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Kunst-Feuilleton / Ausstellung / Besprechungen
3. Berlin-Biennale

Erst das Vergnügen, dann die Anleitung


"Es ist also nur so", resümiert Brigitte Werneburg am 16. Februar 2004 in der taz über die eben eröffnete 3. Berlin-Biennale, "dass sie die Anleitung vor das Vergnügen setzt, wo doch das Vergnügen ganz von selbst die Neugier auf die Anleitung und das kritische Verständnis produziert".
Wie soll man es denn auch allen rechtmachen. Zum dritten Mal öffnet die Berlin-Biennale ihre Tore, 50 Künstler aus aller Welt zeigen ihre Werke, ein anspruchsvolles Film- und Begleitprogramm wird trotz Finanzknappheit aus dem Boden gestampft, noch ist der Rausch der Eröffnungsparty im Café Moskau nicht ganz verraucht - und schon gibt es Schelte aus der überregionalen Presse. Sehen die wohlwollenderen Kommentatoren in der Ausstellung, die neben ihrem Stammplatz, der Galerie Kunst-Werke in Mitte, erstmals auch im Martin-Gropius-Bau gastiert, nur eine "merkwürdig historisierende Schau" (FR), in der "viele Anliegen, wenig Erkenntnisse und eine umfassende Nachwende-Melancholie" (SZ) präsentiert würden, schimpft Niklas Maak von der FAZ ganz offen über den "Hort der Kuratorenbürokratie", den die Berlin-Biennale abgebe, und stöhnt: "bitte nicht noch einmal so eine".
Dabei will das ehrgeizige Projekt von Kuratorin Ute Meta Bauer doch nur die beiden Wörter ihres Titels in Einklang miteinander bringen: eine aktuelle Gesamtschau berlinrelevanter Kunst bieten und zugleich im Kontext internationaler Biennalen wie Johannesburg, Istanbul oder São Paulo seinen Platz einnehmen. Dementsprechend ist von Malerei und Skulptur über Foto und Film bis hin zu Mode-, Parfüm- und Musikexperimenten alles vertreten, und es fällt tatsächlich nicht leicht, die disparaten Werke zu einer Einheit zusammenzudenken.

