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Feuilleton


Berliner Protokolle (2)



Pamukkale Berlin-Kreuzberg, 2007. Photo: Adel

Unentrinnbarer Einbruch

oder was die Form ist

„Stand-alone“ von Thomas Hirschhorn in der Galerie Arndt & Partner Berlin

Text: Gerald Pirner

Eine eingedroschene Tür und im Eddingschriftzug „Terror now“ das gegengezeichnet was folgt. Diagonal von oben eingeschlagen ein baumartiger Träger und quer durchs ganze Zimmer, Nahaufnahmen zerfetzter Menschenkörper darauf, zerrissene Gesichter, herumliegende Leichenteile. Einzeln die Bilder von Klebeband eingerahmt, dass sie festhalten und keiner in Vielzahl entkommt. Dass hier wohl gelebt wurde, gewohnt vielleicht weniger, mit Sicherheit aber nicht vor dem Einbruch.

Aufeinandergestapelte Sessel und Sofas in Plastik zu Unbrauchbarkeit verschweißt. In gleicher Weise Tastaturen und Monitore, die an den Wänden kleben wie die Bilder ihrer selbst – sinnlose Erinnerungen an Kommunikation und Draußen…

Spuren auf dem Boden und verklebt auch sie mit Band, als fürchte da einer, dass sie entkommen. In eine Ecke geworfen überdimensionale Pillen zum Einnehmen. YOU in großen Buchstaben darauf und dass das ein Gegenüber und ohne ein solches kein Ich und wo dies Ich angesprochen selbst solches Du und jedes Gegenüber dann verschwunden weil es eben eingenommen wie andere Präparate auch…

Die Wände mit Graffiti und Parolen übersät – Aufrufe in verschiedenen Schriftzügen gesprayt getaged und zwischen Herzchen und Schwanz-mit-Hoden Bespiegelung des Empfindens und des Befindens. Sterne dann wieder, auch die von Revolution und bewaffnetem Kampf Selbst versichernd in jedem Falle, dass jetzt Schluss sein müsse und hier und jetzt…

Thomas Hirschhorns skulpturale Raumcollage „Stand-alone“ im ersten Stock der Galerie Arndt und Partner – Dokumentation von Weltinventar in Gestalt seines alltäglichen Gebrauchs lässt von kontextlosen Gegenständen nur Zeichen übrig und die proben den Aufstand.

Was da scheinbar wahllos an- und übereinander, ent-deckt der zweite Galerieraum spätestens als genau so gewollt. Alles verwendete Material findet sich wieder von anderen Raumverhältnissen allerdings in andere Anordnung gebracht. Eine Ausstellung sei, so Hirschhorn, Kristallisation des eignen Formwillens und er wolle Form geben und nicht machen. Werkabgeschlossenheit wird damit genauso entgegengetreten wie der Trennung des Rezipienten von der Arbeit, unterstrichen nicht zuletzt durch die Wahl des Materials, dessen erste Zugänglichkeit freilich auch eine Falle. Denn was mit „Form“ als Zentralbegriff von „Stand-alone“ bereits im Plan zur Ausstellung umrissen, entzieht sich gerade solcher Begrifflichkeit und die Iteration des Ensembles der Gegenstände – strukturell identisch in den vier Galerieräumen wiederholt – belegt eher einen nicht abschließbaren Prozess.

Schrankrahmen - Rückwand Türen und Fächer abmontiert und zum Verfeuern in eine Kaminattrappe gesteckt. Bücher auf dieser gestapelt, in jedem Raum andere und wovon sie handeln zugleich der Name des „ewigen Feuers“, das in Gestalt des Kamins im Raum jeweils wirkt. „Liebe“ „Philosophie“ Ästhetik“ „Politik“ verräumen so spezifisch Alltag Grauen und Protest und zwischen Deleuze und Platon Freud Nietzsche und Negri vervierfacht Hirschhorns Formentscheidung Weltzustand, der sich nicht nur wiederholt, dem vor allem keiner entkommt und der unter allen Feuern der Be-geisterung immer der selbe.


