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„Vizontele Tuuba“, Türkei 2003
Regie: Yilmaz Erdogan
Fortsetzung der Erfolgskomödie „Vizontele“
in türkisch mit deutschen Untertiteln
Deutscher Kinostart: 5. Februar 2004
„Ich bin der verrückte Emin“, stellt der komische Mann sich vor. „Manche nennen mich auch Vizontele-Emin“, verkündet er stolz. Für die Neuankömmlinge, die gerade aus dem Bus von Diyabakir ausgestiegen sind, ist das die erste Begrüßung im Exil. Der Staatsdiener Güner Sernikli (Tarik Akan) ist in Emins kleines Dorf im Südosten der Türkei verbannt worden und soll dort Direktor der örtlichen Bibliothek sein. Da ist nur ein kleiner Haken bei der Sache. Der Ort hat gar keine Bibliothek. Aber das verdrießt weder den verrückten Emin (Yilmaz Erdogan), noch den Bürgermeister Nazmi (Altan Erkekli) oder andere Honoratioren der Gemeinde. Schließlich hat man sich schon vor ein paar Jahren mit den Segnungen aus der Hauptstadt erfolgreich auseinandergesetzt (siehe „Vizontele“). Da wurde das Dorf nämlich mit einem Fernsehgerät beglückt, aber man hatte weder eine Anleitung, noch einen Techniker zum Aufbau des Sendemastes mitgeschickt. Der technisch begabte Emin war es, der seinerzeit das Gerät zum Laufen brachte. Auch jetzt ist es der ewig fröhliche und stets aktive Bastler, der den Bau einer Bibliothek für das neue Mitglied der Gemeinde betreibt. Und bald steht sie da : Die Bibliothek – zunächst erst einmal ohne Bücher.
Ganz uneigennützig ist Emins Hilfe aber nicht, denn er mag die erwachsene Tochter des Bibliotheksdirektors sehr gern. Die heißt Tuuba (Tuba Ünsal) und ist an den Rollstuhl gefesselt. Unermüdlich kurvt Emin sie im Beisitzer seines Motorrades durch die Gegend. Mehr als Händchen halten ist aber nicht drin, denn Emin hat sich schon einmal in eine Fremde verliebt, die dann den Ort wieder verlassen hat.
All diese Aktivitäten werden von dem heranwachsenden Yilmaz (Senol Bali) beobachtet, der die Sommerferien in seinem Heimatort verbringt, danach aber wieder in die Stadt auf die höhere Schule gehen muss. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass dies der letzte unbeschwerte Sommer seiner Kindheit sein wird. Selbst in das abgelegene Nest sind die politischen Strömungen der Zeit vorgedrungen. Wir schreiben das Jahr 1980. Auch im Ort haben sich Gruppierungen von Rechtsextremisten und Kommunisten gebildet, die sich gegenseitig bekämpfen. Da man aber miteinander aufgewachsen ist und irgendwie auf engem Raum zusammen leben muss, gingen diese Auseinandersetzungen über Rangeleien nie hinaus. Auch wissen sie über die politischen Hintergründe herzlich wenig, und so gehen die jungen Männer eher spielerisch mit den politischen Parolen um. Aus dem Spiel wird aber sehr schnell Ernst, als in der Hauptstadt die Militärregierung ausgerufen wird und Truppen auch in die entlegensten Dörfer einrücken. Dort werden die politisch Aktiven und Intellektuellen verhaftet, unter ihnen auch der Bibliotheksdirektor und der Sohn des Bürgermeisters. Als der junge Yilmaz nach den Ferien in die Schule zurückkehrt, soll er einen Aufsatz über seine Erlebnisse während der Sommerferien schreiben. Doch die Zeiten haben sich geändert, das Blatt bleibt leer.
Der junge Yilmaz ist das alter ego des Regisseurs und Drehbuchautors Yilmaz Erdogan, der auch die Rolle des verrückten Emin spielt. Das, was er damals als Jugendlicher nicht schreiben konnte, schildert er heute. Erdogan ist es gelungen, die autobiografisch angelehnte Geschichte amüsant und mit viel Herz zu erzählen. Er hat viele der Publikumslieblinge von „Vizontele“ Teil 1 um sich versammelt. So gibt es ein Wiedersehen mit dem schlitzohrigen Kinobetreiber Latif ( Cezmi Baskin), einem Überlebenskünstler, der sich nahtlos an das neue Regime anpasst. Wir treffen auch Siti (Demet Akbag) wieder, die Mutter, die damals ihren Sohn im Zypernkrieg verloren hat. Da sie die Todesnachricht durch das Fernsehen erfahren hat, musste Emin den Fernseher anstelle des Sohne begraben, der in Zypern beerdigt wurde. In „Vizontele Tuuba“ gräbt Emin den Fernseher wieder aus. Er repariert ihn, um ihn Tuubas Vater für seine verwaiste Bibliothek zu schenken. Doch die Bücherei wurde von den Militärs verwüstet und der Direktor abtransportiert.
