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Feuilleton

Kinostart: 6. Mai 2004

„Echte Frauen haben Kurven“ (USA 2002)

Regie: Patricia Cardoso


Wer richtet eigentlich darüber, ob jemand zu dick ist oder nicht? Die junge Ana (America Ferrara) bestimmt das selbst und befindet, dass sie trotz ihres Übergewichts völlig in Ordnung ist. Ihre Mutter drängt sie zwar abzunehmen – Ana ist schließlich noch nicht unter der Haube – aber Ana sieht das anders. Sie hat in ihren jungen Jahren immerhin schon die High-School erfolgreich abgeschlossen, was für die Tochter einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles ein beachtlicher Erfolg ist. Wenn es nach Anas Familie ginge, müsste sie jetzt einen Lateinamerikaner heiraten und viele Kinder in die Welt setzen. Die begabte Jugendliche hat für sich aber einen ganz anderen Weg gewählt. Dabei steht ihr nicht nur ihre Familie im Weg, sondern auch die eine oder andere amerikanische Gesellschaftsnorm. Das Phantom des Idealgewichts ist nur eine davon (fast jeder zweite Amerikaner ist übrigens übergewichtig). Sie hat sich ausgerechnet in Jimmy (Brian Sites), einen weißen Amerikaner verliebt, mit dem sie sich heimlich trifft. Damit steht sie vor einer wichtigen Entscheidung. Möchte sie eine sexuelle Beziehung mit Jimmy haben oder verteidigt sie ihre Jungfräulichkeit bis zur Ehe, was für Lateinamerikaner noch immer von großer Bedeutung ist. Während ihre Familie diesen klassischen Traditionen nachhängt, bewirbt sie sich – wieder heimlich – um eine Stipendium für ein College in New York.



Dann tritt ein Notfall ein. Ihre ältere Schwester Estela (Ingrid Oliu) besitzt eine kleine Näherei, in der auch die Mutter der beiden arbeitet. Als dort ein Engpass eintritt, arbeitet Ana in den Ferien dort widerstrebend als Aushilfe. Ana hatte durch den Besuch der höheren Schule bislang einen Prinzessinnen-Status in der Familie inne, nun aber ist sie überrascht, was für eine harte Plackerei das Leben der Näherinnen ist. Für einen Hungerlohn nähen sie Festtagsroben, die für ein Vielfaches in teuren Geschäften verkauft werden. Der Firma ihrer Schwester selbst droht dabei der Bankrott. Bisher hatte Ana auf Estelas Geschäft immer ein wenig herablassend geblickt, nun aber zollt sie ihrer Schwester hohen Respekt. Und die Frauen in der Näherei lernen von Ana. Sie lernen ihre übergewichtigen Kurven zu lieben und selbstbewusst mit ihnen umzugehen. Das Ganze kulminiert in einem halben Striptease am Arbeitsplatz.



Der erste abendfüllende Spielfilm der kolumbianischen Regisseurin Patricia Cardoso handelt von der Libertinage einer jungen „Latina“ aus Los Angeles. Sie gehört zur ersten Generation ihrer Familie, die in den USA geboren ist. Ihrer Selbstverwirklichung stehen die mexikanischen Familientraditionen entgegen. Dazu gehören die untergeordnete Rolle der Frau, die Ehe und Mutterschaft als alleinig anzustrebendes Ziel und ein gewisses Armutsbewusstsein, das suggerieren will, dass das Leben aus Mühsal und Überlebenskampf besteht. Ana nimmt aber in erster Linie die Ideale der neuen Heimat an. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schafft sie einen wichtigen Schulabschluss und könnte sogar aufs College gehen. Damit würde sie aber den Familienverband verlassen müssen, weil das Stipendium für ein College in New York wäre. Neben den Restriktionen hat die Familie ihr aber immer Kraft und Schutz gegeben. Ein Umzug nach New York würde ihr diesen Halt nehmen, daher hegt sie große Zweifel, ob sie diese Möglichkeit wirklich wahrnehmen will. Ana sieht den amerikanischen Traum allerdings sehr differenziert. Sie erkennt in der Firma ihrer Schwester die soziale Ungerechtigkeit des Kapitalismus und entzieht sich mit der Akzeptanz ihres Übergewichts einem zentralen gesellschaftlichen Idealbild. Auch mit ihrer Liebe zu Jimmy setzt sie sich über rassische und kulturelle Einschränkungen hinweg. Ihre Emanzipationsversuche werden auf eine vielschichtige Art und Weise dargestellt.

Das Drehbuch basiert auf einem erfolgreichen Theaterstück der Mexikanerin Josefina Lopez, die auch Co-Autorin des Drehbuchs ist. Es enthält zum Teil autobiografische Erfahrungen, da es in Lopez’ Familie eine Näherei gab. „Echte Frauen haben Kurven“ ist eine Komödie, die aber nur dem Namen nach eine Verwandtschaft mit amerikanischen Sitcoms aufweist und auch nicht in das Schema der Klamauk-Komödien à la Jim Carrey passt. Obwohl viele der Situationen und Personen stereotypisch sind, verleihen ihnen die Schauspielerinnen Individualität. Allen voran Lupe Ontiveros als Anas Mutter. Sie versucht die Selbstverwirklichungstendenzen der Tochter zu unterminieren, passt also ganz klischeehaft in das Bild der Verhinderungsinstanz töchterlicher Emanzipation. Das gelingt ihr auf originelle Art. Sie täuscht Krankheiten und irgendwelche Absurditäten vor, um ihre Tochter zur Gefügigkeit zu erpressen. Sie jammert, fleht und befiehlt. Trotzdem ist da immer eine ganz große Fürsorge und Liebe für die Familie. Trotz des Jammerns und Klagens wird die harte Arbeit unermüdlich bewältigt, mit Zähigkeit und Überlebenswillen. In manchen Momenten kommt dann aber auch eine ungebrochene Lebensfreude durch, die allen Widrigkeiten trotzt.



Beim Sundance Film Festival 2002 erhielt der Film den Publikumspreis und die Hauptdarstellerinnen America Ferrara und Lupe Ontiveros beide den Darstellerpreis. „Echte Frauen haben Kurven“ ist eine Hommage an die Weiblichkeit und ihre Rundungen, und ausnahmsweise kann man am Ende des Films die Kalorien der Cola und der Nachos getrost ignorieren.

m. r. - red. / 6. Mai 2004
ID 971
Weitere Infos siehe auch: www.alamodefilm.de






 

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