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Katja


Kapitel 1: Das Mädchen

Marc warf den Kopf in den Nacken. Wasser spritzte überallhin. Aber niemand war da, den es hätte stören können. Außer ihm saß nur noch ein Mädchen in etwa seinem Alter ganz am Rand des Schattens. Er selbst saß dem Baum, der den Schatten warf, ganz nah, damit er sich an ihn lehnen konnte, während er las. Er las sehr gerne Bücher, die von ganz normalen Menschen handelten, am allerliebsten aber las er Lebensgeschichten von mehr oder weniger bekannten Menschen. Schon öfters hatte er versucht, selber Lebensgeschichten von Menschen in seiner Umgebung zu schreiben, aber meistens waren diese Menschen nicht einverstanden damit, dass er ihnen überallhin folgte und ihnen Fragen über ihr Leben stellte. Worte wie „Klammeräffchen“ und „Stalker“ bekam er oft zu hören; Meistens wusste sein Zielobjekt nämlich gar nicht, dass er einen Lebenslauf schrieb. Er fing an, sich abzutrocknen; Morgen fing die Schule wieder an. Unbewusst ließ er seinen Blick zu dem Mädchen am Rand des Schattens wandern. Sie wirkte weder nett noch unfreundlich, sie schien sich gar nicht darum zu kümmern, was um sie herum geschah. Solche Leute kannte Marc zur Genüge, aber dieses Mädchen war irgendwie anders. Vielleicht... Er musste es einfach probieren. Er holte seinen Schreibblock aus seiner Tasche und spitzte seinen Bleistift an. Dann stand er auf und schlenderte mit dem Handtuch um die Schultern geschlungen auf das Mädchen zu. Er ließ sich neben sie ins Gras fallen. Das Mädchen schaute nicht auf. Er sah, womit sie sich beschäftigte: Sie zeichnete die Landschaft. Sie hatte Talent, das musste er ihr lassen. Sie tat nicht so, als ob sie ihn gar nicht bemerkte, er hatte den Eindruck, dass sie nicht einmal Notiz davon nahm, dass sich eben jemand zu ihr gesetzt hatte. Eine Ewigkeit, so kam es ihm vor, saßen sie so: Sie zeichnete und er beobachtete. Irgendwann stand sie auf, streifte ein mit Blumen bedrucktes Kleid über den trockenen Badeanzug, wobei ihm eine Kette mit einem roten Stein auffiel, und faltete das Handtuch, auf dem sie gesessen hatte. Er hatte nur noch eine Chance. „Wie heißt du?“ Er schaute verblüfft auf. Er hatte das nicht gesagt. Das Mädchen stand neben ihm. Sie schaute ihn nicht an, aber er war der Einzige, der hier war. Sie fragte noch einmal, “Wie heißt du?“
„Ich bin Marc. Wie heißt du?“
„Katja.“
„Sag mal, könntest du - Hey, warte, warum gehst du weg?“
Sie ging langsam weg, noch ehe er aufgehört hatte zu reden. Kurz vor dem Ende des Schattens drehte sie sich noch mal um uns sagte:
„Wir werden uns wieder sehen.“ Dann verließ sie die Lücke im Sonnenlicht, die der Baum auf die Wiese warf, und trat in das gleißende Sonnenlicht.
Er hatte sie bis jetzt nur im Dunkeln gesehen. Jetzt aber stand sie mitten in den Sonnenstrahlen. Er sah, dass sie recht blass war, lange, schwarze Haare hatte, die sie in zwei Zöpfe geflochten hatte und dunkelblaue Augen. Sie wirkten ziemlich ausdruckslos. Eine leichte Brise ließ ihr Kleid um ihre Beine flattern und fegte Wassertropfen an ihr vorbei, die kurz in der Sonne glitzerten und dann zu Boden fielen.


