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Filmbesprechung


Dokumentarfilm, Starttermin: 03.11.2005

„Lost Children - Kann man von Frieden träumen, wenn man nur Krieg kennt?“

(Deutschland 2005)

Regie: Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi



Die Kindersoldaten, die das Lager in Pajule, Uganda erreichen, gehören zu den glücklichen. Sie sind in einem Auffanglager der Caritas für entflohene Kindersoldaten angelangt. Die Jungen und Mädchen haben die sogenannte „Befreiungsarmee“ und die tagelange Verfolgung und Flucht durch den Dschungel überlebt. Vorläufig wenigstens. Wenn sie auf der Station ankommen, werden nicht viele Worte gemacht. Die Kinder können sich waschen und als erstes werden ihre körperlichen Wunden versorgt. Meistens sind es die Füße, die auf dem barfüßigen Marsch in eine menschenwürdigere Zukunft gelitten haben. Die Verwundungen der Seele dieser Kinder sind wesentlich schwieriger zu behandeln. Vor Jahren wurden sie ihren Familien entrissen und einer Armee untergeordnet, die sich Befreiungsarmee nennt, aber vor nichts zurückschreckt. Kinder werden entführt und gezwungen, zu töten und Taten unmenschlicher Grausamkeit zu begehen. Da sie sich in totaler Abhängigkeit von ihren Peinigern befinden, führen die Kinder die geforderten Untaten aus, weil sie selbst am leben bleiben wollen. Bewusst werden sie in Unmenschlichkeit und Schuld verstrickt, damit sie sich nur noch tiefer in die Spirale aus Gewalt und Abhängigkeit verwickeln.


Vincent | (C) David Baltzer / Zenit, www.zenit-online.de


Für die Betreuer Grace Arach und John Bosco ist die tägliche Aufgabe, diese Mechanismen zu durchtrennen. Wenn die Kinder zu ihnen kommen, versuchen sie, nach einer angemessenen Zeit der Akklimatisierung, den Wohnort der Eltern herauszufinden, damit sie die Kinder dorthin zurückbringen können. Die Kinder sind meistens dazu bereit, aber manchmal müssen auch die Eltern unterstützt werden, die Angst vor ihren eigenen Kindern haben, nach all dem Unaussprechlichen, was sich im Dschungel abgespielt haben mag.


Protagonisten | (C) David Baltzer / Zenit, www.zenit-online.de


Kilama ist 13 Jahre alt. Seine Familie und er haben sich völlig entfremdet. Er kommt zu einer Verwandten. Damit ihn nachts die Rebellen nicht erneut entführen, verbringt er die Nächte in der Großstadt, auf der Straße. Das belastet ihn sehr. Er bittet, ins Auffanglager zurückkehren zu dürfen. Er will zur Schule gehen und einen Beruf erlernen.

Vincent ist 8 Jahre alt. Er hat Menschen getötet. Die Familie hat ihn wieder aufgenommen. Eines Nacht findet wieder ein Überfall der Rebellen statt. Seitdem ist er verschwunden. Niemand weiß, ob Vincent geflüchtet ist, ermordet oder erneut entführt wurde.

Jennifer ist 14 Jahre ist alt. Sie hat fünf Jahre bei den Rebellen zugebracht. Sie hat an Überfällen teilgenommen und ist auch selbst verletzt worden. An ihr wurde auch sexueller Missbrauch begangen. Sie hat große Angst, HIV-positiv zu sein. Als sie wieder zu ihrer Familie zurückkehrt, hat sie als Mädchen keinerlei Rechte und ist dem Willen des Vaters ausgeliefert.

