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FREDDIES WUNSCH (Teil 1)


Frederike, genannt Freddie, stöhnte auf. Sie polterte die Treppe herunter. Aus dem Wohnzimmer ertönte laute HipHop-Musik. Sie öffnete die Tür. "Papa, stell sofort den Krach leiser", schrie sie. Ihr Vater, in weißem Arbeitskittel, kniete vor einer Schaufensterpuppe und werkelte an deren Haaren herum. Es sah nach einer komplizierten Hochsteckfrisur aus. Er arbeitete hochkonzentriert und bemerkte seine Tochter nicht, bis seine Musik erstarb. Erschrocken blickte er sich um. "Aber Schatz! Was ist denn?", fragte er und sah dabei leicht verwirrt aus, mit seinen zerzausten Haaren. Freddie verdrehte die Augen. "Wann kommt Mama heute nach Hause?" "Sie hat heute Spätschicht, das weißt du doch!" "Aber ich komme mit den Englischhausaufgaben nicht weiter!" "Du weißt, da kann ich dir nicht helfen, ich war damals selbst eine Niete in Englisch. Und nun muss ich weiter arbeiten, die Frisur muss bis morgen früh fertig werden." Genervt drehte Frederike sich wieder um und wollte schon aus dem Zimmer verschwinden, als ihr Vater ihr nachrief: " Und stell bitte die Musik wieder an!"

Danach ging Freddie nach oben. Auf dem Treppenabsatz stand ihr Bruder Giuseppe. "Was war denn?" Fragend sah er sie an. "Stört dich das denn gar nicht?!", fauchte Freddie ihn an. "Nein", er bekam einen verträumten Blick, "im Gegenteil: Die Musik inspiriert mich zu einem neuen Werk. Willst du es hören?" Und ohne auf Freddies Antwort zu warten, sagte er mit erhobener Stimme: "Oh du mächtige Herrin des Meeres, mit seinen aufgeworfenen Wellen, der schäumenden Flut und.." "Ja, ja, schon gut", unterbrach ihn Freddie ungeduldig, "ich hab Wichtigeres zu tun als mir dein Geschwafel anzuhören." Giuseppe sah sie verletzt an. "Okay, okay, es war nicht schlecht", wand sie ein und zog sich dann in ihr Zimmer zurück.
Dort warf sie sich aufs Bett und starrte die Decke an. Sie seufzte. Mit einem Vater als Starfrisör, einer Mutter als Polizistin und einem Bruder als Dichter hatte man es echt nicht leicht! Ja, man sah mit Stolz seinen Frisuren an Cameron Diaz, Jennifer Lopez und anderen Stars im Fernsehen, aber es kam vor, dass auch vor ihrem Haus Paparazzis lauerten. Ihre Mutter war fast immer nachts unterwegs, während man zu Hause auf sie wartete und manchmal vor Sorge fast umkam. Und was ihren Bruder anging, er war schon mit ein, zwei Preisen für seine Gedichte belohnt worden und war mit seinen 17 Jahren schon ein herannahender Poet. Aber was war mit ihr? Sie hatte kein besonderes Talent. Hobbys, ja, aber mehr nicht. Na ja, sie war erst 15, aber in ihrer Familie hatte jeder schon seinen Weg gefunden, nur sie irrte noch herum. In keines ihrer Schulfächer war sie wirklich talentiert, meist mittelmäßig. Manchmal etwas besser, manchmal etwas schlechter. Tanzen mochte sie, aber sie konnte es nicht. Zu singen traute sie sich nur in der Badewanne oder unter der Dusche. Und Sport war auch nicht so ihr Ding. Was blieb da noch übrig?
Plötzlich fiel ihr siedendheiß ein, dass sie eigentlich die Englischhausaufgaben machen musste. Schnell sprang sie vom Bett auf und setzte sich an ihren Schreibtisch. So ging der Abend vorüber.
Als ihre Mutter mitten in der Nacht auf Zehenspitzen die Treppe hochschlich und in jedes Zimmer blickte, fand sie Frederike schlafend vor ihren Hausaufgaben. Sachte hob sie sie hoch, legte sie ins Bett und deckte sie zu. Im Traum huschte ein leises Lächeln über Freddies Gesicht.

Am nächsten Morgen verließ Frederike hastig das Haus. Sich nach allen Seiten umblickend, überquerte sie schnell die Straße und bog in eine Seitengasse ein. Dort wartete schon ein zierliches blondes Mädchen auf sie. "Hi Freddie, da bist du ja endlich." "Hallo Mag. Ich glaub, sie verfolgen uns wieder." "Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du mich nicht immer Mag nennen sollst", schimpfte das Mädchen, schaute sich jedoch rasch um und wurde schon von Freddie mitgerissen. "Immer dasselbe! Fast jeden Morgen sind die doch hinter uns her", schnaufte sie. "Ja, aber sie haben uns doch noch nie erwischt, oder?!", grinste Frederike. "Stimmt", gab Mag zu, "schnell: Hier lang!" Sie bogen in eine kleine Seitengasse. "Nehmen wir die übliche Abkürzung?", fragte Freddie. "Klar", meinte Mag und sie setzten über einen Gartenzaun hinweg. "Morgen, Frau Huber", riefen die beiden im Chor der älteren Dame zu, die lächelnd zwischen den Beeten stand. "Ihr habt sie schon fast abgehängt", erwiderte diese. Dann versperrte sie den beiden Herren den Weg und begann zu schimpfen. "In der Rolle geht sie wirklich auf", sagte Magdalena (das war ihr richtiger Name) grinsend. "Irgendwann kriegt sie den Nobelpreis dafür", erwiderte Frederike. Sie verlangsamten ihr Tempo. Mag blickte auf ihre Stoppuhr. "Wir haben 5 Minuten gebraucht! Wir haben unseren Rekord gebrochen!" Strahlend fielen sie sich in die Arme. "Okay, nächstes Mal werden es 4 sein", meinte Freddie und damit schlenderten sie auf das Schulgebäude zu.