Kapitel 2: Das Wiedersehen

Das Klassenzimmer war sonnendurchflutet, als Marc hineinkam. Er stellte seine Tasche auf einen Platz in der zweiten Reihe. Er setzte sich immer ganz an die Wand, es war nicht so, als ob die Anderen sich darum rissen, wer neben ihm sitzen durfte. Also saß meistens Joey neben ihm, aber leiden konnten sie sich nicht wirklich. Tatsächlich landeten sie nur deshalb immer nebeneinander, weil alle sich lieber nicht neben Marc setzten und Joey immer zu spät kam und der letzte freie Platz immer neben Marc war. Aber heute würde Joey es etwas schwerer haben, einen Platz zu finden, denn als Marc von der Toilette zurückkam, sah er, dass jemand anderes seine Tasche auf den Platz neben ihm gelegt hatte. Joeys Tasche war das nicht, Joey hatte kein Yin Yang auf seiner Tasche aufgestickt. Offensichtlich hatte die Person nicht gemerkt, dass Joey einmal auf den Tisch geschrieben hatte: Hier sitzt Joey M. und sonst niemand! Marc setzte sich auf seinen Platz und grübelte über das Mädchen vom Vortag nach. Er hatte sich nur eines von ihr aufgeschrieben, nachdem sie gegangen war: Ihren Namen. Sie hieß...
„Katja.“ Er schaute auf. Das Mädchen von gestern stand mit Lisa und Ashley and der Tür. Er konnte erkennen, dass Lisa Katja mit dem Bein die Tür versperrte. „Du heißt also Katja, ja? Na dann lass dir mal eines gesagt sein: Am besten stellst du dich gut mit uns. Weil sonst könnte das hier etwas verzwickt für dich werden.“ Die meisten, die zuhörten, verdrehten die Augen. Katja aber schaute genauso teilnahmslos wie gestern an Lisa vorbei in Marcs Richtung. Und dann schien es so, als ob sich Lisas Bein ganz von alleine nach unten bewegte. Ganz langsam, als ob es von einer unsichtbaren Kraft nach unten gedrückt würde. Während Lisa noch fassungslos auf ihr Bein starrte, als hätte es sich in einen Tentakel verwandelt, glitt Katja zu Marc hinüber. Offensichtlich war das ihre Tasche neben seiner, denn sie setzte sich auf den Stuhl neben ihm und packte einen Block und einen Stift aus der Tasche. Sie schaute Marc einmal an, dann noch einmal, und als er anfing, sich Gedanken zu machen, ob er vielleicht etwas am Gesicht hätte, sah er, dass sie ihn zeichnete. Er wandte den Blick wieder nach vorne, damit sie nicht noch mal von vorne anfangen musste. Katja war so konzentriert, dass sie nicht einmal Herrn Scheuer bemerkte, als er die Klasse betrat.
„Der Sommer ist vorbei, jetzt ist Lernen wieder angesagt!“ brüllte er wie immer. Katja schreckte nicht zusammen, der Rest der Klasse schon, obwohl sie das schon gewöhnt waren. Herr Scheuer war lange im Bund gewesen, ehe er hatte studieren können. Katja ließ ihren Block auf den Tisch sinken und schaute nach vorne. „Heute begrüßen wir eine neue Mitschülerin. Ihr Name ist Katja. Katja, stehst du bitte auf und erzählst der Klasse etwas von dir?“ Katja schob langsam ihren Stuhl zurück und erhob sich. Sie blickte einmal in die Runde, drehte sich auch zu Marc um, holte Luft und fing an:
„ Mein Name ist Katja Korai. Ich bin 14 Jahre alt und werde im November 15. Ich hasse es, in großen, gefüllten Räumen zu sein, Ich habe am liebsten meine Ruhe. Ich halte mich gerne da auf, wo es dunkel ist. Ich könnte nicht sagen, dass das Malen meine Leidenschaft ist, aber es gefällt mir besser, als mit Menschen zusammen zu sein.“ Danach setzte sie sich wieder hin. Der Klasse stand der Mund offen. Katja hatte nicht einmal nach Worten suchen müssen, sie hatte vollkommen sicher jedem in die Augen gesehen, sogar Herrn Scheuer. Sie hatte außerdem völlig klar gemacht, dass sie gern allein war. Niemand sagte etwas. Irgendwann fand Herr Scheuer seine Stimme wieder. „Ähm... ja, soviel dazu. Ich... Es sieht so aus, als ob wir heute hitzefrei bekommen... Ich teile euch die Stundenpläne aus, dann könnt ihr auch wieder gehen... bis morgen dann.“
Niemand sprach, während er die Pläne austeilte. Der Lautsprecher hallte durch die Räume: Das ist an alle Schüler und Lehrer: Heute bekommen alle hitzefrei. Ihr könnt jetzt gehen! Herr Scheuer räusperte sich, dann sprach er wieder: „Damit wäre dann alles gesagt. Bis morgen dann.“ Katja war die Einzige, die ihre Sachen zusammenpackte. Dann stand sie auf und glitt aus dem Zimmer. Nach und nach fassten sich die Schüler wieder, räumten ihren Platz auf, verabschiedeten sich von den anderen und verließen das Zimmer. Marc war der Letzte. Als er sein Mäppchen einräumte, bemerkte er einen Stift, der nicht ihm gehörte. Um ihn herum war ein Zettel gewickelt, auf dem stand: Für Marc. Er entrollte das Stück Papier und begann zu lesen.
Marc,
Stell deinen Wecker heute Nacht so, dass du um Punkt Mitternacht vor deiner Tür stehst. Folge den Blättern und der Brise. Erzähl niemandem hiervon.
Katja

Marc fühlte sich sonderbar leer und doch freudig. Die Hand, in der der Brief lag, fühlte sich an wie ein Körperteil, das nicht ihm gehörte. Das Sonnenlicht draußen wurde langsam dunkler. Die Schatten zogen sich in die Länge. Ein halb beschriftetes Blatt Papier lag auf dem Boden. Marc begriff langsam, was passiert war. Aber er konnte es nicht fassen. Er musste um Mitternacht aufstehen.


