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Filmbesprechung

siehe auch: Interview mit Oliver Hirschbiegel

„Der Untergang“ (Deutschland 2004)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Starttermin: 16.09.2004

Der Medienrummel ist völlig gerechtfertigt, noch nie wurden die letzten Tage des Dritten Reiches eindringlicher geschildert. „Der Untergang“ ist ein Ausnahmefilm, ob man ihn befürwortet oder nicht. Bernd Eichinger hat sich diesmal nicht nur als Produzent betätigt, sondern auch das Drehbuch geschrieben, und - sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Der Absturz war vorprogrammiert, aber nur für Adolf Hitler und das Dritte Reich. Eichingers Mut dagegen hat sich ausgezahlt, und er hat eine ausgedehnte Diskussion über den Nationalsozialismus angeregt, was seine unverhohlene Absicht war.

Was aber macht diesen Film so besonders? Eigentlich ist er nicht Fisch, nicht Fleisch. Als Spielfilm über die letzten Kriegstage ist er viel zu dokumentarisch, als Dokumentation ist er zu stark dramaturgisch aufgearbeitet. Eichinger und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel (siehe auch das Interview im Anschluss an diese Besprechung) halten sich so akribisch wie möglich an die historischen Fakten. Dabei stützen sie sich auf das gleichnamige Buch des Historikers Joachim Fest und die Aussagen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge. Die Schauspieler aber spornen sie zu Höchstleistungen an, allen voran Alexandra Maria Lara als Hitlers Sekretärin und Bruno Ganz als Adolf Hitler. Und diese Mischung geht auf.


Szenenbild: Bruno Ganz als Adolf Hitler

Bruno Ganz spielt, als hätte er nichts zu verlieren. Hat er auch nicht! Seine bisherigen Auszeichnungen können ihm nicht mehr aberkannt werden: der Adolf-Grimme-Preis, der Europäische Filmpreis und vor allem die Würdigungen seiner Theaterarbeit. Er ist Träger des Hans-Reinhardt-Ringes der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur sowie des Iffland-Ringes, der einzigartigen Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Bühnenkünstler. Trotzdem hat er sich Sorgen gemacht. In bisherigen Filmen wurde Hitler entweder als Monster oder als Parodie dargestellt. Diesmal aber sollte er als Mensch gezeigt werden, ohne Vorverurteilung, Dämonisierung oder Karikatur, denn er war ja durchaus überzeugt von sich und sah die Kriegsführung und den Massenmord als seine heroische Aufgabe an. Bruno Ganz zeigt Hitler in seiner Gefährlichkeit, wie er an seine Armeen aberwitzige Befehle ausgibt und willkürlich Todesurteile ausspricht. Dann aber sehen wir ihn auch in seiner Kreatürlichkeit, wenn ihm die Arme zittern. Hitler litt an der Parkinsonschen Krankheit, einer fortschreitenden Schüttellähmung. Bruno Ganz lässt uns daran teilnehmen, wie Hitler allmählich die Aussichtslosigkeit seiner Lage realisiert und mit gleicher Präzision und Systematik wie den Tod von Millionen von Menschen auch seinen eigenen Tod plant und ausführt. Der Terror fällt auf seinen Verursacher zurück.


