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Berlinale


REVISION / GLAUBE, LIEBE, TOD / JAURÈS / INDIGNADOS u. a.

Flucht, Asyl und Immigration verhandeln verschiedenste Berlinale-Filme


Jaurès; Forum; FRA 2012; REGIE: Vincent Dieutre - (C) Berlinale


Auf dem Weg

Mit mehr als 350 Filmen aus über 60 Ländern, die in den verschiedenen Berlinale-Sektionen abseits des offiziellen Wettbewerbs zu sehen sind, ist Europas größtes Filmfestival ein umfassendes Spiegelbild von Themen, die Filmemacher zum gegenwärtigen Zeitpunkt weltweit inspirieren. Ein Roter Faden, der sich quer durch alle Programme zieht, ist die Beschäftigung mit Migration und Asylsuche als Ergebnis einer Flucht vor politischer Unterdrückung, Gewalt und Armut. Kein neues Thema, immerhin gewann das Flüchtlingsdrama In this World schon 2003 den Goldenen Bären. Aber was Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben auf dem Weg von Ost- nach Westeuropa oder von Afrika nach Europa erleben, bietet sowohl für Dokumentar- wie Spielfilmregisseure viel Stoff für aufschlussreiche, spannende und menschlich bewegende Geschichten.

Zeitlich beinahe zwanzig Jahre zurück, aber geografisch ganz in unsere Nähe führt uns der deutsche Filmemacher Philip Scheffner mit seinem neuen Dokumentarfilm Revision, der im Forum zu sehen ist (Kinostart: Sommer 2012). Auf ebenso originelle wie akribische Weise rollt Scheffner einen Vorfall aus dem Jahre 1992 auf, bei dem zwei illegal über die grüne Grenze von Polen nach Mecklenburg eingereiste rumänische Männer angeblich von Jägern angeblich aus Versehen erschossen worden sind. Scheffners Recherchen, die an Intensität und Effektivität diejenigen der damals zuständigen Polizeibehörden und Staatsanwaltschaft beschämend weit übertreffen, stellen die amtliche Version in Frage und fördern Ungereimtheiten hervor. Durch die Verknüpfung der detektivischen Arbeit mit der Erinnerung an die teils aufgeheizte, fremdenfeindliche Stimmung nach der Wiedervereinigung stellt Scheffner den Einzelvorfall in einen sinnvollen, größeren Zusammenhang, aber ohne sich in Spekulationen zu ergehen.


Revision; Forum; DEU 2012; REGIE: Philip Scheffner; © Svenja L. Harten / pong


Ebenfalls in einer vermeintlich friedlichen und ländlichen Idylle, nämlich direkt auf dem Lychener See in der Uckermark, hat der an Leibesumfang stattliche Peter Kern seinen Low-Budget-Film Glaube, Liebe, Tod angesiedelt, der im Berlinale-Panorama präsentiert wird. Dort stranden eine reaktionär denkende Rentnerin und ihr übergewichtiger Sohn bei einer Partie in die Sommerfrische mit ihrem Hausboot. Über den überraschend auftauchenden blinden Passagier – einen nordafrikanischen Flüchtling – thematisiert Peter Kern in dieser zunächst recht verspielt daherkommenden Farce nicht nur ureigene Probleme und Obsessionen, sondern auch noch den großen Themenkomplex des Krieges zwischen den Kulturen – und verhebt sich daran. Ohne dramaturgische Überleitung vermengt Kern sein Kammerspiel mit spektakulären, aber aus den Massenmedien sattsam bekannten Kriegs- und Gräuelbilder und klatscht sie dem Zuschauer wie einen nassen Lappen um die Augen. So vergibt er leider die Chance, einen globalen Konflikt auf einer persönlichen Ebene differenziert zu verhandeln.

Eben dies gelingt der französischen Regisseurin Eva Truffaut und ihrem Freund und Kollegen, Vincent Dieutre, im Dokumentarfilm Jaurès (im Forum) auf verblüffende Weise. Der Regisseur und Eva Truffaut, sitzen in einem Tonstudio, wo sie einen Kommentar zu Videoaufnahmen einsprechen: Eine Abfolge kurzer Ausschnitte mit Asylsuchenden aus Afghanistan, die sich am Ufer eines Seine-Kanals Tag für Tag zusammenfanden, illegal kampierten beteten, von der Polizei kontrolliert wurden und dabei um ihre Würde rangen. Aufgenommen hat Dieutre die Szenen aus dem Fenster der Wohnung seines ehemaligen Lebensgefährten, solange die intensive Beziehung anhielt: über mehrere Jahreszeiten hinweg und meistens per Zoom. Denn niemals hat Dieutre mit der Kamera die Wohnung des Freundes verlassen und damit die unsichtbare Schranke zwischen denen Unten und ihnen Oben zu überwinden versucht. Während der Regisseur unbekannte Schicksale regelmäßig, aber quasi nebenbei dokumentierte, schwand die Intensität in seiner Beziehung. Dieutre stellt bilanzierend fest, dass er beiden Phänomenen eine Zeit lang hilflos gegenüberstand. Doch indem er die privaten Erlebnisse (über die nur gesprochen wird) und die Beobachtungen im öffentlichen Raum (die tonlos zu sehen sind) zusammenfügt, gewinnt er über beides quasi im Prozess des Filmemachens seine Souveränität wieder. Zugleich wendet Dieutre mehrere Mittel der Verfremdung an und macht die Entstehung seines filmischen Essays selbst zum Thema. So überwindet er die formale Beschränkung und lädt die Zuschauer dazu ein, die eigenen Standpunkte bei der Beobachtung von Alltagsphänomenen im buchstäblichen Sinne kritisch zu hinterfragen.

