5. Februar 2011, Oper Graz
LA TRAVIATA
Regie: Peter Konwitschny
|
Marlis Petersen als LA TRAVIATA an der Oper Graz - Foto (C) Werner Kmeititsch
|
Der letzte Vorhang der Mademoiselle Valery
|
Was sind schon zehn Minuten, gemessen an einem ganzen Opernabend? Nicht viel. Ein Klacks. Aber manchmal können zehn Minuten ausreichen, um die anderen neunzig, in denen man das Gefühl nicht loswurde, der Regisseur steht dem Werk etwas ratlos gegenüber, zu verzeihen. In seiner Inszenierung von Verdis LA TRAVIATA zieht sich Peter Konwitschny überwiegend mit Selbstzitaten, Aha-Effekten und einer großen Portion Routine aus der Affäre. Aber zum Finale legt er Daumenschrauben an, die ordentlich wehtun: Da eilt Alfredo zur sterbenden Kurtisane und zusammen versucht man, Heile-Welt-Gardinen zuzuziehen, die doch schon lange abgefallen sind. Nur ein Vorhang hängt noch. Ganz in schwarz und ganz am Ende. Plötzlich geht das Saallicht an, tritt der alte Germont (mit Arzt und Annina) polternd in den Zuschauerraum und Papasöhnchen Alfredo kommt gelaufen. Nicht einmal das Bild der Kameliendame möchte er mehr annehmen. Was bei Konwitschny üblicherweise den Liebespaaren gemeinsam dämmert (Aida & Radames in Graz, Tristan & Isolde in München, Salome & Jochanaan in Amsterdam), stellt Violetta nun ganz allein und nur für sich selber fest: Ich muss hier raus! Und nach dieser Erkenntnis richtet sie sich auf, die Sopranistin Marlis Petersen, die fast ununterbrochen auf der Bühne stand, alles gab, auch mal an Grenzen stieß und dennoch ihre Sängerkollegen um Galaxien übertraf, und geht einfach nach hinten ab. La Traviata ist wieder auf den Weg gekommen. Sie verlässt diese Welt, aber Violetta Valery ist nicht tot. Sie ist nur für uns gestorben.
Spulen wir noch einmal an den Anfang zurück, denn der beginnt verheißungsvoll. Violettas Gäste machen sich über die Schwindsüchtige eher lustig. Sie gehört nicht mehr wirklich in ihren Kreis. Doch so wie diese Gesellschaft eine Todkranke ausschließt, so beginnt auch Valery zu begreifen, dass sie mit all denen fertig ist. Spätestens jedoch als Alfredo auftritt und das Halbweltfräulein regelrecht aufgedrängt bekommt, knickt der Spannungsbogen langsam ein. Zumindest das eine möchte man Giuseppe Varano hoch anrechnen: Er muss in dieser Inszenierung ein Mauerblümchen verkörpern und damit Mut zur Hässlichkeit beweisen. Was aber hat ein so knödelnder, in der Darstellung überforderter, mit den Tempi auf Kriegsfuß stehender Tenor an der Seite einer Marlis Petersen verloren? Kaum besser schlägt sich James Rutherford über die Runden. Was den für seinen letztjährigen Hans Sachs in Bayreuth so hochgelobten Bariton in dieses Fach treibt, bleibt völlig unklar. Nicht eine Phrase, die Rutherford belcantistisch verziert, nirgends ein Hauch von Italianità. Daneben spielt er den Giorgio auch noch wie eine Zapfsäule. Toll dagegen Konstantin Sfiris, der mit seinem Doktor Grenvil aus der übrigen Besetzung herausragt. Der von Bernhard Schneider einstudierte Chor meistert seine Aufgaben souverän.
Weiter im Konzept. Weil Konwitschny das Schicksal der Kurtisane ohne Schnörkel und Show-Stopper erzählen will, fliegt eine Menge raus: Zigeunerinnen und Matadore (was für ein Segen), der Chor der Masken, ein Großteil des Streites zwischen Vater und Sohn und der Pausenvorhang. Offenbar ist Reduktion auch der Leitgedanke von Johannes Leiacker gewesen, da er außer einem Stuhl, einem halben Dutzend Vorhänge, den Nutten-Klischee-Perücken und ziemlich einfallsloser Abendgarderobe nichts weiter beizusteuern weiß. Unter der Leitung von Tecwyn Evans spielt das Philharmonische Orchester Graz einen mal spannenden, dann wieder leicht fahrigen, zumeist aber soliden Verdi auf. Die Krone dieses Abends gebührt Marlis Petersen. Sie siedelt die Violetta irgendwo zwischen Koloraturvögelchen, Kämpfernatur und großer Tragödin an. Mag Petersens Debüt in dieser Partie - stimmlich gesehen - ein wenig spät kommen: Sie schlüpft in diesen Charakter wie in eine zweite Haut, singt „mit offner Wunde“. Kräftiger Jubel.
|
Heiko Schon - red. 10. Februar 2011 ID 5056
Weitere Infos siehe auch: http://www.buehnen-graz.com/oper/
Post an den Rezensenten: hschon@kultura-extra.de
|
|
 |
Kurzmeldungen 2012 News und Infos
Porträts
Interviews
Feuilleton Rezensionen u. a.
Rosinenpicken Glossen zu Theater & Musik von Andre Sokolowski
Aktuelle Veranstaltung:
Leipzig: Gruppenvorstellung der Juniorcompany 11. Juni 2012
Veranstaltungs-Kalender
Termine können auch selbst hinzugefügt werden!
Aktuelle Ausschreibung:
div.: Kultur- Ausschreibungen & Fortbildungsangebote
Ausschreibungen
Termine können auch selbst hinzugefügt werden!
|