Szenenbild: Familie Goebbles


Doch Hitler ist nicht der einzige, der seinem Leben ein Ende setzt. Selbst nach seinem Tod geht das Massensterben weiter. Mit ihm gehen Zehntausende von Anhängern des Nationalsozialismus in den Freitod. Ein Leben ohne Nationalsozialismus ist für sie nicht vorstellbar, nicht lebenswert. Die Familie des Propagandaministers Joseph Goebbels ist da kein Einzelfall. Auch das Muster-Ehepaar des Dritten Reiches setzte seinem Leben ein Ende. Sie nahmen ihre Kinder mit in den Tod, alle sechs, ein Junge und fünf Mädchen. Corinna Harfouch, spielt Magda Goebbels, die ihre sechs Kinder umbringt, und erklärt sich das mit einem Gefühl der Inhaltslosigkeit des Lebens: „Mich interessierte wohl einfach die Frage, wie es ein kann, dass in einem solchen fanatischen Denksystem so natürliche Dinge wie Mutterliebe und Beschützerinstinkte einfach ausgehebelt und von irgendwelchen nebulösen Todesgedanken und schwülstigen Welten in ihr seltsames Gegenteil verkehrt werden... Menschen, deren Leben unschöpferisch und unsicher ist, die dazu neigen, sich einem Führer anvertrauen zu wollen, weil dieser Führer sie eventuell von ihrem eigenen, ungeliebten Ich wegführt und ihnen auch jede Verantwortung abnimmt – dieser Innenhohlraum, diese Leere, dieses Nicht-Gestalten-Können des eigenen Lebens, dafür ist Magda Goebbels ein Prototyp“.
Diese Mordszene findet in Hitlers Bunker statt, in dem er die letzten Tage seines Lebens verbringt. Dort herrscht eine ganz eigene „Realität“. Während Hitler von hier aus noch seine Militärs befehligt und den Endsieg erzielen will, weichen seine aufgeriebenen Armeen der gewaltigen Übermacht der Roten Armee, die schon vor den Toren Berlins steht. Der Krieg ist schon seit Wochen verloren (wenn nicht schon seit Stalingrad 1943), und doch führt Hitler ihn mit ungeminderter Entschlossenheit weiter. An Kapitulation ist nicht zu denken, ja nicht einmal an Schadensbegrenzung. Hitler gibt den Befehl, dass die Deutschen selber ihr Land dem Erdboden gleichmachen sollen. Wenn das deutsche Volk zu schwach sei, habe es auch nicht verdient zu überleben. Das sei ein Naturgesetz, erklärt er gelassen. Oliver Hirschbiegel inszeniert die Diskrepanz zwischen der Welt im klaustrophischen Bunker und der zerbombten Außenwelt in aller Deutlichkeit. Trotz allem gibt er keine moralische Wertung vor. Er geht von einem mündigen Zuschauer aus, der sich seine eigene Meinung bilden kann.


Szenenbild: Der Untergang


Interview mit Oliver Hirschbiegel


„Beauftragter im Sinne der deutschen Geschichte“



Kultura extra:
Sie sind 1957 in Hamburg geboren. Wie kommt es, dass sich ein „Nachgeborener“ so intensiv mit diesem Stoff auseinandersetzt?


Oliver Hirschbiegel:
Ich habe mich vorher schon immer wieder mit dieser Materie beschäftigt. Das Drehbuch hat zwar Bernd Eichinger geschrieben, aber die Feinheiten und Änderungen haben wir in Absprache miteinander besprochen. Zum Beispiel, dass die Kinder umgebracht werden, das war teils mein Wunsch. Ich dachte, wenn man diesen Weg schon geht, sollte man auch die ganze Strecke gehen.

Kultura extra:
Sie haben die Ermordung der Kinder in voller Härte inszeniert. Alle sechs Kinder wurden in „Echtzeit“ von ihrer Mutter getötet, sie haben kein Detail ausgelassen. Wie haben Sie das ertragen?


Oliver Hirschbiegel:
Das war absolut schmerzhaft. Das ist so ungeheuerlich, so unheard of in der Geschichte der Menschheit, dass wir den Zuschauer dem ganz aussetzen mussten. Ursprünglich wollte ich das auch ohne Musik im Film haben, habe dann aber gemerkt, dass das zu schmerzhaft ist. Das war nicht erträglich. Ich glaube, dem muss man sich trotzdem aussetzen. Das ist ja nicht nur die Goebbels’, die ihre Kinder umbringen, die sind ja ein Synonym für einen absoluten Verfall von allem, was unser Kulturvolk je bestimmt hat. Das ist nur ein Beispiel für viele andere, Zehntausende von Fällen, wo Eltern ihre eigenen Kinder umgebracht haben.

Kultura extra:
Haben Sie eine Erklärung gefunden, woran das lag?


Oliver Hirschbiegel:
Dieser Ideologie ist nichts mehr heilig. Die kennt keine Grenze. Alles, was nützt, ist Recht. Weder auf der moralischen, noch auf der rechtsstaatlichen Ebene gibt es da Bedenken. Alles, was Jahrhunderte lang erkämpft, erlernt und auch gelebt wurde, wurde pulverisiert.

