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Berlinale


Ein kritischer Rückblick auf den Berlinale-Wettbewerb (und Neben-Wettbewerb)



Was bleibt | Home For The Weekend; Wettbewerb; DEU 2012; REGIE: Hans-Christian Schmid; Corinna Harfouch (auf dem Bild) - Foto: Gerald von Foris © 23/5 Filmproduktion GmbH


Was bleibt? - Mutti streikt!

Der zurückliegende Berlinale-Wettbewerb kann unter verschiedenen zeitlichen Perspektiven gesehen werden, die das qualitative Urteil bestimmen: Im kurzfristigen Vergleich mit dem letztjährigen Programm wirkt er überzeugender und inspirierender. Dann fällt das Urteil milde aus – wie bei der Mehrzahl der deutschen Journalisten, die offenkundig nicht als ewige Meckerer angesehen werden wollen. Doch im langfristigen Vergleich – etwa mit den Programmen, die Festivaldirektor Dieter Kosslick zwischen 2000-2009 zu verantworten hatte, aber auch mit manchem Programm, das noch sein Vorgänger Moritz de Hadeln zu verantworten hatte –, wirkt der Wettbewerb 2012 schwach und überraschungsarm. Dieses ernüchternde Urteil war während des Festivals von manchen deutschen, vor allem aber von ausländischen, speziell englischsprachigen Kollegen zu hören, für die sich die Reise nach Berlin jedenfalls nicht mehr wegen des Wettbewerbs lohnt.

Der französische Kostümfilm Les adieux á la reine (Leb’ wohl, meine Königin) des Franzosen Benoit Jacquot über die letzten Wochen am Hofe von Versailles vor der französischen Revolution im Juli 1789 setzte bereits den Trend: Nett anzuschauen, aber langatmig. Da insgesamt träge und ohne größere Überraschungen inszeniert, verschenkte der Film – wie leider insgesamt alle französischen Beiträge und Koproduktionen – viel von seinem dramatischen Potential. Das generelle Problem von Autorenfilmen, nämlich die Scheu vor Emotionalisierung und unterhaltsamer Zuspitzung, feierte auf der diesjährigen Berlinale ein unheilvolles Comeback: Auffällig viele Beiträge hatten die kontroverse Dramatik ihrer Geschichten bewusst versachlicht und ließen die Zuschauer ohne größere emotionale Berührung zurück.




Les adieux à la Reine | Farewell My Queen; Wettbewerb; FRA/ESP 2011; REGIE: Benoït Jacquot; Virginie Ledoyen (auf dem Bild) - © Carole Bethuel


So verständlich diese Haltung als Gegenwehr gegen die aufdringliche Eindeutigkeit von zeitgenössischen Fernsehfilmen sein mag, so deplatziert und prätentiös wirkt sie bei Themen wie dem letzten Tag eines vermeintlich Sterbenden (Aujourd' hui, Frankreich/Senegal), dem Schicksal eines über viele Jahre gekidnapptem Mädchen (Moi Seule, Frankreich) oder von Islamisten entführten Touristen (Captive, Frankreich). Der Einblick in das wenig erbauliche Leben rassistisch verfolgter Roma in Ungarn (Just the wind) des ungarischen Regisseurs Benece Fliegauf war in seinem dokumentarischen Stil zwar von rauer Direktheit, was den Großen Preis der Jury – quasi den zweiten Platz – allemal rechtfertigte, aber ‚großes‘, einprägsames Kino, bei dem man nicht mehrmals zwischendurch ungeduldig auf die Uhr schaut, war auch das nicht.

Ein anderer Teil des Hauptprogramms (Postcards from the Zoo, Indonesien, White Deer Plain, China oder Was bleibt, Deutschland) wirkte nicht nur langatmig, sondern schlichtweg uninteressant oder nicht zu Ende gedacht. Für Regisseur Hans-Christian Schmid endete der Ausflug in die Gefilde Claude Chabrols tragisch, weil die Entlarvung des Selbstbetrugs großbürgerlichen Familienlebens überholt wirkte. Die Bestsellerverfilmung Als Mutter streikte war 1971 eine harmlose Komödie, aber immerhin thematisch auf der Höhe der Zeit. Schmids Film ist zupackender inszeniert, kommt aber 40 Jahre zu spät.

Weniger dröge, aber dann auch gleich etwas glatt und vorhersehbar in ihrer dramaturgischen Entwicklung waren die Wettbewerbsfilme Jayne Mansfield’s Car (USA) über den Culture Clash zwischen Provinz-Amis und Engländern am Ende der wilden 60er Jahre, Rebelle (War Witch, Kanada) über das Schicksal einer afrikanische Kindersoldatin und der überlange Kostümfilm Eine königliche Affäre (Dänemark) um das intrigante Ringen um Macht und Einfluss zwischen Monarchisten und Aufklärern am Hofe des dänischen Königs Christian VII um 1800. Alle Produktionen boten das zu ihren Themen jeweils Erwartbare: Skurrilität, Gewalt und Leidenschaft. Die beiden letztgenannten Filme erhielten Silberne Bären für die schauspielerischen Leistungen: einmal die Laiendarstellerin Rachel Mwanza, sowie der junge dänische Akteur Mikkel Boe Følsgaard. Eine königliche Affäre wurde von der internationalen Jury sogar noch mit einem Bären für das Drehbuch beschenkt – das war dann doch etwas zu viel des Guten.

