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Der zweite Saisonbeginn


Eine alte Dame saß auf einer Bank, die noch in ihrem neuen Anstrich glänzte. Die Buche ließ den Schatten auf die Straße hinab fallen und die Äste wogten im Wind, welcher auch der alten Dame durchs Gesicht fuhr. Leise seufzend
betrachtete diese das neue Wegkreuz, das ihr gegenüber genau dort stand, wo einstmals ein anderes stand. Der Wind vermochte ihr das ergraute Haar aus dem Gesicht zu streichen, jedoch nicht die Erinnerungen, die sie mit diesem Ort verband. Der Grund für die neue Errichtung des Kreuzes war, wie auch für viele weitere Neuerungen, der Krieg. Jedoch wurde es weder von Soldaten, noch von Bomben hinabgestürzt. Es wäre beinahe tröstlich gewesen, wenn dem so wäre. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie eines Morgens, in der Woche nach der Pogromnacht, das Kreuz auf den Bodengestreckt in Flammen stand. Ihr Sohn war unter jenen gewesen, die mit den lauten Rufen nach einer Welt, die von Juden gereinigt werden müsse, den ganzen Ort zum Geschehen riefen.
Das Gebüsch hinter dem Kreuz raschelte, als ein kleiner Junge von knapp fünf Jahren aus dem Geäst heraus stolperte, in der Hand einen, für ihn, großen Schatz, den er irgendwo gefunden hatte. Schnell lief er auf die Frau zu und hielt ihr ein verlottertes rechteckiges Brett entgegen. Sie nahm es behutsam ihrem Enkel ab, der daraufhin neben ihr auf die Bank kletterte und sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah. "Was steht da?" fragte er und zeigte mit seinen dreckverschmierten Händen auf das Schild. Erst nun, nachdem er ihr Augenmerk, welches in den letzten Jahren sehr an Stärke nachgelassen hatte, auf die verschmutzen grauen Vertiefungen gerichtet hatte, bemerkte sie, dass es kein normales Brett, sondern ein Schild war,
das sie in Händen hielt. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinab. Kaum noch zu lesen stand dort in großen Lettern ein Satz, der sie innerlich stark aufwühlte.
Sie schloss kurz die Augen und holte Luft, spürte jedoch, dass ihr Enkel sie genau im Auge behielt. "Da steht..." meinte sie langsam und recht leise, "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht". Sie biss sich auf die Lippen und ihre alten Hände strichen über das Schild, doch schnell zog sie sie wieder zurück. "Was soll das heißen?" drängte neben ihr ein ungeduldiger Junge.
Ein Seufzen, wie es nur ältere Damen beherrschten, die so viel Leid gesehen und erfahren hatten wie sie, glitt ihr über die Lippen. Es war lang und gedehnt und gab ihr einen Moment Bedenkzeit. Dann konnte sie der jungen Neugierde jedoch nicht länger ausweichen. "Du weißt doch, dass eine schwere Zeit hinter uns liegt. Der Grund, warum Opa nicht mehr da ist und auch dein Vater noch immer so..." Sie wagte es nicht auszusprechen. Ihr Sohn war als Kriegsveteran aus einem Gefangenenlager zurückgekehrt und seitdem niemals mehr so fröhlich gewesen wie er es vor dem Krieg war. "Ja klar weiß ich das!" meinte ihr Enkel, freudig erregt, weil er so viel darüber wusste. "Der Zweite Weltkrieg!" Ein erfreutes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als seine Großmutter ihm mit einem bedächtigen Kopfnicken zustimmte. "Und du weißt auch, welchen großen Fehler wir damals begangen haben? Wir Deutschen?" Ihr Enkel nickte, als wäre das selbstverständlich, und mit kindlichem Eifer gab er wieder, was allen Kindern erzählt wurde: "Hitler hat schlecht über die Juden geredet, alle haben das!" Ein runzliges anerkennendes, jedoch auch trauriges Lächeln trat auf das Gesicht der Frau.