Kultura extra:
Wir erleben deutlicher, als jemals zuvor, wie sich der Terror der Nazis zum Schluss gegen seine Urheber richtet. Ist das ein Interpretationsansatz oder ergab sich das aus der Sache heraus?


Oliver Hirschbiegel:
Wir folgen im Prinzip den wirklichen Ereignissen. Wir versuchen nachzuzeichnen, was sich da zugetragen hat. Man kann da von Interpretation nicht wirklich sprechen. Ich hab mich da auch ein bisschen als „Beauftragter“ im Sinne der deutschen Geschichte gesehen. Meine Idee war immer, mit diesem Film einen Anstoß zu geben für einen neuen Umgang, einen neuen Blickwinkel, einen neuen Ansatz, der versucht, wirklich in die Materie hineinzugehen und die Hintergründe zu beleuchten.

Kultura extra:
Gerade diese neutrale Haltung ist Ihnen aber schon mehrfach zum Vorwurf gemacht worden.


Oliver Hirschbiegel:
Die Leistung des Films besteht darin, dass wir versuchen, diese vorverurteilende Haltung, die sofort schablonisiert und stigmatisiert, auszublenden. Denn es steht doch außer Zweifel, verdammt noch mal, dass das nicht wieder kommen darf. Das ist doch aber eine Sackgasse. Wenn man das den Kindern beibringt, dann die sagen uns: ‚Okay, das war furchtbar’. Aber Verständnis für den Schrecken, den kann man nur gewinnen, wenn man da reingeht, wenn man begreift, wie das möglich ist. Wenn man ihn einfach nur benennt, dann verliert er seinen Schrecken. In Wirklichkeit war der Schrecken viel schrecklicher als alles, was man sich ausmalen kann, und die Leute, die das getan haben, waren keine Clique von einigen Wahnsinnigen, sondern das war ein großer Teil unseres Volkes und das Bild dieser Leute, das pulst in unseren Adern. Wir sind ein großes Kulturvolk gewesen und wenn wir das in Zukunft auch sein wollen, bleiben wollen, dann müssen wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen.

Kultura extra:
Gibt es einen Unterschied zwischen dem Fanatismus damals und dem Fanatismus heute?


Oliver Hirschbiegel:
Der Fanatismus, das war im Dritten Reich ein kollektives Phänomen. Das wird der islamischen Welt zwar auch unterstellt, das ist aber nicht so. Im Islam ist das nur eine fanatisierte Minderheit, der Großteil der muslimischen Menschen will das nicht und trägt das auch nicht. Insofern ist das nicht wirklich vergleichbar. Man darf nicht vergessen, dass im Dritten Reich ein Großteil des deutschen Volkes das über einen relativ langen Zeitraum mitgetragen hat und erst im Zuge offensichtlicher Rückschläge, wie bei Stalingrad, zunehmend ins Zweifeln geraten ist. In dem Moment, wo es um die eigene Haut ging, da hat man sich plötzlich Gedanken gemacht. In „Mein Kampf“ steht bis ins letzte Detail, was Hitler vorhatte. Es kann niemand behaupten, er hätte nicht gewusst, um was es gehen würde.

Kultura extra:
Haben Sie es wirklich geschafft, „Mein Kampf“ bis zu Ende zu lesen?


Oliver Hirschbiegel:
Es ist so perfide, eine so dumme, stumpfsinnige Weltsicht, die dieser Mann hat. Es ist unerträglich. Wie geht das? Schopenhauer, Kleist, Heine und dann – Hitler? Das ist es, was mich nicht mehr los lässt, seit ich ungefähr zehn bin.

Die Deutschen haben Angst vorm Leben


Kultura extra:
Wurde in Ihrer Familie über das Dritte Reich gesprochen?