Nach einer anstrengenden Doppelstunde Sport fühlten die beiden sich ziemlich kaputt und setzten sich in der Pause auf eine der vielen Bänke. Nach einer Weile fragte Mag sie: "Hast du schon von dem neuen Kurs gehört?" Fragend sah Freddie sie an. "Na ja", erklärte Mag ungeduldig, "es wurde ein Schulchor gegründet. Ich dachte, ich schau mal rein. Hättest du nicht auch Lust..?" Vehement schüttelte Frederike den Kopf. "Ich kann nicht singen", sagte sie so entschieden, dass Mag nicht weiter nachhakte.

Nach der Schule gingen die beiden gemeinsam nach Hause. An einer Straßenecke trennten sie sich. "Bis morgen, Mag", rief Frederike ihr hinterher. Dann schloss sie ihre Haustür auf. Stille. "Stimmt ja", dachte sie, "Mama schläft sicher noch. Giuseppe ist noch in der Schule und Papa steckte wahrscheinlich gerade Haarnadeln in die Haare irgendeines Popstars." Im Kühlschrank fand sie gähnende Leere vor. "Na, toll, auch das noch", seufzte sie ergeben und machte sich auf den Weg zum Supermarkt drei Straßen weiter.
Wieder daheim, begann sie ihr Spezialgericht vorzubereiten: Penne alla Freddie. Das waren Spaghetti mit Tomaten-Knoblauch-Sahnesauce, meist gab es dazu Broccoli. Während sie kochte, summte Frederike vor sich hin.
Ein verstrubbelter Kopf mit verquollenen Augen schob sich durch die Tür. "Mmh, das riecht aber lecker!", meinte Anita, Freddies Mutter, "Darf man probieren?" "Man darf", sagte Frederike und reichte ihr einen Löffel. Anita verdrehte genüsslich die Augen. "Köstlich, köstlich! Ich glaube du wirst später Sternekoch!" "Quatsch!", erwiderte Frederike verlegen, aber der Gedanke gefiel ihr gar nicht schlecht. Da fiel ihr ein, dass sie ja nur dieses eine Gericht konnte und man konnte den Gästen doch nicht jeden Tag dasselbe servieren. Also doch kein Beruf für sie! Ihre Mutter schlang beide Arme um sie. "Na, wie war dein Schultag?", fragte sie. "Nichts Besonderes, eigentlich wie immer." Sie erzählte lieber nichts von den Paparazzis, von denen Magdalena und sie fast jeden Tag verfolgt wurden. Das hätte ihre Mutter viel zu sehr aufgeregt. Sie wäre wieder zu ihrem Vater gelaufen und hätte ihm vorgeworfen, durch seinen Beruf die Kinder in Gefahr zu bringen. Über seinen Beruf stritt sie liebend gerne mit ihm, aber Freddie hatte keine Lust, ihr ein neues Argument zu liefern.
Schweigend deckten sie den Tisch und gerade als sie sich setzen wollten, klingelte es an der Tür. "Das wird dein Bruder sein", meinte ihre Mutter, "Kannst du ihm aufmachen?!" Widerstrebend verließ Frederike den Tisch und öffnete die Tür.
Draußen stand jedoch nicht ihr Bruder, sondern der Postbote. "Sind Sie Fräulein Frederike Straubach?", fragte er. "Das bin ich", antwortete sie. "Ein Päckchen für Sie", sagte der Postbote und reichte Freddie ein kleines verschnürtes Etwas. Neugierig sah Frederike es sich an. Der Postbote stand wartend neben ihr. Schnell kritzelte sie ihren Namen auf das Gerät, das ihr hingehalten wurde und schloss dann die Tür. "Du hast aber lange gebraucht", empfing sie ihre Mutter in der Küche, "Wo ist Giuseppe?" "Es war der Postbote, er hat mir ein Paket gegeben." Immer noch verblüfft über diese Tatsache, sah sie ihre Mutter an. Sie bekam sonst nie Päckchen. Manchmal an Weihnachten oder Ostern, an ihrem Geburtstag, aber sonst..? "Schon merkwürdig", dachte sie, "Wer hat es mir wohl geschickt?" Freddie drehte das Päckchen um. Kein Absender. Stirnrunzelnd machte sie sich daran, die Verpackung zu lösen, da unterbrach sie ihre Mutter. "Nicht beim Essen", sagte sie und Freddie musste es aus der Hand legen.

Eine halbe Stunde später waren sie mit dem Essen fertig. Ihre Mutter bestand darauf, dass sie noch abräumte. Ungeduldig tat Frederike, was ihr gesagt worden war. Dann durfte sie endlich auf ihr Zimmer. Eilig lief sie die Treppe herauf, das geheimnisvolle Päckchen in den Händen. In ihrem Zimmer angekommen, schüttelte sie es sachte, aber es rührte sich nichts. Freddie riss die Verpackung ab und starrte auf den Inhalt.

FORTSETZUNG FOLGT
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Sabine Lotz, 15 Jahre, 2. Mai 2006
ID 2550


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