Francis ist 12 Jahre alt. Als er nach Hause kommt, läuft ihm seine Mutter entgegen. Sie hat sehnsuchtsvoll auf ihn gewartet. Francis wird wohl nicht mit ihr über seine Erlebnisse sprechen. Er liebt seine Mutter und will sie schonen.
„Lost Children“ hat zwei Regisseure. Den deutschen Filmemacher Oliver Stoltz und den Iraner Ali Samadi Ahadi, der uns zu einem Kurzinterview zur Verfügung stand. Oliver Stoltz und er haben sich vor drei Jahren auf der Berlinale kennen gelernt und festgestellt, dass die Themen Krieg im Kindesalter und Afrika für beide bleibende Erinnerungen waren. Stoltz hat in Namibia den Krieg zwischen SWAPO und der Regierung erlebt. Ahadi hat zur Zeit des Iran-Irakkrieges im Iran gelebt, wo er die militärischen Auseinandersetzungen sehr nah erlebt hat. Auf die Frage, warum gerade in Uganda gedreht wurde, erklärt er: „Wir haben einen Film über Kindersoldaten in Uganda gemacht, weil dort seit 20 Jahren Krieg geführt wird. Wenn wir heute auf Irak schauen und sehen, was die amerikanischen, sogenannten demokratischen Soldaten, erwachsenen Soldaten für Foltermethoden in Abu Ghraib eingeführt haben, frage ich mich, was wäre aus diesen amerikanischen Soldaten geworden, wenn sie 20 Jahre lang diesen Krieg machen würden. Die sind innerhalb von hundert Tagen zu Bestien geworden.“ Aber es sind nicht nur die eigenen Kriegserlebnisse, die Ahadi zu dem engagierten Film getrieben haben: „Ich habe ein Kind von 4 ½ Jahren. Ich bin froh, dass sie nicht in einem Krieg leben muss. Genauso fühle ich mich aber den Kindern verpflichtet, die unter einem Krieg leiden und jeden Tag unter schlimmsten Bedingungen leben müssen. Das haben die nicht verdient. Wir Erwachsene sollten aufhören, auf dem Rücken der Kinder unsere Kriege zu führen.“


Regisseure: Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi | (C) David Baltzer / Zenit, www.zenit-online.de


Interview mit den Sozialbetreuern John Bosco und Grace Arach aus Uganda

Kultura extra:
Der Krieg in Uganda währt schon seit fast 20 Jahren. Erinnern Sie sich an eine Zeit, in der es Frieden gab?

John Bosco:
Ich bin 1974 geboren, da ging es noch relativ friedlich zu. Der Konflikt begann, als Präsident Idi Amin entmachtet wurde, da war ich fünf Jahre alt. Daraufhin gründete sich eine sogenannte Befreiungsarmee. Es kam zu einem Putsch, mit dem die gewaltsamen Auseinandersetzungen begannen.

Kultura extra:
Wie haben Sie mitbekommen, dass da ein Krieg vor sich geht?

Grace Arach:
Die Eltern haben uns davon erzählt. Zu der Zeit, als Idi Amin starb, waren die Zeitungen unsere Informationsquellen. Amins Soldaten kamen später auch in unsere Gegend. Ich bin 1978 geboren, und war erst ein Jahr alt, als Idi Amin entmachtet wurde. Seitdem hat es in Uganda keinen Frieden mehr gegeben. Ich kann mich also an eine Zeit des Friedens nicht mehr erinnern. Ich habe aber eine Wunde, die mich ständig daran erinnert, dass Krieg ist. Ich war gerade ein Jahr alt und wir schliefen aus Sicherheitsgründen im Busch. Eines Nachts wurden wir trotzdem gejagt, und dabei habe ich mir eine Verwundung zugezogen. (Grace Arach zeigt auf eine Narbe an ihrem linken Fuß).

Kultura extra:
Wenn nun ein Kind zu Ihnen neu auf die Station kommt, wird nicht viel geredet. Ist diese Szene im Film authentisch?

Grace Arach:
So wie das im Film gezeigt wird, ist das sehr natürlich. Wir stellen eine Hoffnung für die Kinder dar, denn sie wissen, dass sie jetzt frei und sicher sind. Das ist erst einmal eine Erleichterung für sie, die keiner Worte bedarf. Zuerst kümmern wir uns um die körperliche Gesundheit. Geredet wird erst später. Da müssen wir sie auch gezielt befragen, um ihre Familien zu finden. Vorher versuchen wir, eine Vertrauensbasis herzustellen, machen Rollenspiele und müssen auch ein Gutachten erstellen. Wenn wir dieses Gutachten schreiben, berichten die Kinder dann meist bereitwillig von dem, was ihnen widerfahren ist. Manchmal kann man sie dann gar nicht bremsen, so froh sind sie, sich das von der Seele reden zu können.

