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Berlinale


Ein Stück Kalifornien in Ostberlin

In den Berlinale-Sektionen abseits des offiziellen Wettbewerbs überzeugen vor allem die Dokumentarfilme


Das ist Linda Söffker, die Sektionsleiterin von PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO - Foto (C) Berlinale

Insgesamt 87 ausschließlich deutsche und noch einmal 17 mit deutschem Geld kofinanzierte Produktionen sind auf Deutschlands größtem Filmfestival zu sehen, was in etwa einem Drittel der Gesamtproduktion des vergangenen Jahres entsprechen dürfte. Immerhin drei Filme laufen im Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären, der Hauptteil aber in den größeren, ebenfalls international bestückten Seitenprogrammen, dem Panorama (12) und dem Forum des jungen Films (11) sowie der Spezialreihe für deutsche Nachwuchsprojekte, der Perspektive Deutsches Kino (15). Wie schon während der gesamten elfjährigen Ägide von Festivalchef Dieter Kosslick spiegelt die Berlinale auch in 2012 die ganze Vielfalt des nationalen Filmschaffens wieder – und damit auch dessen aktuelle Stärken und Schwächen. Eine dichotome Gegenüberstellung in schwächelnden Spielfilm hier und starken Dokumentarfilm dort wäre zwar übertrieben, aber in der Gesamtschau fällt doch auf, dass die Dokumentarfilmer ihre selbstgewählten Themen häufiger und besser bewältigen als Kollegen und Kolleginnen ihre ausgedachten Geschichten.

„Bei vielen Spielfilm-Regisseuren beobachte ich eine Angst vor gebauten Emotionen, die in eine bestimmte Richtung zielen“, bestätigt die Leiterin der Reihe Perspektive Deutsches Kino, Linda Söffker, den Eindruck. „Die Schwäche mancher Spielfilm-Dramaturgie hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Debütanten sich in ihrer individuellen Herangehensweise nicht gerne von denjenigen, die an die größere Verwertbarkeit des Films denken, beeinflussen lassen wollen“, gibt Söffker zu bedenken und konstatiert „eine Art Gegenbewegung oder Gegenwehr gegen die kommerzielle Glätte vieler ‚zu Ende gedachter‘ Fernseh- und Kinofilme.“

An Informations-, aber auch Unterhaltungswert übertrifft vor allem Marten Persiels Rückblick auf die Skaterszene der frühen achtziger Jahre in der DDR die Spielfilme in der "Perspektive" mühelos: „This ain’t California“ blättert nach Filmen wie „Ein Traum in Erdbeerfolie“ (2009) ein weiteres Kapitel der Geschichte der ‚DDR von unten‘ auf, denn die Leipziger und Ostberliner Skater hatten ein von sozialistischem Effektivitätsstreben vollkommen unbelecktes Hobby, das einfach nur Spaß bereiten sollte – und auch noch sportlich und cool aussah. Insofern war der „unorganisierte Rollbrettsport“ der DDR hochgradig subversiv und sollte von der Stasi auf den rechten, nach sportlichen Medaillen strebenden Weg gebracht werden – was angesichts des anarchischen Potentials und der Freude an der Provokation in der Skaterszene fehlschlug. Der überraschende Tod ihres früheren Anführers im Jahr 2011 (als Soldat in Afghanistan!) führte die früheren Ostberliner-Skater wieder zusammen, was wiederum den Anlass zu diesem Film lieferte. Das attraktive Super8-Material aus den 80er Jahren wird ebenso souverän wie andere filmische Mittel eingesetzt, um trotz aller Nostalgie eine möglichst kraftvolle und temporeiche Rückblende zu inszenieren. Ein herausragender Film – nicht nur innerhalb der Reihe „Perspektive Deutscher Film“, sondern bezogen auf die gesamten Berlinale-Sektionen.

(MPH)


Weitere Beiträge aus der „Perspektive Deutsches Kino“:


Ararat
Regie: Engin Kundağ, 26 min.
Ein aus Deutschland Zurückkehrender wird Teil eines archaischen Familiendramas in der Türkei. Schroff im Tonfall und derb in der Dramaturgie. (GL)

Fazit: Kaum empfehlenswert!


Dichter und Kämpfer (Dok.)
Regie: Marion Hütter, 90 min.
Anhand von Einblicken in das Leben und die dazugehörigen Philosophien von drei jungen Männern und einer noch jüngeren Frau liefert die Regisseurin einen aufschlussreichen und höchst unterhaltsamen Streifzug durch die deutsche Poetry-Slam-Szene. Ähnlich ambitioniert im Umgang mit dem Ausgangsmaterial wie der Dokumentarfilm „This ain‘t California“ (siehe dort) feiert auch Hütters Film die kreativen Querdenker und Unangepassten, ohne die unsere Gesellschaft grauer, spießiger und langweiliger wäre. (MPH)

Fazit: Empfehlenswert!


