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„Gegen die Wand“
Deutschland 2003
Buch und Regie: Fatih Akin
Kinostart: 11. März 2004
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18 Jahre nach Reinhard Hauffs “Stammheim” und fast 40 Jahre nach der Einreise der ersten ausländischen „Gastarbeiter“ ist in diesem Jahr Fatih Akins Drama „Gegen die Wand“ mit dem Goldenen Bären der Filmfestspiele Berlin und mit dem Preis des Internationalen Verbandes der Filmkritik ausgezeichnet worden.
„Gegen die Wand“ erzählt die Geschichte von zwei Menschen, Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), die aus unterschiedlichen Gründen ihrem Leben ein Ende setzen wollten und nach dem gescheiterten Versuch in einer Psychiatrie aufwachen:
Selten spürt man im Kino so viel Lebenshunger und Todessehnsucht zugleich. Mit wenigen Worten und Bildern schafft es Fatih Akin, die Hoffnung und das Dilemma seiner Hauptdarsteller zusammenzufassen. Eine der Stärken dieses Film sind eindeutig die beiden glaubwürdigen Charaktere.
Sibel, 20 Jahre, in Deutschland aufgewachsen, möchte sich nicht mehr von den Werte- und Normenvorstellungen ihrer türkischstämmigen Eltern bestimmen lassen. Sie ist viel zu lebenshungrig, um sich mit den daraus resultierenden Einschränkungen einverstanden zu zeigen, und möchte ein unabhängiges Leben fern von muslimischen Konventionen führen. Zerrissen von der türkischen Welt und der freien, verlockenden Konsumgesellschaft, beschließt sie, sich das Leben zu nehmen. Wenn sie schon nicht frei wie ein Vogel sein kann, dann wenigstens mausetot! Dieser Versuch misslingt jedoch und die Suche nach der Freiheit scheint noch nicht beendet.
Cahit, 40 Jahre, ist im Gegensatz zu Sibel ein desillusionierter und lebensmüder Mann. Nach dem Tod seiner Frau schwerst alkoholabhängig, führt er ein Dasein zwischen einer verwahrlosten Wohnung und seiner Stammkneipe. Eines Abends beschließt er, sein Leben zu beenden und fährt im Vollrausch gegen eine Mauer.
In der Klinik lernen sich diese beiden Einzelgänger kennen und Sibel fragt ihn postwendend, ob er sie heiraten möchte. Durch diese Zweckehe hofft sie, die Tür zu dem bisher verschlossenen Leben öffnen zu können. Nach anfänglichem Zögern stimmt Cahit am Ende zu - wahrscheinlich, weil er nicht nur Sibel helfen möchte, sondern ebenso sich selbst. Auch Sibels Eltern geben ihren Segen. Zwar fühlen sie sich überrumpelt und wenig begeistert vom neuen Schwiegersohn, der nicht einmal mehr Türkisch kann - aber auch sie erhoffen sich insgeheim durch diese Heirat ein wenig Ruhe für ihre Tochter. Dass es sich um eine „Scheinehe“ handelt, ahnen sie nicht.
Sibel und Cahit im Krankenhaus
Nach der Hochzeit beginnt für Sibel das Leben, das sie sich gewünscht hat. Ihre neu gefundene Freiheit ist gekennzeichnet von Drogen, Parties und Promiskuität. Für Cahit geht das altes Leben zunächst weiter. Er gibt sich bei schlechter Laune dem Alkohol hin und bei besserer Stimmung der flüchtigen Bekanntschaft Maren (Catrin Striebeck). Sibel gelingt es, aus Cahits verwahrlosten Räumen eine hübsch eingerichtete Wohnung zu machen. Die veränderte Wohnung mit neuen Farben und Licht kennzeichnet die Veränderung in seinem Leben: Sibels Anwesenheit gibt ihm neue Kraft und Lebensfreude. Er verliebt sich in sie. Doch bevor Sibel merkt, dass auch sie Gefühle für ihn hegt, lässt sich Cahit von einem ihrer Liebhaber in einer Kneipe provozieren und bringt ihn im Affekt um. Aus Angst vor der Auseinandersetzung mit ihrer Familie flieht sie zu ihrer Cousine Selma (Meltem Cumbul) nach Istanbul und verspricht Cahit, auf ihn zu warten.
Cahit und Maren (Catrin Striebeck)
In Istanbul findet Sibel eine Stellung als Zimmermädchen. Doch sie bringt nicht die nötige Disziplin für einen geregelten Tagesablauf auf und stürzt sich nach kurzer Zeit wieder in Drogen und eine Affäre mit einem Barbesitzer. Sie zieht bei ihrer Cousine aus, da Selma in ihren Augen ein konformes Leben führt und nur auf Karriere aus ist. Dass zu Freiheit auch Disziplin und Arbeit gehören, will sie nicht verstehen. Schon bald scheint sie fast an diesem Freiheitsanspruch zugrunde zu gehen. Die dramatischen Szenen über ihr Leben in Istanbul in dem Sog zwischen Drogen und Alkohol erinnern sehr stark an Cahits anfängliche Situation.