Kapitel 3: Mitternacht

Es war fünf Minuten vor Mitternacht. Marc stand verschlafen vor der Haustür. Er hielt Katjas Brief in der Hand. Folge den Blättern und der Brise. Was sollte das bedeuten? Er schaute noch mal nach, ob er auch wirklich alles hatte. In seinem Rucksack war eine Flasche Wasser, Sein Block und ein Stift. Die Sachen also, die er immer überallhin nahm. Er schaute auf seine Uhr. Noch dreißig Sekunden... Er schaute sich um. Alle Lichter waren aus. Niemand lief zu so später Stunde noch draußen herum. Zwanzig Sekunden. Er wurde nervös. Was meinte Katja mit folge den Blättern und der Brise? Fünf Sekunden. Vier... drei... zwei... eins... Nichts geschah.
Marc wollte sich gerade umdrehen, als er ein Rascheln hinter sich hörte. Er drehte sich um. Folge den Blättern und der Brise... jetzt verstand er! Die Blätter des alten Ahornbaumes am Straßenrand tanzten in der Luft und forderten Marc auf, mit sich zu kommen. Und dann passierte etwas, was Marc noch nie geträumt hätte zu sehen: Die Blätter schienen zu einer Figur zusammengeweht zu werden. Die Figur sah ganz aus wie ein menschlicher Körper. Ein Mensch mit langen, geflochtenen Haaren... Marc vergewisserte sich, dass ihm niemand folgte und lief der Figur hinterher. Sie führte ihn in den Wald. Er war nur ein paar Mal hier gewesen, als er noch ein Pfadfinder war. Aber diesen Weg hatte er noch nie gesehen. Auf einmal war die Figur verschwunden. Die Blätter wurden an den Rand des Weges geblasen und blieben dort liegen, wie ein Zaun. Die leichte Brise, die nicht gegangen war, schubste Marc regelrecht den Weg entlang. Bald sah er ein helles Licht zwischen den Bäumen Er beschleunigte seinen Schritt, und bald sah er, dass das Leuchten von einem riesigen Wasserfall kam, der im Mondlicht glitzerte. Marc rieb sich die Augen, als er dem Wasserfall mit den Augen nach oben folgte, und erkannte, dass dort jemand stand. Diesmal war es keine Blätterfigur. Diesmal war es Katja. Es sah so aus, als ob sie nur ein langes Kleid anhatte. Marc selbst war recht kalt. „Katja!“ Sie schaute nach unten. Erkannte Marc. Dann hörte er ihre Stimme, aber Katja war viel zu weit weg, als dass er sie hören könnte. Sie sprach, ohne ihre Lippen zu bewegen: „Ich bin froh, dass du kommen konntest. Folge mir.“ Aber wie sollte er nach oben kommen? Diese Frage beantwortete Katja. Sie sprang.
„NEIN!!!“ Das Wasser im Wasserfall war gerade so tief, dass ein Dreijähriger darin Planschen konnte! Katja würde das unmöglich überleben! Marc wusste, dass es keinen Zweck hatte, aber er rannte trotzdem auf die Mitte des Wasserfalls zu, um Katja aufzufangen. Kam es ihm nur so vor oder fiel Katja ziemlich langsam? Marc sprang, um sie noch in der Luft zu erwischen. Er war jetzt direkt unter ihr. Gerade war er bei ihr, da rauschte das Wasser auf einmal auf, ein gigantisches Loch tat sich unter ihnen auf, wo eben noch ein natürliches Planschbecken gewesen war. Reflexartig klammerte Marc sich an Katja, und beide stürzten in das große, unendliche Nichts.