Gegen Morgen
Regie: Joachim Schönfeld, 83 min.
Mit Axel Buchholz, Axel Sichrovsky, Regine Zimmermann.
Ein in Routine erstarrter Polizeibeamter muss mit seinem jüngeren Kollegen den Personenschutz für einen freigelassenen Mädchenmörder übernehmen. Die Aussicht auf Auswanderung und die aufkeimende Beziehung ausgerechnet zu der Ex-Freundin seines Kollegen bieten vorübergehend etwas Trost. Weder Krimi noch Psychodrama, sondern eine lakonisch gegen den Strich inszenierte Charakterstudie, die zugunsten etlicher interessanter Details bisweilen den Kern der Geschichte aus den Augen verliert, aber durch den Willen zur eigenen Handschrift überzeugt. (MPH)

Fazit: Empfehlenswert!


Man For a Day (Dok)
Regie: Katarina Peters, (Eröffnungsfilm), 96 min.
Unterhaltsame Beobachtungen in einem Workshop der Performance-Künstlerin und Gender-Aktivistin Diane Torr. Ein Experiment über die Frage, was einen Mann zum Mann macht. Dazu verwandeln sich Frauen vorübergehend in Männer, lernen, wie sie sich kleiden, gehen und sprechen würden wenn sie Männer wären. Die Regisseurin hat ihre Protagonistinnen neugierig und mit großer Aufmerksamkeit in ihren verschiedenen Lebensbereichen begleitet. (GL)

Fazit: Empfehlenswert!


Rodicas (Dok)
R: Alice Gruia, 53 min.
Zwei alte Damen rumänischer Abstammung, Rodica Gruia (88) und Rodica Grill (86), sind durch die Welt gereist und haben sich in Australien kennengelernt. Der eigentliche Reiz der Dokumentation besteht aus der Unbestechlichkeit der Regisseurin, ihren nicht unanstrengenden Protagonistinnen mit einer herausfordernden Art Paroli zu bieten, wobei auch trotzige Reaktionen im Film verbleiben. (GL)

Fazit: Bedingt empfehlenswert!


Sterben nicht vorgesehen
Regie: Matthias Stoll, 25 min.
Ein heiter-melancholischer Abschied des Regisseurs von seinem an Krebs verstorbenen Vater, der eigentlich viel zu gern als Techniker gearbeitet hat und auch sonst aktiv war, um vorzeitig aus der Welt zu gehen. Virtuos im Umgang mit dem Material (z.B. Super8-Filme), den stilistischen Mitteln (darunter Animationen) und dem pointierten Off-Kommentar. (MPH)

Fazit: Empfehlenswert!


Tage in der Stadt
Regie: Janis Mazuch, 26 min.
Mit Pascale Schiller, Maik Solbach.
Missglückte Familienzusammenführung, Variante 1: Eine Frau mittleren Alters wird aus dem Gefängnis entlassen und sucht ohne Fortüne nach ihrem Platz in der Welt und nach der Zuneigung ihrer Tochter. Ähnlicher Tonfall wie in „Trattoria“, aber deutlich uninteressanter. (MPH)

Fazit: Kaum empfehlenswert!


Trattoria
Regie: Soleen Yusef, 43 min.
Mit Uwe Preuss, Anna Hermann, Caspar Kaeser.
Missglückte Familienzusammenführung, Variante 2: Eine junge Frau findet ihren bis dahin unbekannten, leiblichen Vater, einen Gastronomen, nur um ihn kurz darauf wieder zu verlieren. Gut gespielt, elegant fotografiert und voll ambivalenter Atmosphäre. (MPH)

Fazit: Bedingt empfehlenswert!


Die Vermissten
R: Jan Speckenbach, 86 min.
Mit André M. Hennicke, Luzie Ahrens, Jenny Schily.
Ein Vater wird von der seit langem getrennt von ihm lebenden Ex-Frau davon informiert, dass die gemeinsame, 14-jährige Tochter spurlos verschwunden ist. Zögerlich nimmt der Mann die Rolle des Schutzbefohlenen an und wird aufgrund seiner Recherchen sogar zu einer Art Detektiv, der über den Einzelfall in eine gesellschaftliche wie geografisch ominöse Konfliktzone zwischen Jung und Alt gerät. Über fast zwei Drittel erzählen die Filmemacher eine spannende und authentisch wirkende Geschichte über die Ahnungslosigkeit und Missverständnisse zwischen den Generationen, die durch ein anderes Freizeitverhalten und das Aufkommen digitaler Kommunikationsmittel entstanden sind. Im letzten Drittel illustrieren Regie und Drehbuch die Gräben zwischen den Generationen zunehmend anhand surrealer Metaphern, die – obschon interessant – zum Naturalismus der Inszenierung nicht recht passen wollen. (MPH)

Fazit: Empfehlenswert!


Westerland
Regie: Tim Staffel, 88 min.
Mit Burak Yiğit, Wolfram Schorlemmer.
Erstaunlich substanz- und ereignisarmer Debütfilm des Schriftstellers Tim Staffel: Die Liebe des patenten Deutschtürken Cem zum lebensuntüchtigen Jesús wird durch dessen Kifferei und Magersucht auf eine Probe gestellt. Auch in Schwulenbeziehungen gibt’s Probleme – wer hätte das gedacht! Einzig der Schauplatz der winterlich-melancholischen Nordseeinsel Sylt bietet etwas Nährwert. (MPH)

Fazit: Kaum empfehlenswert!



Max-Peter Heyne (MPH) / Gabriele Leidloff (GL) – 8. Februar 2012
ID 00000005745

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de/de/das_festival/festival-sektionen/perspektive_deutsches_kino/index.html





 

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