Oliver Hirschbiegel:
Ich habe mit meinen Großeltern darüber gesprochen und mit meiner Mutter, die im Bund Deutscher Mädchen war. Die haben natürlich auch Geschichten erzählt. Das war faszinierend. Meine Mutter hat später auch gesehen, was dieses Regime angerichtet hat, sie hat aber auch ganz offen zugegeben, dass die Kinderlandverschickung, die der Bund Deutscher Mädchen damals genossen hat, mit die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Sie sei mit Gleichaltrigen zusammen gewesen, zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie aufatmen können und eine wunderbare Zeit gehabt. Da wurden genau die Methoden angewandt, mit denen die Kinder und Jugendlichen indoktriniert wurden.

Kultura extra:
Aber reichte eine solche „Indoktrinierung“ aus, um für Führer und Vaterland sein Leben wegzuwerfen?


Oliver Hirschbiegel:
Perverserweise trifft Hitler da einen Nerv in der deutschen Seele. Das hat mich so überrascht. Historisch kann man das sehen bei Richard Wagner oder E. T. A. Hoffmann, da gibt es so eine eigenartige Sehnsucht nach dem Tod. Ich habe das Gefühl, dass das einerseits mit der militärischen Haltung zu tun hatte, die in der deutschen Geschichte eigentlich nur immer Sieg oder Niederlage kannte. Viel radikaler als in anderen Völkern. Auf der anderen Seite habe ich festgestellt, dass die Deutschen eigentlich Angst haben vorm Leben, mit all seinem Pluralismus, den verschiedenen Farben, den ständig neuen Bewegungen und Gedanken. Dann bietet der Tod eine Art Erlösung, nicht im religiösen Sinne, sondern in einem ganz praktischen, metaphysischen Sinne. Ich habe da keine Erklärung, aber so versuche ich mir das ein bisschen zu erklären. Sogar bei Heinrich von Heine findet man das. Und der war Jude. Also das bestimmt unser Volk offensichtlich.

Kultura extra:
Es war sicherlich für die Schauspieler nicht leicht, so etwas darzustellen? Hatte es Bruno Ganz als „neutraler Schweizer“ leichter als seine deutschen Kollegen?


Oliver Hirschbiegel:
Das hilft da nicht. Ich glaube, da kann man Schweizer sein, wie man will. Wenn man in diese Figur wirklich hineingehen will, da gibt es kein zurück. Da muss man sich damit abfinden, dass das ganz, ganz unangenehm ist.

Kultura extra:
Im Film erleben wir Hitler gelegentlich von seiner menschlichen Seite. Sie zeigen die Schüttellähmung der Parkinson-Krankheit, an der er litt. Und wir nehmen einen gewissen Anteil daran, wie Hitler langsam erkennt, dass er verspielt hat und sich auf seinen eigenen Tod vorbereitet. Gehörte das zur historischen Authentizität?


Oliver Hirschbiegel:
Hitler war jemand, der vergöttert und verehrt wurde. Der hat eine Aura gehabt und der hat Hoffnungen verströmt und Projektionsfelder geliefert, die akzeptiert und geliebt wurde. Insofern ist das wohl in Ordnung, wenn der Mann in irgendeiner Form „sympathisch“ rüberkommt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass jemand mit ihm Mitleid hat. Der sagt so ungeheuerliche Dinge, und tut so ungeheuerliche Dinge. Wenn man etwas empfindet für den Mann, dann haben wir unsere Arbeit gut getan. Denn genau das war der Umgang des deutschen Volkes mit dieser Figur.

Kultura extra:
Es ging Ihnen also nicht darum, den Zuschauern eine vorgegebene Wertung der Geschehnisse abzugeben, sondern Sie geben ihnen den Freiraum, sich selbst eine Meinung zu bilden?


Oliver Hirschbiegel:
Ich wünsche mir, dass die Leute da jetzt rangehen und lesen und studieren, um zu erfahren, was da geschehen ist.

Kultura extra:
Der Andrang und das Interesse unserer Kollegen draußen ist groß. Wir müssen jetzt wohl das Feld räumen. Wir bedanken uns herzlich.


Das Interview führte Helga Fitzner am 28.08.2004 .


h.f. - red / 13. September 2004
ID 00000001226

Weitere Infos siehe auch: http://www.deruntergang-special.film.de/






 

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