Durchaus keine kleine Rolle spielen die Werke aus dem Berliner Milieu. Im großen Hof der Kunst-Werke stößt man sich gleich beim Eintritt den Kopf an der inszenatorischen Praxis des Berliner Alltags. Dort hat Bert Neumann, der Chefausstatter der Volksbühne, eine kleine Siedlung aus unterschiedlichen Verschlägen gezimmert: urbanes Erleben als Bühnenbild. Einen anderen Weg, das Leben der Hauptstadt auf eine Formel zu bringen, der an das Druidentreffen im Karnutenwald denken läßt, hat Sissel Tolaas gewählt. In "without borders - NOSOEAWE" (2003) nahm die norwegische Künstlerin Geruchsproben in den vier Berliner Bezirken Reinickendorf, Charlottenburg, Mitte und Neukölln und mischte daraus Parfums, deren Ausdünstungen schlimmer nicht sein könnten. Vielleicht sind es solche etwas angestrengten Versuche, das Berliner Leben zu Kunst zu machen, die Hanno Rauterberg von der Zeit mit "klischeebeladenem Trübsinn" meinte?
Ganz sicher zur Kategorie "Trübsinn" zu zählen wären wohl altgediente Berlin-Topographen wie Thomas Struth und Ulrike Ottinger, deren melancholische Fotos aus Vor- und Nachwendezeit bereits zum Inventar gehören. Allerdings haben sie in ihrer unerbittlichen Schlichtheit Beistand erhalten. Die Fotoserie "Extracts From A File", die der nordirische Künstler Willie Doherty im Jahre 2000 während seines DAAD-Stipendiums in Berlin anfertigte, taucht tief ein in die Schwärze der Berliner Nacht und wird in Auszügen im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Dohertys Überwachungsbildschirme in "Retraces" (2002), mit denen er gleich nebenan die Situation seiner Heimat reflektiert, finden wiederum zwei interssante Pendants in den Kunst-Werken. Die 34 Bilder der Fotostrecke "False Witness" (2003) von Banu Cennetoglu zeigen schlichte Szenen in der heutigen Türkei. Doch obwohl man verzweifelt nach einem vielleicht anstößigen oder problematischen Detail sucht, dokumentieren diese Bilder nichts. Vielleicht liegt es daran, daß man an der unspektakulären Schau vorbeiläuft und direkt dem Geräusch von Ergin Çavusoglus nächtlichem Hubschrauber folgt, den er in "Entanglement" (2003) auf sechs Leinwände projiziert. Was die Arbeit nicht verrät: es handelt sich um einen Spielzeughelikopter, der mit einem Suchscheinwerfer in ein Zimmer leuchtet. Und so spielen alle drei Künstler ihr Spiel mit den Rezeptions- und Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter.
Der Hader mit dem "Meta-Konzept"
Was sämtliche Kunstkritiker bei ihrem Besuch der Berlin-Biennale auf die Palme brachte, war das, was die FAZ Bauers "Meta-Konzept" genannt hat. Da werde stets "zunächst ein möglichst einschüchternder terminologischer Experten-Dada-Brei über die halbgare Kunst gegossen", ohne daß damit etwas erklärt werde. Gemeint sind damit die sogenannten "Hubs", einem aus Logistik und Informatik stammenden Begriff, der soviel besagt wie Knotenpunkt oder Drehscheibe, unter dem fünf Räume zu den Themen "Sonische Landschaften", "Moden und Szenen", "Anderes Kino", "Migration" und "Urbane Konditionen" gestaltet werden. Mag man die beliebige Umsetzung solcher Bündelungsbegriffe kritisieren, so muß man bei näherer Betrachtung doch zugestehen, daß es sich sämtlich um Problemzonen einer Großstadt handelt. Und in punkto Urbanisierung kann man sich über Berlin in seinen Repräsentationen in Zeitschriften, in skurrilen Diagrammen und Modellen und Interviews recht anschaulich informieren. Wenn die Berlin-Biennale den Architektursoziologen Werner Sewing über den Nachwende-Stadtteil Mitte als Kulisse für bestimmte Lifestyles sprechen läßt, packt sich der Kunst- und Kulturbetrieb sogar regelrecht an der eigenen Nase. Daß es mit dem "Erlebnisraum Stadt" so seine eigene Bewandtnis hat, merkt jeder Berlintourist schließlich schon am ersten Tag.
Mehr als konsequent erscheinen dabei auch die vielen Fotografen, deren Werke sich unter dem Stichwort der "urbanen Konditionen" verbuchen lassen. Der Argentinier David Lamelas hat in seiner Installation "Time As Activity" (1998) die nächtliche Großbaustelle am Potsdamer Platz aus der Luft aufgenommen. Der Kanadier Mark Lewis untersucht in "Harper Road" (2003) die heruntergekommenen Wohnblocks aus den sechziger Jahren auf die Einlösungen ihrer architekturtheoretischen Versprechungen hin. Und während Nada Sebestyén in ihren Fotokollagen "Neubau" (2000) die Widersprüche einer Metropole wie Istanbul diskutiert, kombiniert der seit vielen Jahren in Berlin lebende Brite Stephen Willats in seinen Paneels einschlägige Hochhaussiedlungen im Märkischen Viertel und in Neukölln mit den Menschen, die dort leben. "Wie glauben Sie, kann ich diesen Betonklotz innerhalb der Vierzig-Stundenwoche instandhalten", läßt Willats einen Hausmeister in "In Isolation leben" (1979/80) fragen und verweist damit auf die ungelösten Fragen der Moderne: es gibt kein Zurück mehr, und die Wirklichkeit, die ist nun einmal trostlos. Entsprechend emphatisch wirkt denn auch die niedrige Hängung von Ryuji Miyamotos "Cardboard Houses", in denen der Japaner seit den 80er Jahren die Papp-Behausungen der Tokioter Obdachlosen dokumentiert.
