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Rezension


Filmstart: 2. August 2012

„Das Schwein von Gaza“ (Frankreich, Deutschland, Belgien 2011)

Drehbuch und Regie: Sylvain Estibal



Friedenskomödie über ein Schwein im Schafspelz

Der palästinensische Fischer Jafaar (Sasson Gabay) ist ein Pechvogel. Nicht nur, dass zwei israelische Soldaten auf seinem Dach Wachposten bezogen haben, der eine davon singt auch noch ständig. Die Ausbeute beim Fischfang macht nicht einmal seine eigene Familie satt, geschweige denn, dass er durch den Verkauf von Fisch sein Einkommen sichern könnte. Seine Frau Fatima (Baya Belal) erträgt das mit leiser Skepsis und viel Nachsicht. Eines Tages macht Jafaar allerdings einen Fang, der sein Leben verändert. Nach einer stürmischen Nacht hat er ein vietnamesisches Hängebauchschwein im Netz, das noch lebt. Das muss wohl von einem Viehtransportsschiff gefallen sein. Jafaar befindet sich im Schweineglück, weil er eine Einnahmequelle vermutet. Da Schweine sowohl den Juden als den Muslimen als unrein gelten, ist ein deutscher UN-Beamter (Ulrich Tukur) seine erste Anlaufstelle. Als Jafaar ihm klar macht, dass er keine fertigen Würstchen, sondern nur ein lebendes Schwein hätte, rastet der überforderte UN-Beamte aus, weil er sich verspottet fühlt. (Ulrich Tukur zerlegt dabei mit sichtlicher Spielfreude die Inneneinrichtung seines Büros.)



Fischer Jafaar (Sasson Gabay) und seine Kollegen bieten ihre Waren auf dem Fischmarkt feil - Foto © Alamode Film



Jafaars Freund, der Friseur (Gassan Abbas), glaubt ihm, dass er ein Schwein auf seinem Boot versteckt hält. Er besorgt ihm eine Kalaschnikow, damit er das unreine Tier töten kann. Doch Jafaar bringt das nicht übers Herz. Als er erfährt, dass es Juden gibt, die sehr wohl Schweine halten, will er das Schwein an die jüdische Schweinezüchterin Yelena (Myriam Tekaia) verkaufen. Die braucht allerdings kein zusätzliches Schwein, sondern nur den Samen von einem Eber. [Anm. d. Red.: Es werden in Israel tatsächlich ein paar Schweine gezüchtet, weil die einen besseren Geruchssinn als Hunde haben und zur Sprengstoffsuche ausgebildet werden]. Nun steht Jafaar vor einem Problem. Wie soll er an den Schweinesamen herankommen? Er hängt ein paar Bilder von Schweinedamen in die Kajüte, um sein Schwein zu inspirieren. Das Projekt ist aber insgesamt nicht von Erfolg gekrönt. Um seinen Eber zu Yelenas Schweinedamen zu bringen, steckt er ihn in einen Schafspelz, damit er nicht auffällt.



Israelisch-palästinensischer Schweinehandel: Jafaar (Sasson Gabay) und Yelena (Myriam Tekaia) - Foto © Alamode Film



Die israelischen Soldaten sind mittlerweile auf ihn aufmerksam geworden, weil der sonst so unauffällige und ruhige Fischer nun ziemlich hektisch durch die Gegend pirscht. Derweil bahnt sich ohne sein Wissen in seinem Hause etwas Ungeheuerliches an. Es ist schon schlimm genug, dass die israelischen Soldaten immer fragen, ob sie die Toilette benutzen dürfen, einer von ihnen schaut mit Jafaars Frau eine südamerikanische Telenovela und diskutiert mit ihr auch noch darüber. Aber auch Jafaar freundet sich mit der jüdischen Siedlerin Yelena an, die traurig ist, weil die Juden die Siedlung bald räumen und alles zum Abtransport fertig machen müssen.