Kultura extra:
Manchmal wollen die Eltern ihre Kinder nicht zurück haben, weil sie glauben, dass sie sich nach all den unmenschlichen Gewalttaten, die sie begehen mussten, zu „Bestien“ entwickelt haben. Gibt es tatsächlich Kinder, die so entmenschlicht sind, dass sie zu „Bestien“ geworden sind, oder sind sie alle nur traumatisiert?

John Bosco:
Das kommt vor. Viele dieser Kinder, die kein „normales“ Leben mehr führen können, schließen sich zwar nicht mehr den Rebellen, aber den Regierungstruppen an. Denn nach all den Erfahrungen im Busch haben sie so große Angst, dass sie sich mit einem Gewehr in der Hand sehr viel wohler und sicherer fühlen.

Grace Arach:
Das stimmt. Viele der Kinder haben schreckliche Alpträume. Als sie noch im Busch waren, hatten sie keine Alpträume, denn sie haben ja mit ihrem Gewehr geschlafen. Die Alpträume kamen erst hier. Mit dem Gewehr in der Hand fühlen sie sich manche einfach besser.

Kultura extra:
Den Kindern wird nicht nur auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene geholfen. Es werden sogar spirituelle Zeremonien eingesetzt.

John Bosco:
Ja, das Ritual ist eine Reinigungszeremonie. Die kann aber nur durchgeführt werden, wenn das Kind auch wirklich an die Wirksamkeit glaubt. Dann ist sie eine sehr starke psychologische Hilfe, denn die bösen Einflüsse sind im Idealfall verschwunden. Wenn ein Kind nicht daran glaubt, wird die Zeremonie nicht gemacht. Das muss vom Kind ausgehen, wie im Fall von Kilama. Er hatte die Einstellung, dass das Ritual ihm helfen würde. Bei Jennifer war das anders.

Kultura extra:
Ist Spiritualität eine Hilfe?

Grace Arach:
Wenn die Kinder von sich aus in die Kirche gehen wollen, unterstützen wir sie darin, auch wenn sie afrikanische Rituale zelebriert haben wollen. Das muss aber von den Kindern ausgehen. Sie sind zu den Gräueltaten gezwungen worden, fühlen sich selbst aber oft schuldig. Dann ist es gut, wenn sie – wie auch immer – eine Art von Vergebung erlangen.

Kultura extra:
Es gibt eine tief bewegende Szene in dem Film, als der 12jährige Francis förmlich an die Mutterbrust zurückkehrt. Die Mutter läuft ihm entgegen, und nimmt wortlos ihr verloren geglaubtes Kind auf den Arm. Gibt es viele solcher Happy-Ends bei Ihrer Arbeit?

John Bosco:
Viele Eltern drücken diese Art von Liebe aus, wenn die Kinder zurückkommen, aber in einigen Fällen ist eine Entfremdung eingetreten. Die meisten Kinder können aber wieder „normal“ werden, wenn sie in ihren Familien leben und Fürsorge und Liebe erfahren.

Kultura extra:
Ihre Arbeit ist sehr gefährlich.

John Bosco:
Ja, vor allem wenn wir zu den Familien unterwegs sind, wird es manchmal gefährlich, weil wir durch das Rebellengebiet fahren. Wir müssen auch oft nach den Familien suchen, weil sie nach der Entführung ihres Kindes den Ort verlassen haben.

Kultura extra:
Gibt es etwas, was wir von Europa, von Deutschland aus tun können?