Pamukkale Berlin-Kreuzberg, 2007 Photo: Adel


Form als Entscheidung - bei Hirschhorn führt ihre Gestalt sie zu keinem Ende. Aus dem Erstellungsprozess tritt Geformtes dem vermeintlichen Schöpfer als formende Kraft gegenüber: „Ich wollte es so machen, ich wollte aber nicht, dass es so aussieht.“ Den entscheidenden Formwillen mittels einer hierfür entwickelten „Logik“ gegen Materialelemente durchzusetzen, scheinen diese zumindest teilweise zu konterkarieren, so dass Form die Formvorstellung wie die Logik des Künstlers im Nachhinein verändern. Ein anderes Moment dieser Verstörung des Künstlers durch sein Werk liegt wohl auch in der unvermittelten Konfrontation der Form mit sich selbst: Form der Bücher Form des aus Schränken herausgeschraubten Holzes Form des Protestes der Resistenz „Megaform“ des Einsturzes von Draußen als Krieg als Aufstand als Repression. Ein Draußen allerdings das in „Stand-alone“ aus dem Innen nicht mehr auszutreiben – verflochten beides untrennbar. Und umgekehrt hält keine Tür mehr sichernd unter Verschluss, denn eingeschlagen sind sie alle und Ein- und Ausbruch das selbe.

Zu denkende Weltzugänge auf Kaminen gestapelt, verdammt endlich zu einer Immanenz, weil kein Raum mehr, der Jenseitigkeit erlaubte und Geschichte als Gegenwart ihr aufeinmal bei sich. Ganz wirklich duckt der Galeriebesucher unter verstümmelten Körpern sich weg um weiterzukommen und vielleicht auch fort. Bilder, in keinen Tatsachen aufgehoben und damit weder wegzuhistorisieren noch nach Ursache und Wirkung verharmlosend analysierbar. Eingebrochen wurde hier so dass Zustände sich ablagerten, deren Spuren kein Entkommen ermöglichen – da ist kein angreifbares Ziel das nicht dringlicher verdächtige Figuren schützte und führte man, und immer zu Recht, ihre Namen an um zur Rechenschaft sie zu ziehen, kleine Marionetten hingen da in einer Struktur, die ein NEIN erfordert, das alles und wirklich alles in Frage stellt.

In seinem Konzept, als Plan von „Stand-alone“ in der Galerie ausliegend, werden alle Elemente der Raumassemblage benannt, wird von Intentionen gesprochen, von dem was nicht gesehen werden solle, wie von dem was zu sehen und von dem was im Unterschied zum Sehen „wirklich wahrzunehmen“. Nicht genug aber solcher Aufforderung zum Hinschauen, referierte dies doch erneut nur Tatsachen- und Bedeutungsverhältnisse, wird da von Zeichen, etwa denen des Protestes an der Wand, als von Zeichen, die für „wahrhaftig“ zu halten seien gesprochen. Näher also an Glaube und Magie denn an organischer Lesbarkeit als Basis von Aufklärung, finden Hirschhorns Kunstzeichen sich in Wahlverwandtschaft zum Sprach- und Zeichenbegriff des frühen Walter Benjamin, für den im Sprachzeichen eine Unmittelbarkeit an Kraft wirkte, die weder in Mitteilungs- noch in Bedeutungsfunktion aufgeht.

Hirschhorns Installation ist so anachronistisch wie revolutionär so esoterisch wie eiskalt real. Sie entbirgt eine Art Militanz, die sich aus der Ungeduld speist, am präzisesten ausgedrückt in dem was eine italienische Hardcoreband in den 80er Jahren ins Mikrophon brüllte: Say no more! Grauen wie Alltag wie Denken wie Fühlen ganz unvermittelt nebeneinander eine unmittelbare Körperlichkeit die nichts entschuldet.




Gerald Pirner - red / 18.Juni 2007
ID 00000003309
Arndt & Partner
Zimmerstraße 90–91
D -10117 Berlin
Tel +49 30 280 8123

Gallery 1st Floor

28.04.–07.07.07

Dienstag bis Samstag 11 Uhr bis 18 Uhr

Weitere Infos siehe auch: http://www.arndt-partner.de/





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