Kapitel 4: Ähnlichkeit

Genau so schnell, wie Marc bewusstlos geworden war, als er in die Unendlichkeit hinabfiel, wachte er auch wieder auf. Als erstes bemerkte er, dass er allein war. Katja war nicht mehr da. Er hatte nur noch seinen Rucksack. Dann bemerkte er, dass es helllichter Tag war, eben war es noch tiefdunkel gewesen. Und irgendetwas stimmte nicht mit der Fläche, auf der er saß. Er blickte herum. Er saß auf einer hellen Lichtung. Aber er war nicht da, wo er in Ohnmacht gefallen war. Da bemerkte er das Mädchen, das neben ihm stand. Sie sah ihn mit unglaublichem Schrecken an. Er rappelte sich hastig auf. Sie war um einiges kleiner als er. Fast hätte er sie für Katja gehalten, sie war ebenfalls blass, hatte dunkle, lange Haare, aber sie waren in zwei einfache Pferdeschwänze geteilt, einer auf jeder Seite. Und ihre Augen waren hellblau. Sie wirkten aber genauso ausdruckslos wie Katja. Sie trug ein knielanges Kleid, das mit Blumen bedruckt war, und trug einen mit Blumen gefüllten Korb in der Hand. „Ähm, Hallo. Kannst du mir sagen, wo ich hier bin?“, fragte Marc. Auf einmal schaute das Mädchen nicht mehr so ängstlich drein. Sie warf ihm die Arme so unerwartet und schnell um den Hals, wie sich ihr Gesichtsausdruck geändert hatte. Er versuchte, sie abzuschütteln, wobei sie sich nur fester verankerte. Schließlich bückte er sich so tief, dass er seinen Kopf buchstäblich aus der Schlinge ziehen konnte. Dann legte er ihr die Hände auf die Schultern, schaute ihr tief in die Augen und fragte noch mal: “Wo bin ich hier?“ Das Mädchen blickte zurück, dann fand sich Marc Hand in Hand mit ihr, wobei ihre ganze kleine Hand seinen Zeige- und Mittelfinger umschloss. Sie liefen über die Wiese, vorbei an Blumen, die Marc noch nie gesehen hatte und kamen an einem gigantischen Wald an. Er schien dunkel und voller Unheil, aber das Mädchen umschloss mit der freien Hand eine Kette, die, jetzt, wo Marc genauer hinschaute, genau so aussah, wie die, die Katja immer bei sich trug. Jetzt auf einmal wirkte der Wald nicht mehr so unheilvoll; von dem kleinen Mädchen ging ein leichtes Strahlen aus.


Kapitel 5: Das Dorf

Während sie durch den Wald schritten, suchte Marc nach einem Thema, das er einfach ansprechen konnte, damit die Zeit nicht so langsam verging. Irgendwann fragte er einfach: „Wie heißt du eigentlich?“ Das Mädchen blieb stehen. Er schaute nach vorne. Sie waren am Ende des Waldes. Das Licht kam in voller Fülle auf sie zu, als ob es nur auf sie gewartet hätte. Marc erkannte ein Dorf, das den Hügel hinunter im Tal lag. Auf einmal sagte das Mädchen: „Fliegst du gern?“ Ihre Stimme klang sehr hell und etwas quietschig, Marc schrak zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass sie etwas sagen würde. Bevor er antworten konnte, zog sie ihn zu einem Wasserfall, ähnlich dem, von dem Katja gesprungen war. Nur schien diesmal dieses Mädchen fest entschlossen, hinunterzuspringen. „Oh nein, ganz sicher nicht-„ weiter kam Marc gar nicht. Das Mädchen hatte die Hand bewegt und nun flogen Stöcke, Gräser und Blätter vor, sie und formten etwas, was an eine halbe, leere Kokosnuss erinnerte. Es kam Marc bekannt vor, aber er wusste nicht, von wo. Eine halbe Sekunde später saß er in dieser halben Kokosnuss neben dem Mädchen. Sie rief: “Alles festhalten, wir heben ab!“ Das taten sie tatsächlich, aber nur wenige Zentimeter, dann schwebten sie über den Strom, der nur wenige Meter weiter nach unten abtauchte, und planschten ins Wasser.
Es war eine Fahrt, die Marc nur mit der im Vergnügungspark auf der Achterbahn vergleichen konnte. Sie schossen los, und als sie eigentlich hätten abstürzen müssen, flogen sie einfach geradeaus weiter. Das Mädchen schrie aus purer Heiterkeit, Marc saß einfach nur versteinert da. Sie segelten über das Dorf, verloren langsam an Höhe und landeten schließlich vor einem Haus am Waldrand. Die beiden waren gerade ausgestiegen, da knallte es laut in dem Haus. Das Mädchen wedelte schnell mit der Hand, und das Boot zersetzte sich in seine Einzelteile, die schnell verschwanden. In dem Moment kam eine junge Frau aus dem Haus gestürmt, packte das Mädchen am Ohr und zog sie neben sich. Sie sank vor dem Mädchen nieder, legte ihr die Hände auf die Schultern und sah sie eindringlich an. Da bemerkte sie Marc. Sofort stand sie auf. „Oh. Hallo.“ „Hallo“, erwiderte Marc. “Können sie mir sagen, wo ich gerade bin?“ Die Frau antwortete: „Aber natürlich. Du bist hier in Nirwina. Ich bin Maria,“, stellte sie sich vor, dann zeigte sie auf das Mädchen. “Und ich glaube nicht, dass sie es dir schon gesagt hat, aber das hier ist Katja.“


