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Berlinale


Festakt zu 100 Jahren Filmstudios in Potsdam-Babelsberg

mit Staatsminister Bernd Neumann



Totgesagte leben länger

Genau 100 Jahre, nachdem am 12. Februar 1912 die erste Klappe für das Eifersuchtsdrama Der Totentanz mit Stummfilm-Diva Asta Nielsen in einem neu erbauten Glasatelier neben einem Fabrikgebäude in Potsdam-Neubabelsberg fiel, feierten Hunderte Ehrengäste zusammen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jetzigen Studio Babelsberg AG das einhundertjährige Bestehen des Studiogeländes mit einem Festakt. Der Leiter der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, der schon viele Filme, die in jüngster Zeit auf dem Studiogelände realisiert wurden, auf dem Festival zeigen konnte, übergab den Studioschefs stellvertretend für alle Angestellten eine Berlinale-Kamera: „Wir könnten uns auch einen größeren Preis für euch vorstellen, aber damit fangen wir heute mal an“, witzelte Kosslick.

„Das Studio ist ein Spiegel deutscher Geschichte“, resümierte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in seiner Rede und erinnerte an die fünf politischen Systeme, die der Studiokomplex überdauert habe: das Ende des Kaiserreichs, die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur, die DDR und schließlich – als vollständig modernisierter Teil einer globalisierten Mediengesellschaft – das wiedervereinigte Deutschland. Obwohl das Studio während seiner Existenz immer wieder politisch instrumentalisiert wurde, haben Künstler, Techniker und Handwerker dazu beigetragen, vermittels ästhetischer und technologischer Innovationen Filmklassiker und „Bilder zu schaffen, die untrennbar zum kulturellen Gedächtnis der Nation“ gehören, sagte Neumann. Der Politiker nutzte die Gelegenheit des Rückblicks, um eine Initiative anzukündigen, die dem Erhalt und der digitalen Umwandlung alter Filmkopien dient. Dafür würden „finanzielle Mittel bereitgestellt“, über die der Bundestag entscheiden werde.

Auf dem Gelände, das bei Aufkommen des Tonfilms als eines der technisch modernsten Ateliers weltweit galt, wurden Filme wie Fritz Langs Die Nibelungen (1924) und Metropolis (1927), F. W. Murnaus Faust (1926) und Nosferatu (1921), Der blaue Engel (1930), Die drei von der Tankstelle (1930), Die Feuerzangenbowle (1943), Münchhausen (1943), aber auch Nazi-Hetzstreifen wie Jud Süß (1940) gedreht. Das dunkle Kapitel der massiven Beeinflussung der Filmproduktion durch Nazi-Propagandaminister Jospeh Goebbels und wurde beim Festakt nur kurz angesprochen; es sollte eher eine muntere und versöhnliche Rückschau gefeiert werden. Im Gegensatz zum Gast Volker Schlöndorff, der nach dem Ende der DDR bis 1997 als Ko-Geschäftsführer des französischen Mischkonzerns Vivendi agierte und sich häufig kritisch geäußert hatte, dass die ostdeutsche Historie der DEFA bei der Akquirierung von Projekten eine Belastung gewesen sei, fanden die beiden jetzigen Leiter des Studios, Dr. Carl Woebcken und Christoph Fisser, versöhnliche Worte: Sie seien froh gewesen, dass sie auf die handwerkliche Versiertheit vieler früherer DEFA-Mitarbeiter „als Basis für zukünftige Erfolge“ hätten aufbauen können.

Der zweite Gastgeber des Festakts, der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) verwies darauf, dass die DEFA-Mitarbeiter sich trotz aller sozialistischen Zensurmaßnahmen und Verbote kreative Freiräume erkämpft hatten, die zu Publikumshits wie Die Legende von Paul und Paula (1976) oder Solo Sunny (1980) geführt haben. Zum Festakt waren offenkundig nur diejenigen gekommen, die auf die Abwicklung der DEFA 1990 nicht nur mit Bitternis zurückblicken. Platzeck dankte auch Volker Schlöndorff ausdrücklich, ohne dessen Engagement bei Vivendi – das zunächst kaum Resultate zeigte – die erste Nach-Wendephase nicht gelungen und das Gelände vermutlich hätte zerstückelt werden müssen. Woebcken und Fisser hatten, als Produzenten aus München kommend, die vakante Immobilie vor acht Jahren von Vivendi für den symbolischen Betrag von einem Euro übernommen und wider Erwarten in die internationale Liga von Kinostudios zurückgeführt. Das Studio hatte wieder Glück – wie so oft in seiner wechselhaften und aufregenden Geschichte.

