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Der Moment der Überwindung


Meine Glieder fühlten sich steif an und mein Atem ging schnell, aber schwer.
Es kam mir vor, wie ein endloser Moment des Kämpfens. Das Kämpfen mit mir selbst.

Soll ich es wagen?

Hat es einen Sinn?

Natürlich hatte es einen Sinn, natürlich sollte ich es wagen. Die Frage war aber, ob ich es konnte. Dieses eine Hindernis, welches ich auf jeden Fall überwinden sollte, stand mir im Weg. Es machte keine Anstalten mich vorbeizulassen - es war da und forderte mich heraus.

Nun war es an mir. Und ich kam zu einem Entschluss. Ich konnte es schaffen.


Ich dachte darüber nach, wie es wäre, nicht so zu sein, wie ich es gewesen bin. Ich wollte mich anfangs ändern - wirklich, war aber viel zu weit weg davon und ich weinte. Ein Zeichen von Schwäche.

Vor einem Jahr hatte ich mich verändert, etwas hatte mich verändert. Der Tod meines Bruders. Er hieß Nicholas.

Er wurde vor einem halben Jahr von einer Gruppe Jungs zusammengeschlagen, misshandelt und ist einfach in einer Seitenstraße liegen gelassen worden.
Ich male mir bis heute oft noch aus, was genau passiert ist.

Es suchte mich im Traum auf und ließmich nicht mehr los. Ich fürchtete mich nicht davor, ich wartete darauf. Ihn in dieser Situation dann zu sehen war zwar in einer Hinsicht beängstigend, aber schöner, als ihn nicht zu sehen und ihn letztendlich zu vergessen. Ich vergäße sein Aussehen, sein Lachen, seine guten Seiten und seine schlechten Eigenschaften. Und das Schlimmste - ich hätte seine unendliche Liebe, die er mir schenkte vergessen.

Und so sperrte ich mich ein. In einer Welt, in der es nur mich und meinen Bruder gab.

Ich blendete das Leben um mich herum aus. Die Schule, meine Freunde, meine Familie, einfach alles.

Meine Eltern hatten es schon längst aufgegeben mich dazu zu bewegen, in mein Leben zurückzufinden. Meine Mutter meinte einmal: "Schatz, die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du dir öffnest. Mach etwas aus deinem Leben. Nicholas' Tod betrifft uns alle sehr, aber versuch bitte nicht, ihn zu deinem Leben zu machen. Du hast etwas Besseres verdient."

Über diese Worte dachte ich kurz nach, ließ meine Gedanken jedoch sofort wieder abschweifen. Zu meinem Bruder...

Die Polizei war schon bei uns Zuhause, um mich abzuholen. Sie wollten mich in die Schule bringen, dachten, dass ich schwänze. Meine Mutter sprach mit ihnen und meinte etwas von schwieriger Situation, bis sie schließlich gingen. Sogar ein Schüler aus meiner Jahrgangsstufe war da. Sam.

Er wollte mich umstimmen und zurück in die Schule holen, doch ich wollte nicht - konnte nicht.

Seit einem halben Jahr war ich nur einmal draußen gewesen. Ich ging zu Nicholas' Grab, doch es war zu viel. Zu viele Eindrücke, die mich dazu trieben ihn zu vergessen. Und so schloss ich mich ein. In meine Welt - in mein Zimmer.

Jeden Tag saß ich vor meinem Fenster und starrte hinaus. Man sollte meinen, dass dies mich auch vieles vergessen ließ. Doch das ist falsch. Wenn ich nach draußen sah, dann schaute ich nicht auf Menschen hinunter, die die Straße überquerten, ich sah keine Tiere, ich hatte nur Augen für meinen Bruder, der wie eine Illusion unten im Vorgarten stand und mir zuwinkte.
Manchmal schaute ich mir Fotos von früher an - von mir und Nicholas.
Jedesmal entdeckte ich neues auf diesen Fotos. Sogar gänzlich gegensätzliches. Freude - Trauer, Langeweile - Gespanntheit.

Mein Alltag bestand aus dem Fenster und den Fotos. Ich isolierte mich völlig. Ich sah meine einstigen Freunde dieses halbe Jahr lang nicht.

Die Aufforderung, zum Therapeuten zu gehen, beachtete ich nicht.

Er hätte mir nicht helfen können. Ich war gesund, mir ging es gut. Ich war da, wo ich sein wollte - in meinem Zimmer, bei meinem Bruder.

Ich lebte. War dies nicht genug? Anscheinend nicht...