Kapitel 6: Die Aufklärung

„Kat- Katja?“ schoss es aus Marc hervor. Maria schaute bedrückt drein. „Ich weiß, es gibt kaum noch welche, aber das hier ist eine.“ „Häh?“ Jetzt verstand Marc gar nichts mehr. War Katja ein Titel?
Das war es nicht, wie sich bei einem Gespräch über einer dampfende Kanne Tee mit Maria herausstellte, während die kleine Katja mit einer Katze spielte.
„Also bist du gar nicht von hier?“
„Nein, ich... bin auf eine ungewöhnliche Art und Weise hergekommen.“
Als Marc ihr erzählte, wie er hergekommen war, versteinerte sich Marias Gesicht.
„Katja!“
Die Kleine kam angerannt.
„Hast du etwa ein Portal gemacht?“
Jetzt wurde Katja ernst.
„Nein, Maria, hab ich nicht. Du weißt, dass ich das nicht kann.“
„Ach so. Na dann, die Katze langweilt sich bestimmt ohne dich.“
Als Katja wieder mit der Katze spielte, fuhr Maria fort.
„Also bist du durch ein Portal gekommen. Hast du eine Ahnung, wer es hätte öffnen können? Jemand in eurer Dimension vielleicht?“
„Ähm, hab ich mich gerade verhört? Unsere Dimension?“
„Nun ja, Niwina ist ein kleines Dorf in der Dimension Uhara. Eure Erde ist in einer parallelen Dimension, es gibt aber die Möglichkeit, von Uhara zur Erde zu reisen, und das sind die Portale. Allerdings...“
Maria schaute zu Katja hinüber; sie war inzwischen auf dem Boden mit der Katze eingeschlafen.
„... Allerdings können nur Katjas diese Portale öffnen.“
„Du redest so, als ob ‚Katja’ eine Rasse oder so wäre.“
„Das ist es ja gerade! Katjas sind keine gewöhnlichen Menschen. Katjas halten bei ihrer Geburt einen Stein in der Hand, und von diesem können sie sich dann auch nicht trennen. Dieser Stein ist das Katzenauge. ‚Katja’ ist ein Begriff aus der Ursprache von Uhara und bedeutet ‚Katzendämon’. Katjas haben Kräfte, die Menschen sich nur erträumen können. Früher wimmelte es auf Uhara von Katzendämonen, aber es gab einmal eine, die ihre Kräfte für Böses verwendete: Sie öffnete ein Portal in eure Dimension und ergriff dort einen Menschen. Sieh mal, In eurer Welt sind Katjas nur Seelen, die erst einen Körper finden müssen, um gesehen zu werden. Diese Katja hat einen Körper ergriffen, und mit ihm eine Schar Menschen nach Uhara geführt. Sehr viele haben es ihr gleichgetan. Die Zahl der Todesopfer ist unglaublich, denn die Katjas waren früher der Meinung, dass die ganz normalen Menschen minderwertiger seien als sie. So wollten sie uns ausrotten, um alleine auf Uhara zu leben.“
Marc unterbrach Maria: „Aber was hat das alles mit mir zu tun?“
„Ich bin ja noch nicht fertig! Jedenfalls gab es dann irgendwann diese Katja, die auf dem Schlachtfeld einem Menschen von eurer Dimension begegnete. Sie hat sich in ihn verliebt und sie wollten gemeinsam flüchten, um in Frieden zu leben. Aber auf der Flucht wurden sie von Dämonen überrascht und der Mann, der die Katja beschützen wollte, hat in dem Kampf sein Leben verloren. Als die Katja sah, dass ihr Liebster tot war, wuchs ihre Kraft hinaus ins Unermessliche. Wenn eine Katja so die Beherrschung verliert, weiß sie nicht mehr was sie tut. Diese Katja jedenfalls tötete sofort die Dämonen, die den Mann umgebracht hatten. Dann versiegelte sie alle Portale, sodass niemand flüchten konnte, und lief hinaus auf das gigantische, rot gefärbte Schlachtfeld. Sie hätte alle töten können, sowohl die Menschen als auch die Dämonen. Aber sie war so kräftig, dass sie alle Katjas, egal ob gut oder böse, in ihr Katzenauge einschloss, um den Krieg zu verhindern. Als sie wieder die Kontrolle über sich und ihre Kräfte hatte und sah, was sie angerichtet hatte, faltete sie die Hände um ihren Stein mit all den gefangenen Dämonen und verwandelte sich in massives Eisen, damit niemand an die bösen Geister herankommen konnte. Aber viele Familien wurden auseinandergerissen, manche sogar vollkommen ausgerottet. Seitdem werden Katjas von den Menschen verachtet, manche flüchten in eure Welt, um dort zu leben, aber die Katja hier hat einfach nicht genug Kraft, um ein Portal zu öffnen. Aber jetzt sag mir, Marc: Weißt du, wer das Portal geöffnet haben könnte?“
Marc war sehr verwirrt, versuchte aber, sich zu erinnern.
„Es... es war ein Mädchen, das Katja hieß! Und sie hatte genau so einen Stein wie diese Katja! Außerdem sehen sie sich recht ähnlich.“
Maria schaute bedrückt. Sie brach das Thema ganz überraschend ab:
„Also, hier im Dorf gibt es sonst keine Katja, also musst du wohl hier bleiben? Soll ich dir ein Lager herrichten?“
Eine halbe Stunde später lag Marc auf einer bequemen Schaffellpolsterung unter einer warmen Decke. Katja lag am anderen Ende des Raumes in einem ähnlichen Lager, und Maria hatte gesagt, sie müsse noch die Tauben füttern. Marc drehte sich unruhig auf der Stelle. Sein Kopf schwirrte von den ganzen Dingen, die er erfahren hatte. Aber irgendwann konnte er nicht mehr nachdenken, schloss die Augen und schlief ein.