Grace Arach:
Den Familien in den Rebellengebieten ist meist nichts geblieben, was sie den Kindern geben können, manchmal nicht einmal genug zu essen. Wenn diese schwer traumatisierten Kinder dann noch betreut werden sollen, zur Schule gehen oder einen Beruf erlernen sollen, reichen unsere eigenen Ressourcen beim besten Willen nicht aus.

Kultura extra:
Ihr Projekt wird von der Caritas unterstützt. Ist das die einzige Hilfe?

John Bosco:
Es gibt einige Organisationen, die helfen. Die arbeiten auch zusammen. In dieser kollektiven Unterstützung sprechen sie sich ab, wo und wie am wirksamsten geholfen werden kann.

Kultura extra:
Gibt es irgendeine Aussicht darauf, dass das Leiden mal ein Ende hat?

John Bosco:
Es ist in letzter Zeit eine Verbesserung eingetreten. Es gibt einen „relativen“ Frieden im Norden. So seit ungefähr zwei Jahren. Von wirklichem Frieden kann man aber nicht sprechen.

Kultura extra:
Gibt es Schätzungen, wie viele Kindersoldaten es in Uganda gibt?

Grace Arach:
Das kann man nicht einschätzen, weil der Konflikt sich schon fast 20 Jahre hinzieht. Es werden zur Zeit Zehntausende sein.

John Bosco:
Im Norden werden immer noch Kinder entführt. Im Westen hat sich die Lage etwas entspannt. Rund 50 % der Kinder Ugandas sind in irgendeiner Weise betroffen.

Kultura extra:
Gibt es Friedensbemühungen in Uganda?

Grace Arach:
Unsere geistlichen Führer haben eine Friedensinitiative gegründet. Dabei handelt es sich um eine Inter-Faith-Organisation, bei der sich Geistliche verschiedener Glaubensrichtungen zusammengeschlossen haben.

John Bosco:
Amnesty International trägt auch sehr viel dazu bei. Insgesamt gibt es ein breites Spektrum an Friedensbemühungen. Sogar auf der Seite der Regierung gibt es schon Offiziere, die sagen, dass man nicht immer mit dem Gewehr Frieden stiften kann.

Grace Arach:
Wenn wir über Frieden sprechen, dürfen wir aber nicht vergessen, dass es immer noch Gegenden gibt, in denen Gräueltaten begangen werden, wo immer noch Kinder entführt werden. Es gibt Verhandlungen, dass den Rebellen vergeben werden soll, gleichzeitig töten die aber weiter. Das ist alles sehr schwierig und widersprüchlich.

Kultura extra:
Wir haben im Film gehört, dass Ihre Arbeit sehr gefährlich ist. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt pathetisch klingt, aber für mich sind Menschen wie Sie beide Helden.

Grace Arach (lächelt abwehrend):
Es ist richtig, dass wir über keinerlei Sicherheitsmaßnahmen verfügen, keine Eskorte, wir sind einfach nur da. Wir arbeiten zwar für unser eigenes Volk, aber das schützt uns nicht wirklich. Es könnte jederzeit zu einem Übergriff kommen. Meistens müssen wir in den Kriegsgebieten nach den Eltern der Kinder suchen. Wir haben keine Wahl. In unserem Auffanglager haben wir nicht genug Platz, um sie dort zu behalten. Das ist äußerst schwierig. Wir müssen also an die Orte zurück, wo die Kinder und auch ihre Eltern traumatische Erlebnisse hatten. Wenn wir die Kinder Ihren Eltern zurück bringen, werden sie mit ihrem Trauma konfrontiert. Das ist auch hart für uns. Aber wir müssen es für unser Volk tun.


Sozialbetreuer John Bosco und Grace Arach aus Uganda


Das Interview führte Helga Fitzner am 5. November 2005 in Köln


Helga Fitzner - red. / 14. November 2005
ID 00000002122
„Lost Children - Kann man von Frieden träumen, wenn man nur Krieg kennt?“
Dokumentarfilm (Deutschland 2005)
Regie: Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi
Starttermin: 03.11.2005

Weitere Infos siehe auch: http://www.lost-children.de






 

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