Eines Tages schaute ich wie gewohnt aus dem Fenster. Ich sah keine Menschen, die die Straße überquerten, keine Tiere, aber leider auch meinen Bruder nicht. Ich bekam Panik.

Das Atmen fiel mir plötzlich viel schwerer.

Ich riss das Fenster auf und lehnte mich weit heraus. Vielleicht stand er dieses Mal ja woanders.

Die Antwort war eine Enttäuschung.

Ich setzte mich zurück auf meinen Stuhl, als ich plötzlich einen Schrei hörte. Dieser Schrei erinnerte mich an etwas. Mein Blick fiel aus dem Fenster. Nun schaute ich auf ein paar Männer, die in einem Kreis standen und auf etwas einzutreten schienen.

Dieses Etwas war ein Junge.

Er lag auf dem Boden.

Hilflos!

Verkrümmt!

Ich verspürte den Drang, ihm zu helfen. Ich sollte ihm helfen. Ich musste!
Doch dieses eine Hindernis stand zwischen mir und dem Opfer. Dieses Hindernis war mein Bruder!

Er stand wieder im Vorgarten. Eine Welle der Erleichterung überfiel mich.

Er hob die Hand und winkte mich zu sich: "Neera, hilf ihm! Öffne dein Fenster. Du hast eine Welt verdient, die größer ist als dein Zimmer. Lebe!"

Und er verschwand...

Mir stiegen Tränen in die Augen. Ich wusste, dass er nicht das Fenster meinte, an dem ich tagtäglich saß. Ich erinnerte mich an die Worte, die mir meine Mutter einst sagte.

Ich sprang von meinem Stuhl auf, stieß meine Zimmertür auf und rannte die Treppe zum Erdgeschoss hinunter. Ich zog an meiner Mum vorbei und erkannte in ihrem Gesicht eine Spur von Erleichterung und Verwirrung. Ich stürmte aus der Haustür und abermals fanden die Tränen ihren Weg über meine Wangen. Nun stand ich draußen. Die Gruppe aus sechs Männern trat immer noch auf den Jungen ein. Nun erkannte ich, wer es war.

Sam! Ich verspürte ein flaues Gefühl in meiner Magengrube.

Diese Männer waren fast vier Köpfe größer als ich. Ich stand nun hilflos und zitternd rund drei Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Ich schätzte die Chance ein, sie zu überwältigen. Sie war gleich null. Eine große, aber zugleich weiche Hand legte sich auf meine Schulter. Mir entfuhr ein unglaublich hoher, kreischender Laut und die Schläger drehten sich in meine Richtung.

Da erkannte ich, dass die Hand von niemand anderem als meinem Vater stammte.

Er hielt den Baseballschläger aus unserem Flur fest in der Hand.

Er war zur Verteidigung gedacht, was sich nun rentierte.

Dad stürmte auf die Männer zu, wobei ich zur gleichen Zeit den verletzten Sam aus der Gefahrenzone zog, um ihn in das Haus zu schleifen.

Mein Vater folgte mir und rief den Notdienst, während die Nachbarn, die den Streit mitbekamen, die Täter festhielten. Der Streifenwagen und der Rettungsdienst trafen zehn Minuten später ein.

Als Sam mit Hilfe einer Trage zum Krankenwagen gebracht wurde und die sechs Männer ihre Personalien und dergleichen angeben mussten, benachrichtigte meine Mutter die Eltern Sams.

Sie kamen so schnell wie möglich zum Krankenhaus. Es stellte sich heraus, dass Sam zwei gebrochene Rippen, eine Platzwunde, die genäht werden musste und zahlreiche Schrammen und Blutergüsse hatte. Ich blieb noch bis spät in den Abend bei ihm, bis ich schließlich gehen musste. In dieser Nacht flossen sehr viele Tränen. Tränen der Freude - Tränen der Trauer. Diese Tränen sagten mehr als jede Worte. Die folgenden Wochen waren ungewohnt stressig. Meine Eltern meldeten mich wieder in der Schule an und ich war jeden Tag bei Sam im Krankenhaus und anschließend bei ihm Zuhause. Das flaue Gefühl ging einfach nicht weg.


Monate später.... Sam und ich stehen auf dem Schulhof. Arm in Arm. Ich weiß nun, was das Flaue in meinem Magen ist. Es ist das Gefühl, wieder frei zu sein. Das Gefühl der Liebe. Die Liebe zu meinen Eltern, zu Sam, aber vor allem die Liebe zu meinem Bruder.

Ich habe mein Fenster geöffnet, Nicholas. Ich will, dass du das weißt.

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Amy, 14 Jahre, 26. März 2011
ID 5124




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