Kapitel 7: Der erste Tag

Marc wurde davon wach, dass es nach Fisch roch. Er schlug die Augen auf; Fisch konnte er nicht ausstehen. Er rappelte sich hoch und stand erst mal unschlüssig da: Wo war er? Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Er war mit Katja in ein riesiges Loch gefallen, das sich aus dem Wasser im Wasserfall entwickelt hatte, war auf einer Lichtung neben einem kleinen Mädchen aufgewacht, das ihn in einem Boot aus Zweigen und Blättern in sein Dorf geflogen hatte, er hatte mit einer Frau gesprochen, die ihm erklärt hatte, dass jedes Mädchen, das hier Katja hieß, ein Dämon war... Bei der letzten Erinnerung schüttelte er den Kopf. Das war doch völliger Blödsinn, niemand konnte ein Dämon sein, nur weil er Katja hieß.
„Wo ist eigentlich Katja?“, fragte Marc Maria, als sie gemeinsam frühstückten. Maria wies mit dem Kopf Richtung Wald. „Sie ist da, wo du gesagt hast, wo sie dich gefunden hat. Sie geht jeden Tag dahin. Warum, weiß ich auch nicht, und wie sie dahin kommt, kann ich nur vermuten.“ Wahrscheinlich fliegt sie in einem selbstgemachten Boot hoch, dachte Marc und musste bei dem Gedanken grinsen, wie Katja in einem Blätterboot den Wasserfall hochflog.
Nachdem er sich gewaschen hatte, schickte Maria ihn los, um Katja zu suchen.
„Sag ihr, sie soll früher nach Hause kommen, und sag ihr, ich brauche etwas von dem Kraut, das sie mir vorgestern beschrieben hat. Ich glaube, es ist ein sehr wirksames Heilkraut, ich habe die Beschreibung in einem Heilkundebuch wiedergefunden.“
„Aber wie soll ich den Hang hochkommen?“
„Es gibt einen Wanderweg, über den wir Kontakt mit anderen Dörfern und größeren Städten haben. Du kannst ihn nicht verfehlen, bleib aber auf dem Weg, hörst du?“
Eine halbe Stunde später lief Marc auf dem Weg den Hang hoch, wie Maria ihn beschrieben hatte. Als er oben angekommen war, sah er eine Gestalt im Wald liegen. Sie schien zusammengebrochen zu sein. Er lief schnell hinüber. Als er ankam, sah er, dass es Katja war. Sie hatte wieder das geblümte Kleid an, es schien so, als ob ihr Bein verletzt war. Etwas Blut rann von einer Schnittwunde ihre Wade hinunter. Als sie ihn bemerkte, schreckte Katja hoch. Dann erkannte sie, dass er es war. „Alles in Ordnung?“ Marc schaute sich die Wunde an. „Was ist passiert?“
Katja versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken.
„Ich hab... einen Dornbusch gestreift.“
Sie griff sich mit einer Hand an die Kette mit dem Katzenauge. Sie schloss die Augen und auf einmal schien ein Leuchten aus ihrer Faust zu dringen. Sie ließ das Katzenauge los und legte die Hand auf die Wunde. Sie fing an, leicht bläulich zu schimmern, dann wurde sie kleiner und kleiner, bis sie ganz verschwand. Marc schaute verblüfft auf die Stelle, wo eben noch ein Schnitt gewesen war.