Der Schauspieler Tarik Akan
Tarik Akan verleiht der tragikomischen Rolle des Bibliotheksdirektors besondere Tiefe. Er ist durch seine Rolle in „Yol – der Weg“ international bekannt geworden, die er mit dem türkischen Kultregisseur und Reformator des türkischen Kunstkinos Yilmaz Güney drehte. Akan ist einer der führenden Charakterdarsteller der Türkei und spielt normalerweise ernste Rollen, obwohl er in den 70er Jahren überwiegend in romantischen Komödien mitspielte. Wegen seines umwerfenden Aussehens galt er als der schönste Schauspieler der Türkei. Seinen erneuten Ausflug ins Komödienfach begeht er in „Vizontele Tuuba“ mit großer Spielfreude und sichtbarem Vergnügen. Als dann aber der Ernst ins Dorf einzieht, versteht er es, mit minimalistischen Mitteln die Tragödie auszudrücken, die das Militärregime für das Land bedeutete, insbesondere für die intellektuelle Elite. Tarik Akan wurde 1949 in Istanbul geboren und hat diese Zeit selbst miterlebt. Das Jahr 1980 birgt aber auch schöne Erinnerungen für ihn. In diesem Jahr heiratete er und ist Vater von drei Kindern. Er hat sich schon sehr früh entschlossen, in politisch ausgerichteten Filmen mitzuspielen, obwohl dies wegen der Zensur oft mit Restriktionen verbunden war. Von seinem Verdienst als Schauspieler – er hat in rund 110 Filmen mitgespielt – kaufte er vor Jahren eine alte Schule, die er in eine moderne Bildungseinrichtung umwandelte. Seit 2002 ist er auch Buchautor, "Anne Kafamda Bit Var“ soll viel Autobiografisches enthalten. Sein Gesicht ist nicht mehr wegzudenken aus dem türkischen Kino, das er durch seine Persönlichkeit entscheidend mitgeprägt hat.
Das Multi-Talent Yilmaz Erdogan
Der Autor, Regisseur und Schauspieler Yilmaz Erdogan wurde 1968 in Hakkari im kurdischen Südosten der Türkei geboren. Er ging in der Hauptstadt Ankara zur Schule und ist neben seiner Schauspielerei ein gefragter Drehbuchautor für das Fernsehen. Seinen bislang größten Erfolg feierte er im Jahr 2001, als er mit dem Co-Regisseur und Kameramann Ö. Faruk Sorak mit „Vizontele“ (dem ersten Teil) allein in der Türkei 3,5 Millionen Zuschauer in die Lichtspielhäuser lockte und der Film einer der wenigen wurde, die jemals den Sprung in die internationalen Filmtheater schafften. Das kurdisch-türkische Gespann sorgte vor allem im Ausland für Furore und gewann etliche Filmpreise. „Vizontele“ wurde zum größten Kassenerfolg in der türkischen Filmgeschichte.
„Vizontele Tuuba“ ist die Weiterführung dieser Geschichte, aber auch ohne Kenntnis des Vorläufers verständlich. Der Film ist weit davon entfernt, nur ein warmer Aufguss des ersten Kassenerfolgs zu sein, wie das bei Fortsetzungen oft der Fall ist. Die Kurdenfrage wird zwar nicht umgangen, ist aber nur latent vorhanden. Die Filmsprache ist türkisch, obwohl in weiten Teilen Südostanatoliens kurdisch gesprochen wird. Es steht nicht die Politik im Vordergrund, sondern der Mensch. Das Menschliche mit all seinen Widrigkeiten und kleinen Wundern wird zum Bindeglied. „Vizontele Tuuba“ hat das Potential, auch ein internationales Publikum ins Kino zu locken.
h.f. - red / 4. Februar 2004
Website zum Film:
http://www.vizonteletuuba.com
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