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Rezension


Filmstart: 15. März 2012

„Kaddisch für einen Freund“ (Deutschland 2012)

Regie und Drehbuch: Leo Khasin


Das ermutigende Zunicken eines alten Mannes gab den Ausschlag für die Entwicklung der beiden Hauptfiguren von Kaddisch für einen Freund, mit dem Leo Khasin sein beachtliches Spielfilmdebüt abliefert. Bevor Khasin ins Filmfach wechselte, arbeitete er als Zahnarzt in Berlin. Dort kam eines Tages ein libanesischer Junge in die Praxis, der gehörige Angst vor der Behandlung hatte. Ein alter russischer Jude, der ebenfalls im Wartezimmer saß, nickte ihm wohlwollend zu und nahm ihm damit die erste Angst. “Das war die Geburt meiner Helden, zweier ungleicher Freunde, die dazu bestimmt sind, die Kluft zwischen den Kulturen zu überwinden“, erinnert sich Khasin. Der Drehbuchautor und Regisseur ist der Spross russischer Juden, die 1981 aus der ehemaligen Sowjetunion auswanderten. Khasin war damals acht Jahre alt und hat selbst die Erfahrung gemacht, sich in der Fremde einzugewöhnen.

Der vierzehnjährige Ali Messalam (Neil Belakhdar) stammt aus dem Libanon, hat die meiste Zeit seines Lebens in palästinensischen Flüchtlingslagern gelebt und mit seiner Familie die Flucht heil überstanden. Die Messalams leben nun in Berlin-Kreuzberg und müssen um die Aufenthaltsgenehmigung bangen, da der Krieg im Libanon beendet ist. Ali versucht sich derweil, mit den Jugendlichen aus dem Kiez zu arrangieren, für die er zu sensibel geraten ist. Als Mutprobe soll er in die Wohnung des 84-jährigen Juden einbrechen, der über ihm wohnt. Nach viel Druck lässt er sich darauf ein. In einem Rausch der Gewalt zerstören die Jugendlichen die ganze Wohnung. Die Einbrecher werden überrascht und Ali ist der einzige, der von dem alten Russen Alexander Zamskoy (Ryszard Ronczewski) erkannt wird. Die Abschiebung der Familie zurück in den Libanon wird mit der Strafanzeige immer wahrscheinlicher.



Müssen erst noch lernen, sich zusammenzuraufen: Alexander Zamskoy (Ryszard Ronczewski) und der junge Libanese Ali (Neil Belakhdar) © farbfilm verleih GmbH



Für Alexander Zamskoy ist die Verwüstung der Wohnung eine doppelte Katastrophe. Da er nicht mehr alleine zurecht kommt, soll er in ein Altenheim umziehen. Das Sozialamt ist ihm schon länger auf den Fersen. Nun würde der alte Mann bestimmt an der Renovierung der Wohnung scheitern. Als Alexander klar wird, dass auch Ali in doppelten Schwierigkeiten steckt, verspricht er ihm, die Strafanzeige gegen ihn fallen zu lassen, wenn er ihm die Wohnung renoviert. Die Annäherung dieser beiden Menschen ist schwierig. Ali hat im Flüchtlingslager gelernt, die Juden zu hassen. Auch bei seinen Eltern, insbesondere bei seinem Vater, sind die Ressentiments groß. Doch der Kampf gegen deutsche Bürokratie vereint das ungleiche Paar und sie lernen allmählich einander zu schätzen.

Achtung Spoiler! Im folgenden wird auch auf das Ende der Geschichte eingegangen. Der Schluss lässt sich aufgrund des Titels schon ableiten. Was bei dem Film zählt, ist aber der Weg dahin. Khasin hat eine sehr genaue und treffsichere Milieustudie inszeniert. Sie steht und fällt mit den Leistungen der beiden Protagonisten, dem 1992 in Algier geborenen Neil Belakhdar (Die Welle 2009) und dem 1930 geborenen Polen Ryszard Ronczewski (Am Ende kommen Touristen 2007). Khasin trägt der leidvollen Geschichte der Araber wie auch der Juden Rechnung und überbrückt einen Gegensatz, der als unüberbrückbar gilt. Am Ende wird der Moslem Ali das Kaddisch als Totengebet an Alexanders Grab auf hebräisch sprechen. Das ist normalerweise nur dem engsten männlichen Verwandten vorbehalten.




Alexander (Ryszard Ronczewski) hat das Talent zum Zeichnen des jungen Ali (Neil Belakhdar ) erkannt © farbfilm verleih GmbH



Alexander hat aber niemanden mehr. Als er ins Krankenhaus eingeliefert wird, sucht Ali in seiner Wohnung fieberhaft nach der Anschrift von Alexanders Sohn. Er entdeckt eine grausame Wahrheit. Alexanders Sohn und einziger Verwandter lebt gar nicht mehr, er ist 1981 als israelischer Soldat im Libanonkrieg gefallen. Er wurde also von Libanesen getötet. Alexander hat das nie erwähnt und Ali nie spüren lassen. Ali erkennt, dass der alte Mann mehr für ihn übrig hatte, als sein eigener Vater. Alexander hatte Ali ermutigt zu zeichnen, weil er ihn für begabt hielt. Alis Vater hatte diese Bilder aber zerrissen und weggeworfen. Alexander muss sie aus dem Müll gefischt haben, weil sie nun sorgfältig zusammengeklebt an der Wand hängen. Nach diesen Entdeckungen spricht Ali das Kaddisch an Alexanders Grab. „Das Kaddisch ist eines der bekanntesten und wichtigsten Gebete im Judentum. Ursprünglich zur Heiligung des göttlichen Namens gesprochen, ist es über Generationen zum Gebet geworden, das in Erinnerung an fortgegangene Seelen gesprochen wird“, erläutert Khasin.

Das Ende der Geschichte ist wundervoll märchenhaft. Khasin kompensiert das aber durch den Realismus des Milieus, der arabischen Jugend im Kiez, den Treffen alter Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die in der Vergangenheit und Melancholie schwelgen. Die deutschen Behörden werden in Bezug auf die Araber als sehr kompromisslos dargestellt, bei Alexander als Juden aber beschützend bis hin zur Entmündigung. Der übereifrige Staatsanwalt spricht von der Verpflichtung, die die Deutschen dem jüdischen Volk gegenüber haben. Alexanders Bemühungen, die Anklage gegen Ali fallen zu lassen, weil der seinen Fehler eingesehen und Wiedergutmachung geleistet hat, lehnt der Staatsanwalt aus verblendeter Güte ab. Schlussendlich kommt es nach einem leidenschaftlichen Plädoyer Alexanders für den jungen Ali zu einer milden Strafe und später am Ende zum Kaddisch für einen Freund.


Helga Fitzner - 19. März 2012
ID 5812

Weitere Infos siehe auch: http://www.kaddischfüreinenfreund-derfilm.de/


Post an Helga Fitzner



 

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