„Sag bitte Maria nichts. Sie weiß nicht, dass ich...“
„Dass du was?“
Katja schaute unsicher umher, um sich zu vergewissern, dass sie auch ganz sicher nicht belauscht wurden.
„Ich komme jeden Tag hierher und übe. Ich kann schon ganz viel. Aber Maria gefällt das nicht.“ Katja schaute bedrückt drein.
Eine Weile verging. Marc sagte nichts. Dann fiel ihm ein, warum er gekommen war.
„Maria... Maria hat gesagt, du sollst was von dem Kraut bringen, dass du ihr vorgestern beschrieben hast. Sie... meinte es wäre ein Heilmittel.“
Katja sagte nichts.
„Ich sollte es einfach wegwerfen“, murmelte sie.
„Was?“
„Ich sollte das Katzenauge einfach wegwerfen. Dann bin ich keine Katja mehr. Dann mach ich Maria nicht so viele Scherereien. Wenn eine Katja von ihrem Auge getrennt ist, ist sie nur noch eine leere Hülle. Leere Hüllen machen ihren großen Schwestern keine Scherereien.“
„So darfst du nicht reden!“ Marc war aufgesprungen.“ Du bist eine Katja, gut, aber das macht dich doch nicht zu etwas Schlechtem! Gut, es hat in der Vergangenheit schlechte Katjas gegeben, aber du hast damit doch nichts zu tun! Du bist nicht so wie sie, du würdest deine Kräfte nicht missbrauchen! Ich bin sicher, Maria ist auch davon überzeugt, dass du als Katja genau die Schwester bist, die sie immer haben wollte!“ Ohne zu wissen was er tat, packte er Katja am Kragen und zog sie hoch. Sie schaute ihn seit einer Weile zum ersten Mal an.
Ihre Augen waren voller Tränen.
Marc ließ sie los.
„Bitte... sei doch diese Schwester. Für sie.“
Katja schwieg.
„Suchen wir zusammen nach dem Kraut?“
Sie schaute auf. Auf einmal leuchteten ihre Augen.
„Ich hab eine Idee. Wir müssen es nicht suchen.
„Nein?“
„Nein! Sieh mal, das hab ich gelernt, ich glaub ich kann es bald.“
Sie legte beide Hände übereinander auf den Boden und schloss konzentriert die Augen. Ihre Hände und die Erde darunter fingen an zu leuchten, genau wie es ihr Schnitt getan hatte. Sie kniete sehr lange im feuchten Boden; Schweiß tropfte ihr vom Gesicht auf die Hände. Irgendwann hörte das Leuchten auf. Marc schaute die Stelle an, an der es geleuchtet hatte. Es waren winzige Pflanzen zu erkennen. Sie schienen etwas größer zu werden, aber dann verdorrten sie wieder. Marc sah, dass Katja sich sehr anstrengte. Sie hatte gesehen, dass die Pflanze starb. Das Leuchten verstärkte sich etwas, dann verschwand es. Ein letzter Tropfen fiel auf die Stelle auf dem Boden, wo gerade noch eine Pflanze angefangen hatte zu keimen, er blieb kurz auf der verdorrten Pflanze liegen, dann rann er herunter auf den Boden und versickerte.