Cahit überlebt die Haft nur durch Sibels Versprechen, auf ihn zu warten. Als er das Gefängnis verlässt, ist er ein neuer Mensch mit einer neuen Haltung - nicht nur körperlich. Er hat tatsächlich seinem Leben ein Ende gesetzt - ohne zu sterben! Er folgt Sibel nach Istanbul und erfährt durch Selma, dass auch sie mittlerweile ein neues Leben mit festem Freund und Tochter begonnen hat. Er trifft sie trotzdem und hofft auf eine gemeinsame Zukunft.
Cahit wird entlassen
Wohin der Lebensweg die Beiden führt, erfährt der Zuschauer nicht mehr - doch man wünscht sich, dass sie bald an einem Ort ankommen, wo sie auch bleiben können.
Die kulturelle Gratwanderung von Türken, die als dritte Generation in Deutschland leben und sich mit ihren Wurzeln nur noch bedingt identifizieren, wird hier nicht sozialpädagogisch zur Diskussion gestellt oder gar beurteilt. Der Film zeigt einfach die Widersprüchlichkeit und den Facettenreichtum dieser jungen Generation, die vielleicht wie Cahit nicht mehr die eigene Muttersprache beherrscht, jedoch an vielen traditionellen Regeln nicht vorbei kommt - im Spagat zwischen familiärer Eingebundenheit und Großstadtsozialisation.
Die Liebesgeschichte dieser beiden Menschen beschränkt sich nicht auf die zwischenmenschlichen Gefühlswelten, sondern schließt die Liebe zum Leben und zur Orientierung ein. Die Suche nach der eigenen Identität und der Freiheit bildet Hintergrund und Kernaussage dieses Films. Dabei wird dem Zuschauer klar, dass Identität nicht ausschließlich als Frage von Konventionen oder Staats- und Religionszugehörigkeit zu sehen ist. Schwerpunkte werden verschiebbar: aus dem Heimatland wird ein Herkunftsland und aus der Wahlheimat wird manchmal leider nur ein Aufenthaltsland. Das merken auch Sibel und Cahit. In Istanbul werden sie als Fremde wahrgenommen. Die Kluft zwischen Heimat- und Herkunftsland wird besonders deutlich, als sich Cahit einem Hamburger Taxifahrer gegenüber als Münchener bezeichnet.
Akin vermeidet in diesem Film jegliche Wertung der Figuren und betrachtet ihr Dilemma aus drei Blickwinkeln - dem deutsch-deutschen, dem deutsch-türkischen und dem türkischen. Er lässt die gegensätzlichen Welten erbarmungslos aufeinander prallen - ohne Rücksicht, aber trotzdem mitfühlend. Dabei setzt er die Musik quasi als "dritte Hauptperson" ein. Sie unterteilt nicht nur den Film in Akte, sondern bietet sich als emotionaler Leitfaden, um die Zerrissenheit der Charaktere zu kontrastieren und ihre Sehnsucht zu verdeutlichen.
Niemand hätte gedacht, dass die Entscheidung der Bundesrepublik, Arbeiter einzuladen, vier Dekaden später das Bild Deutschlands in solch beträchtlicher Weise verändern würde - weder die Gastgeber noch die Menschen, die dieser Einladung aus Sehnsucht nach Glück und finanzieller Sicherheit gefolgt sind, ohne jedoch ihre Koffer endgültig auszupacken.
Die nachfolgenden Generationen ergänzen die noch nicht ganz ausgepackten Koffer der Eltern mit neuen kulturellen Codes und schaffen somit individuelle Inhalte.
Fatih Akin schickt in „Gegen die Wand“ ebenso wie in seinen anderen Filmen seine Figuren auf die Suche nach sich selbst. Sie kommen zwar auf ihrer Reise an verschiedenen Orten unter - doch sehr schnell wird klar, wie schwer es ist, im Leben wirklich „anzukommen“.
m.r. - red / 22. März 2004
Website zum Film: www.gegendiewand.de
siehe auch unsere Besprechung des Films „Kurz und schmerzlos“ von Fatih Akin.
Fatih Akin
Filmografie:
- „Sensin – Du bist es!“ (1995, Kurzfilm)
- "Getürkt" (1996, Kurzfilm)
- "Kurz und schmerzlos" (1998, Spielfilm)
- "Im Juli" (2000; Spielfilm)
- "Denk ich an Deutschland
- Wir haben vergessen zurückzukehren" (2001, Dokumentation)
- "Solino" (2002) – Spielfilm
- "Gegen die Wand" (2004; auch Drehbuch) - Spielfilm
Auszeichnungen:
- Publikumspreis beim Internationalen Hamburger Kurzfilmfestival (1996) für "Sensin
Du bist es!"
- Zweiter Preis der Türkei-Filmtage in Nürnberg (1996) für "Sensin - Du bist es!"
- Erster Preis in Lünen (1997) für "Getürkt"
- Friedrich-Wilhelm-Murnau-Kurzfilmpreis (1997) für "Getürkt"
- Bayerischer Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur (1999) für "Kurz und schmerzlos"
- William-Dieterle Filmpreis/Sonderpreis der Stadt Ludwigshafen (1999) für "Kurz und schmerzlos"
- Adolf-Grimme-Preis (2001) für "Kurz und schmerzlos"
- Preis der DEFA-Stiftung zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses (2002)
- Filmpreis der Gilde deutscher Filmkunsttheater in Silber (2003) für "Solino"
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