Ein glücklicher Zufall war schon die Gründung, dir von Schüler des Filmgymnasiums Babelsberg zu einem charmanten Film umgesetzt wurde, der beim Festakt gezeigt wurde: Die strengeren preußischen Brandschutzbestimmungen in Berlin führten dazu, dass der Filmpionier und Kameramann Guido Seber sich zwischen Berlin und Potsdam umsah, wo es einen S-Bahn-Anschluss gab. Seber erwarb für seine Deutsche Bioskop Film schließlich ein Grundstück, auf dem eine ehemalige Düngemittelfabrik stand: Wo einstmals mitgeholfen wurde, die Erde fruchtbar zu machen, entstand alsbald eine Traumfabrik – noch vor der Geburtsstunde Hollywoods mit der Gründung der Firma Universal gut ein Jahr später.

Ausgerechnet das Filmdrama Der Totentanz mit Europas exzentrischem Stummfilmstar Asta Nielsen wurde 1912 zur Geburtsstunde eines Mythos. Auch dieses frühe, klassische Eifersuchtsdrama wurde beim Festakt mit Live-Begleitung des Filmorchesters Babelsberg gezeigt. Das Münchener Filmmuseum konnte den 40 Minuten langen Film aufgrund noch vorhandener, teils stark beschädigter Kopien aus Russland und Skandinavien halbwegs restaurieren. Sogar der seinerzeit öffentlichen Anstoß erregende Hüftschwung der Diva im schwarzen Abendkleid, der herausgeschnitten wurde, fand sich wieder. Das Kino setzte schon damals auf Erotik und Effekte, um Menschen zu begeistern.

Oder man betrieb Aufwand – der allerdings bei Fritz Langs Metropolis solche Ausmaße annahm, dass die Studiogesellschaft Ufa vor dem Bankrott stand. Mit politischer Schützenhilfe der Nationalkonservativen und dem Medienunternehmer Alfred Hugenberg musste die Immobilie 1926 gerettet werden – zum ersten Mal in einer langen Reihe von Beinahe-Pleiten, bedingt entweder durch haushalterischen oder politischen Größenwahn. Für Fritz Lang wurde auch die über 120 Meter lange, 56 Meter breite und 14 Meter hohe „Große Halle“ errichtet, die 1992 in „Marlene-Dietrich-Halle“ umbenannt wurde und am Sonntag Ort des Festakts war. Ein Ort, der auch im leeren Zustand immer noch etwas Magisches ausstrahlt und auch Hollywood-Produzenten und Regisseure anlockt. In den USA existiert ein Gelände, auf dem sämtliche Produktionsschritte erledigt werden können, kaum noch.

Neben der allerneuesten digitalen Aufnahmetechnik gelten insbesondere der Babelsberger Kulissenbau, der heute als „Babelsberg Art Department“ eine eigenständige Ausbildungs- und Dienstleistungsfirma ist, der Kostümfundus mit über 250.000 Einzelstücken und die Nähe zum attraktive gewordenen Berlin als bedeutende Pluspunkte des Studios. Die Studiochefs Woebcken und Fisser lobten auch den vor einigen Jahren von Staatsminister Neumann installierten Filmförderfond des Bundes, dessen Steuerersparnis-Modell es ausländischen Investoren erleichtere, aufwändige Filmprojekte wie zuletzt Der Vorleser, Inglorious Basterds, Walküre oder Anonymous in Deutschland zu realisieren. Das Gelände, auf dem rund 23 Fußballfelder Platz hätten, verschlingt monatliche Fixkosten in Millionenhöhe.


Max-Peter Heyne - 13. Februar 2012
ID 5762
Neue ständige Ausstellung „TRAUMFABRIK. 100 Jahre Film in Babelsberg“ im Filmmuseum Potsdam, Breite Straße 1a, 14467 Potsdam, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt: 4,50 € / erm. 3,50 €, Familien: 15 €.

Weitere Infos siehe auch: http://www.filmmuseum-potsdam.de





 

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