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Stadttheater Osnabrück, Premiere 14.05.2005

Das tote Medium

Michael Schulz inszeniert am Osnabrücker Theater „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold

Wenn man das Schlussbild so sieht, in dem Paul bei sich verflüchtigender Musik und Beleuchtung auf einem Hocker sitzt und einzig von drei Fernsehbildschirmen beschienen wird, fällt einem neben einer spürbaren Beklommenheit noch etwas auf: Wie sehr Paul selber zum Film geworden ist, vielmehr wie das Filmmedium und Paul sich in ihrem Festhaltenmüssen von Vergangenem, dem Primat des Fernen und der latenten Überforderung gegenüber unmittelbarer Sinnlichkeit gleichen. Die tote Stadt - das tote Medium.


(C) Städtische Bühnen Osnabrück


Schulz zeigt Paul als einen grenzpsychotischen Videokünstler, dessen Seele bereits zu Beginn des zweiten Bildes vollkommen an die vom Bühnenhimmel hängende Bildschirmsphäre verloren ist. Neben Schwarzweißanspielungen aus der Anfangsgeschichte des Films, wird schließlich die stete Weiterentwicklung dieses Mediums in ihrer Perversion offen gelegt: Paul entreißt Marietta seine Handycam und sticht sie nieder. In ihrem kurzen Sterben filmt er sie nun mit lustvoller Miene. Von dieser vorletzten Szene aus gewinnt Schulz Fallhöhe für das realgesellschaftliche Abschlussbild des einsamen Alten vor dem Fernseher nach einem Zwischenvorhang.
Ein besonders bewegendes Bild ist das gerade auch, weil man an Korngold selbst denken muss. Ihm hat dieses Medium – entgegen allen Schönreden vom erfolgreichen Filmcomposer – eigentlich mehr genommen, als geschenkt. Der sich selbst als Opernkomponist verstandene Wiener Vertriebene starb ähnlich einsam und vergessen 1957 in Hollywood. Ganz ohne jeden Zweifel spricht es da für das Außergewöhnliche und Hochformatige des Tenors Hans-Hermann Ehrich, wenn er sich am Ende seiner Karriere in diesem Totaleindruck, wie es sie wohl allein im Musiktheater gibt, mit den Worten „hier gibt es kein Auferstehn“ von Bühne und Publikum verabschiedet.

Diese Inszenierung besticht in ihrer gelungenen Gratwanderung zwischen Traum und Realität, zwischen Symbolischem und Veristischem: Da ist das sinnlich sprühende Künstlerensemble mit der Segelbadewanne zu Gange. Oder sehverhindernde Nonnen fangen an, sich mit schlaffen Verwaltungsbeamten zu beschäftigen. Rapunzelartig tauchen blonde Fetischzöpfchen immer mal wieder auf und schließlich sticht ein Bischof einem mit Mull verbundenen Stigmatisierten recht fies ins Auge, um sein Blut als Agape an Lustfixierte zu verteilen. Etwas verschossen hat sich Schulz indessen mit einer aus der Schaufensterästhetik entnommenen blondierten „Wachspuppe“. Sie soll wohl Pauls erotische Fixierung am Ende des ersten Bildes klar machen und später im dritten Bild bringt sie einer willenlosen, aber zustimmenden Schar so eine Art Oblate. Derlei Antierotik bringt allerdings nichts. Nimmt nur.
Einen ganz passenden Rahmen liefert Jan Bammes: Seine „Kirche des Gewesenen“ hat auch einen Altarschrein aus Bildschirmen und fasst atmosphärisch ganz gut das Wesen des Stücks. Etwas von diesem schattig-feuchten Klima raubt hingegen das eins zu eins übernommene Psychiatriebett. Marie und Marietta sind mit Pia-Marie Nilsson nur leidlich besetzt. Ihrem Gesang fehlt es über die Partie hinweg an der nötigen Ansteckungskraft, die sie beispielsweise in dem Arioso zu Beginn des dritten Bildes stellenweise erreichen kann. Eva Schneidereit (auch Lucienne) vermag der Brigitta ängstliche Töne unterzulegen und zeigt sich in der Höhenlage noch schön beweglich. Darstellerisch imponiert sie, indem sie Brigittas Bewegungsunfähigkeit außerhalb definierter Bereiche unexaltiert zeigt. Als Frank singt und stirbt unerwartet Rüdiger Nikodem Lasa. Er steht als Fritz wieder auf und gibt „Mein Sehnen, mein Wähnen“ gefühlig mit seinem formschön strömenden Bariton. Bemerkenswerten Schönklang verbreitet Joan Ribalta als Victorin.

Dank des 1. Kapellmeisters Marius Stieghorst und des Osnabrücker Symphonieorchesters vergisst man insbesondere die expressiv verdichtete Klangsprache Korngolds nicht mehr: wunderbar stellt Stieghorst beispielsweise den wahnsinnigen Moment des Davor – des Suspense – mittels kleinster Verzögerung heraus. Und wenn es da dann einhagelt und blitzt, denkt man an alles, aber nicht mehr an ein Entkommen. Daneben vermag Stieghorst es aber auch, sanfte Passagen des reinsten Somas hauchzart zu nehmen: so bei dem berühmten Glück der beiden oder im dritten Bild. Die geschliffene musikalische Interpretation bringt die differenzierte harmonische Gestaltung und Klangfarbenvielfalt voll zum Ausdruck und lässt es überdies plausibel erscheinen, warum Frühgenie Korngold bei den Wienern der zwanziger Jahre als bedeutendster zeitgenössischer Komponist neben Schönberg galt.


Wolfgang Hoops - red / 17. Mai 2005
ID 1893
Städtische Bühnen Osnabrück GmbH
Domhof 10/11 - 49074 Osnabrück
Tel. (0541) 760000
E-Mail: info@theater.osnabrueck.de

Weitere Infos siehe auch: http://www.osnabrueck.de/theater/






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