Werkkomplex "Plantron". Plantron gilt als Schnittstelle, um biologische Daten von Pflanzen zu gewinnen. Durch Elektroden an den Blättern können Veränderungen gemessen und das Verhalten der Pflanzen analysiert werden.

Dogane (Foto: Lisa Thiele)
Die Saat der "Erfurter Prachtbohne" ist aufgegangen, rankt empor und hält rege Konversation.


Ein Sprudelwasser geht auf Reisen

Durch den Ilmpark geht es hinauf zur nächsten Station: dem Haus am Horn, wo das Künstlerpaar Mai Yamashita und Naoto Kobayashi eine Reisedokumentation der etwas anderen Art vorstellen. Sie brachten in Tokio gekauftes deutsches Mineralwasser zurück zur Ursprungsquelle in die deutsche Eifel.
Von hier aus ist es nur ein Katzensprung in die reizvolle Gartenanlage der Villa Haar. Dort kann man den "Schattenwunsch" (eine temporäre Arbeit von Kerstin Lichtblau) eines Obstbaumes erleben. Mit Hilfe einer vor Licht schützenden Schablone entsteht ein Palmenschatten im Gras, der dem Obstbaum ein anderes, exotischeres Dasein verspricht.
Im Ilmpark, nahe der Sternbrücke hat das "Mole Observation Institute" von Beatrice Catanzaro und Tricia Flanagan ihr orangeleuchtendes Zelt aufgeschlagen. Kleine Bodenhütchen krönen das Tagewerk fleißiger Maulwürfe auf einem abgesteckten Versuchsfeld. Die tierischen Erdbewegungen werden analysiert und dokumentiert; ein sinnentleertes Unterfangen, welches unseren alles beherrschenden Kontrollzwang ad absurdum führt.

Flanagan (Foto Ulrike Leonhardt)
Ein kleines Tier kann Berge versetzen-wie hier im Weimarer Ilmpark.


Weiter geht es zum e-Werk, wo Kazu Blumfeld Hanada mediale Bild- und Textwelten zusammenbringt. Eine webcam nimmt Bewegungen im Raum auf und verwebt sie mit grün leuchtenden Textblöcken auf gespannten Stoffbahnen.
Schon diese kleine Projektauswahl zeigt, dass es sich bei "green.space2_licht/schatten" um eine vielschichtige Konzeption handelt, deren "grüne Räume" sich immer komplexer entwickeln, je mehr man mit ihnen arbeitet.
Deshalb achten Sie auf das blaue "Plus" im Weimarer Stadtraum, es lohnt sich!

Hanada (Foto: Ulrike Leonhardt)
In der vollkommenen Dunkelheit verwandelt sich selbst der menschliche Körper zu einer einzigen Textpassage.



Ulrike Leonhardt / August 2003
Die Ausstellung selbst ist bis zum 17. August an den verschiedenen Stationen (Hauptgebäude Bauhaus-Universität Weimar (2.OG), Ilmpark, Villa Haar, Haus am Horn, e-Werk) zu besichtigen, ein Ausstellungskatalog soll folgen.

weiterführende Informationen unter www.uni-weimar.de/greenspace





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