Doch nicht nur die israelischen Soldaten sind misstrauisch, die Islamisten haben von dem Schwein erfahren und nehmen Jafaar gefangen, weil sie ihn für einen Verräter halten. Im Verhör erfindet Jafaar die Geschichte, dass er angeblich vorgehabt hätte, dass Schwein mit Sprengstoff beladen auf die israelische Seite zu schmuggeln. Das hätte er mal besser nicht behauptet, denn nun wird er gezwungen, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Dabei versagt er schon bei der Aufnahme zum Bekennervideo kläglich. Doch irgendwie kommt es dazu, dass bei der Aktion das Schwein mit einem Sprengstoffgürtel tatsächlich auf die jüdische Seite rennt, Yelena ihm hinterher läuft und Jafaars Warnungen nicht mehr hört. Schließlich kommt es zu einer Explosion... - Es wäre keine Komödie, wenn bei dem „Anschlag“ etwas passiert wäre, und so kommt kein Schwein zu Schaden (Menschen natürlich auch nicht).



Jafaar (Sasson Gabay) bei den Aufnahmen zum Bekennervideo. Dabei macht das Schwein in Socken eine bessere Figur als er - Foto © Alamode Film



Da Jafaars Bekennervideo schon auf allen Kanälen läuft, ist seine Frau aus dem Haus vertrieben worden, er selber auf der Flucht, und die Schweine sind los... Eigentlich kann das nicht gut enden, tut es aber. Beim märchenhaften Finale hat das Schwein die Menschen in Frieden zusammengeführt.

Beim Debütfilm des französischen Journalisten und Schriftstellers Sylvain Estibal bleiben gerade mal die Schafe ungeschoren, und alles steht Kopf. Der Darsteller des palästinensischen Fischers ist israelischer Jude, die Darstellerin der jüdischen Siedlerin ist Tunesierin, und nicht einmal das vietnamesische Hängebauchschwein ist ein Eber, sondern ein Weibchen mit Namen Charlotte. Auf die Frage, ob das nicht verrückt wäre, über eine so ernste Sache, wie den Nahostkonflikt, eine Komödie zu inszenieren, sagt Estibal: „Klar bin ich verrückt. Ich habe ein Schwein als Hauptdarsteller.“ Im Ernst sagt er: „Es ist der starke Wunsch, Dinge zu ändern. Den beiden Lagern, Israel und Palästina, Luft zum Atmen zu geben, sie gar zum Lachen zu bringen und die Situation als absurd zu zeigen, indem man sie gleichzeitig aus einem humanen und grotesken Blickwinkel zeigt. Niemand wird angegriffen, aber es wird auch niemand verschont . Dieser Film ist ein Aufstand gegen festgefahrene Darstellungen. Es ist der Drang, die starren politischen Diskurse zu durchbrechen, um zum Schicksal des einfachen Mannes zurückzukehren.“

Angesichts des Ernstes des Nahostkonflikts ist es fast schon ein Wunder, dass Estibal tatsächlich eine Komödie gelungen ist, wenngleich sich vielleicht an zwei, drei Szenen die Geschmäcker scheiden könnten. Wann und ob das Märchen für den realen Nahen Osten Wahrheit wird, ist noch ungeschriebene Geschichte. Für die Schweine hat es bereits begonnen. Yelenas Schweine sind in Pension und werden nicht auf dem Teller landen. Und Hauptdarstellerin Charlotte lebt auf der Farm ihres Tiertrainers in Südfrankreich. – Schwein gehabt.


[Sylvain Estibal und Myriam Tekaia haben uns ein längeres Interview gegeben, das Aufschluss über die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte des Films gibt.]


Helga Fitzner - 22. Juli 2012 (2)
ID 6107

Weitere Infos siehe auch: http://das-schwein-von-gaza.de


Interview: Sylvain Estibal und Myriam Tekaia
im Gespräch mit Helga Fitzner



 

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