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Literatur online
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Ein Weg
Zoe schaute ihrer Tochter ins Gesicht. Lisa starrte zurück. Beide hielten den Blick der anderen für acht Minuten stand. Das ging nun schon seit einem halben Jahr so, dass Lisa ihre Mutter nur ansah und schwieg, wenn diese beim Abendbrot Fragen über ihr Empfinden gestellt hatte.
Zoe dachte während dieser Minuten für gewöhnlich an die Kindheit ihrer Tochter und ihre Beziehung zu ihrem Exmann. Lisa stellte sich meistens die Klinge vor, mit der sie sich, nach dem Essen, eine weitere Kerbe in den linken Fußknöchel feilen würde.
Dann stand sie langsam auf, stellte ihr Brettchen ins Spülbecken, gab ihrer Mutter einen leichten Kuss auf die linke Wange, und murmelte dabei: "Sicher." Aufrecht und sicheren Schrittes verließ sie die Küche, in Richtung Badezimmer.
Ihre Mutter schaute ihr hilflos hinterher. Längst glaubte Zoe ihrer Tocher nicht mehr. Sie hatte die blutigen Socken und die roten Handtücher gefunden, aber noch nicht das 'Werkzeug'. Die Flasche des Desinfektionsmittels war nie auffindbar, geschweige denn der Rest des Erste-Hilfe-Kastens. Lisa ritzte sich. Dessen war sie sich sicher. Als ihr das zum ersten Mal klar geworden war, weinte sie. Sie weinte, weil sie glaubte, als Mutter versagt zu haben, sie weinte, weil sie sich von ihrem Exmann erpressen ließ, und ihre Tocher zu etwas gezwungen hatte, was sie nicht wollte, nach allem, was sie wegen ihm durchgemacht hatten, durchmachen mussten, sie weinte, weil sie ihrer Tochter nicht helfen konnte.
Doch jetzt weinte sie nicht. Sie wollte nicht mehr weinen, sie wollte alles hinter sich lassen, sie wollte, dass Lisa und sie glücklich waren. Langsam ging sie ihrer Tocher nach.
Lisa lag zusammengekauert auf ihrem Bett und presste das Handtuch fester an ihren Fußknöchel. Sie war nur im Badezimmer gewesen, um sich ein Handtuch zu holen, das andere war weg.
Der Schnitt war zu tief, es fühlte sich nicht gut an, sie vergaß sich nicht im Schmerz, sie fühlte den Schmerz und wurde immer an den wunden Körper erinnert.
Langsam spürte sie Tränen, die ihr auf die Wangen flossen. Sie dachte an früher.
An ihren Dad, der sie geliebt hatte und den sie zugleich geliebt und gehasst hatte.
An ihre Zoe, die damals schwach war. Alles rollte wie eine Flut, die sich vor der Katastrophe zurückzog, auf sie zu. Sie sah ihren lieben Dad, der Zoe, die damals wie ihre große Schwester ausgesehen hatte, einen Kuss gab, wenn er von der Arbeit kam, den lieben Dad, der mit ihr Fußball spielte. Das war der gute Dad, der hatte immer gelacht und rumgealbert. Dann sah sie den anderen Dad, der Zoe, wenn sie etwas vergaß oder nicht das tat, was er wollte, ganze Sträuße geschlagen hatte, dass sie bald sehr alt und müde aussah.
Dieser Dad roch nach Alkohol und stank nach Schweiß und lächelte auch nicht. Lisa hasste es, wenn er auf Zoe einschlug, und hatte sich einmal zwischen die beiden gestellt; er traf sie mitten im Gesicht. Sie fing an zu weinen. Als er dies merkte, sank er zu Boden und nahm sie in den Arm und weinte und küsste sie, danach mahnte er sie, sich nicht noch einmal vor Zoe zu stellen: "Das ist eine Erwachsenensache, Schatz." Zunächst hielt sie sich, wie er gesagt hatte, da raus, aber bald wurde es immer schlimmer und sie bekam Angst. Sie konnte sich niemandem anvertrauen, also hielt sie den Mund und versuchte es zu verdrängen, aber er machte weiter, und dann konnte sie einfach nicht mehr. Sie griff zum Telefon und wählte diese verdammte Nummer.
Dad bekam eine Haftstrafe, und sie und Mom zogen weg.
Am Anfang lief alles gut, sie hatten neu begonnen, ohne ihn. Sie lernten neue Freunde kennen, Zoe ging arbeiten, Lisa hatte mehr Zeit für sich und war einfach glücklich. Fünf Jahre ging das gut, dann tauchte er vor einem halben Jahr auf und wollte Lisa sehen. Er liebte sie abgöttisch. Zoe gewährte, also traf Lisa ihn wider Willen. Nach und nach hatte sie angefangen, ihn zu vergessen, doch als sie ihn sah und er sie in den Arm nahm, flammte ihr Hass neu auf.
Er hatte ihr ein 'Schweizer-Taschenmesser' mitgebracht, das, mit dem sie sich immer wieder schneidet, um ihn nicht mehr zu vergessen.
Während Lisa weinte, kam Zoe zu ihr ins Bett. Zoe umarmte ihre Tochter und sie weinten gemeinsam. Lisa wusste nun, dass ihre Mutter wusste. Zoe strich Lisa über das helle Haar und flüsterte ihr die Worte liebevoll ins Ohr: "Wir werden frei sein." Dann gab sie ihr eine runde grüne Tablette und nahm selbst zwei. Sie kuschelten sich noch einmal aneinander und schliefen Arm in Arm ein...
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