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KARAS KURZE GESCHICHTE
Kara hob eine Augenbraue. Dann ging sie stumm weiter. Das passierte ihr oft. Sie wusste, dass sie im Prinzip die Fähigkeit hatte zu sprechen, doch etwas tief in ihr schien sie davon abhalten zu wollen. Das ist nicht einfach zu erklären, denn das Innenleben eines Menschen lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Das wäre auch traurig, schließlich würde es bedeuten, es gäbe nur sehr banale Empfindungen und nur eine begrenzte Anzahl davon. Ich kann nur so viel sagen, Kara kam es oft so vor, als bestünde sie aus zwei verschiedenen Menschen. Der eine war für andere sichtbar, er war sozusagen der äußere Mensch. Dieser Mensch hieß Kara, hatte braune lange Haare und grüne Augen. Er unterschied sich komplett vom inneren Menschen, der keinen Namen brauchte, da nur Kara selbst ihn kannte, und nicht einmal sie tat es wirklich. Ihr innerer Mensch kam ihr oft äußerst fremd vor. Nein, eigentlich war es Kara, die dem inneren fremd war. Das ist sehr kompliziert, vor allem, weil sowohl Kara, als auch der innere, ursprüngliche Mensch wieder aus den verschiedensten Persönlichkeiten bestanden. Das Problem dabei war, dass diese Persönlichkeiten sich nicht ausstehen konnten, sie bekämpften einander und wollten sich niemals einigen. Doch all diese Persönlichkeiten hatten eines gemeinsam, sie alle hassten Kara. Naja, womöglich ist es zu hart, das Wort "Hass" zu verwenden, nennen wir es "Ablehnung". Ja, sie alle lehnten sämtliche Karas in irgendeiner Weise ab. Sowohl Kara vor Freunden, vor Fremden, vor Autoritätspersonen, vor entfernten Verwandten, vor der Familie. Das war natürlich nicht der Dauerzustand, es gab ab und zu auch Momente, in denen zumindest die meisten Persönlichkeiten stolz auf Kara waren. Insbesondere vor ihrer Familie verhielt sie sich oft sehr natürlich und musste sich nicht verstellen. Das waren die Abschnitte ihres Lebens, in denen sie sich ausgeglichen fühlte. Doch diese Ausgeglichenheit wurde ihr manchmal zu langweilig. Vielleicht war das ihr natürlicher Schutzmechanismus, der ihr so den indirekten Befehl gab, sich der fremden Welt zu stellen. Schließlich wäre es unnatürlich und ungesund, sein Leben lang zu Hause zu verbringen. Das hätte Kara auch gar nicht gewollt, denn zum Glück war sie eine sentimentale , etwas naive Realistin mit leichter Tendenz zum Positivdenken. Deshalb sah sie manche Tage als Herausforderung an, sich selbst im Leben zu meistern. Sie war sich sicher, wer es schafft sich selbst zu meistern, der kann alles bewältigen. Manchmal waren diese Tage aber eine große Enttäuschung und so gab es auch etliche Morgen, an denen Kara am liebsten im Bett geblieben wäre. Sich zu verstecken schien für sie schon seit jeher eine süße Verlockung zu sein, doch im Endeffekt hätte sie das nicht glücklich gemacht, denn so hätte keine ihrer Persönlichkeiten die Chance gehabt zu gewinnen und sie wären alle miteinander elendig zu Grunde gegangen.
Kara wollte manchmal einfach nicht sprechen, obwohl sie es eigentlich ganz gut konnte. Die Leute lobten ihre beruhigende Stimme und wenn sie es wollte, war sie dazu imstande, intelligente Dinge von sich zu geben. Fühlte sie sich in ihrer Umgebung wohl, so schwang sie richtige Reden und in ihrem engsten Freundeskreis war sie als leidenschaftliche Diskutantin verschrien, die einfach immer das letzte Wort haben musste. Doch in einem auch nur etwas weniger vertrautem Umfeld, und nun sind wir da angelangt, womit wir eigentlich begonnen haben, fühlte sie sich innerlich gehemmt und verhielt sich zurückhaltend und schüchtern. Deshalb dachten jene, die ausschließlich ihren äußeren Menschen kannten, sie wäre eine verschlossene, dumme oder arrogante Person. Wer sich die Zeit nahm, auch eine ihrer inneren Persönlichkeiten kennenzulernen, der konnte sich schnell vom Gegenteil überzeugen, aber auch nur, wenn Kara das zuließ. Vielen Menschen gegenüber verschloss sie sich ganz absichtlich, aus Angst, sie würde sowieso nicht verstanden werden. Außerdem hatte sie auch Furcht vor Ablehnung und darum wollte sie sich den meisten erst gar nicht anvertrauen, um jede Gefahr zu vermeiden, missverstanden, ausgelacht oder verletzt zu werden.
Kara hatte überhaupt noch keinem Menschen auf der Welt alle ihre Persönlichkeiten offenbart. Niemand kannte sie so wie sie wirklich war und das war auch gut so. Es war Kara völlig egal, dass es keinen gab, dem sie ausnahmslos alles erzählen konnte. Sie konnte ihre Gedanken ja aufschreiben oder ihrer Katze davon berichten. Es war für sie schon befriedigend, ein Buch zu lesen oder einen Film zu sehen, in denen sich ihre Gefühlswelt widerspiegelte. Denn dann fühlte sie sich nicht mehr so einsam und unbedeutend, obwohl sie wusste, dass sie es sehr wohl war, so wie jeder Mensch auf der Welt. Und dieses Wissen ermöglichte es ihr, sich ab und zu frei zu fühlen.
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Paula, 17 Jahre, 11. Juli 2008 ID 3922
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