Weit weniger überzeugend ist hingegen die assoziativ strukturierte, halbdokumentarische Odyssee einer asylsuchenden afrikanischen Immigrantin durch europäische Flüchtlingslager und Großstädte wie Paris, Athen und Madrid geraten: Indignados (Die Empörten, im Panorama) basiert lose auf Aussagen des Bestseller-Essays Empört euch! des deutsch-französischen Ex-Diplomaten Stéphane Hessel. Der algerische Regisseur Tony Gatlif zeigt eine Asylantin, die in Europa mit einer Welle des Protestes gegen den schrankenlosen Kapitalismus konfrontiert ist, während in ihrer Heimat sogar noch größere Volkserhebungen im Gange sind. Ein bildlich behaupteter Brückenschlag, der aller Ehren wert ist, aber an der Komplexität der Umstände doch vorbei geht. Vor allem aber wollen sich die sehr verschiedenen, teils dokumentarischen, teils symbolischen Szenen, nicht zu einer stilistisch überzeugenden Bestandaufnahme der globalen ökonomischen Krise abrunden. Interessanter als der Film dürfte der Besuch Hessels auf der Berlinale werden, denn die 95 Jahre alte Gallionsfigur des bürgerlichen Protestes gegen die unkontrollierte Macht der Finanzbranche wird im Mai ein neues, deutlich längeres Pamphlet veröffentlichen: Empörung!

(MPH)




Weitere Filme zum Thema Flucht, Migration und Immigration:


Espoir voyage (Dokumentarfilm)
Regie: Michel K. Zongo, Frankreich/Burkino Faso, 81 min.
Auf den Spuren seines verschollenen Bruders begibt sich der burkinische Filmemacher Michel Zongo an die Elfenbeinküste. In das reichere Nachbarland war Joanny wie so viele andere Landsleute vor Jahren aufgebrochen, aber nie zurückgekehrt. Sehr langsam erzählte Suche, die vor allem für diejenigen von Interesse ist, die den afrikanischen Alltag nicht kennen. (GL)

Fazit: Bedingt empfehlenswert!


Man On Ground
Regie: Akin Omotoso, Südafrika, 80 min.
Mit Hakeem Kae-Kazim, Fabian Adeoye Lojede, Fana Mokoena.
Ein vor politischer Folter nach Südafrika geflohener Nigerianer wird nach einem optimistischen Neuanfang ein Opfer der von Banden gezielt gesteuerten ausländerfeindlichen Gewalt. Sein Bruder kann ihm nicht helfen und damit eine alte Schuld begleichen. Recht behäbig und allzu ruhig erzählte Geschichte, deren dramatisches Potential stärker hätte ausgemalt werden müssen, um der wichtigen, gesellschaftspolitischen Botschaft nachhaltig Gewicht zu verleihen. Schauspielerisch indes intensiv. (MPH)

Fazit: Bedingt empfehlenswert!


Spanien
Regie: Anja Salomonowitz, Österreich/Bulgarien, 102 min.
Mit Tatjana Alexander, Cornelius Obonya, Lukas Miko, Gregoire Colin.
Ein auf dem Weg nach Spanien in Niederösterreich gestrandeter Osteuropäer, eine traumatisierte Restauratorin, die von ihrem jähzornigen Ex-Mann verfolgt wird und ein spielsüchtiger Familienvater als Protagonisten eines aus vielen Mini-Dramen bestehenden, narrativen Mosaiks. Lakonisch spielt der Film mit den aufgebauten Erwartungen, während er die Schicksale seiner Hauptpersonen im Verlauf der Handlung immer enger miteinander verwebt. Als übergeordnete Idee lässt sich sowohl die Abhängigkeit aller Menschen von ökonomischen Zwängen, aber auch von ihren individuellen Temperamenten und Obsessionen herausfiltern – wobei das Eine das Andere bisweilen unvorteilhaft verstärkt. (MPH)

Fazit: Empfehlenswert!



The Woman Who Brushed Off Her Tears
Regie: Teona Strugar Mitevska, Mazedonien/Slowenien/Deutschland/Belgien, 103 min.
Mit Victoria Abril, Labina Mitevska, Jean Marie Galey, Arben Bajraktaraj.
Eine durch den Freitod ihres inzestuös veranlagten Sohnes traumatisierte Sozialarbeiterin nimmt einen illegal in Frankreich lebenden, jungen Mazedonier bei sich auf, während dessen Freundin ihrerseits bereits die Flucht aus der patriarchalischen Enge ihrer Familie plant. Ein schwerblütiges und umständlich erzähltes Drama zweier Frauen an unterschiedlichen Fronten der Emanzipation, dem die Erzeugung einer ambivalenten Atmosphäre wichtiger ist als erzählerische Stringenz. Dadurch stehen die naturalistischen und fiktionalen Motive der Handlung unverbunden nebeneinander und ergänzen sich nicht wirkungsvoll genug. (MPH)

Fazit: Bedingt empfehlenswert!


Xingu
Regie: Cao Hamburger, Brasilien, 102 min.
Mit Joaoa Miguel, Felipe Camargo, Caio Blat, Maiarim Kaibi.
und gelungene Nachinszenierung der Umsiedelung und Rettung einiger unberührt lebender brasilianischer Volksstämme gegen den Widerstand von Militär und Regierung durch die Brüder Cláudio, Orlando und Leonardo Villas Boas in den von ihnen gegründeten Xingu-Nationalpark, der mit der Größe Belgiens seinerzeit das größte Naturreservat der Welt war. (GL)

Fazit: Empfehlenswert!



Max-Peter Heyne (MPH) / Gabriele Leidloff (GL) - 9. Februar 2012
ID 00000005749

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de





 

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