Kapitel 8: Das Wiedersehen

Katja hockte noch eine Weile da, als hoffe sie, gleich würde aus den Überresten des toten Keimes eine wunderschöne Pflanze herausschießen. Irgendwann stand sie auf, packte den Korb und ging. Marc rappelte sich ebenfalls auf. Katja schaute auf den Boden. Entweder, dachte Marc bei sich, sucht sie diese Pflanze, oder sie will nicht, dass ich sehe, wie sie weint. Er hoffte inständig, dass es die erste Möglichkeit war. Irgendwann lief Katja ganz plötzlich los. Marc rannte ihr hinterher, ohne sie würde er sich ganz sicher in diesem Wald verlaufen. Bei einer kleinen Lichtung blieb Katja stehen. Marc war ganz überwältigt von dem, was sich ihm auf der Lichtung darbot: Ein Baum, ein riesiger Baum, musste einmal dort gestanden haben, aber seine Wurzeln hatten ihn, anstatt immer tiefer in den Boden zu dringen, in die Höhe geschoben. Sie waren dick, sahen hart und robust aus, aber trotzdem nahmen sie die wohlgeformte Gestalt einer Hütte an. Marc starrte fassungslos auf das Wurzelhaus, dann auf Katja. „Hast du-„
„Natürlich nicht.“
Katja starrte die Hütte ebenfalls an.
„Dazu habe ich nicht die Kraft. Aber eins steht fest: das war auf jeden Fall eine...“
Katja sprach nicht weiter. Vielleicht schämte sie sich für ihre Kraft, wenn sie sich oder andere eine Katja nannte.
„... eine von uns, wolltest du sagen?“
Marc und Katja schnellten herum. Marc traute seinen Augen nicht: Da stand Die Katja, die er in seiner Welt getroffen hatte, die Katja, durch die er hierher gekommen war! Aber sie hatte sich verändert: Ihre Haare waren nicht mehr geflochten, sondern hingen herab, das Katzenauge baumelte gut sichtbar um ihren Hals und ihre Augen waren nicht mehr so ausdruckslos. Sie schauten hämisch, herablassend auf die jüngere Katja hinab. Diese stand stocksteif da, Marc sah, dass sie zitterte.
„So, du bist also immer noch hier, was, Marc?“ Katjas Stimme hatte sich überhaupt nicht verändert. Sie war immer noch kraftvoll und sicher, aber diesmal lag etwas Lachendes in ihrer Stimme. Dann, ohne Vorwarnung, hob sie einen Arm auf Schulterhöhe. Wurzeln schnellten aus dem Boden heraus und schlangen sich um Marcs und Katjas Fußgelenke. Marc versuchte sich zu befreien, aber die Wurzeln waren so fest wie Zement. Katja führte eine Art Tanz auf, um die Wurzeln loszuwerden. Marc trat auf die Wurzeln, so fest er konnte. Dann passierte es: Marc rutschte auf dem Boden aus und knallte mit dem Gesicht voran in den feuchten Waldboden. Sofort schossen Wurzeln aus dem Boden und schlängelten sich um seine Arme, Beine, um seinen ganzen Körper. Die junge Katja starrte ihn an. Dann wurde sein Hals kalt. Wurzeln hatten ihn erreicht. Marc drehte den Kopf zur älteren Katja. Sie stand immer noch da, wo sie sich offenbart hatte.
„Warum tust du das?“
Marcs Stimme fühlte sich kratzig an. Seine Kehle war völlig trocken.
„Warum? Nun, sollte deine kleine Katja stark genug sein, ein Portal zu öffnen, könntest du allen erzählen, was ich bin. Dann wüssten sie von Uhara und würden einen Weg suchen, hierher zu kommen. Allerdings - ich bezweifle, dass diese Katja jemals stark genug sein wird, um ein Portal zu öffnen. Ich hab ihren Zauberversuch vorhin gesehen. Ich muss mir um sie keine Sorgen machen. Jetzt ist es aber leider zu spät, meine Meinung zu ändern. Sag Lebewohl, Marc.“
Die Wurzeln um Marcs Hals zogen sich zusammen. Sie drückten seine Kehle ein. Er bekam keine Luft mehr. Gleich würde er tot sein. Er sah nichts mehr. Seine Augen fielen zu. Er bekämpfte die Wurzeln nicht. Er sackte auf den Boden.
Von irgendwoher ertönte ein geschrienes „Nein! Marc!“. Dann wurde es auf einmal hell. Sehr hell. Und auf einmal schienen die Wurzeln loszulassen. Marc holte tief Luft, sie schmeckte wunderbar. Warum hatte er das nie bemerkt? Dann sah er, was die Wurzeln dazu veranlasst hatte, ihn loszulassen: Die kleine, unscheinbare Katja hatte auf einmal stechend rote Augen und war etwas in die Luft gestiegen. Ihre Wurzeln hatten sie auch losgelassen, und jetzt schien sie keine Kontrolle über sich oder ihre Kräfte zu haben. Marc erinnerte sich an das, was Maria gesagt hatte: Wenn eine Katja die Beherrschung verliert, weiß sie nicht mehr, was sie tut. Marc wusste, dass Katja alles zerstören konnte, in dem Zustand, in dem sie jetzt war. Er blickte sich um, die ältere Katja war verschwunden.
Katja blickte ihn an. Er hob die Hände. „Katja! Ich bin es, Marc! Wach auf!“ Auf einmal leuchteten Katjas Augen nicht mehr. Sie waren vollständig geschlossen. Dann schwebte sie nicht mehr. Sie sackte auf den Boden. Marc stürzte auf sie zu und drehte sie auf den Rücken. Auf einmal kam sie wieder zu sich. Sie öffnete die Augen, ganz langsam. Sie waren wieder blau. Langsam, ganz langsam richtete sie sich auf. Sie starrte ihre Hände, dann Marc ungläubig an. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie fing an zu schluchzen und wusste offensichtlich nicht, wohin sie sich drehen sollte. Marc legte, ohne zu überlegen, die Arme um sie und drückte sie fest an sich. Katja schlang die Arme um ihn und druckte sich noch fester an ihn. Zum zweiten Mal heute wurde Marc beinahe erdrückt. Aber diesmal war es ihm egal. Er wusste diesmal, Katja wäre in Sicherheit, wenn er sterben sollte.

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Alexa, 13 Jahre , 23. März 2008
ID 00000003754



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