Urbanität und Poesie
Als "Dokument der Verunsicherung" hat die Zeit die Berlin-Biennale sehen wollen. "Die Ausstellungsmacher und Künstler trauen dem Eigensinn der Kunst nicht. Und sie trauen dem Besucher nicht", schreibt Hanno Rauterberg, und es scheint fast so, als sei ihm reiner Depri-Dokumentarismus zu wenig. Nun, abgesehen davon, daß viele der fotografisch-filmischen Beobachtungen bei einigem Nachdenken sehr tief gehen, kann man sich in einer Großraum-Installationen wie Isaac Juliens Film "Baltimore" (2003) auch einfach ein höchst poetisches Werk zu Gemüte führen. Natürlich knüpft auch Julien mit seinem Helden Melvin Van Peebles, den er mit einer schnörkellosen Schönheit durch museale Räume pirschen läßt, an Traditionen an, die für Nichtkenner nicht immer leicht auszumachen sind - in diesem Fall sind es die Blaxploitation-Filme der siebziger Jahre. Aber die Präsentation auf drei großformatigen Leinwänden setzt ihre ganz eigenen Zeichen, die man ohne Gewissensbisse konsumieren dürfen sollte.
Gelegentlich stößt man auch auf rätselhafte Projekte wie "Ruta Remake" von Nomeda und Gediminas Urbonas. Mit einem Stimmengenerator, den der Besucher durch Handauflegen bedienen kann, wollen die beiden Litauer die Grenzen und Spielarten weiblicher Identität ausloten. Ein bißchen ratlos steht man auch vor Mika Taanilas Videoportrait des finnischen Computermusikers Erkki Kurenniemi ("The Future Is Not What It Used To Be", 2002).
Dagegen bietet das von der finnischstämmigen Amerikanerin Liisa Roberts' im Jahre 2000 initiierte Projekt "What's The Time In Vyborg?" viel Raum, sich mit den Gegebenheiten im früheren Osteuropa auseinanderzusetzen. Im damals finnischen Viipuri baute Alvar Aalto nach der Unabhängigkeit eine symbolträchtige, moderne Bibliothek, die jedoch mit der sowjetischen Annexion Kareliens im Zweiten Weltkrieg ihre sämtlichen Attribute verlor. Und Roberts versucht nun, die vielfältig wechselnden Identitäten dieser Region anhand einer interessanten Dokumentation über die Bibliothek wieder sichtbar zu machen - ein Projekt, dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist.
Mehr als nur Latte macchiato
Die 3. Berlin-Biennale hat viel Widerspruch hervorgerufen. Dabei ist es zunächst einmal eine vielschichtige und interessante Ausstellung, deren Besuch viele Überraschungen enthält. Mit dem Martin-Gropius-Bau als neuem Ausstellungsgebäude ist außerdem ein Museumsraum gewonnen worden, dessen Anlage den Besuch an sich schon zu einem kleinen Vergnügen macht - anders als in der verschachtelten alten Margarinefabrik, in der die Kunst-Werke untergebracht sind, und anders auch als beim Alten Postfuhramt, dem Ausstellungsgebäude der ersten beiden Biennalen.
Man hat der Biennale vorgeworfen, nun im Berliner Establishment angekommen zu sein und sich nicht mehr die Mühe zu machen, die neuen Trends und Richtungen im Großraum Kunst widerzuspiegeln. Im Gegensatz zur eher international ausgerichteten letzten Ausstellung, die von der Holländerin Saskia Bos kuratiert wurde, mag das stimmen. Andererseits könnte man auch mit Klaus Biesenbach, dem Gründungsdirektor der Berlin-Biennale, dagegenhalten, daß bestimmte Wünsche und Träume der Macher aus den Gründerjahren im Jahrzehnt nach der Wende nun ausgeträumt sind. "Ende der neunziger Jahre waren die meisten dieser Wunderkinder vorgealtert", schreibt Biesenbach in seinem Vorwort zum Katalog, "und an ihrem metropolitanen Ehrgeiz schon fast gescheitert oder hatten alles etwas runtergekocht, das Scheitern als Chance begriffen und tranken in Mitte Latte macchiato."
Ein bißchen mehr als abgebrühten Realismus im Angesicht der Krise sollte man den Besuchern und vor allem den Künstlern sicherlich zutrauen. Aber auch so wird man in der Biennale eine Ausstellung finden, an der man sich satt sehen kann.

p.w. - red. / 14. März 2004

3. berlin biennale für zeitgenössische kunst
noch bis 18. April 2004

Künstlerische Leitung: Ute Meta Bauer

Ausstellungsorte:
KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69, Berlin-Mitte

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchner Straße 7, Berlin-Kreuzberg

Öffnungszeiten: Mi.-Mo. 10-20 h, Di. geschlossen

Filmprogramm:
Kino Arseal, Filmhaus am Potsdamer Platz
Potsdamer Straße 2, Berlin-Mitte

Spielzeiten: Mi. 19:30 h, Fr. und So. 19 h

Eintrittspreise:
Museen: Kombikarte: 11/6 Euro, mit Katalog: 20/15 Euro, ein Ausstellungsort: 7/4 Euro
Kino Arsenal: 6 Euro
Führungen in deutscher und englischer Sprache, Preis: 3 Euro

Weitere Infos gibt's unter
www.berlinbiennale.de
office@berlinbiennale.de

Der einfache Katalog kostet 12 Euro, ein ausführlicher Ausstellungskatalog ist zum Preis von 30 Euro zu haben.

 



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