„Mystic River“
USA 2003, Regie: Clint Eastwood
Bundesweiter Kinostart am 27. November 2003
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Der kleine Junge ist nur in ein Auto eingestiegen, das ihn hätte nach Hause fahren sollen. Und doch haben die vier Tage, die folgen, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Leben seiner beiden Freunde Jimmy und Sean grundlegend verändert. Was keiner ahnte, vier Tage lang wird der entführte Dave in einen Keller eingesperrt und ist den Gelüsten von zwei Päderasten ausgesetzt. Da gibt es keine Freunde mehr, die ihm helfen können, keine Eltern, keine Macht der Welt. Er schafft es zwar, sich selbst aus der prekären Situation zu befreien, doch die Welt danach ist nicht mehr so, wie sie vorher war.
Ein Zeitsprung: Der Junge Dave (Tim Robbins) ist mittlerweile erwachsen und Vater eines kleines Sohnes. Eines nachts kehrt er spät und blutverschmiert nach Hause zurück. Seine Frau Celeste (Marcia Gay Harden) versorgt seine Wunden und glaubt ihm zunächst seine Erklärungen. Dave habe beobachtet, wie ein Mann einen Jungen ins Auto zerren wollte. Dann sei er ausgerastet und habe im Affekt auf den Päderasten eingeschlagen, bis er tot gewesen sei.
Parallel dazu geschieht eine weitere Tragödie. Jimmys neunzehnjährige Tochter wird vermisst. Ihr Wagen wird gefunden, in dem sich ihre Blutspuren befinden. Jimmy (Sean Penn) ist einer der zwei Jungen, die damals Zeuge wurden, wie Dave in das Auto der Päderasten eingestiegen ist. Der zweite Zeuge des damaligen Vorfalls ist Sean (Kevin Bacon), der heute bei der Mordkommission arbeitet und den Fall um Jimmys vermisste Tochter untersucht. Dadurch dass die einstigen Freunde wieder zusammen kommen, erwacht auch die Vergangenheit wieder. Sie wissen, dass es damals jeden von ihnen hätte treffen können. Viel mehr von der Handlung soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn Clint Eastwoods Film schildert einen sehr spannenden Kriminalfall.
Auf einer anderen, psychologischen Ebene zeigt er, wie jeder der drei Jungs die Ereignisse um den damaligen Missbrauch unterschiedlich verdrängt. Dave, das Opfer, ist ein Sonderling, der sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Jimmy ist ein Krimineller, der nach ein paar Jahren Gefängnis sauber geblieben ist und einer ehrlichen Arbeit als Ladenbesitzer nachgeht. Sean ist Polizist geworden. Da die Arbeit bei der Mordkommission ein harter Job ist, hat sich seine schwangere Ehefrau auf und davon gemacht.
Die Geschichte basiert auf dem Roman „Die Spur der Wölfe“ von Dennis Lehane. Bevor er Schriftsteller wurde, hat er neben vielen anderen Tätigkeiten auch mit behinderten und misshandelten Kindern gearbeitet. Als Clint Eastwood den Roman las, sicherte er sich sofort die Filmrechte. Als Drehbuchautor gewann er dann Brian Helgeland („L.A. Confidential“, „Payback – Zahltag“). Als Eastwood das Script bei Warner Bros. einreichte, schlug man ihm vor, es doch gerne anderswo zu versuchen, entschied sich aber dann doch zur Verfilmung. Clint Eastwood bekam jedoch keine angemessene Gage für seine Regie, er muss sich mit der Mindestgage zufrieden geben, wie sie die Gilde für Filmschaffende vorsieht.
In einem Interview für den Houston Chronicle bedankt er sich scherzhaft bei den Machern von „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“. Nicht dass er die Filme gesehen hätte, aber Warner Bros. wären so sehr mit diesen Großprojekten beschäftigt gewesen, dass sie ihm in „Mystic River“ nicht hereingeredet hätten. Das mag der Grund sein, warum er mit diesem tiefgründigen und traurigen Film durchgekommen ist, bei dem es konsequenterweise kein richtiges Happyend geben kann. Und vielleicht haben die Matrix-Filme ja doch geholfen, dass Eastwood kein geschönter Schluss aufgezwungen wurde, wie das häufiger der Fall ist.
Clint Eastwood hat „Mystic River“ in seinem 73sten Lebensjahr gedreht. Es handelt sich hier also im wahrsten Sinne des Wortes um eine reife Leistung. Er ist bekannt dafür, dass er seinen Schauspielern größtmögliche Entfaltung erlaubt. Der wesentliche Teil seiner Regie ist eine ausführliche Diskussion mit den Akteuren, die gerade in Filmen von Eastwood zu Höchstleistungen angespornt werden. Und so hallt noch beim Nachhausegehen die nervenaufreibende Angst von Jimmy (Sean Penn) um seine Tochter nach, wirkt Seans (Kevin Bacon) Konflikt zwischen alter Freundschaft und Pflichterfüllung als Polizist nach. Vor allem aber bleibt das eindringliche Gesicht von Dave (Tim Robbins) im Gedächtnis, dem schon an der Körperhaltung anzusehen ist, dass er das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern trägt. Clint Eastwood zeigt, wie subtil sich die verdrängte Vergangenheit in das Leben der jetzt Erwachsenen eingeschlichen hat, wie ihr Leben dadurch zersetzt wurde und wie noch ihr heutiges Handeln davon beeinflusst wird. Der Verlust des Urvertrauens eines Kindes wird als ein irreparabler Schaden dargestellt, als ein unauffälliger, doch stets präsenter Dämon, der in den Film nach Jahren der Verdrängung noch weitere Todesopfer fordert.
h.f. - red / 25. November 2003
Mehr Info unter www.mysticriver.de
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