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Rezension


Filmstart: 9. Februar 2012

„In Darkness“ (Polen, Kanada, Deutschland 2010)

Regie: Agnieszka Holland


„Die letzten Jahre haben wieder eine Reihe von neuen Holocaust-Geschichten in Büchern und Filmen hervorgebracht,“ erklärt die polnische Regisseurin Agnieszka Holland. „Man kann sich jetzt fragen, ob zu diesem Thema alles gesagt worden ist. Meiner Meinung nach sind die wichtigsten Fragen jedoch noch gar nicht oder noch nicht vollständig beantwortet. Wie war dieses unglaubliche Verbrechen überhaupt möglich? Wo war der Mensch in dieser Krise? Und wo war Gott? Sind diese Ereignisse und Handlungen Ausnahmen in der Geschichte der Menschheit oder zeigen sie unsere dunkle, innere Wahrheit? Betrachtet man die vielen Geschichten aus dieser Zeit, so zeigt sich eine unglaubliche Vielfalt von menschlichen Schicksalen: Mit Charakteren, die vor schweren moralischen und menschlichen Entscheidungen stehen und dabei sowohl die beste als auch die schlechteste Seite der menschlichen Natur offenbaren.“

Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, die Robert Marshalls in dem Buch In The Sewers of Lvov verarbeitet hat. Der Autor David F. Shamoon ist der Sohn jüdischer Eltern, die vor der Judenverfolgung aus dem Irak geflohen sind. Ihn hat das Buch so berührt, dass er die Filmrechte erwarb und fünf Jahre lang an dem Drehbuch feilte. Er erzählt die Geschichte von Juden aus dem Ghetto von Lvov (deutsch: Lemberg), die sich vor der Deportation ins KZ schützen wollen. So überredet eine Gruppe von jüdischen Bewohnern den Kanalarbeiter Leopold Socha, sie in der Kanalisation zu verstecken. Tatsächlich gelingt es Socha, einige Juden bis zur Befreiung durchzubringen. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (Hitlerjunge Salomon 1990) hat auch jüdische Wurzeln. Die Familie ihres Vaters wurde im Warschauer Ghetto ermordet. Ihre katholische Mutter war im Widerstand und nahm am Aufstand im Warschauer Ghetto teil.

Die Handlung der wahren Geschichte und des Films spielt in Lemberg in der Ukraine. Dort leben 1943/44 Ukrainer, Russen, Polen, Deutsche, Juden und andere Völkergruppen. Die Zeiten sind hart, und der Pole Leopold Socha (Robert Wieckiewicz) versucht, sich und seine Familie durchzubringen. Obwohl frommer Katholik, scheut er vor Gaunereien und kleinen Diebstählen nicht zurück. Als die Deportationen beginnen, bieten ihm Ignazy Chiger (Herbert Knaup), Mundek Margulies (Benno Fürmann) und eine Reihe weiterer Juden Geld an, damit er sie in der Kanalisation versteckt und dort versorgt. Socha lässt sich darauf ein, obwohl er weiß, dass das lebensgefährlich ist. Er will auch immer wieder aufhören, vor allem als sein Freund Szczepek (Krzysztof Skonieczny) von den Nazis ermordet wird, woran Socha mitschuldig ist. Er hatte Mundek dabei geholfen, einen Soldaten der ukrainischen Miliz zu töten, und die Nazis haben wahllos unschuldige Personen dafür aufgehängt. Socha macht weiter, selbst als Ignazy Chiger das Geld ausgeht.

Der Film In Darkness ist insofern ungewöhnlich, weil die Retter - und selbst die Opfer, nämlich Mundek Margulies - Krimelle sind. Die Juden selber müssen zu Anfang eine Selektion vornehmen, weil Socha nur zehn Leute in der Kanalisation unterbringen kann und schon das fast an die Grenzen des Möglichen stößt. Klassenunterschiede, Neid, Hass und Eifersucht brechen dabei auf und später auch in der klaustrophobischen Umgebung der Kanalisation. Sie wissen nicht, wie lange sie dort unter menschenfeindlichen Bedingungen ausharren müssen. Es wird über ein Jahr dauern, was sie allerdings noch nicht absehen können.

Auch für die Liebe und das Leben ist Platz. Insbesondere Ignazy Chiger versucht, in der Nässe, dem Gestank und der unwirtlichen Umgebung so etwas wie Normalität zu schaffen. Er liest den Kindern vor, spielt Theater mit ihnen, feiert religiöse Feste. Mundek und die junge Klara (Agnieszka Grochowska) verlieben sich ineinander. Weil Klaras Schwester es vorgezogen hat, lieber ins KZ als in die Kanalisation zu gehen, trifft Mundek die tollkühne Entscheidung, sie aus dem KZ befreien zu wollen. Er schafft es tatsächlich, sie zu sprechen, aber sie will dort nicht weg.

Viele Verhaltensweisen der Juden bleiben einem als Zuschauer unverständlich. Warum begibt sich Mundek in Lebensgefahr? Warum zieht Klaras Schwester das KZ vor? Die Dramen, die sich in der Kanalisation abspielen, sind oft so lautstark, dass sie draußen gehört werden könnten. Der Verdacht, dass sich dort Juden versteckt haben, besteht die ganze Zeit, und Socha bringt die Gruppe immer wieder woanders unter. Einmal muss er sie direkt unter der katholischen Kirche verstecken und erklärt ihnen, dass sie unbedingte Ruhe bewahren müssen, weil der Hall in der Kirche zu hören ist. Mitten bei einer Messe spielen sich unten lautstarke Dramen ab. Als Zuschauer stellt man sich mehrfach die Frage, ob diese Menschen überhaupt überleben wollen, obwohl schon klar wird, dass die Lebensumstände ohne Licht und Luft unerträglich sind. Irgendwie scheint sich die Kinodramaturgie mit dem Ablauf der wahren Geschehnisse nicht zu vertragen. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Dokumentation mit nachgestellten Szenen zu produzieren, weil die größere dramaturgische Freiheiten erlaubt. Wer als Kinogänger in einen solchen Film geht, dürfte im Regelfall gewappnet sein, von schrecklichen Dingen zu erfahren. Holland steigert die Nervenanspannung und Konflikte bis ins Unerträgliche. Unerträglich sind sie ja auch, aber sie lässt dem Zuschauer damit kaum Raum, das annehmen zu können. Dass die Figuren, auch die Opfer, mit menschlichen Makeln behaftet sind, ist der große Verdienst des Films, und die Schauspieler und Filmemacher haben bei den Dreharbeiten im Dunkeln und in der Nässe unsägliche Widrigkeiten auf sich genommen. Insgesamt ist In Darkness ein bemerkenswerter Film, mit einer Authentizität, die dem Film als Film nicht immer gut tut. Eine Nominierung für den Oscar als bester ausländischer Film hat er aber geschafft.


Helga Fitzner - 12. Februar 2012
ID 5760

Weitere Infos siehe auch: http://www.indarkness-derfilm.de


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