Für die vielen Preise, die vergeben werden können, gab es diesmal eigentlich nicht genügend herausragende Leistungen. Nur selten wurde dem Zuschauer das prätentiöse Mit-der-Nase-aufs-Thema-Stoßen erspart, was englischsprachige Kritiker als „issue-movies“ verspotten (Thema-Filme). Der Gewinner des Goldenen Bären 2012, Cäsar muss sterben, war noch vergleichsweise elegant inszeniert: Die inzwischen alt, aber keineswegs greisenhaft gewordenen Gebrüdern Paolo und Vittorio Taviani, die mit Filmen wie Padre Padrone (Goldene Palme, Cannes 1977) und Die Nacht von San Lorenzo (Spezialpreis der Jury, Cannes 1982) bereits große Festivalpreise abgesahnt haben, überraschten mit der Verfilmung von Proben zu einer Aufführung von Shakespeares Julius Cäsar in einem römischen Männergefängnis. Beim Sehen des virtuos zu einer doppelbödigen Reflexion über die befreiende Wirkung von Kunst gestalteten Films drängte sich unwillkürlich der Gedanke auf, ob Mafiosi-Strafgefangene nicht generell die besseren Schauspieler sind.



Cesare deve morire | Caesar Must Die; Wettbewerb; ITA 2011; REGIE: Paolo Taviani, Vittorio Taviani; Antonio Frasca, Maurilio Giaffreda (auf dem Foto) - © Umberto Montiroli


Auch wenn die Juryentscheidungen insgesamt etwas merkwürdig anmuten, so sind die Bären doch gerecht verteilt worden. Dass Cäsar muss sterben zwar einer der originellsten, aber sicher nicht der überzeugendste Film im diesjährigen Wettbewerb war (das war das dramaturgisch und psychologisch ausgetüftelte Schweizer Drama L’enfant en haut, Sister, von Nachwuchsregisseurin Ursula Meier, die leider nur eine Lobende Erwähnung abbekam), lässt darauf schließen, dass diese Wahl ein Kompromiss innerhalb der Jury war, die keinen eindeutigen Favoriten hatte. Tatsächlich gab es einige bemerkenswerte Filme im Wettbewerb, aber keinen so herausragenden Beitrag wie Nader und Simin - eine Trennung, der jetzt auch für den Iran als „Bester fremdsprachiger Film“ bei der amerikanischen "Oscar"-Verleihung dabei ist. Bedenklich stimmt vor allem die Entwicklung, dass die so genannten „Specials“ und Sondervorführungen mittlerweile nicht mehr ein Nebenprogramm für Filme sind, die es aus irgendwelchen Gründen nicht in das Hauptprogramm geschafft haben oder wegen ihrer Star-Power ins Programm gehievt wurden. Stattdessen sind diese zwei Dutzend Filme mittlerweile zu einer Art Neben-Wettbewerb mutiert, der dem eigentlichen Wettbewerb nicht nur in Sachen Glamour-Faktor (u. a. waren Salma Hayek, Antonio Banderas, Javier Bardem, Angelina Jolie, Charlotte Rampling und Keanu Reeves wegen „Specials“ angereist), sondern auch unter ästhetischen und thematischen Gesichtspunkten das Wasser abgräbt. So richtig spektakuläres, mitreißend inszeniertes Kino auf der Berlinale gab es neben dem Jolie-Debüt The Land of Blood and Honey nur noch einmal – „außer Konkurrenz“ – von US-Regievirtuose Steven Soderbergh: Haywire, die actionreiche 2012-Variante einer Emma Peel aus der Kultserie Mit Schirm, Charme und Melone. Frauenpower mit großem Fun-Faktor!




Haywire; Wettbewerb; USA 2011; REGIE: Steven Soderbergh; Gina Carano (auf dem Bild) - Foto: Claudette Barius © 2011 Concorde Filmverleih GmbH


Offenkundig wird es für Berlinale-Leiter Dieter Kosslick immer schwieriger, ausreichend geeignete Hollywood-Filme oder attraktive internationale Produktionen für den offiziellen Wettbewerb zu erhalten. Amerikanische Produktionen z. B. müssen schon im letzten Herbst in den US-Kinos gestartet sein, wenn sie noch für die "Oscar"-Nominierungen aufgenommen werden sollen. Eine terminliche Verschiebung der Berlinale wäre ein denkbarer Ausweg aus diesem Dilemma - aber auf welchen Termin? Der internationale Festival-Kalender ist nahezu vollgestopft. Ohne die vielen „Specials“ und Sondervorführungen wäre das Berlinale-Hauptprogramm jedenfalls nicht nur deutlich schlechter als zuletzt jene in Cannes und Venedig, sondern – und das ist ein Offenbarungseid – auch als die Hauptprogramme auf kleineren, aber feineren deutschen Festivals wie in Mannheim (international), Lübeck (skandinavisch) oder Cottbus (osteuropäisch). Natürlich könnte man angesichts der Fülle der gesamten Berlinale (305 Filme) auf einen Wettbewerb auch ganz verzichten, aber das ist keine ernstzunehmende Alternative. Oder doch?


Max-Peter Heyne - 23. Februar 2012
ID 5779

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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