"Das stimmt. Und du weißt auch, dass das nicht gut war." Nun wurde der Junge stiller und nickte. Er kannte nicht die ganze grausame Wahrheit, das war niemandem zuzumuten, doch auch ihm war eingeschärft worden, wie falsch damals gehandelt wurde. "Nun, auch wir hier haben den Fehler gemacht, uns für etwas Besseres zu halten", meinte sie und ein tiefes, ernstes Bedauern klang in ihrer Stimme mit.
Ihr Enkel war plötzlich still geworden. Er zappelte nicht mehr rum und drängte sie auch nicht weiter. Vermutlich musste er erst verdauen, dass auch seine Eltern und die, die ihm lieb waren, Fehler gemacht hatten. Diese kindliche Naivität, der feste Glaube eines jedes Kindes, dass die eigenen Vorbilder niemals etwas Falsches tun würden und dieses unendliche Vertrauen in die Fähigkeiten, die schon alles richten würden, waren vermutlich ein wenig erschüttert worden. Ein weiteres gediegenes Seufzen, das die kleine Stille füllte, die sich gebildet hatte, besann ihn wieder. "Wieso? Was habt ihr denn gemacht?" fragte er, sein Blick ruhte auf dem Schild, vielleicht konnte er ihr im Moment nicht in die Augen sehen. "Wir haben den Juden verboten, uns zu besuchen", kam die Antwort. Behutsam erzählte sie ihm davon, welche Ironie sich darin verbarg, dass das Schild neben dem Kreuz des Jesus Christus stand, erklärte ihm, das auch dieser ein Jude gewesen sei und dass es zwar Zweifler gab, diese sich jedoch nicht zu Wort meldeten. "Warum denn nicht? Das ist doch blöd! Wenn Jesus auch ein Jude war, dann hätte das doch schon alle überzeugen müssen! Der hat doch nie Böses getan!" Der kindliche Eifer war wieder geweckt und die blauen Augen blitzten wissensdurstig zu ihr hoch. Auch wenn vielleicht ein leiser Zweifel in ihnen stand. "Manchmal," meinte sie langsam, "hören Menschen nur das, was sie hören wollen." Sie strich ihrem Enkel über den Kopf "Wir hatten damals viele Probleme und haben die Schuld bei jemand anderem gesucht. Wir waren gemein zu jemanden, der nichts dafür konnte. Aber du siehst ja, es hat sich alles zum Guten gewendet. Vielleicht beinahe zu spät. Aber das ist doch besser als gar nicht, findest du nicht?" Ein wenig traurig sah sie auf ihn hinab. Verständnislos schaute er zurück. "Ja, aber." Doch als er sah, dass sich ihre Augen mit Tränen gefüllt hatten und ihn ansahen, als würden sie ihn um Verzeihung bitten, schloss er seinen Mund und schluckte seinen Protest herunter.
Es war, als hätte ihr Blick ihn dazu gebracht einzusehen, dass man an dem Vergangenen nichts mehr ändern konnte. Er nahm ihre Hand in seine und mit der anderen das Schild. "Können wir ein neues Schild machen?" fragte er dann. Überrascht sah ihn seine Oma an "Ein neues?" Ohne sie anzusehen, warf er das Schild in einen Graben. "Ja! Wir brauchen doch eins, das ist doch blöd und falsch!" Verwirrt und sprachlos begegnete seine Oma seinem Blick, in dem plötzlich etwas blitzte. "Und auf das Schild schreiben wir dann: 'In diesem Kurort sind alle erwünscht!'" Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und steckte das seiner Oma an. Die vielen Runzeln, die ihr stets einen leicht traurigen Blick gaben, bogen sich zu einem Lächeln. Sie nahm seine Hand in die ihre und die Beiden schlenderten den Weg hinab. Vorbei an dem neuen Kreuz und sahen zu ihm auf. Jesus hing dort, ans Kreuz geschlagen und würde es wohl auch immer tun. Über ihm prangte in schmiedeeisernen Lettern "INRI" - König der Juden.


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Pia, 13 Jahre, 7. März 2007
ID 00000003051


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